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Kapitel 3: Scheinwerfer im Regen

Auteur: Tiannah
last update Date de publication: 2026-10-23 21:10:45

Die Scheinwerfer waren viel zu nah.

Sophia trat das Gaspedal noch weiter durch. Die nasse Straße glänzte schwarz vor ihr, während die Scheibenwischer mit dem heftigen Regen kaum Schritt halten konnten. Auf dem Sitz neben ihr vibrierte ihr Telefon erneut.

MUTTER.

Ihre Hände zitterten, doch sie nahm den Anruf nicht an. Jetzt wusste sie, was diese Stimme sagen würde, und sie wusste auch, was sie bereits angerichtet hatte.

Die Lichter im Rückspiegel wurden immer größer. Ihr grelles, weißes Licht erfüllte inzwischen den gesamten Innenraum ihres Wagens, und für einen kurzen Moment konnte Sophia den Fahrer erkennen.

Roman.

Seit zwölf Jahren fuhr er Calista überallhin. Als Sophia zwölf Jahre alt gewesen war, hatte er sogar ihre Schultasche für sie getragen. Er sah nicht einmal wütend aus. Sein Gesicht wirkte gelangweilt, als würde er lediglich seine Arbeit erledigen.

„Nein“, flüsterte sie. „Nein, nein, nein.“

Sie nahm die scharfe Kurve am Dunmore Hill viel zu schnell. Die Reifen quietschten, und ihr Wagen geriet ins Schleudern, bevor er weit nach außen rutschte. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, doch sie hielt das Lenkrad fest. Vor ihr verlief die Straße gerade am Rand der Schnellstraße entlang. Links fiel das Gelände steil ab, während sich rechts eine Leitplanke aus Stahl erstreckte.

Die schwarze Limousine fuhr direkt neben sie.

Ihre Seitenscheibe begann zu vibrieren. Sophia drehte den Kopf und sah Romans Hand am Lenkrad. Auf dem Handrücken seiner linken Hand befand sich eine helle, halbmondförmige Narbe. Sie hatte diese Narbe schon tausendmal gesehen, wenn sie ihm einen Kaffee oder seinen Mantel gereicht hatte. Doch jetzt sah sie aus wie ein Lächeln.

„Bitte“, flüsterte sie, obwohl er sie nicht hören konnte. „Ich habe nichts getan. Bitte.“

Seine vordere Stoßstange berührte ihr Hinterrad.

Die Welt kippte zur Seite.

Ihr Wagen drehte sich einmal um die eigene Achse, dann ein zweites und schließlich ein drittes Mal. Sophias Kopf schlug gegen die Scheibe. Regen, Lichter und Himmel verschwammen zu einem einzigen wirren Bild, während ein Schrei aus ihrer Kehle brach, den sie selbst kaum wiedererkannte.

Dann kam der Wagen mit einem heftigen Aufprall zum Stillstand, der Sophia bis in die Knochen erschütterte. Metall verbog sich um sie herum, und der Airbag traf ihr Gesicht wie ein Faustschlag.

Einen Augenblick lang hörte sie nur den Regen.

Dann setzte der Schmerz ein. Er begann in ihren Rippen und breitete sich über ihre Brust bis in ihren Arm und ihren Nacken aus. Sie schmeckte Blut im Mund. Als sie sich bewegen wollte, stellte sie fest, dass die eingedrückte Tür ihr Bein einklemmte und der Sicherheitsgurt sich fest über ihren Bauch gespannt hatte.

Ihren Bauch.

Selbst jetzt legte sie eine Hand darauf, obwohl sie bereits alles gehört hatte, was an diesem Abend gesagt worden war. Das Baby gehörte nicht ihr. Das wusste sie. Aber zwölf Wochen lang hatte sie es von ganzem Herzen geliebt, und ihr Körper hatte diese Wahrheit noch immer nicht begriffen.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Es tut mir so leid.“

Draußen fiel eine Autotür ins Schloss.

Langsame, ruhige Schritte näherten sich durch den Regen. Sophia drehte den Kopf und sah eine dunkle Gestalt neben ihrem Fenster stehen bleiben. Roman beugte sich hinunter und blickte durch die gesprungene Scheibe zu ihr hinein. Dabei hielt er sein Telefon ans Ohr.

„Sie lebt noch“, sagte er.

Sophia konnte die Antwort am anderen Ende nicht hören. Doch sie konnte Romans Gesicht sehen und beobachtete, wie er einmal nickte, genau so, wie er es immer für Calista getan hatte.

„Ja, gnädige Frau. Ich verstehe.“

Er nahm das Telefon vom Ohr, beendete den Anruf jedoch nicht. Stattdessen legte er es auf das Autodach, wo der Bildschirm weiterhin leuchtete. Dann hörte Sophia durch das zerbrochene Fenster eine Stimme, die leise, aber deutlich zu ihr drang.

„Trenn die Leitung, Roman. Sorge dafür, dass alles verbrennt.“

Sophia hörte auf zu atmen.

Es war dieselbe Stimme, die ihr fünfzehn Jahre lang jeden Abend eine gute Nacht gewünscht hatte. Es war dieselbe Stimme, die ihr immer wieder gesagt hatte: Iss, mein Schatz. Du bist viel zu dünn.

In dieser Stimme lag keine Wut, sondern lediglich Müdigkeit, als hätte Calista ihn gerade darum gebeten, die Wäsche zu erledigen.

„Mutter?“, brachte Sophia hervor. Ihre Stimme brach. „Mutter, bitte. Ich werde niemandem etwas erzählen. Ich unterschreibe alles, was du willst. Ich werde weggehen. Bitte, ich bin deine Tochter.“

Am anderen Ende der Leitung herrschte für einen kurzen Moment Stille.

„Nein, mein Schatz“, antwortete Calista sanft. „Das warst du nie.“

Dann wurde die Verbindung unterbrochen.

Sophia schrie auf. Immer wieder schlug sie mit ihrer unverletzten Hand gegen die Scheibe, doch das Glas wollte einfach nicht zerbrechen. Inzwischen kniete Roman am hinteren Teil des Wagens. Sie hörte ein scharfes metallisches Geräusch und anschließend das Zischen einer Flüssigkeit, die auf die nasse Straße lief.

Der Geruch von Benzin breitete sich im Wagen aus. Er war schwer und süßlich, und schon bald begannen Sophias Augen zu brennen.

Im Rückspiegel sah sie, wie Roman sich wieder aufrichtete. Er griff in seine Tasche und holte ein silbernes Feuerzeug hervor. Einen Augenblick lang fing es das Licht ein, während er es zwischen seinen Fingern drehte, als würde er lediglich seine Uhr überprüfen.

„Nichts Persönliches, Fräulein“, sagte er.

Dann sprang eine Flamme auf.

Roman ließ das Feuerzeug in die Benzinlache fallen und ging davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Die Flammen schossen wie ein lebendiges Wesen über den Boden und erreichten innerhalb weniger Sekunden den Wagen. Die Hitze schlug gegen die Scheibe. Sophia schrie auf und zerrte mit beiden Händen am Sicherheitsgurt, doch ihre Finger rutschten immer wieder ab. Ihre Fingernägel rissen ein, und die Metallschnalle verbrannte ihre Haut, ließ sich aber nicht öffnen.

„Hilfe!“, schrie sie. „Bitte, kann mir jemand helfen? Hilfe!“

Rauch strömte durch die Lüftungsschlitze ins Wageninnere. Sophia hustete so heftig, dass ihre Brust schmerzte. Ihre Augen tränten unaufhörlich, während sich die Straße draußen in ein orangefarbenes und goldenes Flammenmeer verwandelte.

Dann sah sie Scheinwerfer.

Ein zweites Auto näherte sich mit hoher Geschwindigkeit, viel zu schnell für die nasse Straße. Es war ein schwarzer Wagen, lang und flach, der durch den Regen raste, als hätte sein Fahrer keine Angst vor den Gefahren der Straße. Die Bremsen kreischten, bevor das Auto quer zum Fahrbahnrand zum Stehen kam, nur wenige Schritte von den Flammen entfernt.

Die Tür flog auf, und ein Mann sprang heraus.

Er war groß und trug einen dunklen Mantel. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, rannte er direkt auf das brennende Auto zu. Durch den Rauch und die gesprungene Scheibe konnte Sophia sein Gesicht kaum erkennen. Sie sah nur seine Gestalt und die Entschlossenheit, mit der er sich bewegte, als hätte er bereits einmal etwas verloren und wäre fest entschlossen, diesen Verlust kein zweites Mal zu erleben.

Er erreichte ihre Tür und riss daran, doch sie bewegte sich nicht. Er versuchte es erneut, während sich die Muskeln in seinen Armen anspannten. Seine Hände verbrannten bereits, und Sophia konnte es deutlich sehen. Trotzdem ließ er nicht los.

„Halte durch!“, rief er mit rauer, verzweifelter Stimme. „Sieh mich an! Bleib bei mir!“

„Der Gurt!“, schrie sie. „Er lässt sich nicht öffnen!“

Er beugte sich durch das zerbrochene Fenster und tastete nach der Schnalle. Seine Hand schloss sich um ihre, und Sophia spürte die Hitze seiner Haut. Gleichzeitig nahm sie etwas anderes wahr, etwas, das sie nicht verstand. Er hielt sie fest, als hätte er sie schon einmal in seinen Armen gehalten.

„Ich habe dich“, sagte er. „Ich lasse dich nicht allein. Nicht noch einmal.“

Nicht noch einmal?

Die Worte trafen sie auf eine seltsame Weise, selbst durch den heftigen Schmerz hindurch. Doch hinter ihnen tobte das Feuer, und es blieb keine Zeit, Fragen zu stellen. Der Benzintank begann bedrohlich zu knarren. Der Mann riss ein letztes Mal an der Schnalle, und schließlich klickte sie auf.

Doch es war zu spät.

Eine glühende Hitzewelle schlug gegen den Wagen. Der Mann warf sich über Sophia und schützte ihren Kopf und ihre Schultern mit seinem eigenen Körper. Sie spürte, wie sich seine Arme fest um sie schlossen. Dann hörte sie, wie er ihren Namen aussprach, als wäre er ein Gebet.

„Sophia.“

Sie wusste nicht, woher er ihren Namen kannte.

Die Welt wurde weiß und dann rot.

In diesem letzten Augenblick, als das Feuer hinter ihr tobte und das Herz eines Fremden gegen ihre Wange schlug, verlor Sophia ihre Angst. Es gab keinen Platz mehr für Furcht. Stattdessen regte sich etwas weitaus Dunkleres in ihr, etwas, das langsam, stetig und eiskalt an die Oberfläche stieg.

Sie dachte an Nicholas, der gelächelt hatte, während er über eine Schüssel Suppe sprach, die er niemals selbst probiert hatte. Sie dachte an Elena, die ruhig und zufrieden das Leben an sich nahm, das eigentlich Sophia hätte gehören sollen. Schließlich dachte sie an Calistas sanfte Stimme.

Das warst du nie.

Ich werde nicht zulassen, dass dies mein Ende ist, dachte sie. Wenn es nach diesem Leben noch etwas gibt, wenn irgendein Gott, irgendeine Hölle oder auch nur die kleinste Möglichkeit existiert, zurückzukehren, dann werde ich zurückkommen. Ich werde euch alles nehmen. Jeden Namen, jede Lüge und alles, was ihr liebt. Und ihr werdet zusehen müssen, wie ich es tue.

Das Feuer verschlang die Straße, den Regen und den Himmel.

Dann gab es nichts mehr.

Sophia schnappte nach Luft und setzte sich ruckartig auf.

Kühle, saubere Luft strömte in ihre Lungen. Sie atmete immer wieder tief ein, bis ihre Brust zu schmerzen begann. Ihr Herz raste so heftig, dass jeder Schlag wehtat. Sie wartete darauf, den Schmerz, den Rauch und die Hitze wieder zu spüren.

Doch nichts davon kam.

Sie lag in einem Bett. Weiße Bettlaken umgaben sie, und sanftes Morgenlicht fiel durch dünne Vorhänge auf ihre Hände. Sie waren unversehrt und glatt, ohne Brandblasen oder eingerissene Fingernägel. Sophia starrte sie an und konnte kaum atmen.

Langsam legte sie mit zitternden Fingern eine Hand auf ihren Bauch.

Er war flach.

Ein Schluchzen brach aus ihr heraus. Es gab keine Rundung und kein zusätzliches Gewicht. Da war kein kleines Leben mehr, das sie geliebt und verloren hatte. Sie spürte nur ihren eigenen, unverletzten Körper in einem Zimmer, das sie nur zu gut kannte.

Ihr altes Schlafzimmer im Haus der Lawrences.

Nein. Das ist unmöglich. Ich habe gebrannt. Ich bin gestorben.

Ihr Blick wanderte hastig durch den Raum. Sie sah die rosafarbene Tapete, die getrockneten Rosen auf dem Regal und das Foto von ihr und Nicholas am See, das sie ein Jahr vor ihrem Tod weggeworfen hatte. Es stand auf dem Nachttisch in seinem silbernen Rahmen, als wäre niemals etwas geschehen.

Ihr Telefon lag direkt daneben.

Sie griff mit beiden Händen danach. Als der Bildschirm aufleuchtete, las sie das Datum einmal, dann ein zweites und schließlich ein drittes Mal, weil ihr Verstand sich weigerte, die Wahrheit zu akzeptieren.

2. NOVEMBER 2019.

Vor einem Jahr. Genau vor einem Jahr.

Ihr Daumen schwebte über dem Bildschirm. Dann erschien eine neue Nachricht, und als Sophia den Namen des Absenders sah, gefror ihr das Blut in den Adern.

Nicholas: Guten Morgen, meine Liebe. Zieh heute Abend ein weißes Kleid an. Bei unserer Verlobungsfeier werden alle Augen auf uns gerichtet sein.

Sophia starrte auf die Worte.

Dann begann sie langsam zu lächeln.

Es war kein glückliches Lächeln.

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