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Kapitel Vier

Author: MURK ROSE
last update Petsa ng paglalathala: 2026-11-05 10:11:53

Der letzte Schliff

Evelyns Perspektive

Als ich aus dem Büro nach Hause kam, lag das Haus in einer fast beklemmenden Stille. Ich ging direkt in Leos Zimmer. Er saß mitten auf seinem Spielteppich und reihte kleine Metallautos in einer zwanghaft präzisen Linie auf. Beim Knarren der Tür versteiften sich seine kleinen Schultern augenblicklich, aber er hob den Kopf nicht.

„Hallo, mein Großer", sagte ich und ließ mich ein paar Schritte von ihm entfernt behutsam auf das Parkett gleiten. „Die sehen ja unglaublich schnell aus, deine Autos."

Ein kurzer, argwöhnischer Seitenblick, dann richtete er seine ganze Aufmerksamkeit wieder auf sein Spielzeug. „Das blaue ist das schnellste. Papa sagt, es sieht aus wie seins."

„Stimmt", flüsterte ich. Meine Finger streiften einen kleinen grünen Lastwagen, dessen Lack schon abblätterte. „Darf ich einen Moment mit dir spielen? Nur eine Minute, bevor ich mich umziehe?"

Leo nickte in Zeitlupe, ohne den Laster aus den Augen zu lassen. „Okay. Aber mach sie nicht kaputt. Ich mag es nicht, wenn sie kaputtgehen."

Jahrelang war dieser Junge in meinen Augen nur ein stählernes Glied gewesen, das mich an einen goldenen Käfig und an die Öffentlichkeit kettete. Ein verhängnisvoller Irrtum. Ich hatte Caleb so sehr gehasst, dass ich denselben Groll auf dieses Kind übertragen hatte, nur weil es seine Augen hatte. Wie monströs blind ich gewesen war ... Ein Brennen schnürte mir die Kehle zu, aber ich drängte die Tränen zurück. Wie hatte ich meinem eigenen Fleisch und Blut solche Kälte antun können, nur um einen Mann zu bestrafen?

„Ich verspreche dir, gut auf sie aufzupassen."

Fünfzehn Minuten lang, aus der Zeit gefallen, blieb ich neben ihm in der Hocke. Ich fragte ihn leise, ob seine Crêpes zum Mittagessen gut gewesen seien. Allmählich löste sich die Steifheit seiner kleinen Arme. Schließlich zeigte er auf die Fensterbank und erzählte mir von einem Spatz. Es war nur kindliches Geplapper, aber für mein zerrüttetes Herz wog es mehr als alle Siege der Welt. Ich hatte ihm nie Raum zum Atmen in meiner Nähe gelassen; heute trug jeder Blick, jedes Wort das Gewicht ewiger Schuld. Ich war eine furchtbare Mutter gewesen, egozentrisch und blind. Aber heute Abend würde dieses Elend enden.

Es klopfte leise an der Tür. Frau Higgins steckte den Kopf herein: „Madame, die Stylistin ist gerade eingetroffen."

Ich richtete mich auf, beugte mich hinunter und küsste Leo auf die warme Stirn. Diesmal wich er nicht aus. „Ich muss mit Papa zu einer Feier, aber ich komme zurück und decke dich zu. Und morgen gehen wir in den Park. Nur wir beide. Einverstanden?"

Seine dunklen Augen weiteten sich. „In den großen Park? Mit der riesigen Rutsche?"

„In den allergrößten", versprach ich. „Sei schön brav bei Frau Higgins."

Auf dem Weg in meinen Flügel peitschte mir ein neues Adrenalin durchs Blut. Endlich hatte ich etwas, das ich verteidigen konnte. Doch als ich den Flur entlangging, blieb mein Blick an Sarahs Nerzmantel hängen, der achtlos über einem Sessel im großen Salon lag. Die Realität holte mich wieder ein. Ich betrat meinen Ankleideraum, setzte mich an meinen Computer und meldete mich an. Ich brauchte den endgültigen Beweis.

Ich rief mein privates Bankkonto auf, das mein Vater vor Jahren für mich eröffnet hatte. Seit Monaten hatte ich nicht mehr hineingesehen und den ganzen „langweiligen" Papierkram Sarah überlassen. Als ich durch den Verlauf scrollte, gefror mir das Blut in den Adern.

Dutzende Überweisungen. Fünftausend Dollar hier, zehntausend da, die in einem langen Aderlass auf ein anonymes Offshore-Konto abflossen. Und dann diese letzte Zahlung vom Vortag: fünfzigtausend Dollar mit dem Verwendungszweck „Investition", dazu ein interner Vermerk, den diese Leichtsinnige zu löschen vergessen hatte: Projekt M.A.

Marcus Adams.

Sie half ihm nicht nur dabei, Calebs Imperium zu zerschlagen; sie finanzierte sich ihr Luxusleben mit meinem eigenen Erbe. Eine kalte, beinahe chirurgische Wut überkam mich. Ich war nicht nur ihr Bauer gewesen. Ich war ihre Melkkuh.

„Madame? Fangen wir mit der Frisur an?", fragte die Friseurin, die mit ihrem Equipment hereinkam.

„Ja", sagte ich und klappte den Bildschirm abrupt zu. „Und machen Sie etwas Perfektes daraus. Ich will aussehen wie eine Frau, die man nicht ungestraft angreift."

Die folgende Stunde war nur ein Wirbel aus Haarsprayschwaden, Puder und metallenen Klammern. Ich blieb völlig reglos und starrte auf mein Spiegelbild. Schließlich kam Sarah herein, die Eiswürfel in ihrem Champagnerglas klirrten.

„Oh, Eve! Du hast ja gar nicht das rote Kleid an?", flötete sie mit ihrer säuerlich-süßen Stimme. „Marcus wird so enttäuscht sein! Er sagt immer, Rot macht dich unwiderstehlich."

„Ich habe mich heute Abend für das Nachtblaue entschieden", erwiderte ich und begegnete ihrem Blick im Spiegel. „Ich finde, es wirkt irgendwie ... loyaler."

Sarah lachte kurz und falsch auf, ohne etwas zu bemerken. „Loyaler? Seit wann kümmert dich das denn? Na egal, hast du die vertraulichen Dateien auf den Stick gezogen? Marcus hat mir schon dreimal geschrieben."

„Er ist da", sagte ich und tippte auf das silberne Täschchen auf dem Frisiertisch. „Sag ihm, dass er heute Abend genau das bekommt, was er verdient."

„Du bist heute so dramatisch!", gluckste sie. „Ich liebe es. Ich richte schnell meinen Eyeliner, wir treffen uns am Wagen!"

Kaum war die Tür hinter ihr zugefallen, holte ich den kleinen schwarzen USB-Stick hervor, den ich unter meinem Make-up versteckt hatte. Während die Friseurinnen beschäftigt gewesen waren, hatte ich heimlich die Verschlüsselung fertiggestellt. Äußerlich ein gewöhnlicher Kingston-Firmenstick. Im Inneren: ein Nest aus manipulierten Daten und ein Spionageskript, das Calebs Sicherheitsabteilung in der Sekunde alarmieren würde, in der er einen externen Server berührte.

Ich ließ ihn auf den Grund meiner Tasche gleiten.

Im großen Spiegel umhüllte mich das nachtblaue Kleid wie eine Rüstung. Der hohe Kragen und die langen Ärmel verliehen ihm etwas Strenges, Majestätisches und modellierten meine Silhouette, ohne zu viel zu zeigen. Das launische, leicht zu lenkende Mädchen war verschwunden. Das war die Garderobe einer Frau, die bereit war, ihre Karten auf den Tisch zu legen.

Unten im Erdgeschoss hallte das dumpfe Zufallen der Haustür. Caleb war da.

Ich krallte meine Finger um das Täschchen. Das Gewicht der Elektronik in meinen Händen fühlte sich an wie das einer geladenen Waffe.

Oben an der großen Treppe sah ich Caleb in der Eingangshalle stehen. In seinen dunklen Smoking gekleidet, wirkte er umwerfend elegant, doch die Müdigkeit hatte sich hart in seine Züge gegraben. Er tippte auf das Ziffernblatt seiner Uhr, den Kiefer angespannt, und rechnete zweifellos mit meiner üblichen Verspätung, meinen hysterischen Ausbrüchen oder Geschrei gegen die Visagistinnen.

Dann sah er auf.

Er rührte sich nicht. Sein Blick, sonst von eisiger Verachtung und zermürbtem Misstrauen überzogen, erstarrte. Für den Bruchteil einer Sekunde huschte Unverständnis über seine dunklen Augen. Schon wieder ein Theater? Was für ein Spiel spielt sie jetzt schon wieder?, schien die harte Linie seiner Lippen zu sagen.

„Du bist fertig", brachte er mit rauer Stimme hervor, ohne seinen resignierten Verdruss zu verbergen.

„Ich hatte es dir versprochen", sagte ich und nahm die letzten Stufen.

Ich warf einen Blick zu Sarah, die reglos neben dem Portal stand, die Nase in ihr Display gesteckt, um Marcus Bescheid zu geben. Dann wandte ich mich Caleb zu und schob ohne Zögern meinen Arm unter seinen.

Sein Körper versteifte sich augenblicklich. Ein instinktiver Abwehrreflex. Er senkte einen schweren, misstrauischen Blick auf meine Hand auf seinem Ärmel. Aber wir waren in der Öffentlichkeit, vor dem Personal und vor Sarah; er würde keine Szene machen. Er ließ es geschehen, überzeugt, dass es eine neue Provokation oder ein kalkuliertes Manöver sei, um die Presse milde zu stimmen.

„Was spielst du, Evelyn? Du bist anders", murmelte er zwischen den Zähnen, leise genug, dass Sarah nichts hören konnte. Sein Ton war scharf, durchsetzt von hartnäckiger Bitterkeit.

„Ich spiele nicht mehr", antwortete ich ruhig. „Gehen wir?"

Caleb warf Sarah einen misstrauischen Blick zu und sah dann wieder mich an, die Brauen zusammengezogen. „Der Wagen wartet. Aber bist du sicher? Normalerweise erträgst du es nicht, mit mir zu fahren, und springst lieber in ihre Limousine."

„Ich bin mir sicher", sagte ich in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. „Mein Platz ist hier."

Gemeinsam traten wir über die Schwelle. In meinem Rücken spürte ich Sarahs scharfen Blick zwischen meine Schulterblätter dringen, verunsichert von meinem Verhalten. Es war mir gleichgültig. Die sterbende Sonne vergoldete die Bäume der Auffahrt.

Die Falle war gestellt. Marcus erwartete seinen goldenen Segen und Sarah ihre Provision. Keiner von ihnen ahnte, dass das leichtgläubige Geschöpf, das sie zu lenken glaubten, tot war und dass die Frau, die heute Abend an ihrer Seite ging, gekommen war, um Rechnungen zu begleichen.

Caleb führte mich zum Fond der Limousine. Er musterte mich noch immer und suchte hinter dieser ungewohnten Ruhe die Falle, aber er wies mich nicht zurück, als ich mich neben ihn setzte.

„Der Abend könnte interessant werden", murmelte ich, als der Fahrer den ersten Gang einlegte.

Caleb stieß einen müden Seufzer aus, an das dunkle Leder gelehnt, den Blick starr nach vorn gerichtet. „Ich hoffe nur, dass er ruhig wird. Für diesmal."

Durch die Scheibe zog die Landschaft in der Dämmerung vorbei. „Ruhig wird er nicht, Caleb. Aber ..."

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