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Das Geräusch des Regens, der gegen das Fenster meines Zimmers prasselte, war die einzige Gesellschaft, die ich wirklich besaß. Draußen lag die Welt in dichten Nebel und Finsternis gehüllt – genau so, wie ich es liebte. Hier drinnen, zwischen heruntergebrannten Kerzen und Postern obskurer Bands, konnte ich endlich atmen.
— Lara! — Die Stimme meiner Adoptivmutter hallte die Treppe hinauf und zerschnitt meinen Moment der Ruhe. — Komm sofort runter, dein Vater und ich müssen mit dir sprechen.
Ich seufzte schwer, zog mich widerwillig aus dem Bett und schlurfte barfuß durch das Meer aus verstreuten Büchern zur Tür. Mit zwanzig Jahren wurde ich in meinem eigenen Zuhause immer noch wie eine aufsässige Jugendliche behandelt.
Ich stieg die Treppe hinunter und fand sie im makellos aufgeräumten Wohnzimmer. Meine Mutter, Margaret, saß mit verkrampften Händen im Schoß, während mein Vater, Richard, etwas auf seinem Tablet las, als wäre ich gar nicht da.
— Ja? — fragte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.
Margaret kam gleich zur Sache.
— Wir haben heute eine E-Mail von deiner Universität bekommen. Wegen dieser Praktikumsstelle im Literaturdepartment. — Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. — Sie haben angedeutet, dass deine… optische Erscheinung möglicherweise nicht für ein professionelles Umfeld geeignet sei.
— Es ist nur Make-up und Kleidung, Mutter. — Meine Stimme blieb fest. — Und meine akademischen Leistungen sprechen für sich.
Richard hob langsam den Blick.
— Es geht nicht nur um Noten, Lara. Auf dem Arbeitsmarkt zählt das Äußere. Du musst lernen, dich wie ein normaler Mensch zu kleiden, wenn du in dieser Wirtschaft überhaupt eine Chance haben willst.
— Normal? — Ein bitteres Lachen entkam mir. — Wie soll ich denn normal sein, wenn diese Familie mich nie wie ein echtes Mitglied behandelt hat?
Margaret presste die Kiefer aufeinander.
— Fang nicht schon wieder damit an. Wir haben dir alles gegeben, was du brauchst — Bildung, Chancen, ein Dach über dem Kopf…
— Alles, nur keine Akzeptanz. — Die alten Wunden rissen sofort wieder auf.
— Jetzt reicht’s! — Richard schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. — Bis Ende des Monats sorgst du für ein professionelleres Erscheinungsbild. Sonst streichen wir dir das Taschengeld. Verstanden?
Ohne ein weiteres Wort drehte ich mich um und stieg die Treppe hinauf. Ihre missbilligenden Murmeln verfolgten mich. Oben angekommen, schloss ich die Tür meines Zimmers ab, lehnte mich dagegen und atmete tief durch. Sie würden es nie verstehen. Manche Menschen waren einfach nicht dazu geboren, sich anzupassen.
In diesem Moment kam mir meine verstorbene Großmutter väterlicherseits, Agnes, in den Sinn. Sie war die Einzige gewesen, die mich nie verurteilt hatte. Mit ihren weisen Augen und ihren Geschichten über Kräuter und Zauber. Kurz vor ihrem Tod hatte sie mir zugeflüstert:
— „Es wartet ein Geschenk für dich auf dem Dachboden, Liebes. Für den Tag, an dem du bereit bist.“
Etwas Unerklärliches trieb mich an. Ich zog die Leiter zum Dachboden herunter und stieg hinauf. Die Luft war staubig, schwer und roch nach vergessener Zeit. In einer alten Zedernholztruhe fand ich schließlich ein in abgenutztes Leder gebundenes Tagebuch, auf dessen Einband seltsame Symbole eingraviert waren. Auf der ersten Seite stand in Agnes’ eleganter Handschrift: Hexenkunst der Ahnen.
Während ich die Seiten mit ihren fein notierten Zaubern und Ritualen durchblätterte, überfiel mich eine lebhafte Erinnerung: der Moment, in dem ich Professor Dorian zum ersten Mal gesehen hatte. Auf dem Universitäts-Parkplatz. Mit seiner Frau.
Er hatte sie liebevoll umarmt, mit einem breiten, echten Lächeln. Die Art, wie er sie ansah… als wäre sie sein gesamtes Universum.
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Solche Liebe hatte ich noch nie gesehen — so rein, so hingebungsvoll. Er war alles, was ich je wollte. Aufmerksamkeit. Hingabe. Leidenschaft. Und ich war entschlossen, ihn zu bekommen.
Ich presste das Tagebuch fest an meine Brust.
— Danke, Oma Agnes, — flüsterte ich in die Schatten hinein. — Ich habe endlich gefunden, wonach ich gesucht habe.
Mit neuer Entschlossenheit stieg ich vom Dachboden herunter. Während meine Eltern unten weiter über Jobs und äußeres Erscheinungsbild diskutierten, lächelte ich zum ersten Mal in dieser Nacht.
Sie wollten, dass ich mich anpasse? Dass ich normal werde?
Nein. Normalität wollte ich nicht.
Ich wollte Macht.Und mit Agnes’ Tagebuch würde ich sie endlich bekommen.
Die Tür schloss sich hinter Christopher und Evelyn, und der Salon versank in Schweigen.Nicht das angenehme Schweigen, das auf ein gelungenes Abendessen folgt, sondern ein schweres Schweigen, nach einer Katastrophe.Die Gäste begannen sich kurz darauf zu zerstreuen, Mariana mit ihrem gelangweilten Ehemann, Helena mit einem falschen Lächeln auf den Lippen, Sophie, die den weinbefleckten Senator hinter sich herzog. Beatrice Astor gab mir einen Kuss auf die Wange und flüsterte „Mut, Liebes“, bevor sie ging.Und dann waren nur noch wir übrig. Die Familie.William saß in seinem Sessel, den Whisky in der Hand, die blauen Augen starr auf den Kamin gerichtet. Victoria hatte ihr Tablet auf dem Sofa abgelegt und massierte sich die Schläfen. Eleanor saß auf dem Boden und streichelte Astor, der leise winselte – selbst er spürte die Anspannung.— Nun… — sagte Victoria und brach das Schweigen. — Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass es ein denkwürdiges Abendessen war.— Victoria. — warnte
Das Abendessen verlief überraschend gut.Nach der anfänglichen Konfrontation mit Mariana, Helena und Sophie beruhigten sich die Dinge. Ich saß neben Mortyss an der langen Mahagonitafel, und Celeste, strahlend, lenkte das Gespräch mit der Meisterschaft einer erfahrenen Gastgeberin.Sie hatte mich strategisch zwischen sich und Eleanor platziert, weit entfernt von Christophers Ex-Geliebten, die mit ihren jeweiligen Begleitern am anderen Ende der Tafel saßen.— Evelyn, Liebes. — rief Celeste und schenkte mir mehr Wein nach. — Christopher hat mir erzählt, dass du Tänzerin bist. Wie wunderbar! Ich wollte schon immer mehr über die Welt des Tanzes erfahren. Tanzt du schon seit der Kindheit?— Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr. — antwortete ich und wählte meine Worte mit Bedacht.Ich wollte den Stiefvater nicht erwähnen. Ich wollte die Straßen nicht erwähnen. Ich wollte nichts davon erwähnen.— Welch Disziplin! — bemerkte eine silberhaarige Dame, die als Beatrice Astor vorgestellt worden war.
Evelyn war atemberaubend.Während die Pocket-Dimension unsere Kleidung für das Abendessen bereitstellte, beobachtete ich sie vor dem Spiegel.Sie hatte ein langes, weinrotes Samtkleid gewählt, mit einem dezenten Ausschnitt, der die Schlüsselbeine und den nackten Rücken betonte.Die dunklen Haare waren zu einem tiefen Chignon frisiert, einige lose Strähnen umrahmten ihr Gesicht. Die Juwelen, die Celeste ihr geschenkt hatte, funkelten an ihrem Hals.— Du starrst mich an. — bemerkte sie, als sie meinen Blick im Spiegel traf.— Das tue ich.— Seit zehn Minuten.— Du bist atemberaubend. — Ich trat näher und küsste die Kurve ihrer nackten Schulter. — Ich kann nicht aufhören, dich anzusehen.— Du siehst auch nicht schlecht aus. — Sie drehte sich um und strich die Revers meines dunklen Sakkos glatt. Das weiße Hemd bildete einen starken Kontrast zu meinem gebräunten Teint. Ich hielt die menschliche Tarnung aufrecht, doch meine Augen drohten bereits in Violett zu leuchten. — Bereit, der New Yor
Das Mittagessen wurde im formellen Speisesaal serviert, an einer Mahagonitafel, die zwanzig Personen Platz bot, doch nur für sechs gedeckt war. Ich saß neben Mortyss, und Celeste nahm den Ehrenplatz am Kopfende ein, strahlend.Das Essen war köstlich. Gebratenes Lamm, Gemüse, ein Rotwein, den William persönlich ausgewählt hatte. Die Unterhaltung floss natürlich dahin, und ich ertappte mich dabei, wie ich über die Geschichten lachte, die Celeste erzählte.— …Und dann hat Christopher mit fünf Jahren beschlossen, dass er Astronaut werden wollte. Aber nicht irgendein Astronaut. Er wollte der erste Astronaut sein, der einen Golden Retriever ins All mitnimmt. — Celeste lachte, die Augen leuchtend. — Er hat wochenlang mit Astor geübt, damit er in einen Pappkarton steigt, den er „Raumschiff“ nannte.— Mutter. — protestierte Mortyss, dessen Ohren sich röteten. — Das ist dreißig Jahre her.— Und es war hinreißend! — Celeste ignorierte den Protest. — Er hat „Countdown“ gemacht und alles. „Zehn, n
Der Tag des Mittagessens kam schneller, als ich erwartet hatte.In Mortyss’ Pocket-Dimension verging die Zeit nicht auf dieselbe Weise wie in der menschlichen Welt, die Stunden rannen zwischen den Fingern hindurch wie Wasser, und bevor ich mich versah, war es bereits Sonntag.Die Dimension, stets zuvorkommend, stellte alles bereit, was ich brauchte. Ein neues Kleid hing im Kleiderschrank, marineblau, mit midi-Schnitt, sittsamem, doch elegantem Ausschnitt. Schuhe mit niedrigem Absatz. Eine Perlenkette, die zu den Ohrringen passte. Leichtes Make-up, die Haare offen in weichen Wellen.— Du siehst wunderschön aus. — murmelte Mortyss, der hinter mir vor dem Spiegel stand. Er trug ein graues Sakko über einem weißen Hemd, die dunklen Haare nach hinten gekämmt. Die Augen waren braun, die menschliche Tarnung vollkommen intakt.— Ich bin nervös. — gestand ich und strich den Stoff des Kleides glatt. — Es ist deine Familie.— Die Familie von Christopher.— Du weißt, was ich meine. — Ich drehte mi
Mortyss hob meine Beine mit einer Ehrfurcht, die im starken Kontrast zur Brutalität dessen stand, was wir taten.Seine langen Finger verschränkten sich mit meinen Zehen, spreizten mich komplett, hoben meinen Arsch an, damit er noch tiefer in mich stoßen konnte.Die Position war obszön, ich war vollkommen entblößt, die Fotze nass und geschwollen, das Arschloch noch immer triefend von der Ladung der vorherigen Runde.— So. — murmelte er, die violetten Augen fest auf meine gerichtet. — So sehe ich alles. Jeden Zentimeter von dir, der mich verschlingt.— Gefällt dir das Zuschauen?— Ich liebe es.Das Wort hing in der Luft zwischen uns. Ich liebe es. Er hatte es ohne nachzudenken gesagt, bezogen auf den Akt, den Anblick, das Vergnügen. Aber etwas in meiner Brust zog sich trotzdem zusammen.Mortyss begann zu stoßen.Langsam am Anfang. Tief. Jeder Eindringung ließ meinen Rücken sich wölben, jedes Herausziehen entlockte ein Stöhnen. Seine Augen wichen nicht von meinen, dieses intensive Violet
— Wusstest du, dass es einen absurden Preisunterschied zwischen importierten und heimischen Spaghetti gibt? — fragte sie, ohne den Blick zu heben. — Die importierten kosten das Dreifache. Das ist Mehl und Wasser. Mehl. Und. Wasser.— Du kommst heute Abend mit mir zum Dinner.Sie ließ die Packungen
Das Supermarkt war ein absurd banales Setting.Ich hatte schon Höllendimensionen besucht, mit uralten Dämonen verhandelt, Jahrhunderte von Jagden und Verfolgungen überlebt. Aber nichts – nichts in tausend Jahren Existenz – hatte mich auf die Erfahrung vorbereitet, Marken von Müsli in einem Supermar
— Du verstehst das nicht. — fuhr er fort. — Gestern Abend hat dieser Inkubus dich gefunden. Er hat deinen Duft gerochen, deine Macht gespürt und ist dir gefolgt. Wenn ich nicht rechtzeitig gekommen wäre…— Aber du bist gekommen.— Und was, wenn ich beim nächsten Mal nicht komme?Seine Stimme klang
Der Regen fiel über Manhattan wie ein grauer Schleier, und ich stand reglos mitten in der Gasse und starrte auf die Stelle, an der Evelyn in der Dunkelheit verschwunden war.Mein Schwanz berührte meine Schulter.„Hast du das gespürt?“— Ja.„Es ist nicht nur Wut. Da ist mehr.“Ich schloss die Augen







