LOGINDAPHNE
Ich lasse die Oliven in meinem Glas kreisen und beobachte den Raum.
Leute aus allen drei Rudeln füllen den Saal, in ihrer besten Garderobe, die Stimmen überlagern sich zu einem warmen Summen. Manche reden über Politik, über Bündnisse und Grenzverläufe. Dinge, die mich interessieren. Andere tratschen über nichts, was es wert wäre, sich zu merken. Die blende ich mühelos aus.
Ich spüre Blicke auf mir, bevor ich sie sehe.
Ich sehe auf. Eine Traube Frauen auf der anderen Seite des Raums beobachtet mich, die Köpfe zusammengesteckt, die Lippen hinter erhobenen Gläsern in Bewegung. Ihre Blicke wandern langsam über mein mitternachtsblaues Abendkleid, bedacht und abschätzend. Aber ich weiß, dass es nicht das Kleid ist, das sie wirklich ansehen.
Die Party hat vor einer Stunde begonnen. Sophia hat ihre Verlobungsriten mit Crux bereits vollzogen, und jetzt wandert jeder neugierige Blick im Saal immer wieder zu mir zurück – zur zukünftigen Braut, deren Bräutigame noch nicht aufgetaucht sind.
Ich wünschte, ich könnte ihnen irgendetwas sagen. Aber ich weiß längst, warum sie nicht hier sind. In meinem früheren Leben haben sie dieselbe Ausrede benutzt – dringende Rudelangelegenheiten. Manche Dinge ändern sich wohl nicht, selbst wenn sich alles andere ändert.
Ich trinke den Rest meines Drinks aus, stelle das leere Glas auf ein vorbeischwebendes Tablett und wende mich zur Bar, um nachzufüllen.
Ich komme keine zwei Schritte weit, bevor sich mir jemand direkt in den Weg stellt.
Sophia.
Sie lächelt dieses breite, einstudierte Lächeln, das ihre Augen nie ganz erreicht. Und sie ist nicht allein gekommen. Crux steht an ihrer Seite, ihre Hand in seinem Arm eingehakt, als würde sie eine Trophäe vorführen.
Natürlich.
„Schwesterherz!“ Sophias Stimme trifft diese vertraute hohe Tonlage, scharf genug, um Glas zu schneiden. „Wie geht es dir heute Abend?“
„Ich bin nicht in der Stimmung“, sage ich trocken und will an ihr vorbei.
Sie verlagert sich und blockiert mich. Das Lächeln wankt nicht.
„Nicht mal ein kleines bisschen froh, mich zu sehen? Oder deinem neuen Schwager Hallo zu sagen?“ Sie legt den Kopf schief.
Ich halte mein Gesicht ausdruckslos. Gelangweilt. Ich will, dass sie mich für die Mühe nicht wert hält und mich in Ruhe lässt.
Aber Sophia hat noch nie gewusst, wann Schluss ist.
Ihre Augen weiten sich plötzlich, als wäre ihr gerade eine Erleuchtung gekommen. Sie legt eine Hand auf die Brust und arrangiert ihr Gesicht zu etwas, das fast wie Besorgnis aussieht.
„Oh, jetzt verstehe ich. Du machst dir Sorgen um mich, stimmt’s?“
Ich starre sie an. Was?
„Schwesterherz, das musst du wirklich nicht. Crux ist ein wunderbarer Mann. Er wird so gut für mich sorgen.“ Ihre Stimme senkt sich, warm und mitleidig. „Du musst dir keine Sorgen machen, dass ich so einsam bin wie du gerade. Versprochen, ich bin in sehr guten Händen.“
Fast muss ich lachen. Fast tut sie mir leid.
Stattdessen wandert mein Blick zu Crux.
Er steht schweigend an Sophias Seite, in einem schwarzen Smoking, der ihm perfekt passt. Blaue Augen, ruhig und hell. Jeder Zug genau so, wie ich ihn in Erinnerung habe – gut aussehend, beherrscht, in jedem Zentimeter der ehrbare Alpha.
Das Monster trägt es so gut.
Bis jetzt habe ich ihn nicht direkt angesehen. Ich wollte es nicht. Aber jetzt, wo ich es getan habe, kann ich die Erinnerungen nicht mehr aufhalten, die sich nach oben krallen.
Mein Gesicht schnellt zur Seite von der Wucht des Schlags. Blut, das meinen Mund füllt.
„Bitte, das kannst du mir nicht antun. Ich bin deine Gefährtin, bitte –“
Meine Hände krallen sich in seine Hose, meine Knie auf dem Boden.
Seine Augen wurden für einen Moment weich. Dann dunkel.
Das Knacken meiner Rippen, als seine Schuhsohle traf. Das Blut breitet sich über den Boden aus. Sein Lachen. Das Geräusch seiner Schritte, die sich entfernen.
Ich ziehe langsam Luft ein und drücke alles wieder hinunter. Meine Fäuste sind an meinen Seiten geballt. Mein ganzer Körper zittert vor Anstrengung, still zu bleiben.
Das ist Vergangenheit, Daphne. Er darf dich nicht mehr anfassen.
Ich zwinge meine Schultern, sich zu entspannen, und drehe mich wieder zu Sophia.
„Wie kommst du darauf, dass ich einsam bin?“
Sie deutet mit einer leichten, fast mitleidigen Handbewegung durch den Raum. „Ich sehe keinen deiner zukünftigen Gefährten hier, der sich um dich kümmert. Du etwa?“
Ich lächle. Es ist schmal und erreicht meine Augen nicht, aber es ist ein Lächeln.
„Das liegt daran, dass sie dringende Rudelangelegenheiten erledigen“, sage ich. „Was für jeden Alpha, der den Titel verdient, an erster Stelle stände. Meinen Sie nicht auch, Alpha Crux?“ Ich lasse meinen Blick kurz zu ihm hinüberschneiden. „Oder finden Sie, es sollte wichtiger sein aufzutauchen und meiner Schwester die Hand zu halten, als Ihre Leute zu führen?“
„Wie bitte?“, fährt Sophia dazwischen, bevor Crux die Worte überhaupt verarbeiten kann.
Ich sehe sie nicht an. Ich halte meine Stimme leicht und freundlich, als würde ich über das Wetter reden.
„Dass meine Gefährten ihr Rudel an die erste Stelle setzen, macht mich nicht einsam, Sophia. Es macht sie verantwortungsbewusst. Und genau einen verantwortungsbewussten Gefährten wollte ich.“ Endlich sehe ich sie an. „Deshalb bin ich froh, dass ich sie heirate. Wirklich froh.“
Die Röte, die in ihre Wangen steigt, ist zutiefst befriedigend.
„Halt den Mund“, sagt sie angespannt.
„Ich meine es nett“, fahre ich fort und lege den Kopf schief. „Ich glaube, es gibt einen echten Unterschied zwischen Männern mit einem aufrichtigen Herzen und Männern, die einfach gelernt haben, so zu tun als ob.“ Ich lasse meinen Blick wieder zu Crux wandern – nur eine Sekunde. Gerade lang genug. „Aber vielleicht sehe nur ich das so.“
Crux’ Miene verändert sich. Etwas flackert hinter diesen blauen Augen – eine Schärfe, ein Riss in der polierten Oberfläche. Gut. Ich will ihn aus der Ruhe bringen.
„Haben Sie und ich eine Vorgeschichte?“, fragt er vorsichtig. „Sind wir uns schon einmal begegnet?“
Der Drang zu lachen ist so stark, dass ich ihn hinunterschlucken muss. Ob wir uns begegnet sind? Wenn er wüsste. Meine Zunge juckt vor Wahrheit, verzweifelt darauf aus, jedes hässliche Detail auszuspucken – was er mir angetan hat, was er ist. Aber ich halte sie zurück. Das ist nicht der richtige Moment.
Bevor ich antworten kann, tritt Sophia vor ihn und stellt sich körperlich zwischen uns. Selbst jetzt, selbst während Crux mich mit nichts als kaltem Misstrauen ansieht, hält sie es nicht aus.
„Lass deinen Ärger mit mir nicht an Alpha Crux aus“, sagt sie, ihre Stimme scharf und dünn. „Er hat absolut nichts getan, um das von dir zu verdienen. Warum bist du immer so grausam?“
Ich schließe kurz die Augen. Atme.
Ich öffne den Mund, um zu antworten.
Dann erreicht mich ein neuer Duft – unbekannt, warm und unverkennbar männlich. Ein Paar Hände legt sich von hinten fest um meine Taille.
Ich erstarre.
Ich drehe langsam den Kopf, und mir stockt der Atem.
Arden Vancourt. Der jüngere Zwilling. Er steht dicht an meiner Seite, entspannt wie sonst was, als wäre er den ganzen Abend hier gewesen. Er fängt meinen Blick auf und zwinkert mir langsam und lässig zu.
Dann sieht er hinüber zu Sophia und Crux, und die Wärme in seinem Gesicht verschwindet vollständig.
„Ich sage das einmal“, sagt er, seine Stimme leise und absolut sicher. „Niemand fasst meine Frau an. Niemand drängt sie in die Enge, redet von oben herab mit ihr oder gibt ihr das Gefühl, allein dazustehen.“ Sein Blick ruht fest auf beiden. „Betrachten Sie das als Ihre einzige Warnung.“
DAPHNEIch sitze am Schminktisch und ziehe eine Bürste durch mein Haar, als mir die Wirklichkeit des heutigen Abends endlich bewusst wird.Krue.Nur Krue.Ich halte mitten in der Bewegung inne und starre auf mein Spiegelbild.Letzte Nacht waren es beide gewesen – Hände und Münder und Hitze, wir drei ineinander verschlungen, bis ich nicht mehr sagen konnte, wo der eine endete und der andere begann. Ich hatte angenommen, so würde es sein. Jede Nacht. Wir drei.Aber Eleanor hatte es mir heute Nachmittag erklärt, ganz beiläufig, während wir das Inventar der medizinischen Vorräte
DAPHNEIch wache in einem leeren Bett auf.Die Laken neben mir sind kühl unter meiner Hand – auf beiden Seiten. Sie sind schon eine Weile weg. Ich richte mich langsam auf, spüre den Schmerz in Muskeln, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe, und die Erinnerung an letzte Nacht schießt in aller Deutlichkeit zurück. Hitze kriecht meinen Hals hinauf.Ich presse die Handflächen an mein Gesicht und atme.Ich schwinge die Beine über die Bettkante und stehe auf. Mein Kleid von letzter Nacht liegt sorgfältig über einem Stuhl – jemand hat es zusammengelegt. Einer von ihnen muss das getan haben, bevor sie gingen. Das Bild, wie einer der Zwillinge in der frühen Morgendunkelheit behutsa
DAPHNESein Mund findet meine Schulter, küsst sich an ihrer Linie entlang, während seine Hände von meiner Taille nach oben gleiten. Krue beobachtet uns, beobachtet mich, und die Hitze in seinen Augen könnte Stahl schmelzen.„Das Kleid", sagt Krue. „Zieh es aus."„Wer von uns?", fragt Arden an meiner Haut.„Spielt das eine Rolle?"„Alles spielt eine Rolle."Ich greife nach hinten, versuche den Reißverschluss zu finden, aber meine Hände zittern zu heftig. Arden fängt sie ein, hält sie ruhig.&
DAPHNEDie Tür fällt hinter uns ins Schloss, und der Riegel klickt ein.Ich bin jetzt allein mit ihnen. Mit beiden. In einem Raum mit nur einem Bett.Mein Puls beschleunigt sich, bevor ich es verhindern kann, und ich weiß, dass sie es hören können – Alphas können das immer. Die Gefährtenbindung summt unter meiner Haut, beharrlich und fordernd, und zieht mich zu beiden zugleich hin.Krue rührt sich zuerst, geht zu den Fenstern und zieht die Vorhänge mit bewusster Langsamkeit zu. Jede Bewegung ist beherrscht, präzise, als gäbe er mir Zeit, mich einzustellen. Oder als gäbe er sich selbst Zeit.Arden bleibt in der Nähe der Tür, lehnt mit verschränkten Armen daran. Aber seine Augen verfolgen jeden Atemzug, den ich mache, jede Verlagerung meines Gewichts.„Nervös?", fragt Arden.„Sollte ich es sein?"Sein Lächeln ist langsam, gefährlich. „Wahrscheinlich."Krue dreht sich vom Fenster weg. „Ignorier ihn."„Schwer, wenn er mich so anstarrt."„Wie denn?" Arden stößt sich von der Tür ab und trit
ARDENIch beobachte sie vom anderen Ende des Empfangssaals aus.Krue hat seine Hand an Daphnes Kreuz und führt sie durch die Schritte von etwas Langsamem, Förmlichem. Sie sieht genauso schön aus wie in der Nacht der Verlobungsfeier – vielleicht sogar noch schöner.Wenn ich so darüber nachdenke – ich hatte gar nicht vorgehabt, zur Verlobungsfeier zu gehen. Ich wollte nur zur eigentlichen Hochzeit auftauchen, aber irgendetwas ließ mich in Schale werfen und hinfahren.Und ich bin froh, dass ich es getan habe. Ein Grinsen legt sich über mein Gesicht, während ich noch einmal höre, wie Sophias Stimme dieses Ding tut, das sie immer tut, und da stand Daphne, ganz allein, und nahm es hin, ohne mit der Wimper zu zucken.Ich redete mir ein, ich würde nur zusehen. Die Lage einschätzen.Dann kamen die Worte heraus, bevor ich sie zu Ende denken konnte.Meine Frau. Niemand darf sie schikanieren.Ich handle nicht aus einem Impuls heraus, aber irgendetwas an der Art, wie sie dastand – die Schultern ge
DAPHNE„Oh mein Gott, sie sieht umwerfend aus.“„So viele Details habe ich noch nie an einem Kleid gesehen – jedenfalls nicht in echt.“„Das Nightfall-Rudel macht nichts halb. Sieh sie dir an.“So geht es minutenlang weiter. Die Leute drängen sich in der Brautsuite um mich, jede Stimme überschlägt die andere, während sie das maßgeschneiderte Designerkleid begutachten, das die Familie Nightfall geschickt hat – elfenbeinfarbene Seide, die sich zu meinen Füßen sammelt, von Hand mit Silberfaden bestickt, am Mieder entlang und über die Schleppe, jede Naht sitzt, als wäre sie mir direkt auf den Körper genäht worden. Allein der Schmuck könnte das Quartalsbudget eines kleinen Rudels decken, und auch der war ein Geschenk, zusammen mit dem Kleid geliefert.Und das war erst der Anfang. Der Tross, der heute Morgen ankam, hat mir fast das Herz stehen lassen. Kisten über Kisten, jede extravaganter als die vorige. Beinahe hätte ich alles zurückgeschickt – so eine Geste kann falsch verstanden werden,







