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# Kapitel 2: Gesucht

Author: RoguePumpkin
last update publish date: 2026-10-19 02:47:40

Die schwere Messingklinke ruckte auf und ab. Ich dachte nicht nach, mein Körper reagierte, bevor mein Verstand überhaupt begriff, wie hoffnungslos ich in der Falle saß. Ich ließ mich auf den Bauch fallen und schob das lederne Hauptbuch meines Vaters in den niedrigen Spalt unter den schweren Samtvorhängen, wo der Stoff sich auf den Dielen bauschte. Es war ein schreckliches Versteck, aber mir blieben zwei Sekunden, bevor diese Tür zu Kleinholz zerfiel.

Ich krabbelte rückwärts zur kleinen Waschkammertür an der gegenüberliegenden Wand, gerade als ein wuchtiger Stiefel mitten in meine Schlafzimmertür krachte.

Das Holz barst mit einem Knall wie ein Gewehrschuss. Das obere Scharnier riss glatt aus der Wand und ließ Putzstaub auf den Teppich rieseln. Zwei Wachen in den dunkelgrauen Uniformen von Caldrens persönlichem Regiment stolperten herein, die silberspitzen Speere auf die leere Stelle gerichtet, an der ich eine Sekunde zuvor noch gestanden hatte.

„Seht im Kleiderschrank nach!“, bellte der Größere. Seine Stimme war rau und atemlos vom Lauf die große Treppe hinauf.

Ich zog die Waschkammertür zu, ließ sie aber unverriegelt. Hätten sie das Klicken gehört, wären sie direkt auf mich zugekommen. Stattdessen zwängte ich mich in den schmalen Spalt hinter dem zweiten Wäscheschrank. Mein Vater hatte diesen Teil des Herrenhauses vor fünfzig Jahren errichten lassen, als die Grenzscharmützel mit den nördlichen Rudeln jedem hochrangigen Wolf einen Fluchtweg aus den eigenen Gemächern geboten hatten. Meine Finger tasteten im Dunkeln, glitschig vom kalten Schweiß auf meinen Handflächen, bis ich die raue, unpolierte Kante des Riegels hinter dem Zedernregal spürte.

Ich drückte kräftig dagegen. Ein schmales Stück der Holzvertäfelung ächzte und schwang nach innen in völlige Finsternis auf.

Draußen im Schlafzimmer zersplitterte das schwere Glas meines Frisierspiegels. „Sie ist nicht hier! Seht in den Nebenzimmern nach!“, rief eine Wache.

„Die Klinik sagt, sie ist zu Fuß unterwegs, weit kann sie nicht gekommen sein“, grollte eine andere Stimme, unmittelbar auf der anderen Seite der Waschkammertür. „Der Kommandant hat gesagt, wenn sie sich wehrt, legen wir ihr die Silberfesseln an. Er will sie lange genug lebend, damit sie den Verzicht auf das Land unterschreibt. Danach holt sie ohnehin Harvens Henker. Der Verratsbefehl ist längst besiegelt.“

Meine Kehle wurde staubtrocken. Der Verratsbefehl. Sie taten nicht einmal so, als würden sie ermitteln. Die Papiere lagen bereit, noch bevor ich im Büro ohnmächtig geworden war.

Ich zwängte mich durch den schmalen Spalt in der Vertäfelung und zog die verborgene Tür hinter mir zu, bis der Riegel einrastete. Die Luft im Gang roch nach Trockenfäule, toten Spinnen und jahrzehntealtem Staub. Es war stockfinster, doch ich kannte diese Wände. Als Kind hatte ich mich in genau diesen Schächten vor meinen Lehrern versteckt. Ich hielt eine Handfläche an den rauen, kalten Stein des inneren Kaminschachts und ließ mich von ihm leiten, während meine nackten Füße die schmalen Holzstufen der Dienstbotentreppe hinabtasteten.

Jeder Schritt war eine Qual. Splitter bohrten sich in die aufgerissene, schlammverkrustete Haut meiner Sohlen, aber ich wagte keinen Laut. Über mir hörte ich durch den dünnen Putz der Wände das gedämpfte Poltern von Caldrens Männern, die mein Schlafzimmer auseinandernahmen: Bücherregale wurden umgestürzt, Bettvorhänge heruntergerissen, Porzellan zerschlagen.

Die Treppe führte steil nach unten, tief in den Bauch des Herrenhauses. Ich folgte dem kalten Luftzug, bis meine Zehen auf den flachen Stein des unteren Absatzes trafen. Ein winziges, rundes Guckloch, ursprünglich für die Gutswachen gebohrt, um die unteren Korridore zu überwachen, glomm vom Flur draußen in schwachem, flackerndem Bernsteinlicht.

Ich drückte das Auge an das Holz.

Der Dienstbotenflur war voller tanzender Staubkörner. Zwei weitere Wachen standen unmittelbar vor der Tür, die zurück in mein privates Wohnzimmer führte. Einer von ihnen hielt eine amtliche Pergamentrolle mit schwerem purpurrotem Wachssiegel, dem Wappen des Rudelrats.

„Und wenn sie zu den Archiven zurückkehrt?“, fragte der jüngere Wächter, die Hand nervös am Griff seines Kurzschwerts.

„Sie weiß nicht, dass die Archivschlüssel fehlen“, erwiderte der Ältere und lehnte sich mit nervtötender Lässigkeit an die Wand. „Und selbst wenn sie hineinkommt, was soll sie dort schon ausrichten? Die Steckbriefe hängen schon an den Toren der Unterstadt. Fünfhundert Silberstücke für die Verräterin Laelith Penrose. Ihre eigenen Diener werden sie bis Sonnenaufgang ausliefern, nur um ihre Wintergetreideschulden zu bezahlen.“

Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinab. Fünfhundert Silberstücke. Das war mehr, als die meisten Bediensteten des Hauses in drei Jahren verdienten. Ich floh nicht mehr nur vor meinem Mann, ich floh vor jedem einzelnen Menschen, den ich in den letzten vier Jahren gekleidet, ernährt und geführt hatte.

Ich wich vom Guckloch zurück, die Brust hob und senkte sich, während ich zu atmen versuchte, ohne vom dichten Staub husten zu müssen. Hier gabelte sich der Dienstbotengang. Links ging es zum Haupthof, der gerade von Caldrens Spürern wimmelte, rechts führte der Weg direkt zum Hintereingang der weitläufigen Gutsküchen.

Die Küche war die letzte Möglichkeit. Sie hatte drei verschiedene Lieferausgänge, die in den unteren Obstgarten führten, wo die Steinmauern niedrig genug zum Überklettern waren.

Ich schlich den rechten Abzweig entlang. Der Stein unter meinen Füßen wurde glitschig vor Fett, je näher ich der Hitze der Öfen kam. Die schwere Eichenklappe am Ende des Gangs stand einen Spalt offen und ließ den kräftigen, satten Duft von Hammelbraten, Hefe und altem Spülwasser herein.

Ich drückte die Klappe gerade weit genug auf, um die Schulter hindurchzuschieben, und kippte auf den Steinboden der Vorratskammer, mitten in einen Stapel leerer Mehlsäcke.

„Wer da?“, rief eine scharfe Stimme.

Ich erstarrte, die Hände im groben Sackleinen vergraben.

An dem großen Hackblock in der Mitte stand Elias, in der breiten, schwieligen Hand ein schweres eisernes Hackbeil. Er war der Küchenmeister des Gutes, ein stiller Mann, der schon seit der Zeit meines Vaters in den Küchen arbeitete. Er trug eine fettfleckige Leinenschürze über der Wolltunika, sein dunkles Haar war mit einem Lederband zurückgebunden.

Auf dem Holztisch neben seinem Mehlbehälter lag ein frisch beschriebenes Pergamentblatt. Selbst von der anderen Seite des Raumes erkannte ich die Kohleskizze meines eigenen Gesichts, das mir unter den dicken, fetten Buchstaben des Wortes GESUCHT entgegenstarrte.

Elias blickte vom Steckbrief auf und wandte dann langsam den Kopf zur dunklen Ecke der Vorratskammer, wo ich im nassen, blutbefleckten Krankenhaushemd kniete, das Haar vom Regen an die Stirn geklebt.

Seine Augen weiteten sich, sein Kiefer spannte sich an, als er die wunden Schnitte an meinen nackten Füßen sah. Er hob das Hackbeil ein wenig, die Knöchel weiß um den Holzgriff.

„Lady Laelith?“, flüsterte er, und seine Stimme sank in ein angespanntes, gefährliches Register. Sein Blick huschte zu den hohen Bogenfenstern, die auf den bewachten Hof hinausgingen. „Was in Himmels Namen … Die Wachen sind vor zehn Minuten hier durchgekommen. Sie sagten, Ihr hättet ein Geständnis wegen Verrats an der Nordgrenze unterschrieben.“

„Ich habe nichts unterschrieben, Elias“, keuchte ich, meine Stimme brach, als ich mich auf die Füße kämpfte. Ich hob die Hände, die Handflächen offen, um ihm zu zeigen, dass ich nichts bei mir trug außer dem Schlamm auf meiner Haut. „Bitte. Du kanntest meinen Vater. Du weißt, dass ich niemals Rudelgeheimnisse an die Nordleute verraten würde.“

Elias senkte das Hackbeil nicht. Sein Blick fiel auf den Steckbrief auf seinem Tisch. „Fünfhundert Silberstücke, Mylady. Das reicht, um meinen Bruder aus den Kohlebergwerken freizukaufen. Das reicht für ein freies Gut im Süden.“

„Es ist eine Lüge“, sagte ich und trat näher, ohne auf den scharfen Schmerz in meiner Ferse zu achten, wo sich ein Splitter tief unter der Haut verschoben hatte. „Caldren hat eine heimliche Frau. Cynthia ist nicht seine Cousine, Elias. Die beiden sind verheiratet, seit er mich noch gar nicht kannte. Sie benutzen den Rat, um mich zu beseitigen, damit sie die Ländereien meines Vaters an sich bringen und mich für immer loswerden. Sie werden mich töten.“

Die schweren Eichentüren am Haupteingang der Küche rüttelten plötzlich. Gedämpfte Stimmen drangen aus der oberen Halle herab und schnitten durch den Raum.

„Durchsucht als Nächstes die Keller!“, rief eine Wache aus dem Gang. „Seht in den Speisekammern der Küche nach!“

Elias stand völlig reglos, sein Blick auf meinen geheftet. Drei lange Sekunden lang war das Einzige im Raum das Knistern der verglimmenden Glut im großen Steinkamin und mein eigenes, schweres, verängstigtes Atmen.

Er sah auf den Steckbrief, dann zurück in mein Gesicht. Mit einer plötzlichen, heftigen Bewegung stieß er das Hackbeil in den hölzernen Hackblock, sodass die Klinge im Eichenholz vibrierte.

„Unter den Tisch“, zischte er, packte eine Handvoll fettiger Spültücher und warf sie über den Steckbrief, um mein Gesicht zu verdecken. „Jetzt, Lady Laelith. Beweg dich.“

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