FAZER LOGINDAPHNE
Ich sinke auf die Kante meines Schminkhockers, die Pumps baumeln an einer Hand, und lasse den Abend noch einmal ablaufen.
Arden.
Ich stelle die Pumps langsam ab und wende den Gedanken hin und her. Ich wusste, dass die Gerüchte über ihn nicht stimmten – die Playboy-Nummer, die Gleichgültigkeit –, aber dass er mich gegen Sophia verteidigt? Damit habe ich nicht gerechnet. Das kam in keiner Version dieser Geschichte vor, die ich mit mir herumtrage.
Ich stehe auf und gehe auf und ab, der weiche Teppich kühl unter meinen nackten Füßen. Vielleicht macht die Wiedergeburt genau das. Vielleicht folgen manche Dinge dem ursprünglichen Drehbuch und andere nicht, aus der Spur gebracht von kleinen Entscheidungen, die diesmal anders ausfallen. Ich taste die Ränder davon noch ab.
Ich bleibe vor dem großen Spiegel stehen. Mein Spiegelbild starrt zurück – das mitternachtsblaue Kleid noch an, die Haare noch hochgesteckt, verschmierte Wimperntusche der einzige Beweis dafür, dass der Abend mich eingeholt hat. Ich starre auf meine Taille. Ich spüre immer noch, wo seine Hand dort gelegen hat, warm und ohne Zögern, während er über meine Schulter hinweg mit Sophia sprach. Als wäre ich schon seine. Als wäre es schon entschieden.
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich das nicht berührt hat.
Ich gehe zurück zum Schminktisch und greife hinter mich nach dem Reißverschluss. Ich habe ihn fast zu fassen, als die Tür so heftig aufknallt, dass der Rahmen wackelt. Meine Finger rutschen ab, erwischen das Metall falsch, und ich zische durch die Zähne.
Verdammt! Wer zum Teufel ist das?
Ich fahre herum. Natürlich, es ist Sophia.
Es kostet mich alles, nicht zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Abend zu seufzen.
„Raus.“ Ich frage nicht, warum sie hier ist. Es ist mir egal.
Sie geht an mir vorbei und setzt sich auf mein Bett, als wäre sie eingeladen worden, die Beine übereinandergeschlagen, völlig unbeeindruckt.
„Ich weiß, dass du sauer bist, Schwester“, sagt sie in dem Ton, den sie benutzt, wenn sie Geduld vorspielt, „aber du musst mich nicht hassen, nur weil ich bei dieser Abmachung den besseren Alpha abbekommen habe.“ Sie legt den Kopf schief. „Du bist auch die Tochter eines Alphas. Du verstehst doch sicher, dass wir manchmal Opfer bringen, für das große Ganze.“
Ich starre sie an.
Sie lächelt zurück.
„Ich weiß, die Zwillinge werden dir nichts geben, was auch nur annähernd an das herankommt, was Crux mir gibt. Aber das ist kein Grund, so verbittert zu sein.“ Sie erhebt sich vom Bett und schlendert auf mich zu. „Du hast es doch selbst gesagt, oder? Das Rudel kommt zuerst. Wenn sie also nichts für morgen vorbereitet haben, solltest du dafür Verständnis haben.“
„Wovon redest du?“
„Oh.“ Sie legt sich einen Ausdruck zurecht, der Überraschung ähnelt – große Augen, geöffnete Lippen, die ganze Vorstellung. „Du weißt es nicht?“
Ich sage nichts.
Sie macht ein leises Tsk-Geräusch. „Einer der Gäste hat auf der Feier davon geredet. Anscheinend hat das Nightfall-Rudel überhaupt nichts für die Hochzeit morgen vorbereitet. Rein gar nichts.“ Sie schiebt die Unterlippe vor. „Es tut mir so leid.“
Wenn ich sie nicht kennen würde, würde ich ihr das fast abnehmen.
„Mir ist egal, was sie machen“, sage ich ruhig. „Es ist keine Liebesheirat. Ich erwarte nichts.“
„Trotzdem, Daphne.“ Ihre Stimme sinkt in etwas fast Warmes. „Du wirst ein Leben lang ihre Gefährtin sein. Wenigstens etwas hättest du haben können, woran du dich festhalten kannst, bevor die echten Schwierigkeiten anfangen.“
„Schwierigkeiten?“
„Im Rudel.“ Sie greift nach meinem Arm, und weil ich damit nicht rechne, lasse ich es zu – lasse zu, dass sie mich an die Bettkante lotst und neben sich zieht, ihre Art plötzlich verschwörerisch, wie eine Schwester, die es wirklich gut meint. „Ich glaube nicht, dass du verstehst, worauf du dich da einlässt.“
Ich warte.
„Die Tochter des Betas“, sagt sie. „Aus dem Nightfall-Rudel. Tina.“ Sie schüttelt langsam den Kopf, als bekümmere sie, was sie mir gleich sagen wird. „Sie steht dem älteren Zwilling extrem nahe. Krue. Was für sich genommen nichts heißen müsste, aber es heißt eben doch etwas – und weißt du, warum?“
Ich schüttle den Kopf.
„Weil du um seine Gunst konkurrieren wirst“, sagt sie, „und er hängt sehr an ihr. Seit Jahren schon.“ Ihre Hand legt sich über meine, ein sanftes, mitleidiges Gewicht. „Und was es noch schwerer macht, Daphne – sie ist alles, was du nicht bist. Fähig, souverän, vom ganzen Rudel geliebt.“ Sie seufzt. „Gegen jemanden wie Tina kommst du einfach nicht an, fürchte ich. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie du dich fühlst.“
Ich starre sie an.
Ich habe noch nie, in keinem meiner beiden Leben, jemanden so gründlich beleidigen sehen, während er das Gesicht ehrlicher Sorge trägt. Sophia ist ein Meisterwerk von irgendetwas.
Sie zieht mich in eine Umarmung, bevor ich auf die Idee komme, sie aufzuhalten, schlingt die Arme um mich und tätschelt mir das Haar, als wäre ich ein Kind, das sich gerade das Knie aufgeschürft hat.
Ich erwidere die Umarmung nicht.
Meine Gedanken sind längst woanders und sieben durch das, woran ich mich bei Tina tatsächlich erinnere. Sophia hat nicht ganz unrecht – fähig ist sie, ja. Sie hat diesen warmen, mühelosen Charme, der die Leute ihr auf den ersten Blick vertrauen lässt. Alle haben sie angebetet. In meinem früheren Leben habe ich sie eine Zeit lang auch angebetet.
Und dann hat sie gegen mich intrigiert. Nicht einmal. Mehrmals, leise und präzise, jeder Schachzug so angelegt, dass er nach überhaupt nichts aussah. Hier eine Andeutung, dort ein Missverständnis, bis der Schaden schon angerichtet war. Als ich begriff, was sie war, war es zu spät, um es rückgängig zu machen.
Ein Wolf im Schafspelz hört nicht auf, ein Wolf zu sein, nur weil dieses Leben anders verläuft.
Ich tätschle Sophias Arm einmal und löse mich.
„Danke für die Warnung“, sage ich freundlich.
Sie sucht in meinem Gesicht nach dem Riss. Ich gebe ihr keinen.
DAPHNEIch sitze am Schminktisch und ziehe eine Bürste durch mein Haar, als mir die Wirklichkeit des heutigen Abends endlich bewusst wird.Krue.Nur Krue.Ich halte mitten in der Bewegung inne und starre auf mein Spiegelbild.Letzte Nacht waren es beide gewesen – Hände und Münder und Hitze, wir drei ineinander verschlungen, bis ich nicht mehr sagen konnte, wo der eine endete und der andere begann. Ich hatte angenommen, so würde es sein. Jede Nacht. Wir drei.Aber Eleanor hatte es mir heute Nachmittag erklärt, ganz beiläufig, während wir das Inventar der medizinischen Vorräte
DAPHNEIch wache in einem leeren Bett auf.Die Laken neben mir sind kühl unter meiner Hand – auf beiden Seiten. Sie sind schon eine Weile weg. Ich richte mich langsam auf, spüre den Schmerz in Muskeln, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe, und die Erinnerung an letzte Nacht schießt in aller Deutlichkeit zurück. Hitze kriecht meinen Hals hinauf.Ich presse die Handflächen an mein Gesicht und atme.Ich schwinge die Beine über die Bettkante und stehe auf. Mein Kleid von letzter Nacht liegt sorgfältig über einem Stuhl – jemand hat es zusammengelegt. Einer von ihnen muss das getan haben, bevor sie gingen. Das Bild, wie einer der Zwillinge in der frühen Morgendunkelheit behutsa
DAPHNESein Mund findet meine Schulter, küsst sich an ihrer Linie entlang, während seine Hände von meiner Taille nach oben gleiten. Krue beobachtet uns, beobachtet mich, und die Hitze in seinen Augen könnte Stahl schmelzen.„Das Kleid", sagt Krue. „Zieh es aus."„Wer von uns?", fragt Arden an meiner Haut.„Spielt das eine Rolle?"„Alles spielt eine Rolle."Ich greife nach hinten, versuche den Reißverschluss zu finden, aber meine Hände zittern zu heftig. Arden fängt sie ein, hält sie ruhig.&
DAPHNEDie Tür fällt hinter uns ins Schloss, und der Riegel klickt ein.Ich bin jetzt allein mit ihnen. Mit beiden. In einem Raum mit nur einem Bett.Mein Puls beschleunigt sich, bevor ich es verhindern kann, und ich weiß, dass sie es hören können – Alphas können das immer. Die Gefährtenbindung summt unter meiner Haut, beharrlich und fordernd, und zieht mich zu beiden zugleich hin.Krue rührt sich zuerst, geht zu den Fenstern und zieht die Vorhänge mit bewusster Langsamkeit zu. Jede Bewegung ist beherrscht, präzise, als gäbe er mir Zeit, mich einzustellen. Oder als gäbe er sich selbst Zeit.Arden bleibt in der Nähe der Tür, lehnt mit verschränkten Armen daran. Aber seine Augen verfolgen jeden Atemzug, den ich mache, jede Verlagerung meines Gewichts.„Nervös?", fragt Arden.„Sollte ich es sein?"Sein Lächeln ist langsam, gefährlich. „Wahrscheinlich."Krue dreht sich vom Fenster weg. „Ignorier ihn."„Schwer, wenn er mich so anstarrt."„Wie denn?" Arden stößt sich von der Tür ab und trit
ARDENIch beobachte sie vom anderen Ende des Empfangssaals aus.Krue hat seine Hand an Daphnes Kreuz und führt sie durch die Schritte von etwas Langsamem, Förmlichem. Sie sieht genauso schön aus wie in der Nacht der Verlobungsfeier – vielleicht sogar noch schöner.Wenn ich so darüber nachdenke – ich hatte gar nicht vorgehabt, zur Verlobungsfeier zu gehen. Ich wollte nur zur eigentlichen Hochzeit auftauchen, aber irgendetwas ließ mich in Schale werfen und hinfahren.Und ich bin froh, dass ich es getan habe. Ein Grinsen legt sich über mein Gesicht, während ich noch einmal höre, wie Sophias Stimme dieses Ding tut, das sie immer tut, und da stand Daphne, ganz allein, und nahm es hin, ohne mit der Wimper zu zucken.Ich redete mir ein, ich würde nur zusehen. Die Lage einschätzen.Dann kamen die Worte heraus, bevor ich sie zu Ende denken konnte.Meine Frau. Niemand darf sie schikanieren.Ich handle nicht aus einem Impuls heraus, aber irgendetwas an der Art, wie sie dastand – die Schultern ge
DAPHNE„Oh mein Gott, sie sieht umwerfend aus.“„So viele Details habe ich noch nie an einem Kleid gesehen – jedenfalls nicht in echt.“„Das Nightfall-Rudel macht nichts halb. Sieh sie dir an.“So geht es minutenlang weiter. Die Leute drängen sich in der Brautsuite um mich, jede Stimme überschlägt die andere, während sie das maßgeschneiderte Designerkleid begutachten, das die Familie Nightfall geschickt hat – elfenbeinfarbene Seide, die sich zu meinen Füßen sammelt, von Hand mit Silberfaden bestickt, am Mieder entlang und über die Schleppe, jede Naht sitzt, als wäre sie mir direkt auf den Körper genäht worden. Allein der Schmuck könnte das Quartalsbudget eines kleinen Rudels decken, und auch der war ein Geschenk, zusammen mit dem Kleid geliefert.Und das war erst der Anfang. Der Tross, der heute Morgen ankam, hat mir fast das Herz stehen lassen. Kisten über Kisten, jede extravaganter als die vorige. Beinahe hätte ich alles zurückgeschickt – so eine Geste kann falsch verstanden werden,







