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Kapitel 5: Dein Fahrer heute Abend

Author: Tiannah
last update publish date: 2026-10-23 21:11:58

Sophia bewegte sich nicht, während das kleine Licht weiterhin auf ihr Auge gerichtet blieb. Es war hell und kalt und brannte unangenehm.

Bloß nicht blinzeln. Nicht zurückweichen. Denk nach.

„Ich weiß“, sagte sie langsam und ließ ihre Stimme brechen. „Ich habe nicht geschlafen, Mutter.“

Calistas Hand lag noch immer an ihrem Kinn. „Ach, wirklich?“

„Ich habe die ganze Nacht geweint.“ Sophia ließ ihre Augen feucht werden, und diesmal musste sie sich nicht einmal verstellen. Die Tränen kamen von ganz allein, denn sie hatte mehr als genug davon in sich aufgestaut. „Es ist albern, ich weiß. Aber ich konnte einfach nicht aufhören, daran zu denken, dass etwas schiefgehen könnte. Dass Nicholas seine Meinung ändert und ich ihn verliere.“

Das Licht erlosch mit einem leisen Klick.

Calista betrachtete ihr Gesicht aufmerksam. Sophia hatte das Gefühl, als würde dieser Blick ihre Haut durchdringen und nach dem kleinsten Riss in ihrer Fassade suchen. Niemand im Haus hatte diese Frau jemals erfolgreich belogen und war damit davongekommen. Sophia wusste das besser als jeder andere.

„Du hast also geweint“, stellte Calista fest.

„Ja.“

„Wegen Nicholas?“

„Wegen allem.“ Sophia lachte leise und unter Tränen, bevor sie ihren Kopf langsam und schwer auf das Kissen sinken ließ. „Ich bin so müde. Das Tonikum hat mich schläfrig gemacht. Ich möchte mich einfach nur hinlegen.“

Lange Zeit war nur die Uhr zu hören, die unten im Haus tickte.

Schließlich lockerten sich Calistas Finger. Sie strich Sophia beinahe liebevoll mit dem Daumen über die Wange und wischte eine Träne weg.

„Mein armes Mädchen“, sagte sie sanft. „Du bist so empfindlich und lässt dich so leicht verängstigen.“

„Ich weiß, Mutter.“

„Deshalb brauchst du Menschen, die sich um dich kümmern.“

„Ich weiß.“

Calista lächelte, stand jedoch nicht auf. Stattdessen blieb sie still neben dem Bett sitzen und ließ ihren Blick durch das Zimmer wandern. Sophia beobachtete sie mit halb geschlossenen Augen, während sie versuchte, möglichst schläfrig zu wirken. Calistas Blick wanderte zu den geschlossenen Vorhängen, zum Nachttisch und schließlich zum Regal.

Dort blieb er auf dem Topf mit den vertrockneten Rosen liegen.

Die Erde darin war dunkel und feucht.

Sophias Herz schien für einen Moment stehen zu bleiben.

Bitte. Bitte sieh nicht genauer hin.

Calista erhob sich und ging zum Regal. Ihre Absätze klackten langsam und gleichmäßig auf dem Boden. Vor dem Blumentopf blieb sie stehen, legte den Kopf leicht schief und berührte die Erde mit einem Finger. Anschließend rieb sie die feuchte Erde zwischen Daumen und Zeigefinger.

„Du hast deine Blumen gegossen“, bemerkte sie.

„Sie sind am Eingehen“, flüsterte Sophia.

„Schatz, sie sind seit Monaten tot.“

„Ich wollte es trotzdem versuchen.“

Calista drehte sich zu ihr um. Die Wärme war nun ein wenig aus ihrem Gesicht gewichen. Zurück blieb ein glatter, geduldiger Ausdruck, wie bei einer Katze, die einen Vogel beobachtet und auf den richtigen Moment wartet. Es war derselbe Gesichtsausdruck, den Sophia von der Unfallstelle kannte, obwohl sie ihn damals nur durch das Telefon gehört hatte.

„Du gießt sonst niemals etwas“, sagte Calista. „Du vergisst sogar deinen eigenen Geburtstag.“

Sophias Mund wurde trocken. Ihr fiel keine Antwort ein, denn jedes Wort könnte das falsche sein.

Also tat sie das Einzige, was ihr in diesem Moment einfiel.

Sie ließ ihr Gesicht in sich zusammenfallen und begann zu schluchzen.

„Ich weiß, dass ich nutzlos bin.“ Sie presste das leere Glas an ihre Brust. „Ich weiß, dass ich eine Enttäuschung bin. Elena kann einfach alles besser als ich. Ich wollte vor heute Abend nur ein einziges Mal etwas richtig machen. Nur eine kleine, dumme Sache. Warum gibst du mir immer das Gefühl, dass ich nichts wert bin?“

Es wurde still.

Dann lachte Calista leise und überrascht auf.

„Ach, Sophia.“

Sie kehrte zum Bett zurück und zog ihre Tochter in die Arme. Ihr schweres Rosenduftparfüm umhüllte Sophia, sodass ihr beinahe übel wurde. Jeder Muskel in ihrem Körper wollte diese Frau von sich stoßen und ihr die Wahrheit ins Gesicht schreien.

Stattdessen weinte sie noch heftiger.

„Schon gut, mein Schatz“, sagte Calista und wiegte sie sanft in ihren Armen. „Beruhige dich. Du bist nicht nutzlos. Du bist einfach nur zerbrechlich. Deshalb ist Mutter ja hier.“

Zerbrechlich.

Sophia vergrub ihr Gesicht in Calistas Schulter, damit diese ihren wahren Ausdruck nicht sehen konnte. Ihre Augen waren inzwischen trocken und hart, und sie biss die Zähne so fest zusammen, dass ihr der Kiefer schmerzte.

Lach nur, solange du noch kannst. Jedes Wort, jede Berührung und jedes Lächeln von dir werde ich mir merken.

„So, jetzt ist Schluss“, sagte Calista schließlich. Sie löste sich von Sophia und wischte ihr mit einem Taschentuch das Gesicht ab, als würde sie ein kleines Kind säubern. „Ich schicke Mina mit deinem Frühstück zu dir. Danach wird Elena dir beim Fertigmachen helfen. Der Friseur kommt um zwölf.“

„Elena?“, fragte Sophia, bevor sie sich zurückhalten konnte.

„Deine Schwester.“ Calista hob eine Augenbraue. „Hast du etwa ein Problem damit?“

„Nein. Natürlich nicht.“

„Gut.“

Calista nahm ihre Teetasse, ging zur Tür und blieb dort mit einer Hand am Türrahmen stehen. Das Licht aus dem Flur tauchte ihre Silhouette in einen goldenen Schimmer.

„Ach, beinahe hätte ich etwas vergessen.“

Sophia hielt den Atem an.

„Ich habe beschlossen, dass du heute Abend nicht selbst fahren solltest. Du bist zu aufgewühlt, und ich könnte es mir niemals verzeihen, wenn dir etwas zustößt.“ Über ihre Schulter hinweg schenkte Calista ihr ein zuckersüßes Lächeln. „Roman wird dich zur Feier fahren.“

Im Zimmer breitete sich Stille aus.

Sophia spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich. Für einen einzigen Moment entglitt ihr die Maske, und sie wusste, dass Calista es bemerkt hatte. Der Blick ihrer Mutter wurde sofort schärfer.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“

„Nein.“ Sophia zwang ihre Lippen zu einem Lächeln, das sich anfühlte, als würde sie sich selbst die Haut aufschneiden. „Das ist sehr aufmerksam von dir, Mutter. Danke.“

„Aber natürlich, mein Schatz.“ Calista warf ihr einen Kuss zu. „Ich passe doch immer auf meine Mädchen auf.“

Die Tür fiel ins Schloss.

Sophia saß wie erstarrt im dämmrigen Licht und lauschte, bis das Klacken von Calistas Absätzen im Flur verklungen war. Erst als sie sicher war, dass niemand mehr in der Nähe war, beugte sie sich nach vorn und übergab sich heftig in den Papierkorb. Sie würgte so lange, bis ihr Magen völlig leer war.

Roman.

Die Narbe an seiner Hand. Das silberne Feuerzeug. Das Benzin, dessen süßlicher, schwerer Geruch ihr noch immer in der Nase zu liegen schien. Nichts Persönliches, Miss.

Er war kein Fremder für sie. Er lebte, und er war unten im Haus. Wahrscheinlich wusch er gerade Calistas Auto, trank einen Kaffee in der Küche oder las die Zeitung. Er wusste nicht, was er in einem Jahr tun würde. Und er hatte keine Ahnung, dass Sophia es bereits gesehen hatte.

Ich könnte schreien. Ich könnte jetzt sofort nach unten gehen und allen erzählen, was er getan hat.

Doch sie wusste genau, wie das enden würde. Ein hysterisches Mädchen am Tag ihrer Verlobungsfeier, ohne Beweise, während ihre ruhige und liebevolle Mutter nur sagen würde: Sie ist nicht ganz gesund, die Arme.

Man würde sie in eine Klinik einweisen. Vielleicht sogar in die Merrow-Klinik selbst.

Sophia wischte sich den Mund ab und setzte sich vollkommen still hin.

Sie besaß etwas, von dem Calista nichts wusste. Sie hatte ein ganzes Jahr Zeit. Calista glaubte, dass in diesem Bett immer noch ihre gehorsame kleine Puppe lag. Sie ahnte nicht, dass diese Puppe nach ihrem Tod als jemand völlig anderes erwacht war.

Sophia stand auf und wusch sich das Gesicht. Danach ging sie zum Regal, nahm das Parfümfläschchen mit dem grünen Tonikum und versteckte es tief in ihrer alten Schultasche. Anschließend griff sie nach ihrem Handy.

Während sie geweint hatte, hatte Nicholas ihr zwei weitere Nachrichten geschickt.

Nicholas: Bist du wach? Ruf mich an.

Nicholas: Vergiss das weiße Kleid nicht. Ich möchte, dass du heute Abend perfekt aussiehst. Alle werden uns beobachten.

Sophia las die Nachricht noch einmal.

Alle werden uns beobachten.

Zum ersten Mal, seit sie wieder aufgewacht war, berührte ein echtes Lächeln ihre Lippen. Es war klein und kalt, und nichts daran erinnerte an die Sanftheit, die früher einmal in ihrem Gesicht gelegen hatte.

Ja, alle würden sie beobachten. Nicholas hatte es schließlich selbst so gewollt.

Sie öffnete ihren Kleiderschrank und betrachtete das weiße Kleid, das darin hing. Es war lang, makellos und in eine durchsichtige Kleiderhülle eingeschlossen. Sophia strich mit den Fingern über den seidigen Stoff. Das Kleid war wunderschön. Früher hatte sie das zumindest geglaubt.

„Na schön“, sagte sie zu dem leeren Zimmer. „Ich werde es tragen.“

Ein leises Klopfen ertönte an der Tür. Mina stand davor und brachte ein Tablett mit dem Frühstück herein. Ihre Hände zitterten, als sie es auf dem Tisch abstellte. Sophia bemerkte sofort, dass das Mädchen selbst noch keinen Bissen gegessen hatte.

„Miss Sophia“, flüsterte Mina. Ihr Blick huschte zur Tür und kehrte dann zu Sophia zurück. „Madam hat mich angewiesen, den ganzen Tag in Ihrer Nähe zu bleiben. Ich soll ihr alles berichten, was Sie sagen.“

„Ich verstehe.“

„Aber ich ...“ Mina biss sich auf die Lippe, während ihre Stimme immer unsicherer wurde. „Ich möchte das nicht.“

Sophia betrachtete sie lange, ohne etwas zu sagen.

Dann schloss sie langsam ihren Kleiderschrank und drehte sich zu ihr um.

„Mina“, sagte sie leise. „Wie würdest du es finden, wenn du mir dabei helfen könntest, einigen sehr schlechten Menschen einen ganz besonders schlimmen Abend zu bereiten?“

Minas Augen weiteten sich vor Überraschung.

Und unten im Haus ertönte in der Stille ein leises, deutliches metallisches Klicken, als jemand ein silbernes Feuerzeug auf- und wieder zuklappte.

Klick.

Klick.

Klick.

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