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Tarni

Author: Faith mega
last update publish date: 2026-10-06 15:20:54

Der dreckige Barlappen lag auf den Dielen, wo ich ihn hatte fallen lassen, aber er hätte genauso gut eine Million Meilen entfernt sein können.

„Jetzt“, wiederholte der Mann, seine Stimme glatt und völlig frei von Dringlichkeit. „Schließ die Türen ab, Tarni.“

Jeder biologische Instinkt, den ich besaß, schrie mich an zu rennen, ihm eine Flasche über den Kopf zu schlagen, irgendetwas zu tun. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Meine Augen klebten an dem kleinen blauen Inhalator auf dem Tisch. Das weiße Tape. Das schwarze L.

Ich zwang meine Beine, sich zu bewegen. Jeder Schritt zu den gläsernen Vordertüren fühlte sich an, als würde ich durch nassen Zement waten. Meine Hände zitterten so heftig, dass der schwere Messing-Riegel zweimal aus meinen glitschigen Fingern rutschte, bevor ich ihn endlich zuschlug. Ich griff nach oben und zog die Kette am neonfarbenen OPEN-Schild. Es flackerte und erlosch. Die Kneipe versank in einer schweren, erdrückenden Dunkelheit, erhellt nur vom kränklichen orangen Schein der Straßenlaternen draußen.

Ich drehte mich um, den Rücken hart gegen das Glas gepresst. Er stand immer noch neben der Kabine und beobachtete mich mit diesen toten, blassen Augen.

„Wo ist er?“ Meine Stimme brach. „Wenn du meinen Bruder anfasst—“

„Er isst einen Cheeseburger.“

Die schiere, absurde Banalität des Satzes fühlte sich an wie ein Schlag. Ich starrte ihn an. „Was?“

„Er ist in Ordnung. Er hatte Hunger, also haben meine Männer ihm Abendessen gekauft.“ Er deutete lässig auf den abgewetzten Vinylsitz ihm gegenüber. „Setz dich.“

Jeder Nerv in meinem Körper protestierte, aber ich ging zurück zur Kabine und rutschte auf den Sitz. Ich hielt meine Hände über dem Tisch, die Muskeln straff angespannt. „Wer bist du?“

„Eine Lösung für dein Silas-Problem.“

Er griff in die Brusttasche seines teuren Mantels und zog einen dicken, schweren Manilakuvert hervor. Er warf ihn auf den Tisch. Er traf das Holz mit einem dichten Aufschlag. „Silas’ Schuld ist erledigt.“

Ich starrte auf den Umschlag, dann auf sein Gesicht. „Du hast ihn bezahlt?“

„Ja.“

„Warum?“

Er lehnte sich leicht zurück, die Schatten fingen die gezackte Narbe durch seine Augenbraue ein. „Weil ich etwas von dir brauche.“

Mein Magen zog sich zu einem schmerzhaften Knoten zusammen. „Ich habe nichts. Schau mich an. Schau, wo ich arbeite. Ich habe nichts.“

„Du wirst etwas haben.“ Kael schob den dicken Umschlag über den Tisch, bis er meine erstarrten Finger berührte. „Morgen wirst du. Nimm das mit nach Hause. Drinnen ist eine Adresse. Sei morgen um sechs Uhr morgens dort.“

„Und wenn ich nicht komme?“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Kein Muskel zuckte. „Dann hört dein Bruder auf, ein geschütztes Asset zu sein.“

Der Boden schien unter mir wegzubrechen. „Du hast gesagt, er sei sicher.“

„Er ist es.“

„Für den Moment?“

Er sagte nichts. Er brauchte es nicht. Die Stille war eine geladene Waffe, die direkt auf Leos Kopf gerichtet war.

Ich schluckte den trockenen Schrecken in meiner Kehle hinunter. „Ich kenne nicht einmal deinen Namen.“

Ein schwaches, geisterhaftes Lächeln berührte endlich die Mundwinkel. Es erreichte seine Augen nicht. „Kael.“

Er stand auf, groß genug, dass die kleine Kabine noch kleiner wirkte.

Bevor ich begreifen konnte, was geschah, ging er zur Tür, schloss sie auf und trat in den eiskalten Regen hinaus.

Ich bewegte mich nicht.

Zehn lange Minuten saß ich da und starrte auf die Stelle, an der er gewesen war, während mein Kopf mit Fragen kreiste.

Dann bedeckte ich mein Gesicht mit beiden Händen.

Was an Kraft mir noch geblieben war, brach schließlich zusammen, und die Tränen kamen.

Als der Nachtbus mich in Redfern absetzte, hatte der Regen meine Jeansjacke komplett durchweicht und mich bis auf die Knochen durchgekühlt. Ich war die gesamten vierzig Minuten der Fahrt vollkommen still am beschlagenen Fenster gesessen, die Hand verzweifelt um den dicken Umschlag in meiner Tasche geklemmt.

Als ich unser brutalistisches Wohnblock erreichte, nahm ich die Betontreppe zwei Stufen auf einmal, die Schlüssel bereits in der Hand. Ich rammte sie ins Schloss, stieß die schwere Tür auf und trat ein.

„Du bist spät.“

Ich zuckte zusammen, mein Herz sprang mir in die Kehle. „Raf?“

Rafferty saß am engen Küchentisch, völlig von der Dunkelheit verschluckt.

„Warum sitzt du im stockfinsteren?“ Ich griff zum Wandschalter und knipste ihn. Nichts passierte.

Mein Magen sank. „Wann?“

„Mitternacht.“ Raf rieb sich das Gesicht, seine Stimme dick vor Erschöpfung. „Ich habe die Firma angerufen. Die interessieren sich nicht mehr für Aufschübe, Tarn. Die wollen das Geld.“

Ich schloss die Tür hinter mir sachte und schloss ab. Vor vierzehn Monaten war mein älterer Bruder der stärkste Mensch gewesen, den ich kannte, ein Kraftpaket von einem Mann, der zwölfstündige Schichten auf den Docks gearbeitet hatte, ohne ins Schwitzen zu kommen. Dann hatten die Bremsen des Gabelstaplers versagt. Jetzt hielt eine schwere Stahlschiene sein rechtes Bein fest, und sein Stock lehnte derzeit am Rand des Küchentischs. Jeden einzelnen Tag schaute er in den Spiegel und machte sich Vorwürfe, dass wir untergingen.

„Ich rufe sie morgen an“, sagte ich leise und streifte meine durchnässte Jacke ab.

Er sah mich durch das Dunkel an, seine dunklen Augen erschöpft. „Lüg mich nicht an, Tarn.“

Ich schaute weg.

„Du warst bei Silas knapp.“ Es war keine Frage.

Ich ging hinüber und setzte mich auf den unpassenden Holzstuhl ihm gegenüber. „Ich war tausend Dollar knapp.“

Raffertys Kiefer spannte sich an. Die Muskeln in seinem Nacken zogen sich straff. „Wenn ich nicht kaputt wäre“

„Hör auf.“

„Wenn ich nur eine Büroschicht bekommen könnte, wenn ich“

„Raf. Hör auf.“

„Dann müsstest du dich nicht für einen Schläger wie Silas zu Tode arbeiten!“

Ich griff über den dunklen Tisch und packte seine schwielige Hand, drückte fest zu. „Du bist mein Bruder. Du bist keine Last. Hör auf, das zu sagen.“

Er schaute auf unsere verbundenen Hände hinunter. „Silas wird dir wehtun, Tarni. Er wird ein Exempel an dir statuieren.“

„Wird er nicht.“

Raf runzelte die Stirn, der Kopf schnellte hoch. „Was hast du getan?“

„Silas ist kein Problem mehr.“

Er starrte mich an, die schützenden älteren Bruder-Instinkte flammten auf. „Was zum Teufel soll das heißen? Wozu hast du dich bereiterklärt?“

Ich ließ seine Hand los und griff in meine feuchte Tasche. Zuerst zog ich den blauen Inhalator mit dem weißen Tape heraus. Ich legte ihn behutsam auf den Tisch. Dann zog ich den Umschlag heraus und legte ihn daneben.

Rafferty nahm den Inhalator. Seine Stirn runzelte sich verwundert, und dann wich alle Farbe aus seinem Gesicht. „Wo ist Leo?“

Ich konnte nicht antworten.

„Tarni.“ Seine Stimme brach und stieg in Panik. Er griff an den Tischrand. „Wo ist unser kleiner Bruder?“

Ich schluckte und zwang die Worte an dem Kloß in meiner Kehle vorbei. „Ein Mann kam in die Kneipe. Er sagte... er sagte, seine Leute hätten Leo vor der Schule mitgenommen.“

Rafferty schob sich heftig nach oben. Sein Stuhl kippte nach hinten und krachte laut auf den Linoleumboden. Er stützte sich schwer auf sein schlechtes Bein und ignorierte den Schmerz. „Er hat Leo mitgenommen?“

„Raf—“

„Ich rufe die Cops.“ Er stürzte sich auf das billige Prepaid-Handy auf der Anrichte.

Ich sprang auf und packte sein Handgelenk, grub die Nägel ein. „Nein!“

Er starrte mich an, wildäugig. „Er hat einen zehnjährigen Jungen entführt!“

„Und er hat gesagt, wenn ich auch nur einen einzigen Anruf mache, hört Leo auf, geschützt zu sein!“ Ich schrie es praktisch, meine eigene Panik blutete in den Raum. „Er wird ihn töten, Raf! Wenn wir die Polizei rufen, verschwindet Leo für immer!“

Rafferty erstarrte. Seine Brust wogte, während er mich anstarrte und die erschreckende Realität auf uns beide herabstürzte. Er senkte das Telefon langsam. „Was will er?“

Ich zeigte mit zitterndem Finger auf den Tisch. „Er hat das dagelassen.“

Raf ließ das Telefon los, griff nach seinem Stock und hinkte schwer zurück zum Tisch. Er griff nach dem dicken Manilakuvert und riss die Oberseite auf.

Er kippte ihn um.

Bargeld quoll heraus.

Stapel knackiger, gebündelter Hundert-Dollar-Scheine trafen das Holz mit schweren Aufschlägen. Es war mehr Geld, als ich in meinem Leben je gesehen hatte. Mehr Geld, als unsere Familie jemals auf einmal besessen hatte.

Rafferty starrte auf das kleine Vermögen, völlig gelähmt.

Aber dann glitt noch etwas anderes aus dem Umschlag. Es traf den Tisch mit einem scharfen, metallischen Klirren.

Ein schwerer silberner Anhänger.

Ich griff danach, aber meine Hand stoppte einen Zentimeter vor dem Metall. Das schwache Mondlicht vom Fenster fing die Oberfläche ein. Er war stark angelaufen, eingeätzt mit gezackten, gewaltsamen geometrischen Markierungen, die die Schatten zu sich zu ziehen schienen.

Mein Magen verdrehte sich heftig.

Ich kannte diese Markierungen.

Ich hatte sie schon einmal gesehen, sorgfältig in die Ränder eines von Mums alten ledergebundenen Tagebüchern gezeichnet. Bevor sie nach Perth verschwand, hatte ich sie dabei erwischt, wie sie mitten in der Nacht auf diese Symbole starrte. Sie hatte mein Handgelenk gepackt, die Augen wild und verängstigt, und mir gesagt, ich solle nie etwas berühren, das dieses Zeichen trug.

Nie.

Ein kleines, schweres Stück Karton glitt zuletzt aus dem Umschlag und landete weich auf dem Geld. Rafferty hob es auf, seine Augen huschten über die elegante schwarze Tinte.

Er schaute zu mir auf, sein Gesicht eine Maske reinen Grauens.

In der Mitte stand eine einzige Adresse.

Und darunter drei Worte.

Morgen. 6:00 Uhr

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