LOGINIsabella Rossi hat ihr Leben lang dem Schatten des Imperiums ihres Vaters entflohen. Doch dann führt sie eine unüberlegte Nacht in die Arme von Dante Moretti – dem skrupellosen Mafia-Boss, vor dem niemand sich zu stellen wagt, ohne es zu überleben. Dante fragt nicht. Er nimmt. Und nachdem Isabella zu viel gesehen hat, hat er beschlossen, dass sie ihm gehört. Zu ihrem Schutz, sagt er. Gefangen in seiner Festung, gebunden an seinen wachsamen Blick und seine gefährlichen Regeln, sollte sie eigentlich Angst haben. Stattdessen fühlt sie sich zu dem Mann hingezogen, der ohne zu zögern tötet und sie doch so ansieht, als wäre sie das Einzige auf der Welt, das es wert ist, bewahrt zu werden. Jeder Blick entfacht ein Feuer. Jede Berührung ist eine Warnung. Jede Nacht unter seinem Dach bringt sie näher an eine Grenze, die keiner von ihnen überschreiten darf. Er ist ihr Gefangener, ihr Beschützer und ihre größte Versuchung. Je heftiger sie sich wehrt, desto entschlossener wird er, sie für sich zu beanspruchen. Doch der Krieg rückt näher. Rivalisierende Familien umzingeln sich, alte Verrätereien kommen ans Licht, und das Geheimnis, das Isabella mit Dantes Feinden verbindet, könnte sie beide vernichten. In einer Welt, die von Blut, Macht und Loyalität beherrscht wird, muss Isabella sich entscheiden: die Flucht in die Freiheit oder die Ergebung vor dem Mann, der sie für sich beansprucht. Denn der Mafia-König lässt niemals los, was ihm gehört.
View MoreDer Bass traf Isabella mitten in die Brust, noch bevor sie die Küchentüren hinter sich gelassen hatte.
Das „Club Noir“ war an einem Freitag um Mitternacht wie ein lebendiges Wesen. Es atmete Schweiß und Parfüm, pulsierte im Takt der Stroboskoplichter und verschlang jeden, der zu lange an einer Stelle verharrte. Schon in ihrer ersten Woche hatte Isabella gelernt, nicht stehen zu bleiben. Sie hielt ihr Tablett hoch, bewahrte ein höfliches Lächeln und ließ den Blick ständig schweifen. Sie bahnte sich ihren Weg durch die Menge, als wäre sie spät dran – was sie eigentlich immer war. „Tisch neun will noch eine Flasche!“, rief Tessa, während sie mit zwei eigenen Tabletts an ihr vorbeiglitt. „Und der Typ im grauen Anzug hat schon wieder nach meinem Handgelenk gegriffen. Falls er also nach mir fragt: Ich mache gerade Pause.“ „Du machst eigentlich immer Pause, wenn er nach dir fragt.“ „Genau deshalb bin ich immer noch hier angestellt.“ Tessa zwinkerte ihr zu und verschwand in der Dunkelheit. Isabella brachte die Flasche an Tisch neun, nahm ein Trinkgeld entgegen, ohne es zu zählen, und warf einen Blick auf die Uhr über der Bar. Zehn nach zwölf. Ihre Schicht ging noch bis vier. Um neun hatte sie ihre Anatomieprüfung. In ihrem Spind lag ein Lehrbuch, im Pausenraum wartete ein kalter Kaffee, und am Ende des Ganzen – sofern der Bus pünktlich fuhr – würden ihr etwa drei Stunden Schlaf bleiben. Das war das Leben, das sie sich aufgebaut hatte. Es war ein bescheidenes, erschöpfendes Leben, das ganz ihr allein gehörte – und sie hätte es mit Zähnen und Klauen verteidigt. Sie war seit genau elf Tagen vierundzwanzig. Niemand im Club wusste das. Überhaupt wusste dort kaum jemand etwas über sie – und genau so sollte es sein. Sie kannten sie nur als Bella, die Stille, die bereitwillig zusätzliche Schichten übernahm und sich nie beschwerte. Niemand ahnte, dass ganz unten in ihrer Tasche – eingewickelt in eine Socke und verstaut in einem Innenfach, das sie nie öffnete – ein alter Reisepass lag. Darin stand ein Nachname, den sie seit sechs Jahren nicht mehr laut ausgesprochen hatte. Rossi. Sie dachte nicht darüber nach. Das war die Regel. Stattdessen dachte sie an Wundnähte, Medikamentendosierungen und die drei Wochen, die ihr noch im Semester blieben. Sie dachte an die Miete. Sie dachte nicht an ihren Vater, nicht an sein Haus und nicht an die Beerdigung, bei der sie als Sechzehnjährige in einem schwarzen Kleid gestanden hatte – in jenem Moment, in dem ihr mit erschreckender, glasklarer Deutlichkeit klar wurde, dass die Geschichte, die alle über den Tod ihrer Mutter erzählten, eine Lüge war. Mit achtzehn war sie abgehauen. Sie hatte nie zurückgeblickt. Auch das war eine Regel. „Bella!“, rief Rio, der Barkeeper, und deutete mit dem Kinn in Richtung des hinteren Clubbereichs. „Der Manager sagt, im VIP-Bereich ist das Eis alle. Bring einen Eimer hoch, bevor sich die Leute aus der Sorensen-Gruppe wieder beschweren.“ „Warum ich?“ „Weil du die Einzige bist, die nicht zurückflirtet – und das gefällt ihnen.“ „Was für ein mieser Grund.“ „Mehr habe ich nicht anzubieten.“ Er schob einen silbernen Eimer über den Tresen. Er war schwerer, als er aussah, und das Eis darin hatte bereits begonnen zu schmelzen. Sie seufzte, balancierte den Eimer auf ihrer Hüfte und machte sich auf den Weg zur Treppe. Der VIP-Bereich war eine andere Welt. Hinter schweren Türen war die Musik nur noch als dumpfes Wummern zu vernehmen, und die Luft war kühl und roch nach Luxus. Auf einer Seite verliefen dunkle Glaswände, die wie Schiffsfenster den Blick auf die Tanzfläche freigaben. Ein langer Korridor erstreckte sich vor ihr, in bernsteinfarbenes Licht getaucht und gesäumt von Privaträumen. Der Teppichboden verschluckte ihre Schritte. Vielleicht ein Dutzend Mal war sie bisher hier oben gewesen. Sie mochte es nie. Die Mädchen unten im Club sagten immer, im VIP-Bereich passiere nie etwas Echtes – nur Geschäfte, Flirts und gelegentlich eine schlechte Entscheidung. Doch die Stille hier oben hatte etwas an sich, das ihr eine Gänsehaut über die Arme jagte. Als wäre man in einem Raum, in dem gerade alle mitten im Satz verstummt waren. Raum drei, rief sie sich in Erinnerung. Sorensen-Gruppe. Eis abliefern, dann wieder runter. Rein und raus. Sie war auf halbem Weg durch den Korridor, als sie es hörte. Es war nicht laut. Daran erinnerte sie sich später besonders gut. In Filmen ist ein Schuss ein Knall, der die Welt in Stücke reißt. Im wirklichen Leben klang es eher wie ein flaches, gedämpftes Husten – so, als würde im Nachbarraum jemand ein Buch zuklappen. Dann ein zweites Geräusch, leiser und schlimmer. Ein Körper, der zu Boden sinkt. Isabella hielt inne. Der Eimer entglitt ihrem Griff, und ein paar Eiswürfel kullerten über den Teppich. Sie bemerkte es nicht. Ihr ganzer Körper war vollkommen regungslos und eiskalt geworden.Die Tür am Ende des Flurs – Zimmer sieben – stand einen Spaltbreit offen.
*Geh weg*, sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Sie klang wie die ihrer Mutter. Sie klang wie all die Instinkte, die sie jemals unterdrückt hatte. *Dreh dich um. Geh zurück zur Treppe. Du hast nichts gehört. Du hast nichts gesehen.* Sie machte einen Schritt zurück. Die Tür schwang weiter auf – angetrieben von einem Luftzug oder dem Gewicht von etwas, das dagegen lehnte –, und sie konnte in den Raum blicken. Es war ein privater Aufenthaltsraum mit niedrigen Ledersofas und einem Glastisch. Ein Mann in einem hellen Hemd kniete auf dem Boden; seine Hände waren erhoben und zitterten, und sein Mund bewegte sich, als würde er Worte formen, die sie jedoch nicht hören konnte. Sein Hemd war auf der Vorderseite dunkel verfärbt, und der Fleck breitete sich immer weiter aus. Ein anderer Mann lag neben dem Tisch auf dem Teppich – er rührte sich überhaupt nicht. Drei Männer in Schwarz standen um sie herum. Einer hielt eine Waffe mit langem Schalldämpfer – lässig an seiner Seite, so beiläufig, als würde er einen Stift halten. Und in der hintersten Ecke des Raumes, in einem Sessel, der eher zu ihm zu gehören schien als zum Gebäude selbst, saß ein vierter Mann. Er tat rein gar nichts. Genau das ließ Isabella den Atem stocken. Er schrie nicht, er drohte nicht. Er saß da, einen Knöchel auf dem Knie abgelegt, ein Glas Whiskey – unberührt – auf der Armlehne des Sessels. Er beobachtete den knienden Mann, so wie man eine Uhr betrachtet: geduldig, völlig ungerührt. Sein schwarzer Anzug war so perfekt geschneidert, dass er wie ein Teil seines Körpers wirkte. Mit zwei Fingern rückte er langsam einen silbernen Manschettenknopf zurecht – als wäre das, was sich vor ihm abspielte, lediglich eine Unannehmlichkeit, für die er längst eine Lösung gefunden hatte. Er war noch jung für eine derart ausgeprägte Gelassenheit – Anfang dreißig, vielleicht. Dunkles, gepflegtes Haar war von seinem markanten Gesicht zurückgestrichen. Eine feine Narbe durchschnitt das Ende einer seiner Augenbrauen. Sein Kiefer wirkte klar konturiert und unerbittlich. Unter seinem Ärmel kam ein Tattoo zum Vorschein, das sich über den Handrücken seiner linken Hand schlängelte: eine Krone, um die sich eine einzelne Rose wand. Isabella kannte dieses Tattoo. Ihn selbst nicht, aber dieses Zeichen. Jedes Mädchen im Club Noir wusste es – durch Geflüster, durch die Art, wie die Manager ihre Stimmen senkten, wenn bestimmte Wagen am Hintereingang vorfuhren. Es war kein Name, den irgendjemand laut aussprach. Es waren lediglich eine Krone und eine Rose – und eine Regel, an die man sich hielt, ohne dass sie einem explizit genannt werden musste. Moretti. Der Mann mit der Waffe hob den Arm. „Bitte“, flüsterte der Mann, der auf den Knien lag. Diesmal konnte sie es hören – eine dünne, brüchige Stimme. „Bitte, Mr. Moretti, ich schwöre, ich habe die Lieferung nie angerührt. Ich schwöre es bei Gott.“ Der Mann im Stuhl ergriff schließlich das Wort; seine Stimme war so leise, dass Isabella sie eher spürte, als dass sie sie hörte. „Du hast es mir schon einmal geschworen“, sagte er. „Ich habe dir geglaubt. Das war mein Fehler.“ Er nickte. Isabella wartete nicht ab, was als Nächstes geschehen würde. Sie wandte sich ab, doch ihr Absatz blieb an verstreuten Eiswürfeln hängen. Der Eiskübel entglitt ihr und schlug auf dem Boden auf – ein metallisches Scheppern, das von den Glaswänden widerhallte wie ein Schrei. Im ganzen Raum erstarrte alles. Einen Moment lang war nur das dumpfe Wummern der Musik aus dem Stockwerk darunter zu hören – stetig wie ein Herzschlag. Dann vernahm sie das Geräusch eines Stuhls, der über den Boden gezogen wurde.Sie rannte.
Ihre Schuhe waren dafür völlig ungeeignet – flach und mit weichen Sohlen, gemacht für Zwölfstundenschichten, nicht für die Flucht. Sie sprintete den Korridor entlang; der Teppichboden dämpfte ihre Schritte, ihr Puls dröhnte in ihren Ohren, und ihre Hand griff bereits nach der Tür zum Treppenhaus. Zwanzig Fuß. Fünfzehn. „Bleib stehen“, sagte jemand hinter ihr – in einem flachen, gelassenen Tonfall. Sie blieb nicht stehen. Sie stieß mit beiden Händen gegen die Tür zum Treppenhaus, riss sie auf – und prallte direkt gegen eine Wand aus schwarzem Stoff und Muskeln. Eine Hand schloss sich um ihren Oberarm. Nicht grob, aber absolut. Ein Griff, der gar nicht grob sein musste, weil er sie ohnehin niemals wieder loslassen würde. „Lass mich los!“, keuchte sie. „Ich habe nichts gesehen. Ich habe nichts gesehen, ich schwöre es! Ich wollte nur Eis bringen.“ Der Mann, der sie festhielt, sagte nichts. Er war von gewaltiger Statur, mit kahlgeschorenem Kopf und einem Gesicht, das rein gar nichts verriet. Hinter ihr näherten sich Schritte – in gemächlichem Tempo. Sie hatten es nicht eilig. Warum auch? Sie konnte ohnehin nirgendwohin entkommen. Ihre Gedanken rasten, während sie ihre Möglichkeiten abwog. Schreien? Unten waren zweihundert Menschen, doch die Musik würde jedes Geräusch verschlucken. Kämpfen? Sie war etwa 1,68 Meter groß und hatte nichts bei sich außer dem Inhalt eines Trinkgeldglases – ein paar Geldscheine – und einer Tasche voller Quittungen. Verhandeln? Womit denn? Die Schritte verstummten. Sie spürte ihn hinter sich, noch bevor sie sich umdrehte. Es war eine seltsame, körperliche Wahrnehmung – als stünde man zu nah an einem Feuer. Die Luft veränderte sich. Der Korridor schien zu schrumpfen. „Dreh dich um“, sagte die Stimme. Es war dieselbe tiefe, ruhige Stimme wie in der Lounge. Sie wurde nicht lauter. Das musste sie auch gar nicht. Absurderweise dachte Isabella an ihre Prüfung. Neun Uhr. Anatomie. Der Plexus brachialis. Drei Wochen lang hatte sie ihn auswendig gelernt. Dann drehte sie sich um – ihr Körper handelte, noch bevor ihr Verstand Einspruch erheben konnte. Aus der Nähe wirkte er noch bedrohlicher. Er war größer, als sie angenommen hatte, breit in den Schultern, mit Augen in genau jenem Grau eines Sturmhimmels, kurz bevor sich das Unwetter entlädt. Kalte, ruhige, intelligente Augen. Sie wanderten über ihr Gesicht, als würde er dort etwas lesen, das darauf geschrieben stand – und sie hatte das wilde, irrationale Gefühl, dass er jedes einzelne Wort bereits kannte. Er war nicht wütend. Genau das war das Beängstigende daran. Er sah sie so an, wie ein Mann ein Problem betrachtet, das gerade den Raum betreten und den Verlauf seines Abends auf stille Weise verändert hat. „Was hast du gesehen?“, fragte er. „Nichts.“ „Versuch es noch einmal.“ „Ich habe nichts gesehen“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte – was sie zutiefst hasste. „Ich habe Eis für die Gesellschaft der Sorensens geliefert. Ich bin falsch abgebogen. Das ist alles. Ich weiß nicht, wer Sie sind, ich weiß nicht, was dort drinnen passiert ist. Ich gehe jetzt nach Hause und werde niemandem ein Wort darüber sagen. Ich kenne nicht einmal Ihren Namen.“ Ein kaum wahrnehmbares Zucken huschte über einen seiner Mundwinkel. Es war kein Lächeln. Es war nur der Schatten eines Lächelns. „Das“, sagte er, „ist die erste Lüge, die du mir aufgetischt hast.“ Ihr drehte sich der Magen um.„Du weißt genau, wer ich bin“, sagte er. „Jeder in diesem Gebäude weiß es. Du hast das Mal auf meiner Hand gesehen, noch bevor du mein Gesicht erblickt hast. Du wusstest, was es bedeutet, bevor du die Flucht ergriffen hast.“
Sie schluckte. Es hatte keinen Sinn, es zu leugnen. Ihr Blick fiel – auf verräterische Weise – auf die Krone und die Rose auf seiner Hand, und als sie wieder aufsah, wusste sie, dass er sie dabei beobachtet hatte. Er legte den Kopf schief und musterte sie mit jener erschreckenden Geduld. „Wie lautet dein Name?“ „Bella.“ „Dein vollständiger Name.“ Sie schwieg. Ihr Herz hämmerte so heftig gegen ihre Rippen, dass er es ihrer Meinung nach hören musste. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. Es war nur eine Kleinigkeit – ein leichtes Zusammenkneifen der Augen –, doch sie bemerkte es. Ein Aufflackern von Aufmerksamkeit, schärfer als zuvor. Als hätte er gerade erst etwas entdeckt, das am Rand einer eigentlich gewöhnlichen Seite verborgen lag. Er trat näher. Nicht weit – nur ein einziger Schritt –, doch damit verringerte er den Abstand zwischen ihnen auf wenige Zentimeter. Jetzt konnte sie ihn riechen: ein sauberer, dunkler Duft – Zedernholz, Rauch und etwas Kälteres, das darunter mitschwang. Sie versuchte, den Geruch nicht einzuatmen. Es gelang ihr nicht. „Du kannst erstaunlich ruhig wirken – dafür, dass du so zitterst“, murmelte er. „Ich habe keine Angst vor dir.“ „Doch, die hast du.“ Er sagte es ohne jede Grausamkeit, als bloße Feststellung. „Aber du hast vor etwas anderem noch mehr Angst. Ich würde gerne wissen, was das ist.“ Sie antwortete nicht. Sie hielt seinem Blick stand – wegsehen hätte sich wie eine Niederlage angefühlt. Sie war schließlich nicht sechs Jahre lang auf der Flucht gewesen, um sich aus dem Nichts ein ganzes Leben aufzubauen – nur um dann in einem Flur gegen einen Mann in einem eleganten Anzug zu verlieren. Sein Blick hielt den ihren noch einen Moment fest. Dann glitt er – nur ganz leicht – an ihrer Schulter vorbei. Den Flur entlang, hin zu der offenen Tür, hinter der zuvor der kniende Mann gewesen war. Stille breitete sich aus. Aus dem Raum hinter ihnen drang ein kurzes, endgültiges Geräusch, doch sie drehte sich nicht um. Als sein Blick zu ihr zurückkehrte, lag darin eine Entscheidung. „Durchsuch ihre Tasche“, sagte er zu dem Mann, der sie am Arm festhielt. „Nein“, entgegnete Isabella – zu schnell. „Das sind nur meine Sachen. Da ist nichts – es ist nichts drin.“ Sie bemerkte ihren Fehler, noch während die Worte über ihre Lippen kamen. Sie sah, dass auch er ihn bemerkt hatte. Er betrachtete sie einen langen, stillen Augenblick lang – mit jener ebenso beständigen wie zermürbenden Ruhe –, und mit einer schleichenden, niederschmetternden Gewissheit begriff sie, dass sie ihm gerade genau das in die Hände gespielt hatte, was er wollte. „Lass die Tasche hier“, sagte er schließlich. „Wir sehen sie uns an einem ruhigen Ort an.“ „Wo soll es ruhig sein? Wohin bringst du mich?“ Er rückte seine Manschette zurecht – das Silber fing das bernsteinfarbene Licht ein – und wandte sich von ihr ab, als wäre die Angelegenheit damit bereits erledigt. „Bringt sie mit“, sagte Dante Moretti.Sie erzählte ihm nichts von dem Auto.Sie redete sich ein, das liege daran, dass sie nicht wusste, was es zu bedeuten hatte. Ein Signal an ein Haus konnte alles Mögliche sein. Eine Warnung, eine Drohung, ein Gruß zwischen Männern, die nicht ahnten, dass sie zusah. Sie war in einer Familie aufgewachsen, in der ein kurzes Aufleuchten der Scheinwerfer bedeuten konnte, dass eine Lieferung eingetroffen war – oder dass jemand im Sterben lag; und nie hatte man ihr verraten, was von beidem zutraf.Doch die Wahrheit war einfacher, und sie gefiel ihr nicht. Dante Moretti hatte ihr ihren Namen, ihr Telefon, ihren gewohnten Tagesablauf, die Müslischale ihrer Mitbewohnerin und sogar die Erinnerung an den Tod ihrer Mutter – die sie selbst in Worte gefasst hatte – an sich gerissen. Sie wollte wenigstens eine Sache in diesem Haus, die ihr allein gehörte. Ein Geheimnis war etwas Kleines, und es war das Einzige, was sie noch hatte.Also
Sie hätte entsetzt sein sollen. Das wusste sie.Waffe. Das Wort hing im Raum wie eine dritte Person – dunkel, still und lauschend. Isabella öffnete den Mund, um ihm zu sagen, was sie davon hielt, als „Ding“ bezeichnet zu werden, doch ihre Kehle schnürte sich zu und ließ keinen Ton heraus.„Ich bin niemandes Waffe“, brachte sie hervor.„Jeder ist für irgendwen eine Waffe.“ Er sagte es ohne Grausamkeit, fast schon müde. „Die einzige Frage ist, wessen Hand den Griff hält.“„Und du glaubst, es ist deine.“„Ich finde, es wäre eine Verschwendung, wenn es nicht so wäre.“Er ging zum anderen Ende der Bibliothek, zu der Tür zur Galerie, die Isabella zuvor verschlossen vorgefunden hatte, und holte einen Schlüssel aus seiner Tasche. Er drehte ihn um – ein leises Klicken war zu hören. Ein Hauch kalter Luft drang durch den Türspalt herein.„Komm“, sagte er. „Du bist nun seit drei Stunden in diesem Raum, ohne ein einziges Mal zum Himmel hinaufgeschaut zu haben.“Sie zögerte. Dann folgte sie ihm – z
Lange Zeit sagte Isabella nichts.Im Kamin knisterte das Feuer. Irgendwo hinter den Flügeltüren schlug eine Uhr sieben – ein dünner, ferner Klang, wie eine Glocke, die man unter Wasser hört. Der Pass lag unter ihrer Hand, doch sie hob ihn nicht auf; ihn aufzuheben hätte bedeutet, zuzugeben, dass er ihr gehörte.„Das ist nicht mehr mein Name“, sagte sie schließlich.„Es ist der einzige Name, der für die Männer vor meinen Toren von Bedeutung ist.“„Welche Männer?“„Irgendwelche Männer.“ Dante lehnte sich im Stuhl zurück und musterte sie. Das Feuerlicht ließ die Konturen seines Gesichts schärfer und älter wirken. „Salvatore Rossi hat eine Tochter. Sie ist vor sechs Jahren verschwunden, eine Woche nach ihrem achtzehnten Geburtstag, und seither sucht er nach ihr. Er hat drei Privatdetektive und einen Priester bezahlt. Gefunden hat er sie nicht.“ Eine Pause. „Ich habe sie gestern Abend gefunden – in einem Flur, mit einem Eimer Eis in der Hand.“Ein kaltes, fremdes Gefühl durchfuhr ihre Brus
Das Frühstück traf genau zwanzig Minuten später ein – und mit ihm Enzo. Er war ein stämmiger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, mit kahlgeschorenem Kopf und einem Gesicht, das so verschlossen wirkte wie eine fest verriegelte Tür. Ein silbernes Tablett trug er so vorsichtig, als befänden sich darauf Sprengsätze. Rührei, gebutterter Toast, eine Schale mit Beeren, eine Kanne Kaffee, deren Duft so verlockend war, dass es sich fast wie eine Provokation anfühlte. Er stellte das Tablett auf den Schreibtisch, trat einen Schritt zurück und faltete die Hände vor sich. „Mr. Moretti hofft, dass Sie gut geschlafen haben“, sagte er. Isabella starrte ihn an. „Ist das ein Witz?“ „Nein, Miss.“ „Ich wurde unter Drogen gesetzt.“ Enzo nahm diese Feststellung mit größter Ernsthaftigkeit zur Kenntnis. „Ja, Miss. Das tut mir leid. Es war der schnellste Weg.“ Sie hätte beinahe aufgelacht. Das Tablett rührte sie nicht an. Sie saß auf der Bettkante, die Arme vor der Brust verschränkt, und versuchte, s





