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KAPITEL ZWEI: DIE VERWIRRUNG

last update publish date: 2026-07-01 16:20:03

CELINE

Stille schluckte die Leitung. Eine Sekunde. Zwei. Drei.

Ich stand am Tor mit dem Herzen im Hals und machte mich auf das Schlimmste gefasst. Du hast deine Wahl getroffen.

„Komm nach Hause, Elin.“

Drei Worte, und ich brach in Trümmern zusammen. Meine Knie gaben nach. Ich glitt an der kalten Mauer hinab, das Telefon an mein Ohr gepresst, zu heulend, um zu antworten.

„Elin. Höre mir zu.“ Seine Stimme war tief und ruhig, dieselbe Stimme, die mich einst mit sieben Jahren von Albträumen heruntergeredet hatte. „Bist du in Sicherheit?“

„Ich bin weg.“ Ich wischte mir das Gesicht ab. „Ein Junge kam in mein Zimmer. Ich habe ihn mit einer Lampe geschlagen. Ich weiß nicht, ob es ihm gut geht.“

Die Leitung wurde hart und kalt. „Hat er dich angefasst?“

„Er hat es versucht.“

„Dann hast du genau das getan, was du tun musstest. Du bist bei mir nicht in Schwierigkeiten. Jetzt nicht, niemals nicht.“

Ich presste die Faust an meinen Mund, um nicht laut aufzuschluchzen.

„Ich schicke dir Geld und die Adresse“, sagte er sanfter. „Versuch zu warten, bis es Morgen ist, bevor du reist, Schatz. Es ist sicherer.“

„Ich versuche es.“

„Wirst du nicht.“ Ich konnte ihn fast lächeln hören. „Das ist mein Mädchen. Ich werde warten.“

Das Geld kam zuerst, mehr als ich erwartet hatte. Dann die Adresse, eine einzige Zeile. Savage Moon Pack. Ich starrte darauf für genau drei Sekunden und buchte dann den erstbesten Flug weg.

Am Flughafenschalter scannte die Frau mein Ticket, warf einen Blick auf den Bildschirm, und ihr Lächeln veränderte sich.

„Savage Moon? Das erste Mal?“

„Ich besuche Familie. Meinen Vater.“

Sie musterte mich, und etwas in ihrem Gesicht verschob sich. Es war kein Misstrauen. Es war näher an Respekt. „Dann wird man dich erwartet“, sagte sie und reichte mir meinen Pass zurück.

Erwartet? Niemand wusste, dass ich kam. Ich beschloss, dass ich zu müde war, um darüber nachzudenken.

Im Flugzeug presste ich meine Stirn an das Fenster und beobachtete, wie die Stadt zu verstreuten Lichtern schrumpfte. Kein Muize mehr. Kein Doland mehr. Kein Herunterschlucken von Beleidigungen mehr, das man Überleben nannte.

Ich dachte an meine Mutter und ob sie überhaupt fragen würde, ob es mir gut ging. Wahrscheinlich nicht. Ich dachte an Muize in meinem Türrahmen, der mir sagte, ich solle nicht herauskommen, und an den seltsamen Blick in seinen Augen, so als hätte er es gewusst.

Ich schob den Gedanken weg und schlief ein.

Der Morgen dämmerte, als ich beim Savage Moon Pack landete. Die Luft war hier reiner, schwer von Kiefern und etwas Wilderem im Hintergrund. Ich holte so tief Luft, dass meine Rippen schmerzten.

Ich zog gerade mein Handy hervor, als ich den Motor hörte.

Ein Auto kam direkt auf mich zu, viel zu schnell. Es streifte meine Hüfte und ließ mich herumwirbeln, und mein Knöchel schlug krachend auf dem Asphalt auf. Schmerz schoss wie Feuer mein Bein hoch.

„Bist du von allen guten Geistern verlassen?“, fuhr ich ihn an, um meinen Fuß gekrümmt. „Hast du keine Augen im—“

„Nicht bewegen.“

Ein Mann kauerte bereits vor mir, und jede Beleidigung starb in meinem Hals. Er war riesig. Dunkles Haar fiel ihm in die Stirn, ein Kiefer scharf genug, um Glas zu schneiden, und silberne Augen, klar und intensiv wie ein Wintermorgen, mit etwas Warmem, das darunter flackerte.

„Es tut mir leid“, sagte er leise. „Ich habe für eine Sekunde weggeschaut. Es gibt keine Entschuldigung.“

Er hatte sich gerade entschuldigt. Ein Mann, der so aussah, in einem Auto wie diesem, hatte ohne eine einzige Ausrede zugegeben, dass er im Unrecht war. Die Wut wich so schnell aus mir, dass es peinlich war.

Er nahm meinen Knöchel in beide Hände, unmöglich sanft für jemanden seiner Statur. Sein Geruch erreichte mich, dunkles Holz und Regen, und tief in meiner Brust zog sich etwas zusammen. Schwach, aber unverkennbar. Es ist der Schmerz, redete ich mir ein.

„Du kannst nicht heilen?“, fragte er und die Stirn legte sich in Falten.

Ich sah weg. Jeder Wolf konnte eine Stauchung in Minuten abschütteln. Meiner wurde schlimmer, und das erzählte seine eigene peinliche Geschichte. „Ich bin langsam.“

Er musterte mein Gesicht, und für eine schreckliche Sekunde dachte ich, er wüsste alles. Über den Wolf, den ich nicht hatte. Über das Mädchen, das davongelaufen war. Aber alles, was er sagte, war: „Dann bringen wir dich zu einem Arzt.“

„Ich brauche kein—“

Er hob mich hoch, bevor ich zu Ende sprechen konnte. Ich wurde steif, jede Instinkt aus zwei Jahren unerwünschter Hände schaltete auf Alarm. Aber sein Griff war fest und vorsichtig, so als hätte er Angst, mir wehzutun.

Ich konnte mich nicht erinnern, wann das letzte Mal jemand mich so gehalten hatte, als wäre ich es wert, behutsam behandelt zu werden.

Langsam hörte ich auf zu kämpfen.

„Du bist ganz schön bossy für einen Mann, der mich gerade überfahren hat“, murmelte ich, als er mich auf den Beifahrersitz setzte.

Sein Mund zuckte. „Ich weiß.“

„Wohin bist du unterwegs gewesen?“, fragte er während der Fahrt.

„Zum Haus meines Vater. Ich habe ihn seit zwei Jahren nicht gesehen. Ich war mir nicht sicher, ob er mich sehen will.“

Er schwieg für einen Moment. „Väter tun das normalerweise“, sagte er sanft. „Selbst wenn ihnen wehgetan wurde.“

Mein Hals schnürte sich zu. Ich antwortete nicht.

Dann schwangen die eisernen Tore auf, und ich vergaß meinen Knöchel völlig. Das Herrenhaus war ein Palast, voller Türme und blassem Stein, der aus den Kiefern emporstieg, mit Bediensteten, die sich entlang der Stufen aufreihten.

„Lebst du hier?“

„Es ist das Rudelhaus. Man gewöhnt sich daran.“

Er trug mich hinein, und das Personal hörte auf sich zu bewegen.

„Seid gegrüßt, Alpha Zithan.“

Ich wurde steif in seinen Armen. Alpha? Er hatte sich am Straßenrand entschuldigt. Er hatte mich getragen, als wäre ich es wert, beschützt zu werden. Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte, also vergrub ich mein Gesicht an seiner Brust und tat so, als hätte ich es nicht gehört.

Er bettete mich in einem ruhigen Zimmer und ging ohne ein Wort. Ein Arzt kam, rieb kalte Salbe auf meinen Knöchel und ging wieder.

Ich schnappte mir meine Tasche. Du bist nicht hierhergekommen, um von einem gutaussehenden Fremden gerettet zu werden. Du bist wegen deines Vaters hier. Ich hinkte in den Flur, und auf halbem Weg zur Treppe prallte eine Schulter gegen meine. Ich fing das Geländer auf.

„Entschuldigung?“, fauchte ich und wirbelte herum.

Es war Alpha Zithan. Ich lächelte, denn ehrlich gesagt war ich erleichtert. Ich schuldete ihm ein Dankeschön.

„Alpha—“

„Bist du blind oder was?“

Seine Augen wanderten langsam von Kopf bis Fuß an mir herab, so als wäre ich ein Fleck auf seinem Boden.

Mir fehlten die Worte und ich starrte ihn einfach an. Dasselbe Gesicht. Dasselbe dunkle Haar. Derselbe Kiefer.

Moment. Seine Augen. Sie waren nicht silber. Sie waren eisblau, kalt und flach, als ob mein Stehen auf diesen Stufen eine persönliche Unannehmlichkeit wäre.

Er drehte sich um und ging davon.

Das konnte unmöglich derselbe Mann sein, der sich am Straßenrand entschuldigt und mit weicher Stimme gefragt hatte, ob ich heilen konnte. Ich packte das Geländer und starrte ihm hinterher.

Entweder hatte Alpha Zithan eine ernsthafte Persönlichkeitsstörung, oder in diesem Haus ging etwas weit Merkwürdigeres vor sich.

Was zum Teufel sollte diese Haltung?

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