LOGIN„Fasst ihr sie an, reiße ich euch die Kehle durch!“ Alpha Jasons Augen blitzten purpurrot auf, als er das zitternde Mädchen, das zusammengekauert auf dem Marmorboden lag, schützte. Zwei Krieger stürmten mit silbernen Handschellen herein, doch bevor sie einen Schritt vortreten konnten, verstummte die Halle durch eine tiefe Stimme. „Sie wird nicht angerührt.“ Alpha-König Kaelen trat aus dem Schatten. Seine stechend grünen Augen fixierten Devlin, nicht voller Furcht, sondern mit gefährlicher Erkenntnis. „Sie ist keine Gefangene. Und jeder, der versucht, sie festzuhalten, wird sich direkt vor dem Thron verantworten müssen.“ Vier Jahre lang war Devlin die unfruchtbare und wolfslose Luna des Roten Mondrudels. Mit achtzehn Jahren hatte sie sich noch nicht verwandelt. Mit neunzehn nahm Alpha Jason sie zu seiner Gefährtin und versprach, sie niemals zu verstoßen. Da der Rat einen Erben forderte, betrog Jason sie öffentlich – nicht mit irgendeiner anderen Frau, sondern mit ihrer eigenen Stiefschwester, die sie verachtet hatte, seit ihr Vater eine zweite Gefährtin genommen hatte. Auf dem Galafest verwandelte sich Devlin in ein goldenes Titanenwesen mit einem geheimnisvollen Sonnenwappen. Ein gefährliches Wesen, das ihr Vater dreiundzwanzig Jahre lang verborgen hielt und das ihre Mutter mit Geheimnissen zu schützen hinterließ. Nun ist die wolfslose Luna nicht länger wehrlos. Jason will seine Gefährtin zurück, der Rat will sie gefangen halten, und Alpha-König Kaelen kennt die Wahrheit über ihre uralte Blutlinie. Sie nannten sie gebrochen. Sie irrten sich. Und die Frau, die sie auszulöschen versuchten, ist im Begriff, ihr gesamtes Reich in die Knie zu zwingen.
View MoreDevlins Sicht
Vier Jahre lang gab ich alles für das Rote Mond-Rudel. Ich leitete die Sozialprogramme, besuchte verwundete Krieger, schlichtete Familienstreitigkeiten und stand Jason immer zur Seite, wenn er mich brauchte. Wenn Familien mit Problemen ins Rudelhaus kamen, die sie nicht selbst lösen konnten, hörte ich zu und half ihnen, Lösungen zu finden. Die Arbeit war nicht immer einfach, aber ich war stolz darauf, dass die Leute sich auf mich verlassen konnten.
Trotzdem blickte der Großteil des Rudels auf mich herab.
Mein Wolf kam nie. Nicht mit achtzehn, nicht bei Vollmond, nie. In einem Rudel, dem nur Klauen und Zähne wichtig waren, war ich nur eine wolfslose Luna. Manche Wölfe verbargen ihre Enttäuschung nicht, wenn ich einen Raum betrat, während andere mich höflich begrüßten, bevor sie sich abwandten und tuschelten. Sie konnten alles anerkennen, was ich für das Rudel tat, und trotzdem glauben, ich sei nicht gut genug, um sie anzuführen.
Ich ertrug die abfälligen Blicke, weil Jason mir immer sagte, dass das alles keine Rolle spiele. Er schwor, dass mein Wolfsdasein meinen Wert nicht schmälerte und dass er mich immer genauso lieben würde.
Damals glaubte ich ihm. Wann immer jemand meinen Platz an seiner Seite infrage stellte, erinnerte Jason ihn daran, dass ich seine Gefährtin und ihre Luna war. Diese Momente bedeuteten mir alles, besonders an Tagen, an denen ich mich von dem Rudel wie eine Außenseiterin in meinem eigenen Zuhause fühlte.
In letzter Zeit fiel es mir jedoch schwer, selbst diese Erinnerungen festzuhalten. Jason war distanzierter geworden, verbrachte mehr Zeit in Besprechungen und weniger mit mir. Wann immer ich fragte, ob etwas nicht stimmte, schob er die Schuld auf seine Pflichten. Ich verstand den Druck, ein Alpha zu sein, aber ich war seine Frau, nicht ein weiteres Rudelmitglied, das auf einen Termin mit ihm wartete.
Heute Abend, als ich ein Tablett mit heißem Tee in sein Arbeitszimmer trug, machte ich mir nur Sorgen um ihn. Er war in letzter Zeit still und kühl gewesen, immer in Besprechungen versunken. Ich wollte ihn daran erinnern, dass er das Rudel nicht allein tragen musste. Ein wenig Zeit zusammen könnte uns helfen, über das zu sprechen, was zwischen uns stand.
Der Flur war still. Ich stieß die Tür zum Arbeitszimmer auf und erstarrte.
Jason war nicht allein.
Chloe, meine Stiefschwester, beugte sich über seinen Schreibtisch. Ihre Finger hatten sich in seinen Hemdkragen gekrallt und zogen ihn näher an sich heran.
Jason stieß sie nicht von sich. Er sagte ihr nicht, sie solle aufhören. Er sah sie mit einem sanften, zärtlichen Blick an, den er mir seit Monaten nicht mehr zugeworfen hatte.
Meine Hände wurden taub.
Das Tablett fühlte sich plötzlich viel zu schwer an. Chloe war in letzter Zeit öfter im Rudelhaus gewesen und hatte immer einen Grund gefunden, in Jasons Nähe zu sein. Ich hatte versucht, nicht zu viel hineinzuinterpretieren, denn sie war meine Stiefschwester, und ich hätte nie gedacht, dass sie sich absichtlich zwischen meinen Mann und mich drängen würde.
Aber da stand sie, so nah, dass sie ihn hätte küssen können, ihre Hände an seiner Kleidung, und keiner von beiden schien sich etwas dabei zu denken.
Das Tablett rutschte weg. Die Porzellantassen zersprangen auf dem Parkettboden, heißer Tee spritzte überall hin.
Jason fuhr herum. Auch Chloe drehte sich um.
Ich starrte Jason an und wartete darauf, dass er schuldbewusst aussah oder erklärte, was los war. Aber da war nichts. Keine Scham, kein Schock. Nur pure Verärgerung darüber, dass ich hereingeplatzt war.
„Jason?“, fragte ich leise.
Chloe wirkte nicht einmal verlegen. Sie lächelte nur – ein langsames, selbstgefälliges Grinsen, glücklich darüber, dass ich sie erwischt hatte.
„Devlin“, sagte Jason mit emotionsloser Stimme.
„Was macht sie hier?“ Ich sah Chloe an, meine Hände ballten sich zu Fäusten. „Lass die Finger von meinem Mann!“
„Pass auf deinen Ton auf!“, zischte Jason und trat sofort zwischen uns, um sie zu schützen.
Das traf mich härter als alles andere. Er beschützte sie vor mir.
„Wir haben über Angelegenheiten des Rudels gesprochen“, sagte er.
„Um Mitternacht?“, fragte ich mit zitternder Stimme. „Und dass sie dich so angefasst hat?“
Chloe trat hinter ihm hervor und seufzte, als wäre ich ein nerviges Kind. „Devlin, beruhig dich. Jason steht unter großem Druck. Aber ich kann wohl nicht von einem Mädchen ohne Wolf erwarten, dass es versteht, was ein Alpha braucht.“
„Halt die Klappe, Chloe!“, fuhr ich sie an.
„Jetzt reicht’s!“, dröhnte Jasons Stimme mit purer Alpha-Kraft. Der Schlag traf mich mit voller Wucht und raubte mir fast den Atem.
Einen Moment lang rang ich nach Luft. Seine Befehle hatten immer Autorität ausgestrahlt, aber ich hätte nie gedacht, dass er diese Macht gegen mich einsetzen würde. Der Raum schien stillzustehen, während ich versuchte, mich zu fassen. Ich war zutiefst beschämt, dass er mich vor der Frau, die er beschützte, zum Schweigen gebracht hatte.
In vier Jahren hatte Jason seine Alphastimme nie gegen mich eingesetzt. Jetzt benutzte er sie, um mich für sie zum Schweigen zu bringen.
„Chloe ist hier, weil ich sie eingeladen habe“, sagte Jason kalt. „Du machst aus einer Mücke einen Elefanten. Lass die Dienstmädchen den Dreck wegmachen, den du angerichtet hast, schließ die Balkontür ab und geh ins Bett.“
Er drehte mir den Rücken zu und unterhielt sich wieder mit Chloe.
Es gab keine Entschuldigung, keine Erklärung, nicht einmal einen Blick auf die zerbrochenen Tassen, die überall auf dem Boden verstreut lagen. Was auch immer zwischen ihnen vorgefallen war, Jason hielt meine Reaktion offenbar für das Problem.
Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter, drehte mich um und ging hinaus. Ich hielt den Kopf hoch und den Rücken gerade. Ich weigerte mich, sie meine Tränen sehen zu lassen.
Unten an der Treppe drangen Stimmen aus dem Wohnzimmer herüber. Jasons Eltern.
Sie sprachen Französisch. Das war ihr Lieblingstrick – eine Möglichkeit, mich direkt vor meinen Augen zu beleidigen, ohne es mir ins Gesicht sagen zu müssen. Sie wechselten oft die Sprache, wenn sie sich unter vier Augen unterhalten wollten, in der Annahme, ich würde nicht genug verstehen, um ihre Bedeutung zu erfassen.
„Unfähig …“, spottete Isabelle. „Ein nutzloser Mond.“
„Jason wird sie gleich ersetzen“, sagte Charles. „Das Tier braucht eine echte Linie, keinen ziellosen Irrer.“
Ich sprach zwar kein fließendes Französisch, aber ich war auch nicht dumm.
Unfähig.
Nutzlos.
Ersetzen.
Wolflos.
Ich konnte ihrem Gespräch nicht vollständig folgen, aber die Worte, die ich erkannte, sagten mir genug. Sie sprachen davon, mich rauszuschmeißen und zu ersetzen, mitten in meinem eigenen Haus, weil sie dachten, ich sei zu dumm, um es zu merken.
Mein Griff um das hölzerne Treppengeländer verstärkte sich. Die Demütigung aus Jasons Arbeitszimmer saß noch tief, aber als ich seine Eltern über meine Nachfolge reden hörte, wurde mir die Situation schmerzlich bewusst. Es ging nicht nur darum, dass Chloe sich in der Nähe meines Mannes zu wohl fühlte. Seine Familie plante vielleicht schon eine Zukunft ohne mich.
Das war's. Ich hatte es satt, ihr Witzbold zu sein.
Ich ging direkt ins Schlafzimmer, holte mein Handy raus und lud eine Französisch-App herunter. Ich steckte mir die Kopfhörer in die Ohren, startete die erste Lektion und wiederholte die Wörter leise vor mich hin, bis sie saßen.
Die erste Lektion würde mich nicht über Nacht fließend sprechen lassen, aber es war ein Anfang. Wenn Französisch die Sprache war, mit der sie mich aus ihren Gesprächen ausschlossen, würde ich genug lernen, um zu verstehen, was sie sagten. Sie konnten flüstern, so viel sie wollten, aber ich würde nicht unwissend bleiben, nur weil es ihnen passte.
Sie dachten, Französisch sei ihr Geheimcode. Ich würde es zu meiner Waffe machen.
Eine Stunde später kam Jason ins Schlafzimmer. Er warf mir nicht einmal einen Blick zu, als er ins Badezimmer ging und die Tür hinter sich schloss.
Kein Wort über die Szene in seinem Arbeitszimmer. Keine Frage, ob mich der heiße Tee verbrannt hatte. Sein Schweigen machte schmerzlich deutlich, dass er längst mit der Sache abgeschlossen hatte, während ich noch immer versuchte zu begreifen, wie der Mann, der mir einst Schutz versprochen hatte, mich wie eine Last behandeln konnte.
Als die Dusche anging, durchfuhr mich eine plötzliche Hitzewelle mitten in der Brust.
Ich erstarrte.
Es war kein Schmerz. Es war ein tiefes, brennendes Pochen, das sich durch meine Adern ausbreitete und mir den Atem raubte. Einen Augenblick lang fühlte es sich an, als würde etwas unter meiner Haut erwachen – etwas, das lange Zeit vergraben gewesen war.
Meine Handfläche presste sich flach gegen meine Rippen, während ich versuchte, dieses seltsame Gefühl zu verstehen. Es fühlte sich nicht wie gewöhnliche Hitze an, auch nicht wie die Nachwirkungen von Jasons Alpha-Befehl. Etwas schien tief in mir zu brodeln, und für diese wenigen Sekunden konnte ich an nichts anderes denken.
Dann, so schnell wie es gekommen war, war das Gefühl auch schon wieder verschwunden.
Ich starrte auf die Badezimmertür, mein Herz hämmerte mir gegen die Rippen. Die Dusche lief weiter, und Jason hatte keine Ahnung, was nur wenige Meter von ihm entfernt geschehen war.
Jahrelang hatte ich auf meinen Wolf gewartet und mich schließlich an die Enttäuschung über seine Abwesenheit gewöhnt. Nun regte sich etwas Unbekanntes in mir, und ich hatte keine Erklärung dafür. Was auch immer es bedeutete, ich konnte das Gefühl nicht ignorieren, dass sich etwas verändert hatte.
Ich wusste nicht, was diese Wärme war. Aber als ich da im Dunkeln saß und zusah, wie meine Ehe in Flammen aufging, wusste ich eines ganz sicher:
Was auch immer in mir erwachte, es würde mich nicht kampflos brechen.
Kiras SichtDer Wagen hielt endlich wenige Meter vor der Schranke. Mein Fuß blieb auf der Bremse, und mein Herz hämmerte so heftig, dass ich es hören konnte.Im Rückspiegel sah ich, dass der schwarze Pickup hinter mir angehalten hatte, der Motor lief noch. Als zwei Wachmänner aus dem Pförtnerhaus kamen, setzte er zurück, wendete und fuhr den gleichen Weg zurück.Ich betrachtete die Grenze. Sie war ganz anders als die kaputten Zäune zu Hause. Zu beiden Seiten der glatten Straße standen hohe Scheinwerfer, ein drei Meter hoher Maschendrahtzaun mit Drahtseilaufhängung und Kameras, die auf den Eingang gerichtet waren. Sogar das Gras war akkurat gemäht. Ein Schild an der Schranke verkündete in klaren weißen Buchstaben: VEYRITH, PRIVATSTRASSE.Veyrith machte keine halben Sachen, was seine Grenzen anging.Zwei Wachmänner näherten sich meinem Wagen, beide in dunklen Jacken, beide groß und kräftig gebaut. Der auf meiner Seite klopfte mit zwei Fingern ans Fenster.Ich kurbelte es nur so weit her
Kiras SichtDas Südtor von Rotem Mond hing nur noch an seinen Angeln.Ein paar Kilometer weiter saß ich im Auto und blickte durch die gesprungene Windschutzscheibe. Es war dunkel und niemand war da. Der Zaun hatte Löcher, und der Draht hing durch das trockene Unkraut. Als ich vor zwei Jahren nach Kanada ging, um bei einer Spedition zu arbeiten, standen an diesem Tor Tag und Nacht vier bewaffnete Wachen. Sie kontrollierten jedes Auto und überprüften alles auf Geruch, sogar unter den Sitzen.Mein Flug war an diesem Morgen um sechs Uhr gelandet. Ich hatte den billigsten Mietwagen genommen und war vier Stunden gefahren, ohne anzuhalten. Mein Magen hatte seit der Grenze geknurrt. Jetzt hatte ich ganz vergessen, dass ich Hunger hatte.Eine leere Getränkedose lag im Dreck, wo früher der Schrankenarm heruntergekommen war.Nach einer Minute legte ich den Gang ein, fuhr am Wachhäuschen vorbei und bog auf die alte Straße zum Packhaus ein. Die Stadt unterhalb des Bergrückens war nicht ausgestorb
Devlins SichtUm zehn Uhr morgens war ich ein richtiger Feigling geworden.Ich verbrachte weitere fünfundvierzig Minuten im Badezimmer und schrubbte meine Haut, bis sie brannte, und nahm ein Lavendelbad, um den Geruch der beiden Männer abzuwaschen. Als ich herauskam, trug ich dicke schwarze Leggings und einen großen beigen Strickpullover, der die Knutschflecken an meinem Hals verdeckte. Ich steckte den Kopf in den Flur und lauschte. Niemand war da. Ich schlich immer noch auf Zehenspitzen, was dumm war, schließlich wohne ich hier.Die Luft war rein.Ich ging die große Treppe hinunter und nahm immer zwei Stufen auf einmal. Unten angekommen, starrten zwei Wachen gleichzeitig an die Decke. Keiner von beiden sagte „Guten Morgen“. Ich hätte Geld für ein „Guten Morgen“ bezahlt. Sie wussten es. Jeder in diesem Haus wusste es.Der Plan war einfach. Ab in die Küche, einen schwarzen Kaffee holen, in Kaelans Büro gehen und bis zum Einbruch der Dunkelheit auf Landkarten von Westafrika starren. Kei
Devlins SichtKaelan antwortete nicht sofort. Durch den offenen Türbogen zum Badezimmer beobachtete ich, wie sich seine nackten Schultern im dämmrigen Licht des Flurs anspannten.„Sag den Wachen vor seiner Tür: Sollte er auch nur einen Schritt über die Schwelle wagen, sollen sie ihn in die Knie zwingen“, sagte Kaelan, seine Stimme sank in einen flachen, tödlichen Tonfall. „Um Charles kümmere ich mich bis morgen.“„Verstanden“, murmelte Torin, während er die Treppe hinabstieg.Kaelan schloss die Tür und verriegelte sie mit einem bewussten Klicken. Als er sich wieder zum Badezimmer umdrehte, hatten sich seine grünen Augen in Gold verwandelt – Ares hatte die Kontrolle übernommen. Seine Nasenflügel bebten, als er die Luft einsog. Meine Hitze erfüllte den gesamten Raum.Er trat zwischen meine nackten Knie, während ich auf der Marmorablage saß, und legte seine Hände auf meine Hüften.„Charles kann bis ans Ende der Welt fliehen“, murmelte Kaelan; seine Stimme war von einem tiefen, grollende












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