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Kapitel 2 – Der Punkt ohne Wiederkehr

Author: L'invincible
last update Last Updated: 2026-02-09 22:00:37

Nathan

Ich mag es nicht, die Kontrolle zu verlieren. Und heute Abend habe ich das Gefühl, dass alles entgleitet.

Sophia wartet im Wohnzimmer auf mich. Schön, eisig. Ihre verschränkten Arme über der Brust sagen alles, was sie nicht schreit.

– Du kommst schon wieder zu spät, Nathan.

Ich ziehe meine Jacke aus, ohne zu antworten. Wozu? Ich kenne die Szene auswendig. Das gleiche Lied seit Wochen. Die Ehe, die Arbeit, ihre Zweifel.

Sie steht auf.

– Willst du wirklich heiraten? Denn ich weiß nicht mehr, was ich davon halten soll.

Ich starre sie an, ein kaltes Lächeln auf den Lippen.

– Bist du fertig? Oder soll ich mir Notizen machen?

Sie zittert. Vor Wut oder vor Traurigkeit, das ist mir egal. Ich gehe an ihr vorbei, nehme meine Schlüssel. Heute Abend weigere ich mich zuzuhören.

– Wohin gehst du?

– Atmen. Weg von dir.

Die Tür schlägt zu. Sie bleibt allein. Ich stürze direkt in die Nacht.

Der Regen prasselt auf die Stadt. So ein Guss, der die Straßen in Fallen verwandelt.

Ich fahre zu schnell. Der Motor schreit, wie mein Herz. Alles entgleitet mir. Sophia. Diese verdammte Hochzeit. Mein perfektes Leben, das bröckelt.

Das Telefon klingelt. Adrien.

– Nathan, wo bist du?

– Ich mache gerade das, was ich schon lange hätte tun sollen: Fahren, ohne mir um irgendetwas Sorgen zu machen.

– Komm zurück, verdammte Axt. Wir sehen uns morgen und klären das.

Ich lache. Ein hohles, leeres Lachen.

– Morgen…

Ich sehe es nicht kommen. Der schwere Lkw taucht auf. Eine Sekunde Unaufmerksamkeit. Ein einziger Herzschlag.

Der Aufprall zerreißt die Nacht.

Das Metall explodiert. Mein Auto überschlägt sich. Und ich tauche ein.

Dunkelheit.

Als ich die Augen öffne, ist alles verschwommen. Die Decke ist weiß. Der Geruch des Krankenhauses schnürt mir die Kehle zu.

– Monsieur Levasseur? Sie sind bei uns?

Ich will sprechen. Unmöglich. Ich will mich bewegen. Nichts.

Die Panik frisst mich auf. Ich kämpfe, schreie stumm.

Der Arzt kommt näher.

– Sie hatten einen schweren Unfall. Ihre Wirbelsäule wurde verletzt.

Ich schüttele den Kopf. Nein. Nicht das.

– Sie sind gelähmt, Monsieur Levasseur. Das Rückenmark…

Ich höre nicht mehr. Alles verblasst.

Sophia kommt herein. Ihr Gesicht ist von Tränen gezeichnet. Aber in ihrem Blick sehe ich bereits, was kommen wird.

Sie kommt näher, berührt mich sanft mit den Fingern.

– Warum hast du heute Abend das Auto genommen…

Ich möchte ihr sagen, dass es mir leid tut. Dass ich Mist gebaut habe. Aber ich bin in diesem Körper gefangen, der nicht mehr reagiert.

Sie weint. Lange.

Dann, mit gebrochener Stimme:

– Ich liebe dich, Nathan… Aber ich kann nicht… Ich kann das nicht leben.

Ich schaue sie an. Flehe ohne ein Wort.

Sie tritt zurück.

– Es tut mir leid…

Und sie geht.

Ohne einen letzten Blick.

Ich verliere sie.

Und da verstehe ich: Alles ist zusammengebrochen.

Die Tage vergehen. Oder vielleicht die Wochen. Ich weiß es nicht mehr. Hier existiert die Zeit nicht. Sie verflüssigt sich zwischen vier weißen Wänden und Gesichtern, die sich alle ähneln: Ärzte, Schwestern, Therapeuten. Alle mit diesem Blick. Den Blick des Mitleids. Den, der mich schreien lassen möchte.

Aber ich schreie nicht.

Ich kann nicht mehr.

Ich bin gefangen in diesem verdammten Bett. Gefangen in diesem zerbrochenen Körper.

Dr. Mercier kommt wieder. Immer der gleiche Vortrag, immer die gleiche hoffnungsvolle Stimme, die mir Übelkeit bereitet.

– Monsieur Levasseur, es ist Zeit, mit der Rehabilitation zu beginnen. Es gibt immer Raum für Fortschritt.

Ich starre ihn an, kalt, verächtlich.

– Werde ich wieder laufen oder nicht?

Er zögert. Dieses kurze Schweigen genügt mir.

– Verschwinden Sie.

Er seufzt.

– Die Realität abzulehnen, wird sie nicht ändern, Monsieur Levasseur.

Ich blitze ihn an.

– Und Sie, an Ihren Bullshit zu glauben, wird mich nicht aufstehen lassen.

Er geht.

Einer mehr.

Léa. Sie ist da. Immer. Treu. Ihre schlanke Silhouette durchquert den Raum, ihr Blick auf den Boden gerichtet.

– Sie sollten zumindest die Rehabilitation versuchen…

Ihre Stimme ist schwach, zitternd.

Ich lache. Ein raues, bitteres Geräusch.

– Bist du immer noch hier? Was suchst du, Léa? Eine Medaille? Einen Lebenslang?

Sie schluckt. Sie senkt den Kopf. Aber sie geht nicht.

Das macht mich verrückt.

– Ich brauche niemanden mehr. Hast du das verstanden? Weder dich, noch sie, noch irgendjemanden.

Sie hebt endlich den Kopf.

– Ich weiß. Aber ich… bleibe. Denn jemand muss bleiben.

Ich wende den Kopf ab. Ich will ihre Augen nicht sehen. Nicht ihr Mitleid. Nicht ihre Zuneigung.

Nicht jetzt.

Adrien kommt eines Abends vorbei. Er setzt sich schwer auf den Stuhl, sieht mich schweigend an.

– Willst du nicht kämpfen?

Ich lache wieder. Das ist alles, was mir bleibt.

– Kämpfen gegen was? Gegen die Tatsache, dass ich den Rest meines Lebens in eine Tasche pinkeln werde?

Er ballt die Fäuste.

– Du nervst, Nathan. Es gibt Leute, die alles geben würden, um herauszukommen.

Ich starre ihn an, eisig.

– Dann sollen sie meinen Platz nehmen.

Er schüttelt den Kopf.

– Sophia ist gegangen, weil sie wusste, dass du so reagieren würdest. Du gräbst dir dein eigenes Grab.

Ich antworte nicht.

Soll er die Klappe halten. Soll er und alle anderen mich in Ruhe lassen.

Ich will sie nicht. Ich will dieses Leben nicht mehr.

Sie setzen mich in einen Rollstuhl. Eine weitere Demütigung.

Ich weigere mich, die Rehabilitation zu machen. Weigere mich zu essen. Weigere mich zu sprechen.

Léa gibt nicht auf. Sie liest meine E-Mails, kümmert sich um meine Anrufe. Aber ich weise sie jeden Tag ein bisschen mehr zurück.

– Hör auf, Léa. Geh weg.

Sie schüttelt den Kopf.

– Du hast niemanden mehr. Ich bin noch hier.

– Du bist hier, weil du schwach bist.

Sie schluckt. Aber diesmal sehe ich die Tränen steigen.

Und zum ersten Mal fühle ich etwas. Nicht Mitleid. Nein. Nur eine noch größere Leere.

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