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Kapitel zwei

last update Veröffentlichungsdatum: 05.11.2026 09:41:44

Der vergiftete Apfel

Evelyns Perspektive

Beim Frühstück war die Stille im Esszimmer erstickend.

Leo saß mir gegenüber und hielt seinen kleinen Löffel wie einen Schild, den Blick starr auf die Schokoladenpfannkuchen gerichtet. Ich hatte versucht, ein Gespräch über seine Plastikdinosaurier anzufangen, aber er antwortete nur mit vorsichtigem Nicken und beobachtete mein Gesicht auf den leisesten Funken von Wut.

Als ich aufstehen wollte, um in mein Zimmer zurückzukehren, durchfuhr mich ein Phantomschmerz in der Brust. Die Erinnerung an meinen Todeskampf, das Gift, der kalte Schweiß, der eisige Marmor, ließ mich aufkeuchen. Ich musste mich an der Stuhllehne festhalten, die Nägel ins Holz gekrallt, und warten, bis die Übelkeit verebbte. Leo starrte mich starr vor Schreck an, überzeugt, etwas falsch gemacht zu haben.

Ich schluckte meinen Schmerz hinunter, schenkte ihm ein zittriges Lächeln und ging dann hinauf in mein Arbeitszimmer.

Ich musste arbeiten. Und vor allem nachdenken.

In meinem früheren Leben hatten mich alle für ein oberflächliches Püppchen gehalten, das sich nur für Empfänge und Schmuck interessierte. Dieses Bild hatte ich sorgsam gepflegt, auf Marcus' Drängen hin. „Mächtige Männer wie Caleb fühlen sich von klugen Frauen bedroht, Eve", hatte er mir immer wieder eingeflüstert. „Lass ihn glauben, du wärst nichts als eine zerbrechliche Blume."

Wie blind ich gewesen war. Er wollte mich nur unwissend und abhängig halten.

Die Wahrheit ist: Ich bin Softwareingenieurin mit einem Abschluss von einer Eliteuniversität. Ich hatte vor sechs Monaten die Hintertür entworfen, die in die Server von Calebs Unternehmen eingeschleust worden war. Ich hatte mich für brillant gehalten, weil ich seine IT-Sicherheitsteams ausgetrickst hatte, dabei war ich nur eine Kriminelle im Dienst eines Betrügers gewesen.

Ich setzte mich an meinen Laptop und öffnete die gesicherte Entwicklungsumgebung. Meine Finger fanden ihre natürliche Geschmeidigkeit auf der Tastatur zurück.

Ich drang in die versteckte Partition vor, in der die Spionagesoftware lag. Mein Finger verharrte über der Löschtaste.

Nein. Wenn ich den Zugang jetzt zerstöre, wird Marcus sofort wissen, dass sich etwas verändert hat.

Statt das Programm zu löschen, begann ich, ein Skript zur Datenvergiftung zu schreiben. Von nun an würde die Spionagesoftware nicht mehr die echten Pläne des Projekts Aegis absaugen, sondern Geisterordner: gefälschte Architekturschemata, beschädigte Zugangsdaten und verfälschte Gleichungen. Außerdem schleuste ich einen unauffälligen Trojaner ein. Sobald Marcus den USB-Stick an sein privates Netzwerk anschloss, würde der Virus seine Server löschen und eine vollständige Kopie seines persönlichen E-Mail-Verkehrs an die Anwaltskanzlei von Caleb übermitteln.

Ich war so in den Code vertieft, dass ich nicht hörte, wie die Tür aufging.

„Eve! Was machst du hier im Dunkeln eingesperrt mit diesem Bildschirm? Du solltest dir längst deinen Schmuck für heute Abend aussuchen!"

Ich zuckte zusammen und klappte reflexartig den Laptop zu.

Sarah stand in der Tür, makellos in einem zitronengrünen Sommerkleid. Sie entsprach in jeder Hinsicht dem Bild aus meiner Vergangenheit: sprühend, lächelnd und von Grund auf toxisch.

„Sarah", sagte ich und bemühte mich um einen neutralen Ton. „Du bist früh dran."

„Früh? Dass ich nicht lache! Uns steht ein entscheidender Abend bevor." Sie kam herein, ohne eine Aufforderung abzuwarten, warf ihre Designertasche auf mein Bett und beugte sich dann zu mir. Ihre Stimme sank herab. „Und? Hast du es geschafft, die letzten Aegis-Dateien rauszuziehen? Marcus sitzt wie auf glühenden Kohlen, Eve. Er hat mir heute Morgen gesagt, dass ihr beide euch endlich absetzen könnt, wenn heute Abend alles nach Plan läuft."

Mir stieg die Galle hoch. Wie hatte ich nur so blind sein können …

„Ich arbeite daran", erwiderte ich kühl. „Aber Caleb ist heute auf der Hut. Er beobachtet jeden meiner Schritte."

Sarah verdrehte die Augen und seufzte genervt. Sie ließ sich an meinem Frisiertisch nieder, griff nach meinem Lieblingslippenstift und trug ihn direkt auf ihre Lippen auf.

„Was für ein Spielverderber, dieser Kerl. Ich verstehe bis heute nicht, wie du es vier Jahre lang an der Seite eines solchen Gefängniswärters ausgehalten hast. Er ist zum Sterben langweilig. Marcus dagegen … Hast du die Pfingstrosen gesehen, die er dir gestern ins Büro geschickt hat? Was für ein Romantiker!"

Ein Romantiker, der einen Killer bezahlen wird, um mich in einem Penthouse zu beseitigen, dachte ich, während sich meine Fäuste in den Falten meines Morgenmantels ballten.

„Fantasie hat er, das stimmt", murmelte ich.

„Jedenfalls", fuhr Sarah fort und betrachtete sich im Spiegel, „hat Marcus mich beauftragt, dich an die Anweisungen zu erinnern. Der Wagen muss nach dem Gala-Abend bereitstehen. Er trifft dich Punkt zehn Uhr am Brunnen im Park. Ach, und vergiss nicht, das rote Kleid mit dem tiefen Ausschnitt anzuziehen. Das, das Caleb unanständig findet."

Das rote Kleid. Ich erinnerte mich genau daran. Ein provokantes Outfit, geschnitten, um alle Blicke auf sich zu ziehen. In meinem früheren Leben hatte Caleb mich gebeten, für diesen Geschäftsabend etwas Dezenteres zu tragen, und ich hatte mich beeilt, das rote Kleid anzuziehen, nur um ihn zu verletzen und meine Verachtung zur Schau zu stellen.

Während Sarah weiter in meinen Sachen herumstöberte, begann das Telefon auf dem Nachttisch zu vibrieren.

Auf dem Display erschien der Name, flankiert von einem Herz-Emoji: Marcus.

Das Blut gefror mir in den Adern. Die Stimme dieses Mannes hallte noch in meiner Erinnerung nach, vermischt mit dem Klirren seines Weinglases, das über meiner Leiche angestoßen wurde.

„Oh, er ist es!", rief Sarah und klatschte in die Hände. „Geh ran! Stell auf Lautsprecher!"

Ich stand auf, nahm das Telefon und hob ab, ohne den Lautsprecher einzuschalten.

„Hallo?"

„Evelyn, mein Stern …" Marcus' Stimme drang in mein Ohr, honigsüß, voll falscher Zärtlichkeit, die mir vor Ekel eine Gänsehaut über den Rücken jagte. „Ich habe den ganzen Morgen an dich gedacht. Sag mir, dass du gute Neuigkeiten für unser Projekt hast."

Meine Finger umklammerten das Gerät, als wollte ich das Display zerbrechen.

„Ich habe die Dateien, Marcus", sagte ich gelassen. „Aber wie ich Sarah schon erklärt habe, sperrt Caleb den Zugriff auf die Hauptserver. Ich musste die Verschlüsselung ändern, um an seiner IT-Abteilung vorbeizukommen. Das braucht Zeit."

Am anderen Ende der Leitung ertönte ein selbstgefälliges kleines Lachen.

„Du bist so viel begabter als sein ganzer Haufen von Stümpern. Deshalb liebe ich dich. Bring heute Abend den USB-Stick mit. Zehn Uhr, am Brunnen im Westflügel. Komm nicht zu spät, ich habe eine Überraschung für dich vorbereitet."

Eine Überraschung. Ganz sicher der Beginn meiner Qual.

„Ich freue mich darauf", sagte ich tonlos.

„Alles in Ordnung, Eve? Du klingst distanziert."

„Ich bin nur nervös", log ich ohne zu zögern. „Caleb und ich haben uns heute Morgen gestritten. Er hat fürchterliche Laune."

„Er ist immer unausstehlich, Eve. Aber mach dir keine Sorgen: Sobald er ruiniert und durch den Dreck gezogen ist, kann er dich nie wieder anfassen. Halte noch ein paar Stunden durch. Ich liebe dich."

„Bis heute Abend", sagte ich und beendete das Gespräch.

Einen Moment lang blieb ich reglos stehen, das Herz hämmerte in meiner Brust. Sarah starrte mich mit einem einfältigen Lächeln an.

„Er ist so verrückt nach dir", seufzte sie und ließ ein Paar meiner Diamantohrringe in ihrer Tasche verschwinden. „Du hast unglaubliches Glück."

„Ja. Unglaubliches Glück", sagte ich und wandte mich ihr zu.

Früher hatte ich an ihre Freundschaft geglaubt. Jetzt sah ich endlich das Gesamtbild: ihre unangebrachte Vertrautheit, die wissenden Blicke hinter meinem Rücken, das unterdrückte Gekicher. Sie schliefen seit Monaten miteinander, machten sich über meine Naivität lustig und planten währenddessen den Untergang meines Mannes.

„Bist du fertig mit meinem Schmuck?", fragte ich scharf.

„Fast! Also, für heute Abend: Nehmen wir um achtzehn Uhr zusammen die Limousine, wie immer?"

„Nein", sagte ich höflich. „Ich fahre im Wagen von Caleb zur Gala, mit Leo."

Sarah erstarrte, die Hand auf der Türklinke. Ihre Brauen zogen sich zusammen.

„Im Wagen von Caleb? Aber du sagst doch ständig, seine Limousine rieche nach langweiligen Verpflichtungen und Arbeit! Du fährst lieber mit ihm als mit mir?"

„Ich probiere eine neue Strategie aus", erwiderte ich mit eisiger Ruhe. „Wenn ich die fügsame Ehefrau spiele, lässt er seine Deckung fallen. Dann komme ich leichter an die letzten Zugänge."

Sarahs Miene entspannte sich und wich einem Hauch von Erleichterung.

„Ah! Nicht dumm. Du wirst wirklich durchtrieben, Eve. Ich liebe es! Na gut, dann sehen wir uns dort. Und vergiss nicht: Zieh das rote Kleid an!"

Sobald sie durch die Tür verschwunden war, wurde die Luft im Raum wieder rein.

Ich trat an den Frisiertisch, nahm ein Papiertaschentuch und wischte den Lippenstift, den sie benutzt hatte, energisch ab. Den Stift warf ich direkt in den Mülleimer.

Dann ging ich ans Ende meines Ankleidezimmers. Ich griff nach dem berüchtigten scharlachroten Kleid, leicht und provozierend, und warf es ohne Zögern in den Wäschekorb.

Stattdessen holte ich ein Outfit hervor, das ich im vergangenen Jahr gekauft und nie getragen hatte: ein nachtblaues Samtkleid, strukturiert, mit elegantem Stehkragen und makellosem Fall. Ein dunkles, majestätisches, schlichtes Kleid.

Das Kleid einer Geschäftsfrau. Das Kleid einer Ehefrau.

Ich betrachtete mich im Spiegel. Die Zeit der Naivität war vorbei. Heute Abend glaubte Marcus, er würde die Schlüssel zum Vermögen meines Mannes abholen. Er würde lediglich das erste Puzzleteil seines eigenen Untergangs in Empfang nehmen.

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