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Kapitel Drei

作者: MURK ROSE
last update 公開日: 2026-11-05 10:00:47

Evelyns Perspektive

Ich warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Es war kaum Mittag.

In meinem anderen Leben hätte ich diese Stunde in einer abgeschirmten Kabine eines Luxus-Spas verbracht, über die Temperatur des aromatisierten Wassers gemeckert und dabei schlüpfrige Nachrichten mit Marcus ausgetauscht. Heute saß ich auf der Rückbank einer schwarzen Limousine, die Handflächen feucht, und drückte ein kleines nachtblaues Samtetui an meine Brust. Darin lag ein Paar Saphir-Manschettenknöpfe, die Caleb gehörten.

Er brauchte sie nicht – er besaß Dutzende davon, alphabetisch sortiert in seinem Ankleidezimmer. Aber sie waren mein einziger Vorwand, um ohne Termin an den Sicherheitssperren seines Hauptquartiers vorbeizukommen.

Als der Wagen am Fuß des Monolithen aus Glas und schwarzem Stahl hielt, in dem Kingston Enterprises residierte, drehte sich mir vor Übelkeit der Magen um.

Als ich die imposante Eingangshalle betrat, erstarrten die beiden Sicherheitsleute. Ihre Gesichter entgleisten innerhalb eines Augenblicks. Sie kannten mich nur zu gut: Ich war die hysterische Frau, die vor sechs Monaten einen Empfangsmitarbeiter hatte feuern lassen, weil der Privataufzug dreißig Sekunden zu lange gebraucht hatte. Ich konnte ihnen ihre Angst nicht verübeln. Jahrelang hatte mein Erscheinen hier unweigerlich einen Sturm aus Beleidigungen, absurden Forderungen und öffentlichen Demütigungen angekündigt.

Sie rechneten bereits mit dem Drama. Mit dem täglichen Hysterieanfall.

„Guten Tag“, sagte ich mit ruhiger Stimme und deutete ein leichtes Lächeln an. „Ich möchte zu meinem Mann.“

Der jüngere der beiden Wachmänner blinzelte aus dem Konzept gebracht und schob unauffällig eine Mappe beiseite, als fürchte er, ich könnte sie ihm ins Gesicht schleudern. „Äh ... Ja, Frau Kingston. Ich ... ich informiere sofort das Sekretariat.“

„Danke. Das ist sehr freundlich von Ihnen.“

Ich ging auf die Aufzugsbatterie zu. Im Spiegelbild der goldenen Türen, die sich schlossen, sah ich, wie die beiden Männer die Köpfe zusammensteckten und ungläubig tuschelten. Ich hatte ihnen das Leben schwer gemacht. Ich war ein Ungeheuer an Verachtung gewesen und hatte den Namen meines Mannes wie eine Peitsche benutzt, um Angestellte zu terrorisieren, die mir nie etwas getan hatten.

In der obersten Etage, der Chefetage, lastete Stille, gedämpft von dickem Teppichboden. Der Geruch von hochwertig geröstetem Kaffee und Luxusleder konnte die greifbare Anspannung nicht überdecken.

Hinter einem wuchtigen Schreibtisch aus Milchglas saß Margaret. Sechzig Jahre alt, scharfer Blick, seit der Gründung des Unternehmens Calebs persönliche Assistentin. Und vor allem: Sie hegte einen glühenden und völlig berechtigten Hass gegen mich. Früher hatte ich sie dafür ebenso gehasst und sie für zu starr und zu beschützerisch gegenüber meinem Mann gehalten.

Sie hob nicht einmal den Blick von ihren beiden Bildschirmen, als ich näher kam.

„Herr Kingston ist in einer Strategiebesprechung, Evelyn“, sagte sie in monotonem, schneidendem Ton. „Vor mindestens einer Stunde kommt er da nicht heraus, und sein Terminkalender ist bis zur Abfahrt zur Gala komplett voll.“

„Ich kann warten, Margaret“, antwortete ich ganz leise.

Ihr Kinn ruckte hoch. Die Brille rutschte ihr auf der Nase nach unten.

„Sie ... wollen warten?“, wiederholte sie und suchte in meinem Gesicht nach Ironie. „Normalerweise treten Sie seine Tür ein und verlangen, dass er Ihnen seine schwarze Kreditkarte aushändigt oder Sie zum Juwelier begleitet.“

Ich ließ mich lautlos in einen der Ledersessel ihr gegenüber sinken.

„Ich weiß, dass ich in der Vergangenheit ... abscheulich war. Aber ich wollte ihm nur das hier bringen. Er hat sie heute Morgen auf seiner Kommode vergessen.“ Ich hob das Samtetui.

Margaret starrte die Schachtel an, musterte dann lange mich, die Stirn gerunzelt, und suchte fieberhaft nach der Falle.

„Legen Sie sie dort ab“, sagte sie und deutete auf die Ecke ihres Tisches. „Ich gebe sie ihm.“

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich sie ihm lieber persönlich übergeben. Ich setze mich einfach hierher und bin ganz leise. Ich werde Sie nicht stören.“

Eine ganze Stunde verging. Ich zog mein Handy nicht hervor. Ich stieß keine genervten Seufzer aus. Ich blieb regungslos sitzen, die Hände im Schoß gefaltet. Margaret warf mir ihrerseits alle drei Minuten verstohlene Blicke zu und saß steif auf ihrem Stuhl, als verberge ich unter meinem Mantel eine Handgranate. Jedes Mal, wenn sich unsere Blicke trafen, nickte ich ihr höflich zu. Sie wirkte so fassungslos, dass sie kurz vor einem Schlaganfall zu stehen schien.

In meinem früheren Leben hatte sie Caleb einmal gesagt, nur eine traumatische Erfahrung oder der Tod könnten mich verändern. Wenn sie nur wüsste, wie recht sie gehabt hatte.

Plötzlich schwangen die Flügeltüren aus Mahagoni des Konferenzraums auf. Ein Dutzend Männer und Frauen in dunklen Anzügen kam heraus, die Gesichter von den Verhandlungen ausgezehrt. Caleb bildete den Schluss und sprach leise mit seinem Leiter der Rechtsabteilung.

Er hob den Blick. Seine Augen trafen meine, und die Worte blieben ihm mitten im Satz im Hals stecken.

„Evelyn?“ Seine Stimme war tief und trug sofort gereizte Abwehr in sich. „Was machst du hier? Ist etwas mit Leo?“

„Leo geht es gut“, sagte ich und stand ruhig auf. „Du hast heute Morgen deine Manschettenknöpfe vergessen. Ich dachte, du brauchst sie für die Gala.“

Ich trat einen Schritt vor und reichte ihm das kleine Etui. Caleb stand wie versteinert da. Sein Blick wanderte zwischen meiner ausgestreckten Hand und meinen Augen hin und her. Wahrscheinlich suchte er nach dem Hinterhalt und rechnete damit, dass ich das Etui auf den Boden schleudern würde, um vor seinen Mitarbeitern einen Skandal auszulösen.

Langsam, mit spürbarem Misstrauen, schlossen sich seine Finger um den Samt.

„Du bist quer durch die ganze Stadt gefahren ... wegen Manschettenknöpfen?“, fragte er mit belegter Stimme.

„Und um dich etwas zu fragen.“

Caleb stieß einen müden Seufzer aus und wandte sich an seinen Anwalt. „Gib uns einen Moment, Frank.“

Nachdem sich der Flur geleert hatte, führte er mich in sein weitläufiges Eckbüro mit Panoramablick und schloss die Tür. Er machte sich nicht die Mühe, sich zu setzen. Er blieb stehen, den ganzen Körper angespannt.

„Hör zu, Evelyn. Wenn du das Limit deiner Karte für die Versteigerung heute Abend neu verhandeln willst, lautet die Antwort Nein. Wir haben das gestern schon besprochen.“

„Es geht nicht ums Geld, Caleb.“

Ich machte drei Schritte auf ihn zu.

Instinktiv wich Caleb einen ganzen Schritt zurück, bis sein Kreuz an die Kante seines Mahagonischreibtischs stieß. Der skrupellose Geschäftsmann, vor dem die größten Investoren des Landes zitterten, war aus reiner Furcht vor meinen Reaktionen zurückgewichen. Ein Dolchstoß fuhr noch tiefer in mein Herz.

„Ich wollte wissen, ob wir gemeinsam zur Gala fahren können“, sagte ich leise. „Im selben Wagen. Ich möchte, dass wir als Familie dort ankommen.“

Caleb sah mich fassungslos an. „Du verabscheust die Familienlimousine. Letztes Jahr hast du mich angeschrien, sie lasse dich wie eine ‚Vorstadthausfrau‘ aussehen. Du hast darauf bestanden, deinen eigenen Wagen mit Chauffeur zu bekommen, um deine Freunde zu treffen und früher zu gehen.“

„Ich hatte unrecht“, flüsterte ich.

Ich streckte die Hand aus. Meine Finger zitterten leicht, als ich näher an ihn herantrat, um den Knoten seiner Seidenkrawatte zurechtzurücken. Caleb erstarrte sofort und hielt den Atem an, als würde meine Berührung ihn verbrennen.

„Ich möchte heute Abend an deiner Seite sein“, fuhr ich fort und blickte zu ihm auf. „Nicht, um vor der Presse eine Statistenrolle zu spielen, sondern weil ich deine Frau bin.“

Für den Bruchteil einer Sekunde bekam der Eispanzer, der sein Gesicht umschloss, Risse. Im Schimmer seiner dunklen Augen sah ich den Mann, der mir vor fünf Jahren einen Heiratsantrag gemacht hatte – den Mann, der mich mit reiner, verzehrender Liebe geliebt hatte, bevor ich systematisch jedes Fünkchen seines Vertrauens zerstörte.

Die Erinnerung an mein vergangenes Leben traf mich mit voller Wucht. Nach meinem Tod, als ich geglaubt hatte, er würde endlich seine Befreiung feiern und schnell wieder heiraten, um dieses Kapitel der Hölle abzuschließen ... hatte er das nicht getan. Er war zerbrochen. Er hatte meinen Verlust hinausgeschrien. Er hatte mich bis in die tiefste Faser seines Wesens geliebt, selbst über das Grab hinaus, trotz des Monsters, das ich für ihn gewesen war.

Eine blutige Ironie durchzuckte mich: Ich hatte alles für Marcus geopfert, einen Parasiten und Manipulator, der mich zusammen mit meiner besten Freundin kaltblütig ermordet hatte, während die absolute Liebe, die ich überall gesucht hatte, direkt vor meinen Augen gewesen war, zerbrochen durch meine eigene Schuld.

„Was für ein Spiel spielst du, Evelyn?“, murmelte Caleb. Die Aggressivität war aus seiner Stimme gewichen. Zurück blieb nur tiefe Verwirrung. Und ein unermesslicher Schmerz.

„Ich spiele nicht mehr“, sagte ich. „Ich bin um achtzehn Uhr fertig. Sei zu Hause, um Leo und mich abzuholen.“

Ich wartete seine Antwort nicht ab. Ich drehte mich um und ging zum Ausgang. Die Hand schon auf der Klinke, wandte ich mich ein letztes Mal um. Caleb hatte sich keinen Millimeter bewegt. Er lehnte immer noch an seinem Schreibtisch und umklammerte das Samtetui so fest, dass seine Fingerknöchel vollständig weiß geworden waren.

„Um achtzehn Uhr, Caleb“, wiederholte ich.

Als ich wieder am Vorzimmer vorbeikam, begegnete ich Margarets Blick. Sie saß mit leicht geöffnetem Mund da.

„Noch einen schönen Nachmittag, Margaret“, sagte ich aufrichtig.

Ich spürte ihre Augen in meinem Rücken brennen, bis die Metalltüren des Aufzugs mich ihrem Blick entzogen. Zum allerersten Mal in fünf Jahren verließ ich dieses Gebäude, ohne dass jemand weinte, schrie oder Glasscherben aufsammelte.

Es war ein winziger Sieg. Aber als ich die Eingangshalle betrat, wusste ich, dass der wahre Krieg gerade erst begann.

Ich musste nach Hause. Ich hatte einen Hackerangriff zu vollenden, einen verängstigten kleinen Jungen zu beruhigen und meiner lieben „besten Freundin“ eine tödliche Falle zu stellen.

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