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DAPHNE
Ich wache keuchend auf, Luft schießt in einem einzigen scharfen Zug in meine Lungen.
Mein Herz hämmert so heftig, dass ich es im Hals spüre. Ich setze mich auf und lasse den Blick durch das Zimmer wandern, versuche, mich zu erden, versuche zu begreifen, wo ich bin. Die Wände. Die Möbel. Die Vorhänge.
Unmöglich.
Ich kenne dieses Zimmer.
Ich schwinge die Beine über die Bettkante, und da erstarre ich. Mein Blick fällt auf die Stelle zwischen meinen Schenkeln – sucht nach dem karmesinroten Fleck, der mir in den letzten Monaten so vertraut geworden war wie mein eigener Schatten. Da ist nichts. Nur saubere, weiche Laken, die sich um mich herum auf den Boden bauschen.
Ich starre diese Laken lange an. Weich. Weiß. Ich hatte vergessen, wie sich weich anfühlt. Der kalte Betonboden hatte mir diese Erinnerung gestohlen, langsam, Nacht für Nacht, bis ich nichts anderes mehr erwartet habe.
Was passiert hier?
Ich stürze ins Bad und pflanze mich vor den Spiegel. Mein Spiegelbild starrt zurück, und die Tränen kommen, bevor ich sie aufhalten kann. Beide Augen – offen. Unversehrt. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal zwei funktionierende Augen hatte. Eines war immer zugeschwollen, versiegelt von einer Faust, die nie müde wurde, mein Gesicht zu finden. Die Erinnerung an diese Hände auf mir, an das, was sie getan haben, jagt mir noch jetzt einen eiskalten Stich des Entsetzens mitten durch die Brust, selbst hier, selbst in einem Zimmer, das sicher sein sollte.
Wo sind sie? Wie komme ich hierher?
Ich hebe die Hand und berühre meine Wange. Die Haut ist blass und glatt. Keine blauen Flecken. Kein Blut. Keine aufgeplatzte Lippe. Fast schön, auf eine Art, die ich längst nicht mehr mit mir selbst in Verbindung gebracht hatte.
Das ist nicht möglich. Irgendetwas stimmt nicht.
Eine Million Gedanken prallen aufeinander. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist das Gefühl, wie das Leben aus mir herausrinnt – die Drogen, die Misshandlungen, das alles holt mich endlich ein, mein Körper gibt auf wie eine Kerze, die an beiden Enden gebrannt hat. Und jetzt bin ich hier. Stehe im Bad meiner Kindheit, heil und unversehrt.
Ich hechte zurück ins Schlafzimmer und schnappe mir mein Handy vom Nachttisch.
Ich starre auf das Datum auf dem Display.
Meine Hand fliegt an meinen Mund.
Es ist heute.
„Ich habe Nein gesagt!“, sage ich zu dem Mann vor mir, als er wieder nach meiner Hand greift. Seine grünen Augen funkeln übermütig, während er sich langsam mit der Zunge über die Lippen fährt und mich ansieht, als würde ich ihm schon gehören. Erst war es ein Drink. Jetzt ist es irgendwo, wo es privater ist. Er hört nicht auf.
Ich bin heute Abend ausgegangen, weil ich das gebraucht habe – eine Nacht für mich allein, bevor sich die Welt verändert. Diese Woche werden sich die drei größten Rudel durch Heirat aneinander binden und jahrelanges Blutvergießen an den Grenzen beenden. Ich wollte nur ein paar Stunden Ruhe, bevor alles losgeht.
Ihn interessiert das alles nicht.
Ohne Vorwarnung packt er mich, reißt mich hart gegen seine Brust, sein Mund sinkt an mein Ohr. „Du musst dich nicht so anstellen, Kleines. Sei brav, dann mach ich’s dir schön.“ Sein Atem weht heiß und sauer über meine Haut. Gänsehaut kriecht meine Arme hinauf, und ich zucke von innen heraus zurück.
„Verschwinde, du Perverser.“ Ich stoße gegen seine Brust und komme endlich frei – direkt gegen jemanden, der hinter mir steht.
Ich fahre herum. Noch ein Mann. Dasselbe Grinsen. Dieselben hungrigen Augen.
„Sieht aus, als hättest du meinen Freund kennengelernt“, sagt der Erste und tritt näher. „Jetzt wird’s interessant.“
Sie rücken von beiden Seiten heran und nehmen mich in die Mitte. Mein Herz sackt in sich zusammen. Ich reiße den Mund auf, um zu schreien, während sie mich dorthin zu schleifen beginnen, wohin Männer wie sie Frauen wie mich eben bringen –
Und dann ist einer der Griffe weg.
Ich drehe mich um, und ich sehe ihn.
Die schönsten hellblauen Augen, in die ich je geblickt habe. Rabenschwarzes Haar. Ein Kiefer, der glatt durch Glas schneiden könnte. Ich weiß nicht, wie, aber ich blinzle, und plötzlich sind die beiden Männer verschwunden. Nur noch er und ich, und er sieht mich an, als wäre ich die kostbarste Blume in seinem Garten. Je länger er mich ansieht, desto härter hämmert mein Herz, und diesmal liegt es nicht an der Angst.
Nein. Diesmal liegt es an der Liebe.
Ich atme langsam aus und schiebe die Erinnerung weg, zurück an den dunklen Ort, an dem ich alles aufbewahre, was ich mir gerade nicht leisten kann zu fühlen.
Alpha Crux Thompson vom Shadow-Rudel.
Ein Monster mit dem Gesicht eines Gentlemans.
Ich weiß nicht, welche Macht mich in diesen Moment zurückgerissen hat – genau in diese Nacht, genau zu dieser Chance –, aber eines weiß ich mit absoluter Sicherheit: Ich werde denselben Fehler nicht zweimal machen. Er wird mich nicht noch einmal kriegen. Und diesmal werde ich nicht nur überleben. Ich werde ihn dafür bezahlen lassen. Ich werde sie alle dafür bezahlen lassen.
Ich gehe zur Tür, wälze das Unbegreifliche an all dem noch immer im Kopf hin und her, als ich sie höre.
Sophia.
Meine Stiefschwester steht am Ende des Flurs, mit dem Rücken zu mir, hält ihr Handy hoch und dreht sich langsam, damit die Kamera ihr Kleid aus jedem Winkel erwischt. Oder das, was davon da ist. Es klebt an ihr wie eine zweite Haut, der Saum endet da, wo die Würde anfängt.
„Was sagst du?“, schnurrt sie ins Handy. „Perfekt genug, dass Alpha Crux nicht widerstehen kann?“
Ihre Freundin Camila quietscht am anderen Ende der Leitung vor Begeisterung.
Crux. Crux.
Warum macht sich Sophia für Crux zurecht? In dem Leben, an das ich mich erinnere, ist sie ihm nie so früh über den Weg gelaufen. Dieses erste Leben verbringt sie mit den Zwillingen verheiratet – verheiratet und unglücklich, intrigiert gegen sie, bis sie sie leise und effizient beseitigen.
Was bedeutet, dass sie sich auch erinnert.
Sie ist zurückgekommen, genau wie ich, und sie ist bereits in Bewegung.
Die Teile rasten ineinander, kalt und sauber: Sie stirbt wegen der Zwillinge. Also steuert sie in diesem Leben stattdessen direkt auf Crux zu, überzeugt davon, dass sie das Schicksal austrickst. Sie hat keine Ahnung, was Crux wirklich ist. Keine Ahnung, worauf sie da zuläuft.
Ein langsames Lächeln zieht an meinem Mund.
Sie will ihn? Sie kann ihn haben. Jeden vergifteten, lächelnden Zentimeter von ihm. Eine weichere Version von mir würde vielleicht ein schlechtes Gewissen haben, sie da hineinlaufen zu lassen. Aber ich habe am eigenen Leib erlebt, was Crux Thompson mit einer Frau macht, die er angeblich liebt, und diese weichere Version von mir ist auf einem Betonboden gestorben.
Ich fühle nichts außer der stillen Genugtuung, mit der eine Tür von selbst ins Schloss fällt.
***
Am nächsten Morgen sitze ich am Küchentisch und schiebe Rührei auf meinem Teller hin und her, ohne etwas davon zu essen. Die Gabel kratzt in einem langsamen, hohlen Rhythmus über die Keramik. Ich habe immer noch nicht geschlafen. Mein Kopf ist keine Sekunde stillgestanden, seit ich aufgewacht bin.
Die Küchentür fliegt so heftig auf, dass sie von der Wand zurückprallt.
Sophia schlendert herein.
Sie sieht genau nach dem aus, was sie ist – jemand, der eine Nacht hinter sich hat und sich dafür nicht entschuldigt. Ihre Haare halten kaum zusammen, ihr Make-up ist an den Rändern verschmiert, die Klamotten von gestern Abend kleben immer noch an ihr wie eine zweite Haut. Sie sieht aus, um es nicht zu beschönigen, wie etwas, das die Straße ausgespuckt hat.
Ich verdrehe die Augen und schiebe mich vom Tisch weg.
Ich schaffe genau zwei Schritte Richtung Tür, dann stellt sie sich mir in den Weg.
Ich sehe auf. Sie lächelt – breit und strahlend und vollkommen hohl. Die Sorte Lächeln, die nur an der Oberfläche eines Gesichts lebt und nie die Augen erreicht.
„Hallo, Schwesterherz.“ Sie legt den Kopf schief, süß wie Gift.
„Aus dem Weg.“
Sie rührt sich nicht. Stattdessen macht sie einen Schritt näher, dann noch einen, bis ich sie riechen kann – Schweiß und Parfüm und darunter noch etwas anderes, etwas Fremdes. Der Duft eines anderen. Sie beugt sich vor und bringt ihren Mund nah an mein Ohr.
„Riechst du ihn?“, flüstert sie.
Ich sage nichts.
„Sein Duft ist immer noch an mir.“ Sie lehnt sich gerade weit genug zurück, um mir ins Gesicht zu sehen, die Augen hell vor Triumph, den sie kaum bändigen kann. „Nach allem, was wir letzte Nacht gemacht haben, geht der so schnell nicht weg.“ Sie seufzt, langsam und zufrieden, als würde sie noch einmal etwas abspielen, das ich mir vorstellen soll. „Alpha Crux war …“ Sie schließt die Augen. Lässt die Stille sich dehnen.
Ich warte.
„Da du offensichtlich zu blöd bist, um zu kapieren, was hier läuft“, sagt sie, öffnet die Augen, jede Süße ist jetzt verschwunden, „sage ich das nur einmal.“
Sie stößt mir einen Finger gegen die Brust.
„Crux gehört mir. Du nimmst die Alpha-Zwillinge.“
„Und warum genau sollte ich mir von dir etwas sagen lassen?“ Ich halte meine Stimme flach. Ich weiß längst, was ich tun werde. Ich will es sie nur sagen hören.
„Weil ein Mann wie Alpha Crux jemanden wie mich verdient“, sagt sie, und das aufgemalte Lächeln rutscht wieder an seinen Platz. „Dieser kalte Mistkerl und sein Playboy-Bruder? Das ist deine Liga, Schätzchen. Nicht meine.“
Ich halte ihrem Blick einen Moment stand.
Kalt. Playboy. Sie sagt es wie eine Beleidigung. Aber ich erinnere mich an Dinge, an die sie sich nicht erinnert. Ich erinnere mich, wie der ältere Zwilling in die Hocke ging, um sanft mit einem Omega zu sprechen, der nicht aufhören konnte zu zittern, seine Stimme leise und behutsam, nichts von dem steinernen Ruf, der ihm überallhin folgte.
Ich erinnere mich, gehört zu haben, dass der jüngere Zwilling sich bei all seinen Partys und hübschen Frauen nie ein einziges Mal jemandem aufgedrängt hat – dass er ging, wenn sie Nein sagten. Jedes Mal.
Verglichen mit dem Mann, mit dem sie die letzte Nacht verbracht hat? Die Zwillinge waren keine Strafe.
Sie waren ein Geschenk.
„Von mir aus“, sage ich.
Ihr Lächeln wird breiter. Sie streckt die Hand aus und tätschelt meine Wange, als wäre ich etwas Kleines, Handliches.
„Ich wusste, dass du die richtige Wahl triffst.“
Sie dreht sich um und geht, gratuliert sich schon selbst.
Ich sehe ihr nach.
Das Grinsen, das an meinem Mund zieht, ist langsam und leise, die Sorte, die kein Publikum braucht.
Ich kann unsere beiden Hochzeiten kaum erwarten.
DAPHNEIch sitze am Schminktisch und ziehe eine Bürste durch mein Haar, als mir die Wirklichkeit des heutigen Abends endlich bewusst wird.Krue.Nur Krue.Ich halte mitten in der Bewegung inne und starre auf mein Spiegelbild.Letzte Nacht waren es beide gewesen – Hände und Münder und Hitze, wir drei ineinander verschlungen, bis ich nicht mehr sagen konnte, wo der eine endete und der andere begann. Ich hatte angenommen, so würde es sein. Jede Nacht. Wir drei.Aber Eleanor hatte es mir heute Nachmittag erklärt, ganz beiläufig, während wir das Inventar der medizinischen Vorräte
DAPHNEIch wache in einem leeren Bett auf.Die Laken neben mir sind kühl unter meiner Hand – auf beiden Seiten. Sie sind schon eine Weile weg. Ich richte mich langsam auf, spüre den Schmerz in Muskeln, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe, und die Erinnerung an letzte Nacht schießt in aller Deutlichkeit zurück. Hitze kriecht meinen Hals hinauf.Ich presse die Handflächen an mein Gesicht und atme.Ich schwinge die Beine über die Bettkante und stehe auf. Mein Kleid von letzter Nacht liegt sorgfältig über einem Stuhl – jemand hat es zusammengelegt. Einer von ihnen muss das getan haben, bevor sie gingen. Das Bild, wie einer der Zwillinge in der frühen Morgendunkelheit behutsa
DAPHNESein Mund findet meine Schulter, küsst sich an ihrer Linie entlang, während seine Hände von meiner Taille nach oben gleiten. Krue beobachtet uns, beobachtet mich, und die Hitze in seinen Augen könnte Stahl schmelzen.„Das Kleid", sagt Krue. „Zieh es aus."„Wer von uns?", fragt Arden an meiner Haut.„Spielt das eine Rolle?"„Alles spielt eine Rolle."Ich greife nach hinten, versuche den Reißverschluss zu finden, aber meine Hände zittern zu heftig. Arden fängt sie ein, hält sie ruhig.&
DAPHNEDie Tür fällt hinter uns ins Schloss, und der Riegel klickt ein.Ich bin jetzt allein mit ihnen. Mit beiden. In einem Raum mit nur einem Bett.Mein Puls beschleunigt sich, bevor ich es verhindern kann, und ich weiß, dass sie es hören können – Alphas können das immer. Die Gefährtenbindung summt unter meiner Haut, beharrlich und fordernd, und zieht mich zu beiden zugleich hin.Krue rührt sich zuerst, geht zu den Fenstern und zieht die Vorhänge mit bewusster Langsamkeit zu. Jede Bewegung ist beherrscht, präzise, als gäbe er mir Zeit, mich einzustellen. Oder als gäbe er sich selbst Zeit.Arden bleibt in der Nähe der Tür, lehnt mit verschränkten Armen daran. Aber seine Augen verfolgen jeden Atemzug, den ich mache, jede Verlagerung meines Gewichts.„Nervös?", fragt Arden.„Sollte ich es sein?"Sein Lächeln ist langsam, gefährlich. „Wahrscheinlich."Krue dreht sich vom Fenster weg. „Ignorier ihn."„Schwer, wenn er mich so anstarrt."„Wie denn?" Arden stößt sich von der Tür ab und trit
ARDENIch beobachte sie vom anderen Ende des Empfangssaals aus.Krue hat seine Hand an Daphnes Kreuz und führt sie durch die Schritte von etwas Langsamem, Förmlichem. Sie sieht genauso schön aus wie in der Nacht der Verlobungsfeier – vielleicht sogar noch schöner.Wenn ich so darüber nachdenke – ich hatte gar nicht vorgehabt, zur Verlobungsfeier zu gehen. Ich wollte nur zur eigentlichen Hochzeit auftauchen, aber irgendetwas ließ mich in Schale werfen und hinfahren.Und ich bin froh, dass ich es getan habe. Ein Grinsen legt sich über mein Gesicht, während ich noch einmal höre, wie Sophias Stimme dieses Ding tut, das sie immer tut, und da stand Daphne, ganz allein, und nahm es hin, ohne mit der Wimper zu zucken.Ich redete mir ein, ich würde nur zusehen. Die Lage einschätzen.Dann kamen die Worte heraus, bevor ich sie zu Ende denken konnte.Meine Frau. Niemand darf sie schikanieren.Ich handle nicht aus einem Impuls heraus, aber irgendetwas an der Art, wie sie dastand – die Schultern ge
DAPHNE„Oh mein Gott, sie sieht umwerfend aus.“„So viele Details habe ich noch nie an einem Kleid gesehen – jedenfalls nicht in echt.“„Das Nightfall-Rudel macht nichts halb. Sieh sie dir an.“So geht es minutenlang weiter. Die Leute drängen sich in der Brautsuite um mich, jede Stimme überschlägt die andere, während sie das maßgeschneiderte Designerkleid begutachten, das die Familie Nightfall geschickt hat – elfenbeinfarbene Seide, die sich zu meinen Füßen sammelt, von Hand mit Silberfaden bestickt, am Mieder entlang und über die Schleppe, jede Naht sitzt, als wäre sie mir direkt auf den Körper genäht worden. Allein der Schmuck könnte das Quartalsbudget eines kleinen Rudels decken, und auch der war ein Geschenk, zusammen mit dem Kleid geliefert.Und das war erst der Anfang. Der Tross, der heute Morgen ankam, hat mir fast das Herz stehen lassen. Kisten über Kisten, jede extravaganter als die vorige. Beinahe hätte ich alles zurückgeschickt – so eine Geste kann falsch verstanden werden,







