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Wo alles zusammenbricht
Wo alles zusammenbricht
Author: L'invincible

Kapitel 1 - Nathan Levasseur

Author: L'invincible
last update publish date: 2026-02-09 21:59:40

Nathan

Der trockene Klang der Absätze hallt über den Marmorboden. Ich hebe die Augen von meinem Bildschirm. Sophia. Immer makellos, perfekt gekleidet in ihrem beigen Anzug, der entschlossene Blick einer Frau, die bereits weiß, was sie erreichen will. Und sie wird es erreichen, wie immer.

Ich lehne mich in meinen Ledersessel zurück, mein Reich, mein Imperium, dieser Glasturm, der die Stadt überragt. Hier gehört mir alles. Die Entscheidungen. Die Zeit. Die Menschen. 

Ich bin Nathan Levasseur, und nichts und niemand kann mir widerstehen.

– Kommst du heute Abend früh nach Hause? fragt sie, scheinbar leicht.

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen. Früh existiert nicht in meinem Wortschatz.

– Ich habe ein Geschäftsessen.

– Du hattest es versprochen… haucht sie.

Das Versprechen. Dieses Wort, das zerbricht, sobald es ihren Mund verlässt. Ich hatte nie Zeit dafür. Nicht jetzt. Nicht mit allem, was ich aufbaue.

– Dieser Vertrag ist entscheidend, Sophia.

Sie strafft sich.

– Ich weiß. Alles ist immer entscheidend, nur ich nicht.

Ich habe keine Zeit, mich aufzuhalten. Die Zahlen rasen durch meinen Kopf, die Projekte folgen aufeinander. Mein Blick gleitet zu Léa, im Hintergrund, Notizbuch in der Hand, eine unauffällige Silhouette in ihrem perlgrauen Anzug. Effizient. Still. Perfekt in ihrer Rolle als Schatten.

– Léa, sage mein Mittagessen für morgen ab. Priorität hat das Treffen mit den Investoren.

Sie nickt ohne ein Wort. Ich weiß nicht einmal, wie lange sie schon für mich arbeitet. Drei Jahre? Vier? Sie ist da, immer da. Und ich schenke ihr nie Beachtung. Warum sollte ich? Sie gehört zur Kulisse, ein gut platzierter Bauer auf dem Schachbrett.

Sophia dagegen ballt die Fäuste.

– Du bist nie da, Nathan. Nie. Wir reden über die Ehe, aber du lebst nicht einmal mehr mit mir.

Ich seufze.

– Du übertreibst.

– Wirklich? Ihre Stimme zittert. Der Caterer hat mich angerufen. Du solltest die Menüs absegnen. Weißt du wann? Letzte Woche.

Ich zucke mit den Schultern. Ein Menü. Blumen. Unwichtige Details. Diese Hochzeit ist das perfekte Schaufenster für einen perfekten Mann. Aber das Wesentliche ist das, was ich hier aufbaue. Dieses Imperium, das meinen Namen lange nach mir tragen wird.

– Wir reden am Wochenende nochmal darüber.

Sie lacht. Ein gebrochener, freudloser Laut.

– Du wirst am Wochenende nicht hier sein. Das weiß ich schon.

Ich antworte nicht. Weil sie recht hat. Ich habe nicht vor, hier zu sein. Nicht für sie. Nicht für uns.

Léa hebt kurz die Augen zu mir, trifft meinen Blick und wendet sich dann ab. Als ob sie sich schämt, das hier mitzuerleben. Als ob sie, in ihrer stillen Loyalität, wahrnimmt, was ich mich weigere zu sehen: Sophia entfernt sich. Sie gleitet, sanft, aus meiner Reichweite.

Aber ich überzeuge mich, dass das nichts ist. Dass sie zurückkommen wird. Sie kommen immer zurück.

Denn ich bin Nathan Levasseur. Und jeder knickt irgendwann ein.

Die Nacht bricht über die Stadt herein. Ich betrachte die Lichter, die nacheinander an den Wolkenkratzern angehen. Das berauschende Gefühl von Macht pulsiert in meinen Adern.

Mein Handy vibriert. Eine Nachricht von Sophia:

Erwarte mich heute Abend nicht. Viel Glück bei deinem Dinner.

Ich lächle. Sie spielt dieses Spiel. Sie glaubt, sie könnte mich erreichen. Aber es ist nur ein Spiel. Und ich kenne bereits den Ausgang.

Ich stehe auf, richte meine Jacke. Hinter mir sortiert Léa die Unterlagen, akribisch.

– Gehen Sie nach Hause, Léa.

Sie zuckt fast zusammen. Meine Stimme knallt in die Luft wie ein Befehl. Sie nickt.

– Schönen Abend, Monsieur Levasseur.

Sie verschwindet geräuschlos. Kein weiteres Wort. Keine Erwartung. Das schätze ich an ihr: die Abwesenheit von Erwartungen.

Ich bin frei.

Frei zu bauen, zu herrschen, zu erobern.

Frei zu verlieren.

Aber das weiß ich noch nicht.

Der Besprechungsraum ist in grelles Licht getaucht. Um den Mahagonitisch sind sie versammelt. Meine Partner. Meine Investoren. Alle hängen an meinen Lippen. Ich liebe diesen Moment. Diese Stille, die dem Sieg vorausgeht. Dieses Kribbeln im Rücken, wenn man weiß, dass man der Stärkste im Raum ist.

Adrien ergreift das Wort, selbstbewusst.

– Das Projekt Nova ist ein Wagnis. Aber wenn es jemand schaffen kann, dann Nathan.

Ich lasse eine Stille entstehen und betone dann.

– Kein Wagnis. Eine Gewissheit. In einem Jahr gehört diese Stadt uns.

Die Blicke kreuzen sich, zustimmend. Ich reiße Zahlen, Prognosen, Gewinne aneinander. Die Welt wird zu einer Gleichung, die ich perfekt beherrsche.

Adrien schickt mir ein verschwörerisches Lächeln. Wir kennen uns seit der Uni. Er, diplomatischer. Ich, scharf wie eine Klinge. Und doch hat er mir in jedem Wahnsinn gefolgt.

Am Ende werden Hände geschüttelt. Verträge werden unterzeichnet.

Ich bin am Gipfel.

Die Nacht bricht wieder herein. Und diesmal gehe ich nach Hause.

Sophia ist im Wohnzimmer. Perfekt. Zu perfekt. Ihr Kleid fällt über ihre Schultern wie ein Versprechen, das sie nicht halten wird. Sie sieht mich an, aber ich spüre bereits die Distanz.

– Und? Deine Investoren?

Ich lächle.

– Unter Kontrolle. Das Projekt startet.

Sie nickt. Ich sollte ihr sagen, was das bedeutet. Ihr erklären, dieses Adrenalin, das mich verzehrt. Aber wozu? Sie versteht es nicht. Sie versteht es nicht mehr.

– Die Hochzeit… haucht sie. Wollen wir das noch, Nathan?

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen.

– Warum sagst du das?

– Weil ich das Gefühl habe, einem Schatten hinterherzulaufen.

Ich sehe sie an. Wirklich. Zum ersten Mal seit Wochen. Und ich sehe die Angst. Die Aufgabe. Die Einsamkeit. Alles, was ich nicht sehen will.

Also stehe ich auf. Ich küsse sie. Nicht aus Liebe. Aus Reflex. Aus Pflicht.

– Natürlich wollen wir das. Hör auf zu zweifeln.

Sie lächelt, zerbrechlich. Aber tief im Inneren wissen wir beide: Sie glaubt mir nicht mehr.

Am nächsten Tag wartet Léa bereits, als ich in mein Büro komme. Makellos. Wie immer.

– Die Unterlagen für Nova sind bereit, Monsieur Levasseur. Und… Sie zögert. Sophia hat heute Morgen angerufen. Sie wollte wissen, ob Sie heute Mittag zusammen essen können.

Ich beiße die Zähne zusammen.

– Sag ab. Sag ihr, dass… nein. Sag einfach ab.

Léa nickt. Kein Kommentar. Keine Bemerkung. Sie nimmt es hin. Wie gewohnt.

Ich fixiere sie einen Moment zu lange. Diese Frau schiebe ich seit Monaten an ihre Grenzen. Und sie nimmt es hin. Immer.

– Léa… Meine Stimme wird sanfter. Geht es Ihnen… gut?

Sie hebt überrascht die Augen.

– Mir geht es gut, Monsieur.

Ich wende mich ab. Warum habe ich das gefragt? Was ändert das letztendlich?

Nichts.

Denn ich bin Nathan Levasseur. Und alles ist in Ordnung. 

Alles wird immer in Ordnung sein.

Zumindest ist das, was ich noch glaube.

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