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KAPITEL 5

last update publish date: 2026-06-16 06:58:40

Der Kuss endet langsam, doch Declan zieht sich nicht zurück. Seine Stirn bleibt an meine gelehnt, während sich unsere Atemzüge vermischen. Ich kann die Nähe zwischen uns noch immer spüren – den Regen, die Verwirrung und etwas Gefährliches, das ich nicht einordnen kann.

„Du hast den Kuss erwidert“, murmelt er mit rauer, zufriedener Stimme. „Wenn auch nur für einen kurzen Moment.“

Ich wende beschämt das Gesicht ab. Scham, Schuld und Wut auf mich selbst vermischen sich in mir.

„Ich will das nicht“, flüstere ich. Doch meine Worte klingen schwach, beinahe ohne Überzeugung.

Er lacht leise.

„Dein Körper widerspricht dir, Sirius.“

Er hebt mich erneut auf die Arme, als würde ich nichts wiegen, und trägt mich zum Bett. Er legt mich mit überraschender Vorsicht hin, doch seine Augen weichen keinen Augenblick von meinem Gesicht, während er die restliche nasse Kleidung ablegt.

Trotz meiner Angst kann ich den Blick nicht von ihm lösen. Seine breite Brust, die dunklen Tätowierungen und die silberne Kette mit dem Ehering, die zwischen seinen Muskeln schwingt, wirken seltsam vertraut.

Er legt sich neben mich und zieht mich von hinten an sich. Sein kräftiger Arm schlingt sich um meine Taille und hält mich an seiner Brust fest.

„Nein …“ Ich versuche, mich von ihm zu entfernen, doch er verstärkt seinen Griff.

„Schsch. Nicht heute Nacht“, flüstert er an meinem Nacken. „Heute Nacht schläfst du in meinen Armen. So, wie du es immer getan hast.“

Ich zittere. Mein Körper ist erschöpft, aber meine Gedanken kommen nicht zur Ruhe. Jeder Atemzug an meinem Hals erinnert mich daran, wie nah er mir ist.

„Warum tust du das?“, frage ich mit brüchiger Stimme. „Wenn ich wirklich deine Frau bin … warum lässt du mich dann nicht gehen?“

Seine Hand bewegt sich langsam nach oben, bis seine Finger meinen Hals umfassen. Er drückt nicht zu. Er hält mich nur fest, als wolle er mich daran erinnern, wer hier die Kontrolle hat.

„Weil du mir gehörst“, antwortet er, als wäre das die selbstverständlichste Wahrheit der Welt. „Weil ich vor sechs Jahren gestorben bin, als ich dich verloren habe. Und jetzt, da ich dich zurückhabe, werde ich nicht riskieren, dich noch einmal zu verlieren. Nicht an Harvey. Und auch nicht an deinen eigenen verwirrten Verstand.“

Ich schließe fest die Augen. Stille Tränen durchnässen das Kissen.

Doch das Schlimmste ist, dass sich trotz meiner Angst und meines Hasses auf meinen eigenen Körper ein kleiner Teil von mir entspannt.

Die Wärme seines Körpers, der vertraute Geruch, den ich mir nicht erklären kann, und der gleichmäßige Rhythmus seiner Atmung lassen etwas in mir gegen meinen Willen nachgeben.

Es ist, als wüsste mein Körper bereits, dass er genau hier sein sollte.

„Ich hasse dich“, flüstere ich.

Declan küsst meinen Nacken langsam, beinahe ehrfürchtig.

„Gut. Du kannst mich so sehr hassen, wie du willst. Solange du in meinen Armen liegst, darfst du alles fühlen, was du fühlen musst.“

Stille breitet sich im Schlafzimmer aus. Der Regen prasselt weiterhin gegen die Fenster. Claire schläft vermutlich im Zimmer nebenan.

Und ich, gefangen in den Armen des Mannes, der heute mein Leben zerstört hat, spüre, wie mein erschöpfter Körper schließlich nachgibt.


Ich wache auf, weil ein schwerer Arm um meine Taille liegt und sich ein warmer Körper an meinen Rücken schmiegt.

Für einen Moment versucht mein verschlafener Verstand zu begreifen, wo ich bin.

Dann kehrt alles mit voller Wucht zurück: die Hochzeit, die Entführung, der Flug, das Haus, die Fotos, die Fesseln und seine Hände, die mich festgehalten haben.

Ich versuche, mich von ihm zu lösen, doch Declans Arm zieht mich mühelos zurück an seine Brust.

„Sei still“, murmelt er verschlafen an meinem Nacken. „Es ist noch früh.“

Ich zucke zusammen. Seine besitzergreifende Art macht mir Angst. Ich hasse es, wie selbstverständlich er sich verhält, als hätte ich nie versucht, vor ihm zu fliehen.

„Lass mich los“, flüstere ich.

Er lacht leise und legt seine Hand auf meinen Bauch.

„Du hast die ganze Nacht in meinen Armen geschlafen. Dein Körper weiß, wo er hingehört, auch wenn dein Verstand es noch nicht begriffen hat.“

Bevor ich antworten kann, öffnet sich knarrend die Schlafzimmertür.

Claire erscheint im Schlafanzug. Ihr blondes Haar ist zerzaust, und ihre Augen strahlen vor Aufregung.

Als sie uns gemeinsam im Bett sieht, leuchtet ihr Gesicht auf, als wäre Weihnachten.

„Ihr habt zusammen geschlafen!“, ruft sie und hüpft beinahe vor Freude.

Mein Gesicht wird heiß. Ich versuche, mich von Declan zu lösen, doch er hält mich fest und macht keine Anstalten, mich vor seiner Tochter loszulassen.

„Guten Morgen, Prinzessin“, sagt er ruhig, als wäre es völlig normal, neben der Frau aufzuwachen, die er am Vorabend gefesselt hat. „Bist du gekommen, um uns zu wecken?“

Claire klettert ohne zu fragen aufs Bett und wirft sich zwischen uns. Sie umarmt mich fest.

„Ich wollte sehen, ob es wirklich wahr ist … ob Mama wirklich hier ist.“

Sie vergräbt ihr Gesicht an meinem Hals.

„Hast du gut geschlafen? Papa schnarcht manchmal, aber ich kann dir meine Kopfhörer leihen, wenn du möchtest.“

Mir fehlen die Worte. Ihre Unschuld und die reine, verzweifelte Liebe, die sie für mich empfindet, obwohl ich mich nicht einmal an sie erinnere, nehmen mir jede Möglichkeit, mich gegen ihre Zuneigung zu wehren.

„Ich … habe geschlafen“, bringe ich schließlich mit belegter Stimme hervor.

Fast instinktiv hebe ich die Hand und streiche ihr über das Haar.

Declan beobachtet uns mit einem dunklen, zufriedenen Blick. Er beugt sich vor, küsst Claire auf den Kopf und streift anschließend mit den Lippen meine Schläfe. Die Geste wirkt zärtlich, trägt aber eine unmissverständliche Botschaft in sich: Er betrachtet mich als sein Eigentum.

„Gehen wir frühstücken“, sagt er. „Wir drei. Als Familie.“

Claire stößt einen begeisterten Schrei aus und rennt aus dem Zimmer, um sich fertig zu machen.

Sobald die Tür geschlossen ist, dreht Declan mich zu sich um. Seine blauen Augen halten mich an Ort und Stelle fest.

„Du wirst unten für sie lächeln“, befiehlt er leise und streicht mit dem Daumen über meine Unterlippe. „Du wirst freundlich sein. Du wirst sie umarmen und ihr das Gefühl geben, dass alles in Ordnung ist.“

Er beugt sich näher zu mir.

„Und wenn wir wieder allein sind, werden wir reden. Du wirst mir zuhören und aufhören, so zu tun, als wäre ich ein Fremder.“

Ich erschaudere.

„Du bist krank“, flüstere ich.

Er lächelt.

„Vielleicht. Aber du wirst noch verstehen, warum ich nicht bereit bin, dich wieder zu verlieren.“

Er lässt mich los, gerade weit genug, damit ich eines seiner Hemden anziehen kann. Es reicht mir beinahe bis zu den Knien.

Als wir nach unten gehen, ist Claire bereits in der Küche und hilft fröhlich dabei, den Tisch zu decken. Ihr Enthusiasmus bricht mir das Herz.

Das Frühstück kommt mir unwirklich vor.

Claire redet ohne Unterbrechung. Sie erzählt Geschichten, an die ich mich nicht erinnern kann, und zeigt mir Zeichnungen, die sie in den Jahren gemalt hat, in denen ich angeblich geschlafen habe.

Declan sitzt neben mir. Eine seiner Hände liegt unter dem Tisch auf meinem Oberschenkel. Die ständige Berührung ist eine besitzergreifende Erinnerung daran, dass ich nicht frei bin.

Mit jedem Lachen von Claire und jedem „Mama“, das über ihre Lippen kommt, entsteht ein weiterer Riss in meinem Inneren.

Ich erinnere mich nicht an sie.

Aber sie erinnert sich an mich.

Und das Schlimmste ist, dass tief in mir ein kleiner, verängstigter Teil langsam beginnt, sich ebenfalls erinnern zu wollen.

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