LOGINEr beendet das Gespräch und steckt das Telefon in seine Tasche. Für einige Sekunden herrscht Stille im Zimmer, unterbrochen nur von meinem hastigen Atem und dem unaufhörlichen Regen, der gegen die Fenster schlägt.
Ich liege noch immer gefesselt auf dem Bett. Mein ganzer Körper zittert, und die Schuldgefühle drohen mich zu ersticken. Wie kann ich überhaupt versuchen, die Handlungen dieses Mannes zu begreifen? Wie kann er behaupten, mein Ehemann zu sein, wenn ich mich nicht an ihn erinnere?
Declan sieht mich an. Seine blauen Augen wirken dunkel und unnachgiebig, doch wenn er über seine Tochter spricht, liegt etwas Weicheres in seinem Blick.
„Sie hat sechs Jahre auf dich gewartet“, sagt er leise. „Ich werde sie nicht länger warten lassen.“
Mit einem leisen Klicken öffnet er die Fesseln. Bevor ich mich bewegen kann, zieht er mich an der Taille zu sich und hilft mir auf die Beine. Meine Knie zittern. Das zerrissene Kleid bedeckt mich kaum noch. Er nimmt sein feuchtes Jackett und legt es mir über die Schultern, so gut es geht.
„Zieh das vorerst an. Ich will nicht, dass sie dich so sieht.“
Als wäre das noch wichtig.
Er führt mich aus dem Schlafzimmer. Seine Hand liegt fest an meinem Nacken. Bei jedem Schritt die Treppe hinunter schlägt mein Herz schneller.
In der Eingangshalle steht ein kleines blondes Mädchen neben Luka, dem ruhigeren Blonden, der im Jet am Laptop gesessen hat.
In dem Moment, in dem sie mich sieht, weiten sich ihre blauen Augen. Sie sind genauso blau wie Declans.
„Mama …?“
Ihre Stimme ist sanft und voller Hoffnung. Eine Hoffnung, die mich innerlich entzwei zu reißen droht.
Claire.
Sie macht einen zögernden Schritt, dann noch einen, bevor sie auf mich zurennt. Ihre kleinen Arme schließen sich mit überraschender Kraft um meine Taille. Sie vergräbt ihr Gesicht an meiner Brust.
„Mama … du bist zurück … Du bist wirklich zurück …“
Ich erstarre. Mein Körper weiß nicht, wie er reagieren soll. Doch etwas tief in mir scheint es zu wissen. Etwas Instinktives, das mein Verstand nicht erklären kann.
Meine Hände zittern, als ich sie auf ihren Rücken lege. Der Duft von Kindershampoo und etwas Süßem steigt mir in die Nase. Meine Brust schmerzt.
„Ich … ich …“ Meine Stimme versagt. Heiße Tränen laufen über mein Gesicht. „Ich erinnere mich nicht …“
Claire hebt den Kopf. Ihre Augen glänzen vor Tränen, doch ihr Lächeln ist groß und strahlend.
„Das ist nicht schlimm. Papa hat gesagt, dass du ein Problem mit deinem Gedächtnis hast. Aber du wirst wieder gesund. Ich helfe dir, dich zu erinnern. Ich kenne all unsere Lieblingslieder, den geheimen Platz im Garten und …“
Sie redet immer schneller, beinahe verzweifelt, als hätte sie sechs Jahre lang all diese Worte in sich aufbewahrt und endlich jemanden gefunden, dem sie sie sagen kann.
Ich kann nichts erwidern. Ich schließe sie einfach in meine Arme und spüre, wie eine überwältigende Welle der Liebe durch meine Brust strömt, obwohl mein Verstand noch immer leer ist.
Declan beobachtet uns, an die Wand gelehnt und mit verschränkten Armen. Sein Blick weicht keine Sekunde von uns. In seinen Augen liegen Besitzanspruch und Stolz, aber auch etwas Dunkles, das mich erschaudern lässt.
Luka räuspert sich.
„Ich bringe Matt nach Hause. Ich lasse euch drei als Familie zusammen.“
Wer ist Matt?
Luka verabschiedet sich und geht.
Nun sind wir allein. Nur wir drei.
Claire lässt mich nicht los. Sie klammert sich noch fester an mich, als hätte sie Angst, ich könnte jeden Augenblick wieder verschwinden.
„Du gehst doch nicht wieder weg, oder, Mama?“, fragt sie mit schwacher, verängstigter Stimme. „Papa hat gesagt, dass du zurückgekommen bist, um zu bleiben. Für immer.“
Ich kann nicht antworten.
Über ihren Kopf hinweg begegnet mein Blick dem von Declan.
Er sieht mich mit dieser erstickenden Intensität an. Seine Lippen bewegen sich beinahe lautlos.
„Sag Ja.“
Meine Kehle schnürt sich zu. Claire drückt sich noch fester an mich, ihr tränenüberströmtes Gesicht an meine Brust gepresst.
Gefangen zwischen der Angst vor dem Mann, der mich entführt hat, und der unerklärlichen Liebe zu diesem Kind, an dessen Geburt ich mich nicht erinnern kann, flüstere ich mit brüchiger Stimme:
„Ich … ich werde bleiben.“
Claire stößt einen glücklichen Schluchzer aus und umarmt mich noch fester.
Declan lächelt. Langsam, düster und siegessicher.
Er kommt näher, legt einen Arm um uns beide und küsst mich auf den Kopf. Seine Stimme ist kaum mehr als ein Murmeln an meinem Haar.
„Braves Mädchen.“
Tief in meiner Brust spüre ich es: Ich habe gerade einen Vertrag unterschrieben, den ich nicht mehr zerreißen kann.
Claire lässt mich keine Sekunde los.
Ich spüre ihren kleinen Herzschlag an meiner Brust, und etwas in mir zerbricht ein weiteres Stück.
„Du zitterst, Mama“, flüstert sie und hebt ihr tränenüberströmtes Gesicht. Ihre blauen Augen blicken mich voller Sorge an. „Ist dir kalt? Papa kann dir eine Jacke geben. Wenn mir kalt ist, gibt er mir auch immer eine.“
Ich bringe kein Wort heraus. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Alles ist zu viel für mich. Das Haus, die Fotos und dieses Kind, das mich Mama nennt, als wäre ich der wichtigste Mensch auf der Welt.
Declan steht hinter mir. Sein großer Körper ist dicht an meinem Rücken, und eine seiner Hände liegt besitzergreifend an meiner Taille. Der leichte Druck seiner Finger ist eine stumme Erinnerung daran, dass ich nirgendwohin gehen werde.
„Ihr geht es gut, Prinzessin“, sagt er mit einer überraschend sanften Stimme. „Sie ist nur von der Reise erschöpft. Gehen wir nach oben in ihr Zimmer, ja?“
Claire nickt, lässt mich aber weiterhin nicht los. Sie nimmt meine Hand in beide Hände und zieht mich die Treppe hinauf, während sie ununterbrochen erzählt.
„Mein Zimmer ist direkt neben deinem und Papas Zimmer. Ich habe ganz viele Bilder für dich gemalt, während du … geschlafen hast. Und der Teddybär, den du mir geschenkt hast, als ich noch ein Baby war, ist immer noch da. Ich habe jeden Tag auf ihn aufgepasst.“
Jedes ihrer Worte ist wie ein süßer Stich in meinem Herzen.
Ich steige die Treppe hinauf, als befände ich mich in einem Albtraum. Die ganze Zeit spüre ich Declans durchdringenden Blick in meinem Rücken.
Als wir das Schlafzimmer betreten, bleibe ich in der Tür stehen.
Diesmal kann ich alles wirklich sehen.
Das Zimmer ist wunderschön. Die Wände sind in einem sanften Cremeton gestrichen. Auf dem großen Bett liegen weiße Laken, und neben dem Fenster steht ein alter Teleskop. Überall entdecke ich Fotos von mir während meiner Schwangerschaft und Bilder von mir mit der kleinen Claire. An der Wand lehnt eine Gitarre.
Ich fühle mich wie eine Fremde im Leben eines anderen Menschen.
Claire zieht mich zum Bett und bedeutet mir, mich hinzusetzen. Dann klettert sie auf meinen Schoß und umarmt mich erneut.
„Du schläfst heute Nacht hier, oder? Bei mir und Papa?“
Ich sehe zu Declan. Er steht in der Tür und beobachtet uns mit einem Ausdruck, der mich nicht loslässt.
„Ich … ich weiß es nicht“, murmle ich.
„Doch, das tut sie“, antwortet Declan, kommt herein und schließt die Tür hinter sich. „Sie schläft heute Nacht hier, Claire. Bei uns.“
Claire lächelt erleichtert und kuschelt sich noch näher an mich.
Fast instinktiv schlinge ich die Arme um sie. Mein Körper scheint sich an diese Bewegung zu erinnern, auch wenn mein Verstand es nicht tut.
Nach einer Weile kommt Declan näher und streicht seiner Tochter über die Haare.
„Zeit, die Zähne zu putzen und den Schlafanzug anzuziehen, mein Schatz. Morgen haben wir den ganzen Tag für uns.“
Claire murrt leise, gehorcht aber. Bevor sie das Zimmer verlässt, umarmt sie mich noch einmal ganz fest und flüstert mir ins Ohr:
„Ich liebe dich, Mama. Auch wenn du dich noch nicht an mich erinnerst. Ich werde warten, so lange es nötig ist.“
Als sie hinausgeht, legt sich Stille über den Raum.
Declan schließt die Tür ab.
Ich springe vom Bett auf und verschränke die Arme vor der Brust.
„Du kannst mich nicht zwingen, hier zu schlafen.“
Er kommt langsam auf mich zu und zieht das restliche feuchte Hemd aus. Im schwachen Licht zeichnen sich die Muskeln seiner Brust und seines Bauches ab. Der Ehering an seiner Kette schwingt gegen seine Haut. Mein Blick bleibt an den Tätowierungen hängen.
„Doch“, sagt er schlicht. „Das kann ich. Und das werde ich.“
Er bleibt direkt vor mir stehen. So nah, dass ich die Wärme seines Körpers spüren kann.
„Du kannst so tun, als würdest du mich nicht wollen. Du kannst weinen. Du kannst dich schuldig fühlen.“ Er hebt die Hand und umfasst mein Kinn. „Aber heute Nacht wirst du in unserem Bett schlafen. Und ich werde dich im Schlaf im Arm halten. Denn du bist meine Frau. Und ich habe jahrelang darauf gewartet, dich wieder bei mir zu haben.“
Ich schlucke. Trotz allem kehrt dieses verdammte Gefühl der Unruhe in meinem Bauch zurück.
„Ich habe Angst vor dir“, gestehe ich kaum hörbar.
Er beugt sich vor, bis seine Stirn meine berührt. Sein Atem streift mein Gesicht.
„Gut. Angst ist ein Anfang.“
Sein Blick bleibt auf meinem Gesicht.
„Denn solange du Angst vor mir hast, weißt du wenigstens, dass ich real bin. Und irgendwann wirst du dich erinnern, wer du wirklich bist.“
Ich schließe die Augen, während ich versuche, meine Gedanken zu ordnen.
Dieser Mann behauptet, mein Ehemann zu sein. Dieses Kind nennt mich ihre Mutter. Und irgendwo in diesem Haus scheint ein ganzes Leben auf mich zu warten, an das ich mich nicht erinnern kann.
Doch ich weiß nicht, ob ich jemals bereit sein werde, die Wahrheit herauszufinden.
Sirius, immer im NordenDeclanDas Arbeitszimmer ist still.Nur das leise Geräusch des Kamins und das gelegentliche Klicken der Tastatur. Ich sitze hinter dem alten Eichentisch, die Ellbogen auf das Holz gestützt, und starre ins Leere. Vor mir liegen Papiere verstreut — Verträge, Berichte, Angebote —, aber ich kann mich auf keinen davon konzentrieren.Es ist fast sechzehn Jahre her, seit alles begann.Sechzehn Jahre, seit ich eine Frau begraben habe, in der Annahme, sie sei Evie.Sechzehn Jahre, seit ich mit einem leeren Grab lebte.
Das Dach des Trinity College war still.Es war eine klare Herbstnacht, fast fünfzehn Jahre nachdem alles begonnen hatte. Die Luft war kalt, aber nicht eisig. Die Lichter der Stadt Dublin blinkten ringsum, aber hier oben schien der Himmel näher. Die Sterne waren klar, hell, fast arrogant in ihrer Beständigkeit.Claire stand neben mir.Sie war jetzt neunzehn. Groß, schlank, mit den blauen Augen ihres Vaters und einer Neugier, die nie nachlie&szl
Die erste starke Wehe kam um drei Uhr morgens.Ich lag in unserem Bett, als ich sie spürte. Es war nicht dieser leichte Schmerz, den ich in den letzten Wochen gespürt hatte. Es war etwas Tieferes, Intensiveres. Ich wachte sofort auf und legte die Hand auf meinen Bauch. Die beiden Babys bewegten sich gleichzeitig, als wüssten sie bereits, dass es Zeit war.Declan wachte im selben Moment auf. Er hatte immer einen leichten Schlaf. Harvey, der auf meiner anderen Seite lag, öffnete ebenfalls die Augen.— War es das? — fragte Declan und saß schon aufrecht im Bett.Ich nickte und atmete tief durch.
Wir kehrten in einer klaren Winternacht zum Observatorium zurück.Der Ort war genau so, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Die Kuppel ließ sich noch immer öffnen und gab den Himmel frei. Der Marmorboden war noch immer kalt unter den nackten Füßen. An den Wänden hingen jene alten, handgemalten Karten, und die kleine Plakette mit meinen Initialen war noch da, etwas staubig, aber unversehrt.Declan hatte den Ort die ganze Zeit geheim gehalten. Nach allem, was geschehen war, hatte er nie wieder jemanden hierher gebracht. Bis heute.Wir drei waren allein.Claire war bei Maeve und Matthew. Die Zwillinge waren noch nicht geboren. Die Welt draußen war still. Un
Die Hütte in Vermont war still.Draußen fiel unaufhörlich Schnee. Drinnen gab es nur die Wärme des Kamins und die Spannung, die zwischen uns beiden in der Luft lag.Wir waren fast einen Tag allein. Ohne Declan. Ohne Kinder. Ohne Unterbrechungen. Und zum ersten Mal gab es keinen Krieg, kein Trauma in unseren Berührungen, nichts außer der rohen Wahrheit zwischen uns.Harvey lehnte an der Wand nahe dem Kamin, nur in Jogginghose. Das Hemd fehlte. Die braunen Augen fest auf mich gerichtet mit einer Intensität, die mich mitten im Zimmer stehen bleiben ließ.Er sagte zunächst nichts.Er
Das Haus war still.Claire verbrachte die Nacht bei Maeve und Matthew. Harvey war nach Boston gereist, um ein paar Angelegenheiten der Firma zu regeln, und würde erst am nächsten Tag zurückkommen. Zum ersten Mal seit langer Zeit war das Haus wieder nur unser.Nur Declan und ich.Ich stand auf der Veranda und sah in den dunklen Garten. Der Bauch war groß, schwer. Ich trug eines seiner weiten T-Shirts und nichts darunter. Die Nachtluft war frisch, aber nicht kalt. Declan erschien hinter mir, ohne Geräusche zu machen. Er legte die Arme um meine Taille, seine großen Hände ruhten mit einer Zartheit auf meinem Bauch, die er in der Öffentlichkeit selten zeigte.
Der SUV rast durch die regennassen Straßen von New York wie ein verzweifeltes Tier, das einem dunklen Schicksal entfliehen will. Auf dem Rücksitz wehre ich mich weiter, gefangen unter seinem Gewicht, meine zerbrechlichen Handgelenke von einer seiner Hände fest über meinem Kopf zusammengepresst.Jed
Claire schläft tief, als Declan sie ins Bett legt. Mit einer Zärtlichkeit, die dem Mann, der mich am Altar entführt hat, völlig widerspricht, richtet er die Sternendecke, schiebt eine blonde Strähne aus ihrem Gesicht und bleibt einen Moment stehen – einfach nur, um seine Tochter zu betrachten, mit
Das Frühstück endet in angespannter Stille, die nur Claire nicht zu spüren scheint. Sie plaudert aufgeregt über ihre Pläne für den Tag, ahnungslos über den stillen Sturm, der sich zwischen mir und Declan zusammenbraut. Jedes Mal, wenn sich unsere Blicke kreuzen, spüre ich das Gewicht des Verspreche
Der Jet landete in Dublin unter einem strömenden Regen, der die ganze Welt wegzuspülen schien. Er trug mich aus dem Flugzeug, immer noch über seine Schulter gehängt wie eine Kriegstrophäe. Meine Fäuste schlugen vergeblich gegen seinen nassen Rücken, aber er spürte es kaum. Der eisige Wind und der s







