Mag-log inEli
Alles um mich herum riecht nach ihm.
Selbst Stunden später hängt sein Geruch noch in der Luft, und das Mal an meinem Hals pocht im Takt meines Herzens. Ich presse die Handfläche darauf und will es mit aller Kraft zum Schweigen bringen.
Vergeblich.
Ich schlafe nicht. Mit angezogenen Knien sitze ich auf der Pritsche und starre auf die Tür. Warte darauf, dass sie sich wieder öffnet.
Das tut sie nicht.
Aber draußen ist das Rudel in Bewegung.
Unter dem Mond höre ich in der Ferne das tiefe Heulen der Wölfe, das Stampfen von Stiefeln und das Knistern von Feuer.
Hin und wieder weht ein heißer, herber und wilder Geruch durch das vergitterte Fenster. Er rührt an etwas in mir, das ich nicht berührt wissen will, und zieht einen Knoten in meinem Inneren immer fester.
Mein Wolf regt sich ruhelos. Mein Körper gehört mir nicht mehr.
Gegen Mittag taucht Jace wieder auf und lehnt mit verschränkten Armen an der offenen Tür.
„Steh auf“, sagt er.
Ich rühre mich nicht. „Wohin gehen wir?“
„Der Alpha will, dass du siehst, wie wir leben.“
Er grinst spöttisch, sein Blick huscht zu meinem Hals. „Immer noch besser, als hier drin zu verrotten, oder?“
Ich antworte nicht. Er zuckt die Achseln und tritt zur Seite.
Einen Moment lang spiele ich mit dem Gedanken, einfach loszurennen.
Bei einem halben Rudel vor der Tür wäre das selten dämlich. Ganz zu schweigen von dem Band, das mich wie eine Leine zu ihm zieht.
Also trete ich hinaus ins Sonnenlicht.
Bei Tag sieht das Lager anders aus. Noch gefährlicher.
Auf den Stufen der Hütten sitzen Wölfe und schärfen Messer oder reinigen ihre Waffen.
Einige sind halb verwandelt. An ihren Fingern wachsen Klauen, ihre Augen glimmen golden. Andere streifen vollständig als Wölfe über die matschigen, von Schneeresten bedeckten Wege und zucken bei jedem Geräusch mit den Ohren.
Von allen Seiten spüre ich Blicke auf mir.
Jace führt mich zur Lichtung in der Mitte des Lagers, wo eine Feuerstelle vor sich hin qualmt.
Dahinter erhebt sich eine Plattform. Uralte Runen sind in das Holz geritzt, und bei ihrem Anblick verkrampft sich mein Magen.
Ein älterer Wolf mit weißem Haar, aber noch immer kräftig gebaut, murmelt Beschwörungen über einer Schale voller Kräuter. Der beißende Rauch steigt mir in die Nase.
„Was macht er da?“, frage ich leise.
„Das Bändigungsritual“, sagt Jace tonlos. „Alphas vollziehen es vor der Brunft, damit sie die Kontrolle behalten.“
Ich bleibe stehen. „Brunft?“ Meine Stimme ist kaum mehr als ein Hauch.
Er sieht mich an, als wäre ich bescheuert. „Wie kann man unter Wölfen leben und so etwas nicht wissen? Wenn der Mond voll ist und das Blut heiß wird, macht die Brunft Alphas zu wilden Tieren. Bete lieber, dass er das Ritual vorher richtig vollzieht. Sonst holt er sich, was ihm gehört.“
Meine Haut prickelt. „Du meinst –“
„Ich meine, dass du sein Mal trägst“, fällt Jace mir leise und sachlich ins Wort.
„Du gehörst ihm. Wenn die Brunft ihn packt, wird er nicht fragen. Er wird nicht aufhören. Das Band reißt dich mit, und dein Wolf wird ihn darum anflehen.“
Ein Schauer fährt durch mich, erst eiskalt, dann brennend heiß. Mein Körper reagiert längst, ehe ich begreife, was geschieht. Was stimmt verdammt noch mal nicht mit mir?
„Das würde er nicht –“, setze ich an, doch Jace schnaubt.
„Du kennst Ronan Vale nicht. Sei froh, dass er dich nicht längst genommen hat.“
Er treibt mich weiter zum Rand der Lichtung. „Bete, dass du ihn nie in voller Brunft erlebst. Das ist der beste Rat, den ich dir geben kann.“
Den ganzen Nachmittag geht mir das nicht aus dem Kopf, während man mich zu Arbeiten zwingt.
Ich schleppe Wasser und staple unter wachsamen Blicken Feuerholz. Die Rudelmitglieder sprechen nur mit mir, um mir knappe Befehle zu erteilen. Ihre Blicke verfolgen mich wie Messer.
Und unter all dem spüre ich ihn. Ein beständiges Vibrieren in meiner Brust, in meinem ganzen Körper. Als wäre ich an etwas Gewaltiges, Raubtierhaftes gefesselt, das direkt außer Sichtweite hin und her streift.
Als man mich endlich zurück in die Hütte stößt, versinkt die Sonne blutrot hinter den Bäumen.
Mit schmerzenden Muskeln breche ich auf der Pritsche zusammen. Die Luft scheint geladen. Mein Wolf wird unruhig und lauscht.
Dann höre ich es.
Ein tiefes, raues Heulen dringt durch die Bäume.
Nicht wie die anderen.
Bei diesem Laut stellen sich mir die Haare auf den Armen auf. Meine Brust wird eng. Das Mal an meinem Hals brennt.
Schritte nähern sich. Schwer und gezielt. Die Tür öffnet sich, ohne dass jemand anklopft.
Wieder verdunkelt Ronan die Tür.
In der Dämmerung leuchten seine Augen heller als zuvor, wild und golden.
Sein Hemd steht offen. Die schwarzen Tätowierungen heben sich von seiner schweißfeuchten Haut ab, und ich rieche ihn überall.
Rauch, Zedernholz und Eisen hängen dicht und dunkel in der Luft. Darunter liegt etwas Wildes, das mir den Kopf benebelt.
Er tritt ein und schließt die Tür. Langsam. Ganz bewusst.
Ich stehe auf und weiche zur gegenüberliegenden Wand zurück. „Bleib weg von mir.“
Er lächelt langsam. Darin liegt keine Spur von Wärme.
„Du spürst es, nicht wahr?“ Seine Stimme ist tiefer als zuvor, jedes Wort rau und schwer.
„Wie der Mond an dir zieht. Wie das Band in dir singt.“
„Hör auf“, stoße ich hervor und presse den Rücken gegen die Wand.
Mein Herz rast. Vom Mal breitet sich ein heißes Ziehen in meinem Körper aus.
Ronan kommt näher, mit der Ruhe eines Raubtiers, das seine Beute noch ein wenig spielen lässt.
„Ich habe mir gesagt, ich würde warten. Dir Zeit geben, dich einzugewöhnen. Aber dann läufst du durch mein Lager und ziehst den Geruch deines Verlangens hinter dir her …“
Seine Nasenflügel beben. Er beißt die Zähne aufeinander. „Du hast keine Ahnung, was du mit mir machst, oder?“
„Nicht –“ Meine Stimme bricht. „Fass mich nicht an.“
Ronans Hand kracht neben meinem Kopf gegen die Wand. Ich zucke zusammen.
Er beugt sich vor. Seine Augen sind dunkel vor Hunger, sein Atem schlägt mir heiß ins Gesicht.
„Ich frage nicht, Hündchen“, murmelt er und lächelt grausam. „Ich nehme.“
Sein Daumen streicht langsam und besitzergreifend über meine Unterlippe.
Schon wieder reagiert mein Körper gegen meinen Willen. Mein Atem stockt, Hitze steigt mir ins Gesicht und meine Knie werden weich, während jeder Gedanke mir zuschreit, mich zu wehren. Zu fliehen.
Er merkt es und zeigt die Zähne.
„Du kannst mich hassen, so viel du willst“, flüstert er rau. „Für mich ändert das gar nichts.“
Er tritt gerade weit genug zurück, dass ich wieder Luft bekomme. Doch seine Präsenz erdrückt mich noch immer.
Er legt den Kopf schief und betrachtet mich wie ein aufgespießtes Insekt.
Und das Schlimmste daran ist: Das Band stimmt ihm zu.
MaraDer Ratssaal fühlt sich jetzt anders an.Keine Anspannung sättigt die Luft, keine Dringlichkeit. Und weil wir seltener tagen, bleibt zwischen den Sitzungen endlich genug Zeit, den Raum gründlich zu lüften.Ronan hat sein Blockhaus inzwischen verlassen, schlendert aber irgendwo draußen mit Eli über das Lagergelände und hält seine Hand. Ich hatte nicht das Herz, die beiden zu unterbrechen.Also sitze ich am Kopfende des langen Tisches, umgeben vom vertrauten Kreis der älteren Wölfe. Zwischen uns liegen Karten ausgebreitet. Die Tinte der letzten Grenzkorrekturen glänzt noch feucht auf dem Papier. Das Licht aus den hohen Fenstern ist kalt, aber stetig, und spiegelt sich in den eisernen Beschlägen und den Messingkanten der großen Türen.Es ist seltsam, wieder zu Hause zu sein und alles so friedlich vorzufinden.„Fangen wir an“, sage ich. Meine Stimme trägt mühelos durch den Raum. Jahrelange Befehlsgewalt hinterlässt Spuren.„Silvercrest hat einen neuen Alpha: Kieran von Silvercrest. E
EliIch erwache träge. Die Welt kehrt in kleinen, zufriedenen Schritten zu mir zurück.Durch die Fensterläden tropft Licht in dünnen goldenen Streifen, warm genug zum Berühren und sanft genug, dass es nicht wehtut. Das Feuer ist zu Glut heruntergebrannt. Die Luft riecht nach uns, und meine Haut trägt noch immer die Spuren dessen, was wir einander angetan haben.Hinter mir ist Ronan schon halb wach. Ich spüre sein solides Gewicht, seinen Arm um meine Taille, als hätte er dort eigenhändig einen Riegel geschmiedet. Er atmet tief und gleichmäßig, die Nase an meinen Nacken gedrückt. Seine Bartstoppeln schaben über die schwachen Spuren der vergangenen Nacht.Diese Ruhe fühlt sich verdient an. Keine Geräusche vom Rudel, keine Nachrichten, kein Krieg, den wir planen müssen. Nur die kleinen Laute eines Zuhauses. Das Knacken des Holzes, das sich setzt. Das Flüstern seines Atems. Mein eigener Herzschlag, der erst noch lernen muss, langsamer zu werden und zu glauben, dass ich wirklich ein Zuhause
RonanDie zweite Nacht brennt ruhiger. Erst im Nachklang entsteht der wirkliche Schaden, wenn die ganze Intensität unserer Hingabe sich in uns festsetzt.Eli sitzt auf der Bettkante, seine Haut im Mondlicht wie mit Silber überhaucht. Die Spuren, die ich gestern Nacht auf ihm hinterlassen habe, blühen wie Beweise einer Eroberung. Jeder einzelne blaue Fleck ist ein präzises Zeichen meines Besitzanspruchs. Er bestätigt, dass Eli sich danach sehnt, was ich ihm gebe, und ich gebe ihm nur, was sein fordernder Trotz ertragen kann.In einer flachen Schale zerreibe ich Knochenasche und vermische sie mit Blut zu einem dünnen, glänzend schwarzen Pigment. Es riecht schwach nach weit entfernten Feuern und dem Nachhall von Asche. Nach dem alten, erbarmungslosen Duft von Schwüren, die länger halten sollen als das Leben. Die Farbe hinterlässt auf allem, was sie berührt, bleibende Flecken. Genau wie es sein soll.Eli beobachtet mich. Seine Lider sind schwer, doch in seinen Augen liegt die scharfe Vorf
EliAls ich aufwache, riecht das Blockhaus nach Holzrauch, schwerem Leder und dem intensiven metallischen Duft von Samen und Schweiß.Ich bin auf eine Weise wund, die sich lehrreich anfühlt. Als hätte mein Körper über Nacht eine neue Sprache gelernt.Die Innenseiten meiner Schenkel schmerzen, und an Kehle und Hüften zeichnen sich Küsse in Form blauer Flecken ab. Ronan ist bereits aufgestanden und halb angezogen. Die Linie seines Rückens ist eine Lektion in Selbstbeherrschung.Er kocht Kaffee. Dieser Mann verströmt schon vor dem Frühstück Beherrschung, und das kann ich unmöglich zulassen.„Alpha“, krächze ich mit rauer Stimme. „Du solltest dich im Nachglanz deiner furchteinflößenden Manneskraft sonnen und nicht irgendwelche Abläufe organisieren.“Er sieht über die Schulter zu mir, nur eine Braue hochgezogen. Das allein verspricht Ärger. „Du solltest dich ausruhen.“„Ausruhen ist langweilig“, murmele ich und strecke mich, bis die Spuren an meinen Rippen protestieren. „Genau wie du.“Er
RonanDas Blockhaus hält den Atem an, während Eli nackt dasteht und der Feuerschein an seinen Seiten emporleckt wie etwas, das kosten möchte, was es berührt.Sein Duft durchzieht die Luft. Eine scharfe, berauschende Mischung aus Wolf, Schweiß und dem rohen Biss des Verlangens. Ich spüre ihn an meinen Rippen knistern, einen Schmerz, der keiner ist, einen Hunger, der nicht weiß, wo er endet, und nicht akzeptiert, dass er das niemals tun wird.Als ich von der Kontrolle der Grenzen zurückkehre, umkreist Eli bereits das Kreuz. Seine Finger geistern über das dunkel gebeizte Holz, als hinge daran alles, was er sich wünscht.„Wirst du mich darum bitten lassen?“, schnurrt er. Ich antworte nicht. Das ist nicht nötig. Seine Pupillen sind weit, seine Haut ist vom ruhelosen Gehen und vom Verlangen gerötet. Sein frecher Mund krümmt sich schon zu der vertrauten Herausforderung.„Alpha“, sagt er und zieht das Wort in die Länge, als schmeckte es gut. „Mir ist langweilig.“Langsam und gemessen gehe ich
EliIch sinke hinunter, als hätte die Schwerkraft mich gerufen. Der Boden ist vom Feuer warm, und mein Magen macht einen Satz, als er dicht vor mich tritt. Die Welt schrumpft auf ihn und das Gefühl seines Daumens, der im Kupferring in Form eines Unendlichkeitszeichens an meinem Hals hängt.„Hände“, sagt er und reicht mir seinen Gürtel. Noch nicht, um mich zu fesseln, nur damit ich ihn halte. Ich wickle ihn um meine Handflächen und spüre, wie es sich später anfühlen wird, wenn er die echten Fesseln benutzt. Er beobachtet, wie die Erkenntnis mich trifft, und merkt sie sich.„Das ist keine Prüfung. Es ist eine Erinnerung.“ Mit einem Fingerknöchel hebt er mein Kinn. „Atme für mich.“Das tue ich. Darin bin ich besser geworden. Er legt die Hand auf meinen Scheitel und sieht mit Ehrfurcht auf mich hinab. Mein Körper schwenkt eine Flagge. Mein Mund wird trocken. Ich will alles. Er gibt mir nichts außer diesem Gewicht und seinem Blick, der wie ein feierliches Versprechen auf mir ruht.„Jetzt s






