LOGINDer Jet landet bei strömendem Regen in Dublin, als wollte der Himmel die ganze Welt fortspülen. Der Mann trägt mich aus dem Flugzeug, noch immer über seiner Schulter wie eine Kriegstrophäe. Meine Fäuste trommeln nutzlos gegen seinen nassen Rücken, doch er scheint es kaum zu bemerken. Der eisige Wind und der heftige Regen peitschen gegen meine Haut und lassen die Reste meines weißen Kleides an mir kleben.
„Lass mich los!“, schreie ich, bis meine Kehle brennt. „Hilfe! Bitte, helft mir!“
Niemand antwortet. Nur das Prasseln des Regens und seine Schritte auf dem nassen Asphalt sind zu hören.
Er wirft mich in einen anderen gepanzerten SUV und steigt unmittelbar hinter mir ein. Er hält mich erneut fest, sodass ich mich kaum bewegen kann. Sein Gewicht ist erdrückend. Sein Geruch – Regen und dunkles Holz – erfüllt den engen Innenraum. Der Wagen fährt los. Die Stille wird nur von meinem abgehackten Schluchzen unterbrochen.
Ich weiß nicht, wie lange wir unterwegs sind, bevor wir vor einem großen, alten Herrenhaus aus Stein anhalten, das beinahe vollständig von dunklem Efeu verschlungen wird. Das Gebäude wirkt lebendig, als würde es Schatten atmen.
Er trägt mich hinein. Als wir die Schwelle überschreiten, umfängt mich die warme Luft der Eingangshalle, doch sie kann das Eis in meinen Adern nicht schmelzen. Er setzt mich auf den Boden und hält einen kräftigen Arm um meine Taille geschlungen, als fürchte er, ich könnte verschwinden.
Ich hebe den Blick, und meine Welt bricht zusammen.
Die Wände sind voller Fotografien.
Fotos von mir.
Fotos von ihm.
Fotos von uns beiden – lächelnd, uns küssend, gemeinsam lachend.
Auf fast jedem Bild ist ein kleines blondes Mädchen mit blauen Augen zu sehen. Mal liegt es in seinen Armen, mal in meinen. Auf einem Foto stehen wir alle drei zusammen auf einer Wiese voller bunter Blumen.
Mein Magen zieht sich zusammen. Meine Beine werden weich.
„Das … das kann nicht echt sein“, flüstere ich und weiche zurück, bis mein Rücken gegen die kalte Wand stößt. „Ich habe keine Tochter. Ich bin nicht verheiratet. Ich bin nicht … ich bin nicht diese Person …“
Er kommt langsam näher. Seine blauen Augen ruhen auf mir wie die eines Raubtiers.
„Doch. Das bist du. Zumindest für mich.“
Ich schüttle heftig den Kopf. Heiße Tränen laufen über meine Wangen.
„Lass mich gehen. Bitte … Ich will nur mein Leben zurück …“
Seine Hand legt sich an meinen Hals. Der Druck ist stark genug, um mir seine absolute Kontrolle über diese Situation vor Augen zu führen.
„Dein Leben ist jetzt hier. Bei mir. Bei unserer Tochter.“
Bevor ich erneut flehen kann, hebt er mich vom Boden und wirft mich über seine Schulter, als würde ich nichts wiegen. Dann beginnt er, die breite Treppe hinaufzugehen.
Ich trete nach ihm, schlage gegen seinen Rücken und schreie, bis meine Stimme versagt.
„Nein! Hör auf! Hilfe!“
Er sagt kein Wort. Mit festen Schritten trägt er mich durch einen langen Korridor und bleibt vor einer Doppeltür aus dunklem Holz stehen. Er öffnet sie und wirft mich auf das riesige Bett.
Das Schlafzimmer ist luxuriös und einschüchternd zugleich. Dunkle Möbel, gedämpftes Licht und überall der Geruch von Holz und von ihm. Unsere gemeinsamen Fotos liegen und stehen an verschiedenen Stellen. Frauenkleidung hängt noch immer in einem halb geöffneten Schrank. An der Nachttischlampe baumelt ein goldener Ehering an einer Kette.
Ich versuche, mich von ihm wegzubewegen. Er packt meinen Knöchel, zieht mich mit brutaler Kraft zurück und hält meine Handgelenke mit einer Hand über meinem Kopf fest.
„Ich habe so lange darauf gewartet, dich zurückzubekommen, Evie“, knurrt er.
Seine Worte lassen mich erschauern.
„Ich will das nicht … bitte … Ich kenne dich nicht …“
Ich schluchze verzweifelt und versuche, mich seinem Griff zu entziehen.
Doch er lässt mich nicht los.
Was stimmt nicht mit diesem Mann? Wie kann er behaupten, mein Ehemann zu sein, wenn ich nicht einmal sein Gesicht wiedererkenne?
Er befestigt meine Handgelenke mit Lederfesseln am Kopfteil des Bettes. Mein weißes Brautkleid ist zerrissen und bietet kaum noch Schutz. Ich versuche, mich aufzurichten, doch die Fesseln hindern mich daran.
„Bitte …“, flehe ich mit erstickter Stimme. „Ich will das nicht …“
Er beugt sich über mich, und ich drehe den Kopf zur Seite, um seinem Blick auszuweichen.
„Du wirst dich erinnern“, sagt er mit einer kalten Entschlossenheit, die mir Angst macht. „Früher oder später.“
Ich schließe die Augen und versuche, meine Atmung zu beruhigen. Meine Gedanken rasen. Ich will fort von diesem Ort, fort von diesem Mann, fort von einem Leben, das angeblich meines sein soll.
Er ist gerade dabei, mich weiter einzuschüchtern, als das Telefon auf dem Nachttisch zu vibrieren beginnt.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Er hält inne.
Auch ich höre auf, mich zu wehren. Schwer atmend starre ich ihn an.
„Wer … wer ist das?“, flüstere ich.
Er nimmt das Telefon. Auf dem Display erscheint das Foto des kleinen blonden Mädchens, das lächelnd einen Teddybären umarmt.
Er nimmt den Anruf entgegen und schaltet den Lautsprecher ein.
„Hallo, Prinzessin.“
Die fröhliche Stimme eines Kindes erfüllt den Raum.
„Papa! Onkel Zion hat gesagt, dass du gelandet bist! Er hat mich noch nicht zu dir gelassen. Er meinte, du wärst … beschäftigt.“
Der Mann sieht mich an. Ich liege gefesselt auf dem Bett, verängstigt und völlig überfordert. Der Gegensatz zwischen der fröhlichen Stimme des Kindes und meiner Situation ist erschütternd.
„Ich bin gerade beschäftigt, mein Schatz. Aber ich bin bald fertig.“
Ich starre ihn entsetzt an.
„Papa … stimmt es? Ist Mama bei dir?“
Er wendet den Blick nicht von mir ab.
„Ja, Claire. Sie ist hier.“
Ein freudiger Aufschrei ertönt aus dem Telefon.
„Ich will sie sehen! Bitte! Darf ich jetzt zu euch kommen?“
Sein Gesichtsausdruck wird für einen kurzen Moment sanfter.
„Gleich, Prinzessin. Sie hat noch ein bisschen Angst.“
„Angst? Aber sie ist doch Mama …“
Ich schließe fest die Augen. Ein stechender Schmerz breitet sich in meiner Brust aus.
Nach einigen weiteren Versprechen beendet er das Gespräch und legt das Telefon beiseite.
Als er mich wieder ansieht, blicke ich ihn an, als wäre er ein Monster.
„Du hast eine Tochter … mit mir?“
Er hält mein Kinn fest.
„Ich habe es dir bereits gesagt, mein Schatz. Wir haben eine Tochter. Claire. Sie ist zehn Jahre alt und wartet unten sehnsüchtig darauf, dich zu sehen.“
Er kommt näher, und ich weiche seinem Blick aus.
„Aber zuerst“, sagt er leise, „musst du begreifen, dass du ihre Mutter bist.“
Sirius, immer im NordenDeclanDas Arbeitszimmer ist still.Nur das leise Geräusch des Kamins und das gelegentliche Klicken der Tastatur. Ich sitze hinter dem alten Eichentisch, die Ellbogen auf das Holz gestützt, und starre ins Leere. Vor mir liegen Papiere verstreut — Verträge, Berichte, Angebote —, aber ich kann mich auf keinen davon konzentrieren.Es ist fast sechzehn Jahre her, seit alles begann.Sechzehn Jahre, seit ich eine Frau begraben habe, in der Annahme, sie sei Evie.Sechzehn Jahre, seit ich mit einem leeren Grab lebte.
Das Dach des Trinity College war still.Es war eine klare Herbstnacht, fast fünfzehn Jahre nachdem alles begonnen hatte. Die Luft war kalt, aber nicht eisig. Die Lichter der Stadt Dublin blinkten ringsum, aber hier oben schien der Himmel näher. Die Sterne waren klar, hell, fast arrogant in ihrer Beständigkeit.Claire stand neben mir.Sie war jetzt neunzehn. Groß, schlank, mit den blauen Augen ihres Vaters und einer Neugier, die nie nachlie&szl
Die erste starke Wehe kam um drei Uhr morgens.Ich lag in unserem Bett, als ich sie spürte. Es war nicht dieser leichte Schmerz, den ich in den letzten Wochen gespürt hatte. Es war etwas Tieferes, Intensiveres. Ich wachte sofort auf und legte die Hand auf meinen Bauch. Die beiden Babys bewegten sich gleichzeitig, als wüssten sie bereits, dass es Zeit war.Declan wachte im selben Moment auf. Er hatte immer einen leichten Schlaf. Harvey, der auf meiner anderen Seite lag, öffnete ebenfalls die Augen.— War es das? — fragte Declan und saß schon aufrecht im Bett.Ich nickte und atmete tief durch.
Wir kehrten in einer klaren Winternacht zum Observatorium zurück.Der Ort war genau so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Die Kuppel ließ sich noch immer öffnen und gab den Himmel frei. Der Marmorboden war noch immer kalt unter den nackten Füßen. An den Wänden hingen jene alten, handgemalten Karten, und die kleine Plakette mit meinen Initialen war noch da, etwas staubig, aber unversehrt.Declan hatte den Ort die ganze Zeit geheim gehalten. Nach allem, was geschehen war, hatte er nie wieder jemanden hierher gebracht. Bis heute.Wir drei waren allein.Claire war bei Maeve und Matthew. Die Zwillinge waren noch nicht geboren. Die Welt draußen war still. Un
Die Hütte in Vermont war still.Draußen fiel unaufhörlich Schnee. Drinnen gab es nur die Wärme des Kamins und die Spannung, die zwischen uns beiden in der Luft lag.Wir waren fast einen Tag allein. Ohne Declan. Ohne Kinder. Ohne Unterbrechungen. Und zum ersten Mal gab es keinen Krieg, kein Trauma in unseren Berührungen, nichts außer der rohen Wahrheit zwischen uns.Harvey lehnte an der Wand nahe dem Kamin, nur in Jogginghose. Das Hemd fehlte. Die braunen Augen fest auf mich gerichtet mit einer Intensität, die mich mitten im Zimmer stehen bleiben ließ.Er sagte zunächst nichts.Er
Das Haus war still.Claire verbrachte die Nacht bei Maeve und Matthew. Harvey war nach Boston gereist, um ein paar Angelegenheiten der Firma zu regeln, und würde erst am nächsten Tag zurückkommen. Zum ersten Mal seit langer Zeit war das Haus wieder nur unser.Nur Declan und ich.Ich stand auf der Veranda und sah in den dunklen Garten. Der Bauch war groß, schwer. Ich trug eines seiner weiten T-Shirts und nichts darunter. Die Nachtluft war frisch, aber nicht kalt. Declan erschien hinter mir, ohne Geräusche zu machen. Er legte die Arme um meine Taille, seine großen Hände ruhten mit einer Zartheit auf meinem Bauch, die er in der Öffentlichkeit selten zeigte.
Claire schläft tief, als Declan sie ins Bett legt. Mit einer Zärtlichkeit, die dem Mann, der mich am Altar entführt hat, völlig widerspricht, richtet er die Sternendecke, schiebt eine blonde Strähne aus ihrem Gesicht und bleibt einen Moment stehen – einfach nur, um seine Tochter zu betrachten, mit
Das Frühstück endet in angespannter Stille, die nur Claire nicht zu spüren scheint. Sie plaudert aufgeregt über ihre Pläne für den Tag, ahnungslos über den stillen Sturm, der sich zwischen mir und Declan zusammenbraut. Jedes Mal, wenn sich unsere Blicke kreuzen, spüre ich das Gewicht des Verspreche
Der Kuss endet langsam, aber Declan zieht sich nicht zurück. Seine Stirn bleibt gegen meine gepresst, unsere Atemzüge vermischen sich. Ich spüre ihn noch — den Geschmack von Regen, von Verlangen und von etwas gefährlich Süchtigmachendem.„Du hast den Kuss erwidert“, murmelt er mit rauer Stimme der
Der SUV rast durch die regennassen Straßen von New York wie ein verzweifeltes Tier, das einem dunklen Schicksal entfliehen will. Auf dem Rücksitz wehre ich mich weiter, gefangen unter seinem Gewicht, meine zerbrechlichen Handgelenke von einer seiner Hände fest über meinem Kopf zusammengepresst.Jed







