Mag-log inDas Frühstück endet in einer angespannten Stille, die nur Claire nicht zu bemerken scheint. Sie erzählt begeistert von ihren Plänen für den Tag und ahnt nichts von dem stillen Sturm, der zwischen Declan und mir aufzieht.
Jedes Mal, wenn sich unsere Blicke begegnen, erinnere ich mich an die Drohung, die er mir in der Dunkelheit ins Ohr geflüstert hat.
Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Ich versuche, mich auf Claires melodische Stimme zu konzentrieren, doch Declans Anwesenheit neben mir ist erdrückend. Seine Hand liegt noch immer besitzergreifend auf meinem Oberschenkel und erinnert mich unablässig daran, dass es kein Entkommen gibt.
„Kann ich Mama jetzt mein Zimmer zeigen?“, fragt Claire und springt voller Energie von ihrem Stuhl auf.
Declan wischt sich langsam mit der Serviette den Mund ab.
„Natürlich, Prinzessin. Aber danach müssen deine Mutter und ich miteinander reden.“
Das Wort reden klingt wie eine versteckte Drohung.
Claire nimmt meine Hand und zieht mich mit sich die Treppe hinauf. Jeder Schritt bringt mich vorübergehend weiter von Declan weg, doch ich kann seinen Blick förmlich in meinem Rücken spüren.
Claires Zimmer ist eine völlig andere Welt als der Rest des düsteren Hauses. Die Wände sind mit Sternen bedeckt, die im Dunkeln leuchten. Regale sind voller Bücher und Kuscheltiere, und eine ganze Wand ist den Zeichnungen gewidmet, die mit Klebeband daran befestigt wurden.
„Das ist meine Bilderwand“, verkündet sie stolz und zieht mich zu ihr. „Jedes Bild steht für einen Tag, an dem ich darauf gewartet habe, dass du zurückkommst.“
Mein Herz bleibt stehen.
Hunderte Zeichnungen hängen dort. Kindliche Darstellungen einer dunkelhaarigen Frau, eines tätowierten Mannes und eines kleinen blonden Mädchens zwischen ihnen. Auf einigen Bildern sind wir am Strand, auf anderen in einem Park. Viele zeigen genau dieses Haus, das mir so fremd ist.
„Das habe ich gemalt, als ich zehn geworden bin.“ Sie deutet auf eine Zeichnung mit einem Kuchen und schief gemalten Kerzen. „Ich habe mir dich als Geburtstagsgeschenk gewünscht. Papa hat gesagt, dass ich genauso bin wie du und immer so lange weitermache, bis ich bekomme, was ich will.“
Tränen brennen in meinen Augen.
Wie kann ich mich nicht an sie erinnern?
„Claire …“ Meine Stimme bricht. „Ich erinnere mich an nichts davon. Und das tut weh. Nicht, weil du mir nicht wichtig bist, sondern weil etwas alles aus meinem Gedächtnis gelöscht hat.“
Sie sieht mich mit einer Ernsthaftigkeit an, die weit über ihr Alter hinausgeht.
„Papa hat es mir erklärt“, sagt sie. „Manchmal versteckt unser Verstand Dinge, wenn wir zu viel Schmerz erlebt haben, damit wir nicht daran zerbrechen.“
Sie nimmt meine Hand.
„Aber ich werde dir helfen, dich zu erinnern. Ich kenne all unsere Geschichten.“
Bevor ich antworten kann, räuspert sich jemand an der Tür.
„Darf ich hereinkommen, Prinzessinnen?“
Es ist der ruhige Blonde aus dem Flugzeug – Luka. Aus der Nähe wirkt er noch gefährlicher, gerade weil er nicht bedrohlich erscheint. Helle Augen, ein ungezwungenes Lächeln und die Haltung eines Mannes, der alles um sich herum aufmerksam beobachtet.
„Luka!“
Claire läuft zu ihm. Er hebt sie hoch und bringt sie zum Lachen.
„Wie geht es unserer Lieblingskünstlerin?“, fragt er und stupst sie liebevoll an die Nase.
„Ich zeige Mama meine Bilderwand.“
Lukas Blick wandert zu mir. Er sieht mich nicht so unverhohlen an wie Declan. Sein Blick ist analytisch, als würde er jede meiner Reaktionen genau untersuchen.
„Schön, dich endlich wach zu sehen, Evie“, sagt er mit einem Lächeln, das beruhigend wirken sollte, mir aber einen Schauer über den Rücken jagt.
„Sie erinnert sich nicht“, korrigiert Claire ihn sofort. „Im Moment musst du sie Beatrice nennen.“
Luka neigt den Kopf.
„Beatrice also.“ Er macht eine kurze Pause. „Declan hat mich gebeten, dir auszurichten, dass er für ein paar Stunden wegmuss. Arbeit.“
Sein Blick bleibt auf meinem Gesicht.
„Er hat gesagt, dass du bei Claire bleiben kannst. Aber du sollst nicht auf eigene Faust in der Stadt herumspazieren.“
Die Botschaft ist eindeutig: Versuch nicht zu fliehen.
„Ich werde nirgendwo hingehen“, lüge ich, weil mir keine andere Wahl bleibt.
Luka beobachtet mich noch einen Moment, als könnte er meine Gedanken lesen.
„Braves Mädchen. Wenn du etwas brauchst, bin ich im Büro.“
Die nächsten Stunden verschwimmen zu einem seltsamen Durcheinander.
Claire führt mich durch das Haus und zeigt mir jeden Ort, den sie für sicher hält: ihr Atelier, die Bibliothek, in der ich ihr angeblich vorgelesen habe, und den Garten, den sie unser „geheimes Universum“ nennt.
Überall finden sich Spuren eines Lebens, das ich nicht wiedererkenne.
Ein Buch mit handschriftlichen Notizen am Rand. Eine Tasse mit dem Namen „Sirius“. Ein Mantel, der über einer Stuhllehne vergessen wurde.
Es ist, als würde ich durch ein Museum meiner eigenen verlorenen Existenz gehen.
Am späten Nachmittag kuschelt Claire sich erschöpft von all dem Reden auf meinem Schoß auf dem Sofa im Wohnzimmer.
„Früher hast du mir immer so die Haare gestreichelt, bis ich eingeschlafen bin“, murmelt sie schläfrig. „Jedes Mal.“
Meine Hände beginnen sich instinktiv zu bewegen. Meine Finger gleiten sanft und gleichmäßig durch ihre blonden Haare.
Und dann passiert es.
Das Bild erscheint aus dem Nichts.
Dasselbe Sofa. Eine kleinere Claire mit einem Schnuller im Mund. Meine Finger, die durch ihr Haar gleiten, während ich leise eine Melodie summe, deren Ursprung ich nicht kenne.
Das Zimmer wird nur von einer Nachttischlampe erhellt. Durch das leicht geöffnete Fenster zieht der Geruch von Regen herein.
Und im Türrahmen steht eine große Gestalt, die uns voller Hingabe beobachtet.
Declan.
Der flüchtige Eindruck verschwindet so schnell wie ein Blitz, doch er ist stark genug, um mir den Atem zu rauben.
Ich erinnere mich.
Nicht an alles. Aber an diesen Augenblick.
An das Gefühl von Zugehörigkeit, von Liebe, von … Zuhause.
Mein Herz rast, verwirrt und verängstigt.
Wenn ich diesen Weg weitergehe, woran werde ich mich noch erinnern?
Und schlimmer noch: Wird jede neue Erinnerung den Hass zerstören, den ich auf Declan empfinden muss, um die Kraft zur Flucht aufzubringen?
Claire schläft innerhalb weniger Minuten ein. Ich bleibe regungslos sitzen, meine Hand noch immer in ihrem Haar, während das Haus still um uns herumliegt.
In diesem Moment spüre ich ihn.
Ich höre keine Schritte. Ich weiß einfach, dass er da ist.
Als ich den Blick hebe, steht Declan am Eingang des Wohnzimmers. Dunkler Anzug, gelockerte Krawatte, vom Regen feuchtes Haar. Er sieht aus wie ein Sturm in Menschengestalt.
Seine Augen wandern über die Szene: Claire schläft auf meinem Schoß, während meine Hand durch ihr Haar streicht, genau wie früher.
Etwas verändert sich in seinem Gesicht.
Es ist nicht das grausame Lächeln des Triumphs. Es ist etwas Gefährlicheres, weil es echt ist.
Hoffnung.
Er kommt schweigend näher und kniet sich neben das Sofa, bis er auf Augenhöhe mit mir ist.
„Du hast dich an etwas erinnert“, sagt er sanft.
Es ist keine Frage. Es ist eine Feststellung.
Ich könnte es leugnen. Doch das Leuchten in seinen Augen verrät mir, dass er die Antwort bereits kennt.
„An ein Fragment“, gebe ich leise zu. „Nichts Wichtiges.“
Für ihn scheint es die ganze Welt zu bedeuten.
Declan hebt langsam die Hand und berührt mein Handgelenk – dasselbe, das noch immer auf Claires Kopf ruht. Seine Berührung ist warm und fest.
Für einen Augenblick entsteht ein geschlossener Kreis: Vater, Mutter, Tochter.
„Für heute reicht das“, antwortet er. Zum ersten Mal klingt seine Stimme nicht wie ein Befehl. Sie klingt nach Dankbarkeit. „Danke, dass du nicht geflohen bist.“
„Ich bin nicht deinetwegen geblieben“, erwidere ich automatisch. „Ich bin ihretwegen geblieben.“
„Ich weiß.“
Ein müdes Lächeln hebt einen Mundwinkel.
„Du hast immer das Richtige für sie getan. Selbst dann, wenn du mich gehasst hast.“
Er beugt sich vor und küsst Claire ehrfürchtig auf die Stirn.
Dann wandert sein Blick für einen Moment zu meinen Lippen. Der Augenblick scheint eine Ewigkeit zu dauern. Ich halte den Atem an und warte auf den nächsten Versuch, mich zu bedrängen.
Doch er tut nichts.
Er steht einfach auf und schiebt seine Arme unter Claires schlafenden Körper, um sie hochzuheben, ohne den Blickkontakt mit mir zu unterbrechen.
„Kommt“, sagt er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet, aber auch nicht unmittelbar bedrohlich klingt. „Zeit, unsere Prinzessin ins Bett zu bringen.“
Dann macht er eine Pause.
Seine Augen verdunkeln sich.
„Danach … reden wir.“
Ich weiß, dass reden in seiner Sprache selten nur Worte bedeutet.
Trotzdem stehe ich auf. Denn zum ersten Mal, seit ich in diesem Albtraum aufgewacht bin, möchte ein kleiner, neugieriger Teil von mir wissen, was mein Gedächtnis noch vor mir verbirgt.
Wenn die Erinnerung die einzige Waffe ist, die ich gegen den Mann habe, der behauptet, mein Ehemann zu sein, muss ich vielleicht in den Rachen des Ungeheuers gehen, um einen Ausweg zu finden.
Doch während ich ihm die Treppe hinauf folge, während er Claire schlafend in den Armen hält, kann ich die schreckliche Wahrheit nicht länger ignorieren, die sich in meiner Brust formt:
Jede Erinnerung, die zurückkehrt, befreit mich nicht.
Sie bindet mich nur noch fester an ihn.
Sirius, immer im NordenDeclanDas Arbeitszimmer ist still.Nur das leise Geräusch des Kamins und das gelegentliche Klicken der Tastatur. Ich sitze hinter dem alten Eichentisch, die Ellbogen auf das Holz gestützt, und starre ins Leere. Vor mir liegen Papiere verstreut — Verträge, Berichte, Angebote —, aber ich kann mich auf keinen davon konzentrieren.Es ist fast sechzehn Jahre her, seit alles begann.Sechzehn Jahre, seit ich eine Frau begraben habe, in der Annahme, sie sei Evie.Sechzehn Jahre, seit ich mit einem leeren Grab lebte.
Das Dach des Trinity College war still.Es war eine klare Herbstnacht, fast fünfzehn Jahre nachdem alles begonnen hatte. Die Luft war kalt, aber nicht eisig. Die Lichter der Stadt Dublin blinkten ringsum, aber hier oben schien der Himmel näher. Die Sterne waren klar, hell, fast arrogant in ihrer Beständigkeit.Claire stand neben mir.Sie war jetzt neunzehn. Groß, schlank, mit den blauen Augen ihres Vaters und einer Neugier, die nie nachlie&szl
Die erste starke Wehe kam um drei Uhr morgens.Ich lag in unserem Bett, als ich sie spürte. Es war nicht dieser leichte Schmerz, den ich in den letzten Wochen gespürt hatte. Es war etwas Tieferes, Intensiveres. Ich wachte sofort auf und legte die Hand auf meinen Bauch. Die beiden Babys bewegten sich gleichzeitig, als wüssten sie bereits, dass es Zeit war.Declan wachte im selben Moment auf. Er hatte immer einen leichten Schlaf. Harvey, der auf meiner anderen Seite lag, öffnete ebenfalls die Augen.— War es das? — fragte Declan und saß schon aufrecht im Bett.Ich nickte und atmete tief durch.
Wir kehrten in einer klaren Winternacht zum Observatorium zurück.Der Ort war genau so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Die Kuppel ließ sich noch immer öffnen und gab den Himmel frei. Der Marmorboden war noch immer kalt unter den nackten Füßen. An den Wänden hingen jene alten, handgemalten Karten, und die kleine Plakette mit meinen Initialen war noch da, etwas staubig, aber unversehrt.Declan hatte den Ort die ganze Zeit geheim gehalten. Nach allem, was geschehen war, hatte er nie wieder jemanden hierher gebracht. Bis heute.Wir drei waren allein.Claire war bei Maeve und Matthew. Die Zwillinge waren noch nicht geboren. Die Welt draußen war still. Un
Die Hütte in Vermont war still.Draußen fiel unaufhörlich Schnee. Drinnen gab es nur die Wärme des Kamins und die Spannung, die zwischen uns beiden in der Luft lag.Wir waren fast einen Tag allein. Ohne Declan. Ohne Kinder. Ohne Unterbrechungen. Und zum ersten Mal gab es keinen Krieg, kein Trauma in unseren Berührungen, nichts außer der rohen Wahrheit zwischen uns.Harvey lehnte an der Wand nahe dem Kamin, nur in Jogginghose. Das Hemd fehlte. Die braunen Augen fest auf mich gerichtet mit einer Intensität, die mich mitten im Zimmer stehen bleiben ließ.Er sagte zunächst nichts.Er
Das Haus war still.Claire verbrachte die Nacht bei Maeve und Matthew. Harvey war nach Boston gereist, um ein paar Angelegenheiten der Firma zu regeln, und würde erst am nächsten Tag zurückkommen. Zum ersten Mal seit langer Zeit war das Haus wieder nur unser.Nur Declan und ich.Ich stand auf der Veranda und sah in den dunklen Garten. Der Bauch war groß, schwer. Ich trug eines seiner weiten T-Shirts und nichts darunter. Die Nachtluft war frisch, aber nicht kalt. Declan erschien hinter mir, ohne Geräusche zu machen. Er legte die Arme um meine Taille, seine großen Hände ruhten mit einer Zartheit auf meinem Bauch, die er in der Öffentlichkeit selten zeigte.
Er legt das Telefon weg und steckt es in seine Tasche. Der Raum bleibt für einige Sekunden still, nur unterbrochen von meinem keuchenden Atem und dem unaufhörlichen Regen, der gegen die Fenster schlägt.Ich bin immer noch ans Bett gefesselt, halbnackt, mein Körper pocht dort, wo er mich berührt hat
Der Jet landete in Dublin unter einem strömenden Regen, der die ganze Welt wegzuspülen schien. Er trug mich aus dem Flugzeug, immer noch über seine Schulter gehängt wie eine Kriegstrophäe. Meine Fäuste schlugen vergeblich gegen seinen nassen Rücken, aber er spürte es kaum. Der eisige Wind und der s
Der SUV rast durch die regennassen Straßen von New York wie ein verzweifeltes Tier, das einem dunklen Schicksal entfliehen will. Auf dem Rücksitz wehre ich mich weiter, gefangen unter seinem Gewicht, meine zerbrechlichen Handgelenke von einer seiner Hände fest über meinem Kopf zusammengepresst.Jed
Das Frühstück endet in angespannter Stille, die nur Claire nicht zu spüren scheint. Sie plaudert aufgeregt über ihre Pläne für den Tag, ahnungslos über den stillen Sturm, der sich zwischen mir und Declan zusammenbraut. Jedes Mal, wenn sich unsere Blicke kreuzen, spüre ich das Gewicht des Verspreche







