LOGINSie starb im Feuer. Sie erwachte ein Jahr früher. Verraten vom Mann, den sie liebte. Ermordet von der Familie, der sie diente. Nun hat sie ein Jahr, um ihnen alles zu geben. Ihre Waffe: eine Vertrags-Ehe mit dem ältesten Mann der Stadt. Was sie nicht weiß: Er hat auf sie gewartet. *Diesmal brennen sie.*
View MoreSophia hatte noch nie etwas besessen, das wirklich nur ihr gehörte.
Nicht einmal das Zimmer mit dem gesprungenen Spiegel oder die Kleidung in ihrem Schrank, die Elena sich ständig auslieh und nie zurückgab. Selbst ihren eigenen Namen konnte Sophia kaum als ihren betrachten, denn wenn Calista ihn aussprach, klang es, als würde sie mit einem Hund reden.
Doch heute Abend gab es ein kleines Geheimnis, das ganz allein ihr gehörte.
Sie stand in der Küche und legte eine Hand auf ihren Bauch. Sie war in der zwölften Schwangerschaftswoche. Dr. Hale hatte ihr die Nachricht mit einem Lächeln überbracht, und der Befund der Merrow-Klinik lag zusammengefaltet in ihrer Tasche. Das Papier war bereits ganz weich geworden, weil sie es immer wieder in die Hand genommen hatte.
Ein Baby.
Sophias Augen brannten, und sie musste leise über sich selbst lachen, damit die Köchin nicht zu ihr aufsah.
Seit einem Jahr wartete sie darauf, dass Nicholas sie so lieben würde, wie ein Ehemann seine Frau lieben sollte. Sie hatte seine Hemden gebügelt, seine Briefe getippt und gelernt, welche seiner Schweigepausen bedeuteten, dass sie ihn in Ruhe lassen sollte, und bei welchen sie ihm besser eine Tasse Tee brachte. All die Zeit hatte sie geglaubt, dass irgendwann Wärme in ihre Ehe einkehren würde, wenn sie nur geduldig genug blieb.
Und jetzt würde es endlich so weit sein. Ein Kind würde alles verändern. Das sagten schließlich alle.
Sie schöpfte Hühnersuppe mit Ingwer in eine weiße Schüssel, genau so, wie Nicholas sie mochte. Die Suppe war noch so heiß, dass der Dampf in die Luft stieg. Sophia selbst konnte nichts essen, was in diesem Haus zubereitet wurde. Das hatte sie noch nie gekonnt, seit sie neun Jahre alt gewesen war. Trotzdem hatte sie gelernt, für andere zu kochen, ohne selbst etwas zu probieren, und heute Abend zitterten ihre Hände nicht einmal.
Sag es ihm vorsichtig. Lass ihn zuerst lächeln.
Sie hatte diesen Moment vor dem Spiegel im Flur immer wieder geübt, bis ihr die Worte vertraut vorkamen.
Nicholas, wir bekommen ein Baby.
Sieben Worte, die sich für sie wie ein Gebet anhörten.
Mit beiden Händen trug sie die Schüssel durch den langen Flur. Dabei ging sie an den Porträts der Lawrence-Männer vorbei, deren gemalte Augen sie noch nie freundlich angesehen hatten. Der kalte Marmorboden drang durch ihre dünnen Hausschuhe, während sie sich dem Arbeitszimmer am Ende des Flurs näherte. Durch die angelehnte Tür fiel warmes Lampenlicht und zeichnete einen goldenen Streifen auf den dunklen Boden.
Nicholas arbeitete wieder einmal bis spät in die Nacht. Das war gut, denn so musste sie nicht länger auf den richtigen Moment warten.
Mit jedem Schritt schlug ihr Herz schneller. Sie strich sich die Haare glatt und befeuchtete ihre Lippen, während sie sich vorstellte, wie sich eine kleine Hand um ihren Finger schließen würde. Der Gedanke war so süß, dass sie beinahe stehen geblieben wäre, um zu weinen.
Nur noch ein Schritt, dann würde sie anklopfen.
Die Tür zum Arbeitszimmer stand einen schmalen Spalt offen, und Sophia hörte, wie ein Glas über die Holzoberfläche des Schreibtisches geschoben wurde.
Sie hob die Hand, um anzuklopfen.
„Bewegt es sich schon?“
Sophia erstarrte.
Es war Elenas Stimme. Sie klang leise und voller Verlangen, ganz anders als die Stimme, mit der sie morgens beim Frühstück sprach.
Bewegt es sich?
Sophias Hand blieb in der Luft hängen, während die heiße Suppe gefährlich nahe an den Rand der Schüssel schwappte.
„Dafür ist es noch zu früh“, antwortete Nicholas amüsiert. „Dr. Hale sagt, dass du noch einige Wochen lang nichts spüren wirst.“
Dr. Hale.
Ihr Arzt. Ihr eigenes Geheimnis. Sophia hatte niemandem davon erzählt, weder der Köchin noch Mina und nicht einmal Nicholas.
Aber woher wissen sie davon?
„Ich muss es nicht spüren“, erwiderte Elena. „Es muss nur bleiben, wo es ist.“
„Das wird es auch. Deine Mutter hat schließlich genug dafür bezahlt.“
Sophias Lächeln verschwand langsam von ihrem Gesicht, als würde Wachs von einer brennenden Kerze tropfen.
Deine Mutter.
Calista.
Ihre Gedanken drehten sich im Kreis und suchten verzweifelt nach einer Erklärung. Vielleicht sprach Elena von einer Freundin. Vielleicht ging es um eine andere Frau und einen anderen Arzt. Sophia klammerte sich an jede Möglichkeit, die ihr helfen konnte, das zu verdrängen, was sie gerade gehört hatte.
Dann beugte sie sich vorsichtig vor und blickte durch den Türspalt.
Nicholas saß auf der Kante seines Schreibtisches, während die Lampe hinter ihm leuchtete. Elena stand zwischen seinen Knien und hielt sich mit den Fingern an seinem Hemdkragen fest. Seine Hände glitten langsam und vertraut durch ihr Haar, als würde er etwas berühren, das ihm bereits gehörte.
Sophias Atem wurde flach.
Noch nie hatte sie gesehen, dass Nicholas eine andere Frau so berührte. Nicht ein einziges Mal in dem ganzen Jahr ihrer Ehe.
„Und sie ahnt wirklich nichts?“, fragte Elena.
„Sie glaubt, dass sie sich glücklich schätzen kann.“ Nicholas verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln. „Vor drei Monaten lag sie auf dieser Untersuchungsliege in der Klinik und bedankte sich bei der Krankenschwester, während sie die Augen geschlossen hielt. Sophia würde sich bei einem Mann bedanken, selbst wenn er ihr gerade auf die Füße getreten wäre.“
Vor drei Monaten.
Die Erinnerung kehrte mit erschreckender Klarheit zurück. Sie sah den kalten Behandlungsraum wieder vor sich, spürte das dünne Papierhemd auf ihrer Haut und hörte die sanfte Stimme der Krankenschwester.
Das ist nur eine kleine Behandlung für Ihren Zyklus, meine Liebe. Danach werden Sie sich kräftiger fühlen.
Calista hatte sie persönlich dorthin gefahren. Sie hatte sogar ihren Mantel für sie gehalten und sie während der gesamten Fahrt mit einem freundlichen Lächeln angesehen. Sophia war damals so dankbar gewesen, dass ihre Mutter sich endlich um sie zu kümmern schien, dass sie auf dem Heimweg im Auto geweint hatte.
Meine Mutter hat sich um mich gekümmert. Zum ersten Mal hat sie sich wirklich um mich gekümmert.
Die Kälte kroch durch ihre dünnen Hausschuhe, wanderte ihre Beine hinauf und breitete sich schließlich in ihrer Brust aus.
„Noch sechs Monate“, sagte Nicholas mit warmer Stimme. Er beugte sich vor und küsste Elena auf die Schläfe. „Dann hältst du unseren Sohn endlich in deinen Armen.“
Unser Sohn.
Die Schüssel begann in Sophias Händen zu zittern. Ein Tropfen Suppe schwappte über den Rand und lief ihr über das Handgelenk. Die Hitze brannte auf ihrer Haut, doch sie nahm den Schmerz kaum wahr.
„Endlich“, flüsterte Elena. „Dann gehört er mir.“
„Dir. Uns beiden.“ Nicholas lachte leise. „Und das Mädchen, das ihn ausgetragen hat, wird niemals erfahren, dass er von Anfang an nie für sie bestimmt war.“
Sophia öffnete den Mund, doch kein Laut kam über ihre Lippen.
Langsam ließ sie eine Hand zu ihrem Bauch sinken. Unter ihrer Handfläche wuchs ein kleines, neues Leben heran. Nachts hatte sie mit ihrem Baby gesprochen, wenn niemand sie hören konnte. Heimlich hatte sie sich bereits hundert verschiedene Namen für das Kind ausgedacht.
Mein Baby. Er gehört mir.
Doch Nicholas hatte gerade von ihr als dem Mädchen gesprochen, das sein Kind austrug, als wäre sie nichts weiter als ein gemietetes Zimmer, das man jederzeit wieder verlassen konnte.
Das gefaltete Papier in ihrer Tasche fühlte sich plötzlich unerträglich schwer an. Sie dachte an Dr. Hales Lächeln und daran, wie Calista darauf bestanden hatte, sie ausgerechnet in diese Klinik zu bringen. Sie hatte dabei ihre Hand auf Sophias Schulter gelegt und so freundlich gelächelt, dass Sophia keinen Grund gehabt hatte, an ihr zu zweifeln.
Deine Mutter hat schließlich genug dafür bezahlt.
Endlich fanden Sophias Gedanken die Tür, vor der sie sich die ganze Zeit gefürchtet hatten.
Das Baby gehörte nicht ihr.
Nichts davon gehörte ihr. Weder das Kind noch ihre Ehe, weder die freundlichen Worte noch die zärtlichen Berührungen. Nicht einmal die Suppe, die sie gerade durch diesen Flur getragen hatte, als wäre sie ein Geschenk für den Mann, den sie liebte.
Sie war die Einzige in diesem Haus gewesen, die nicht wusste, wofür ihr eigener Körper tatsächlich benutzt wurde.
Die Schüssel glitt ihr aus den Händen.
Sie schlug auf dem Marmorboden auf und zerbrach in mehrere Stücke. Die heiße Suppe spritzte über ihre Schuhe, während Porzellanscherben in alle Richtungen über den Boden rutschten.
Im Arbeitszimmer verstummten die Stimmen.
Bevor irgendjemand reagieren konnte, ging Dimitri direkt auf Sophia zu und nahm ihre Hand. Ein gemeinsames Keuchen ging durch den Ballsaal. Sophia versteifte sich, als sich seine Finger um ihre schlossen. Sie hatte kaum Zeit, ihn anzusehen, bevor er sich umdrehte und sie zum Ausgang führte. Hinter ihnen brach ein Flüstern aus. Nicholas rief ihren Namen, doch Dimitri blieb nicht stehen. Er führte sie aus dem Ballsaal in einen ruhigeren Bereich der Lounge, weit weg von den neugierigen Blicken, die jeder ihrer Bewegungen folgten.Als sie stehen blieben, ließ er ihre Hand los und richtete seinen Blick auf sie. Sophia schluckte. Er musste nichts sagen. Sein Gesichtsausdruck machte eines deutlich. Sie schuldete ihm eine Erklärung, und sie hatte keine Ahnung, wo sie anfangen sollte.Bevor er den Mund öffnen konnte, sank Sophia auf die Knie.„Es tut mir leid!“Dimitri hob leicht die Augenbrauen.„Es tut mir wirklich leid, dass ich Sie in dieses Chaos hineingezogen habe, Mr. Ravel“, fuhr sie fo
„Es tut mir leid, Nicholas, aber ich kann dich nicht heiraten.“Sophias Worte ließen den überfüllten Ballsaal verstummen.Nicholas' Lächeln verschwand. Die geöffnete Ringschachtel lag noch immer in seiner Hand.„Was hast du gerade gesagt?“Sophia krallte ihre Finger in ihr Kleid, zwang sich aber, seinem Blick standzuhalten.„Ich sagte, dass ich dich nicht heiraten kann.“Nicholas lachte ungläubig und griff nach ihrer Hand. „Ist das ein Scherz? Wenn dich etwas bedrückt, können wir später darüber reden. Aber nicht hier.“Sie zog ihre Hand zurück.„Ich mache keine Scherze.“Die Gäste tauschten verwirrte Blicke aus. Alle waren gekommen, um die Verlobung von Nicholas Carter und Sophia Lawrence zu feiern. Niemand hatte mit einer solchen Szene gerechnet.Nicholas trat näher und senkte die Stimme.„Sophia, hör auf, mich bloßzustellen.“„Ich bin nicht diejenige, die dich bloßstellt.“Sein Kiefer spannte sich an. „Was soll das heißen?“Sophia atmete tief durch.In ihrem früheren Leben hatte sie
Sophia bewegte sich nicht, während das kleine Licht weiterhin auf ihr Auge gerichtet blieb. Es war hell und kalt und brannte unangenehm.Bloß nicht blinzeln. Nicht zurückweichen. Denk nach.„Ich weiß“, sagte sie langsam und ließ ihre Stimme brechen. „Ich habe nicht geschlafen, Mutter.“Calistas Hand lag noch immer an ihrem Kinn. „Ach, wirklich?“„Ich habe die ganze Nacht geweint.“ Sophia ließ ihre Augen feucht werden, und diesmal musste sie sich nicht einmal verstellen. Die Tränen kamen von ganz allein, denn sie hatte mehr als genug davon in sich aufgestaut. „Es ist albern, ich weiß. Aber ich konnte einfach nicht aufhören, daran zu denken, dass etwas schiefgehen könnte. Dass Nicholas seine Meinung ändert und ich ihn verliere.“Das Licht erlosch mit einem leisen Klick.Calista betrachtete ihr Gesicht aufmerksam. Sophia hatte das Gefühl, als würde dieser Blick ihre Haut durchdringen und nach dem kleinsten Riss in ihrer Fassade suchen. Niemand im Haus hatte diese Frau jemals erfolgreich
Sophia konnte sich nicht daran erinnern, wie sie quer durch das Zimmer gegangen war.Sie wusste nur, dass sie jetzt vor dem Spiegel stand, beide Hände gegen das Glas gepresst hielt und ein Mädchen anstarrte, das sie längst hatte begraben sehen.Ihr Gesicht war jung und blass. Ihre Augen waren gerötet und wirkten wild, doch sie lebte. Kein Rauch hatte ihre Haut oder ihre Haare berührt. Als sie ihr Handgelenk umdrehte, stellte sie fest, dass ihre Haut vollkommen glatt war. Nichts war aufgerissen, und nichts war verbrannt.„Ich lebe“, flüsterte sie.Das Mädchen im Spiegel flüsterte dieselben Worte zurück.Ihre Knie gaben nach, und sie rutschte an der Wand hinunter auf den Boden. Eine entsetzliche Minute lang weinte sie wie ein kleines Kind. Sie weinte um das Baby, das niemals ihr gehört hatte, und um den Fremden, dessen Hände für sie verbrannt waren. Außerdem weinte sie um die fünfzehn Jahre, die sie damit verbracht hatte, eine Frau um Liebe anzuflehen, die gelacht hatte, während Sophia











