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Zweimal Du
Zweimal Du
Author: Ella D’Ravyn

KAPITEL 1

last update Petsa ng paglalathala: 2026-06-16 06:54:16

PROLOG

Der Regen peitscht gegen die Buntglasfenster der St.-Patrick’s-Kathedrale in New York, während ich die Worte wiederhole, die angeblich den Rest meines Lebens besiegeln sollen.

„Ich, Beatrice Ashford, nehme dich, Harvey Prescott, zu meinem rechtmäßigen Ehemann …“

Meine Stimme klingt schwach. Unsicher. Falsch.

Der schwere Schleier liegt wie ein Urteil über meinem Gesicht. Er dämpft die Geräusche um mich herum und lässt die Welt fern und verschwommen erscheinen. Harvey drückt meine Hände viel zu fest. Sein Griff ist zu stark, zu besitzergreifend. Als ich den Blick hebe, sehe ich sein Lächeln: selbstsicher, zufrieden, beinahe triumphierend.

Als hätte er bereits gewonnen.

Als wüsste er, dass ich nach dieser Nacht für immer ihm gehören werde.

Ich sollte glücklich sein. Beschützt. Sicher.

Doch etwas in mir schreit.

Falsch.

Dann fliegen die Kirchentüren mit einem ohrenbetäubenden Knall auf.

Der Lärm zerreißt die Luft. Das Holz splittert. Schreie hallen durch die gesamte Kathedrale. Die Orgel verstummt mitten in einem Ton und hinterlässt eine groteske Stille, bevor das Chaos alles verschlingt.

Mein Herz hämmert schmerzhaft gegen meine Brust.

Bewaffnete Männer stürmen den Mittelgang entlang.

Drei bahnen sich einen Weg nach vorn. Der Mann in der Mitte ist groß, blond und breitschultrig. Er trägt Schwarz. Der Regen rinnt an seinem Anzug hinunter, als hätte er den Sturm nur durchquert, um mich zu erreichen.

Doch es ist nicht der Regen, der mich wie gelähmt zurücklässt.

Es sind seine Augen.

Blau. Wild. Unnachgiebig auf mich gerichtet, mit einer solchen Intensität, dass mir der Atem stockt.

Als wäre ich das einzige lebende Wesen in dieser gesamten Kathedrale.

Harvey lässt meine Hände sofort los und stellt sich vor mich.

„Wer zum Teufel bist du?“, brüllt er. Seine Stimme hallt von den Wänden wider. „Das hier ist eine Hochzeit. Verschwinde sofort!“

Der Blonde verlangsamt seinen Schritt nicht.

Er geht weiter auf den Altar zu, Schritt für Schritt, als könnte ihn nichts auf dieser Welt aufhalten. Als würde jeder Zentimeter zwischen uns bereits ihm gehören.

Hinter ihm verteilen sich weitere schwarz gekleidete Männer an den Seiten. Sie umzingeln die Gäste, versperren sämtliche Ausgänge und verwandeln die Kathedrale in ein Gefängnis.

Einer von ihnen – dunkelhaarig, mit eiskaltem Blick – drückt den Lauf einer Waffe gegen Harveys Hinterkopf.

„Eine einzige falsche Bewegung“, sagt er mit erschreckender Ruhe, „und ich streiche den Altar mit deinem Hirn, Prescott.“

Harvey erstarrt.

Die Wut steht ihm noch immer ins Gesicht geschrieben, doch nun mischt sich blankes Entsetzen darunter.

Ich versuche, einen Schritt zurückzuweichen. Das schwere Hochzeitskleid behindert mich.

Ein Knoten zieht sich in meinem Magen zusammen.

„Nein, nein …“

Der Blonde steigt ohne zu zögern die Stufen zum Altar hinauf. Er bittet nicht um Erlaubnis. Er kennt keine Angst.

Dann legt er seinen Arm um meine Taille und zieht mich mit einer Kraft an sich, gegen die ich nichts ausrichten kann.

„Lass mich los! Lass mich los!“, schreie ich und wehre mich mit aller Kraft, als er mich an sich zieht.

Er ist groß. Kräftig. Gefährlich.

Sein Gesicht ist hart, sein Blick unerbittlich. Alles an ihm strahlt eine Gefahr aus, die ich nicht einschätzen kann.

„Evie“, knurrt er. Seine Stimme ist tief und rau, erfüllt von Schmerz und einer Wut, die er kaum zurückhalten kann.

Für einen Moment erstarre ich.

Evie?

„Mein Name ist Beatrice!“, spucke ich ihm entgegen und kämpfe weiter. Meine Fingernägel kratzen über seinen Hals, bis Blut zu sehen ist. „Lass mich los, du Psychopath!“

Mit seiner freien Hand reißt er mir den Schleier vom Kopf.

Unsere Blicke treffen sich.

Die ganze Welt scheint sich zu neigen.

Für einen Sekundenbruchteil durchfährt mich etwas Tiefes, Unbegreifliches, während ich in seine blauen Augen sehe. Mein Herz schlägt schneller, und ein seltsames Gefühl durchzieht mich, das ich nicht einordnen kann.

Es ist, als würde mein Körper ihn erkennen.

Als wüsste ein vergessener Teil von mir ganz genau, wer er ist.

Auch wenn mein Verstand es nicht begreift.

Auch wenn meine Erinnerungen nichts als Leere enthalten.

Dann lächelt er.

Kalt. Dunkel. Unheilvoll.

„Du warst meine Ehefrau“, sagt er mit einer Stimme, die zugleich wie ein Versprechen und eine Drohung klingt. „Und du bist es immer noch.“

Bevor ich reagieren kann, schiebt er einen Arm unter meine Knie und wirft mich über seine Schulter, als würde ich nichts wiegen.

Die Welt steht plötzlich Kopf.

Die Panik überwältigt mich. Die Demütigung trifft mich mit derselben Wucht wie die Angst.

„Lass mich los! Hilfe! Kann mir jemand helfen?“, schreie ich, trete wild um mich und schlage mit aller Kraft gegen seinen Rücken.

Seine Hand hält mein Bein fest, sodass ich mich kaum bewegen kann.

„Sei still, Sirius“, murmelt er, während er mich wie eine Trophäe den Mittelgang hinunterträgt. „Du wirst dich erinnern.“

Mein ganzer Körper versteift sich.

„Oder ich werde dafür sorgen, dass du dich erinnerst.“

Harvey versucht, sich aus dem Griff der Männer zu befreien. Sein Gesicht ist vor Wut gerötet.

„Lasst sie los, ihr verdammten Mistkerle!“, brüllt er. „Beatrice!“

Einer der Männer schlägt ihm brutal in den Magen. Harvey krümmt sich keuchend, während die Waffe weiterhin auf seinen Kopf gerichtet bleibt.

Niemand kommt, um mich zu retten.

Niemand kann es.

Der Regen trifft uns wie Eisklingen, als der Blonde mich aus der Kirche trägt. Der Himmel über New York ist ein dunkler, verschwommener Fleck. Lichtblitze. Schreie. Quietschende Reifen. Zuschlagende Türen.

Er wirft mich auf den Rücksitz eines schwarzen, gepanzerten SUVs und steigt unmittelbar danach selbst ein. Die Tür fällt mit einem lauten Knall ins Schloss.

Verzweifelt rutsche ich auf die andere Seite und reiße an der Türverriegelung.

Abgeschlossen.

„Nein, nein, nein …“

Er zieht mich mit brutaler Kraft zurück und hält mich fest, sodass ich nicht entkommen kann.

Schwer. Unausweichlich. Erdrückend.

„Bitte …“ Meine Stimme versagt. „Ich kenne dich nicht.“

Heiße Tränen laufen über mein Gesicht.

Er packt mein Kinn zwischen die Finger und zwingt mich, ihn anzusehen.

Seine blauen Augen wirken aus der Nähe noch wilder. Noch intensiver. In ihnen liegen Schmerz und Hass, eine Dunkelheit, die ich nicht verstehe und die mir Angst macht.

„Du hast mich besser gekannt als jeder andere Mensch auf dieser verdammten Welt“, knurrt er. „Du hast in meinem Bett geschlafen. Du hast meine Tochter zur Welt gebracht. Und ich habe für dich getötet.“

Mein Blut gefriert.

Nein.

Das kann nicht wahr sein.

„Jetzt kommst du nach Hause. Zu mir.“

Der Wagen rast durch die regennassen Straßen Manhattans.

Ich kämpfe. Ich stoße ihn weg. Ich weine. Ich versuche, mich aus seinem Griff, unter seinem Gewicht und aus seiner erdrückenden Nähe zu befreien.

Vergeblich.

Mit einer Hand hält er meine Handgelenke über meinem Kopf fest, sodass ich mich kaum bewegen kann.

„Kämpf, so viel du willst“, flüstert er mit düsterer Stimme. „Je mehr du dich wehrst …“

Seine Stimme wird noch tiefer.

„… desto entschlossener werde ich sein, dich daran zu erinnern, wer du bist.“

Ich wende zitternd den Kopf ab.

Doch tief in meiner Brust brennt dieses unerträgliche Gefühl noch immer.

Ein Funke.

Ein Echo.

Eine Erinnerung ohne Gesicht.

Während New York hinter einem Vorhang aus Regen verschwindet, begreife ich mit eisigem Entsetzen, dass mir gerade mein eigenes Leben aus den Händen gerissen wurde.

Gestohlen von einem Mann, der behauptet, mein Ehemann zu sein.

Ein Mann, an den ich mich nicht erinnere.

Der mich jedoch ganz offensichtlich niemals vergessen hat.

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