로그인Die Pflastersteine bissen sich durch meine durchnässte Jeans in meine Kniescheiben, kalt und unnachgiebig. Ich blieb dort auf dem nassen Gehweg knien, der Sydney-Regen klebte mir die Haare ans Gesicht, und starrte blind in die gähnende Dunkelheit von Kaels Anwesen.
Der Anhänger ist eine Lüge, Tarni. Lass ihn den Käfig nicht schließen.
Mamas letzte Worte hallten in meinem Schädel wider, ein hektisches, verzweifeltes Gespenst, das den Lärm des Sturms überschrieb. Ich schloss die Augen, ein gezackter Schluchzer riss meine Kehle hinauf. Sie war fort. Zwei Jahre Groll, zwei Jahre, in denen ich die schrecklichen Dinge geübt hatte, die ich ihr sagen würde, falls sie jemals wieder in mein Leben treten sollte – und jetzt war sie nur noch ein Körper in einer Krankenhaus-Leichenhalle dreitausend Meilen entfernt.
Dann brach ein scharfer, chaotischer Burst von Rauschen aus dem Telefon, das immer noch an mein Ohr gepresst war.
„Holt den Notfallwagen! Frei!“
Der gedämpfte, gewaltsame Schlag eines Defibrillators hallte durch den winzigen Lautsprecher.
Mein Atem stockte. Meine Augen rissen auf. „Dr. Aris?“ schrie ich in den Hörer, rappelte mich hoch, meine nassen Stiefel rutschten auf dem Stein. „Hallo? Sind Sie da?“
Mehr Rauschen. Ein chaotisches Überschneiden von Stimmen, das Quietschen eines Metallwagens, und dann ein dünnes, anhaltendes elektronisches Heulen, das plötzlich in ein stetiges, rhythmisches Piepen überging.
„Ms. Thorne?“ Dr. Aris’ Stimme kam wieder auf die Leitung, atemlos, die klinische Professionalität völlig abgestreift. „Wir haben sie zurück. Sie hat einen Puls.“
Ich schwankte und griff nach dem kalten Eisen des offenen Tors, um nicht völlig zusammenzubrechen. „Sie lebt?“
„Kaum“, keuchte die Ärztin. „Das Toxin… es bewegt sich schneller als alles, was ich je gesehen habe. Standard-Dialyse versagt. Ihre Zellstruktur zerfällt aktiv. Das Einzige, was ihre Organe im Moment davon abhält, sich zu verflüssigen, ist ein experimentelles extrakorporales Lebenserhaltungssystem. Es ist ein synthetischer Blutfiltrations-Bypass.“
„Dann lassen Sie sie daran“, flehte ich, die Panik stieg heiß und scharf in meiner Brust auf. „Tun Sie, was immer nötig ist.“
„Ms. Thorne, Sie müssen das verstehen“, unterbrach mich Dr. Aris, ihre Stimme sank zu einem düsteren, mitfühlenden Flüstern, das mich schlimmer durchkühlte als der Regen. „Dieses Gerät wird nicht vom öffentlichen Gesundheitssystem abgedeckt. Es ist proprietäre, experimentelle Technik. Der Krankenhausvorstand hat nur die Notfallverbindung genehmigt, um sie zu stabilisieren. Um den Bypass am Laufen zu halten, verlangt die Verwaltung eine Kaution von fünfzigtausend Dollar.“
Die Zahl traf mich wie ein physischer Schlag gegen die Rippen.
„Fünfzigtausend?“ würgte ich hervor.
„Innerhalb von vierundzwanzig Stunden“, bestätigte die Ärztin, das Zögern lag schwer in ihrem Ton. „Wenn das Geld bis morgen früh nicht überwiesen ist, schreibt die Vorschrift vor, dass wir sie abklemmen müssen. Und Ms. Thorne… wenn wir diese Maschine ausschalten, erreicht das Toxin ihr Herz in Minuten. Sie wird kein zweites Mal überleben.“
Die Leitung wurde tot, und ich stürzte zurück in die tosende Stille des Sturms.
Vierundzwanzig Stunden. Fünfzigtausend Dollar.
Ich nahm das Telefon vom Ohr und starrte auf den zerbrochenen Bildschirm, bis er schwarz wurde. Ich hatte zehntausend Dollar auf dem Küchentisch von Rafferty liegen. Es war ein Vermögen, ein Wunderbetrag für ein Mädchen, das unter der Hand in einer Spelunke arbeitete. Und es war absolut nutzlos.
Ich schaute zu den turmhohen Eisentoren hoch. Sie standen offen, eine Einladung und eine Drohung in einem. Die massiven Steinmauern des Anwesens ragten gegen den grauen Vormorgenhimmel und vibrierten praktisch mit demselben schweren Ozon-Druck, den ich von Kael in der Bar ausgestrahlt gespürt hatte.
Ich hatte keine Wahl. Kael hatte meinen zehnjährigen Bruder. Er hatte das Geld, das ich brauchte, um die Mutter zu retten, die mich verlassen hatte. Er hielt jeden einzelnen Faden meines Lebens in seinen perfekt zugeschnittenen, lederbehandschuhten Händen.
Meine Finger strichen über den schweren silbernen Anhänger, der kalt und tot gegen mein Brustbein ruhte. Lass ihn den Käfig nicht schließen. Der Dämpfer tat genau das, wofür er gemacht war – er unterdrückte die latente, summmende Energie in meinem Blut und ließ mich langsam, schwer und völlig menschlich fühlen. Warum sollte meine Mutter mich davor warnen?
Ich hatte keine Zeit, das herauszufinden. Leo war drinnen.
Ich trat durch das Tor.
Das Knirschen meiner Stiefel auf der Kiesauffahrt war das einzige Geräusch im weitläufigen Innenhof. Das Herrenhaus selbst war eine kolossale Leistung gotischer Architektur – alles dunkler Stein, Spitzbogenfenster und rankender Efeu, der eher wie Adern als wie Pflanzen aussah. Es gehörte nicht in die östlichen Vororte von Sydney. Es sah aus, als gehöre es auf eine Klippe in einem Albtraum.
Bevor ich überhaupt die breiten Marmortreppen erreichte, schwangen die massiven Eichen-Haustüren nach innen auf.
Keine Diener. Keine Wachen. Nur ein gähnendes, schwach beleuchtetes Foyer, das nach Holzrauch, altem Papier und etwas Scharfem und Metallischem roch. Wie Blut.
Ich überschritt die Schwelle, die Wärme des Hauses prallte sofort auf meine eiskalten, nassen Kleider. Wasser tropfte von meiner Jacke und sammelte sich auf dem polierten schwarzen Marmorboden.
„Punkt sechs Uhr.“
Das tiefe, vibrierende Grollen seiner Stimme kam aus dem Schatten zu meiner Rechten.
Ich drehte mich um. Kael saß in einem hohen Ledersessel neben einem massiven, knisternden Kamin. Er trug weder den Trenchcoat noch die Baseballmütze mehr. In einem dunklen, anthrazitfarbenen Anzug, der seine breiten Schultern makellos umschloss, sah er aus wie ein König, der in der Hölle Hof hielt. Seine eisblauen Augen fingen das Feuerlicht ein, und der räuberische goldene Ring um seine Pupillen war unverkennbar.
Er war kein Mensch. Was auch immer er war, wovor meine Mutter weggelaufen war – es saß direkt vor mir und strahlte Macht aus.
„Wo ist mein Bruder?“ forderte ich, meine Stimme zitterte, obwohl ich das Kinn hochzwang.
Kael blinzelte nicht. Er griff neben seinen Stuhl und hob etwas Kleines auf, warf es über den Raum zwischen uns. Es traf den Marmorboden und rutschte vor meinen Stiefeln zum Stehen.
Es war Leos Spiderman-Rucksack.
Mein Atem stockte, ein übelkeitserregender Adrenalinschub raste durch meine Adern. Ich sank auf die Knie und riss den Reißverschluss auf. Sein Mathebuch, seine zerknüllten Erlaubnisscheine, sein Ersatzinhalator. Alles war da.
„Er schläft oben im Ostflügel“, sagte Kael glatt und beobachtete, wie ich den Rucksack durchwühlte. „Er hat seinen Cheeseburger gegessen, einen Film geschaut und ist ins Bett gegangen. Er denkt, du arbeitest eine Doppelschicht und meine Männer sind deine neuen Arbeitgeber, die sich als Gefallen um ihn kümmern.“
Ich schaute hoch, mein Blick verschwamm vor wütenden, heißen Tränen. „Du bist ein Monster.“
„Ich bin ein Pragmatiker“, korrigierte Kael, lehnte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie. Das Feuerlicht warf scharfe, brutale Schatten über die verblasste Narbe, die seine linke Augenbraue teilte. „Ich habe dir einen Umschlag gegeben. Du trägst den Anhänger. Du bist pünktlich hier. Du befolgst Anweisungen wunderbar, Tarni. Was uns zur Neuverhandlung deiner Schuld bringt.“
Ich stand auf und drückte Leos Rucksack wie einen Schild an die Brust. „Mir ist die Schuld egal. Mir ist Silas egal. Ich brauche fünfzigtausend Dollar.“
Kaels Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Er sah nicht überrascht aus. Er zuckte nicht einmal bei dem Betrag zusammen.
„Royal Perth Hospital“, murmelte Kael, seine Stimme sank eine Oktave und glitt in dieses hypnotische, vibrierende Summen. „Der experimentelle synthetische Filtrations-Bypass. Ja. Ein brillantes Stück medizinischer Ingenieurskunst. Meine Biotech-Firma hält das Patent.“
Der Boden schien sich heftig unter meinen Füßen zu neigen. Die Luft in meinen Lungen wurde zu Asche.
„Du“, flüsterte ich, das Entsetzen klickte endlich kalt und absolut an seinen Platz. „Du hast sie vergiftet. Du hast ihr das Toxin gegeben und du besitzt das Heilmittel.“
„Deine Mutter hat vor zwanzig Jahren etwas von meiner Familie gestohlen, Tarni“, sagte Kael und stand auf. Er war unmöglich groß und bewegte sich mit einer lautlosen, fließenden Anmut, die jeden Überlebensinstinkt in mir schreien ließ. Er überbrückte die Distanz zwischen uns in drei Schritten und blieb nur Zentimeter vor mir stehen. Die Hitze, die von seinem Körper ausstrahlte, war intensiv und brannte durch meine durchnässten Kleider. „Das Gift in ihren Adern ist ein Blutfluch. Sie hat ihn über sich gebracht, in dem Moment, als sie mich übertrat. Ich erlaube der modernen Medizin lediglich, das Unvermeidliche hinauszuzögern.“
Ich legte den Kopf zurück, um ihn anzusehen, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen wie ein gefangener Vogel. „Gib mir das Geld. Bezahle das Krankenhaus. Was willst du von mir?“
Kael streckte die Hand aus. Ich zuckte zusammen, aber seine Hand glitt an meinem Gesicht vorbei, seine lederbekleideten Finger strichen über den silbernen Anhänger auf meiner Brust. Ein gewaltsamer Funke Elektrizität sprang zwischen dem Metall und seinem Handschuh über.
„Ich werde dem Krankenhaus autorisieren, die Maschinen dauerhaft laufen zu lassen“, sagte Kael, seine Stimme sank zu einem harten, besitzergreifenden Flüstern, das meine Lippen streifte. „Ich werde deinen Bruder und Rafferty in einer Luxuswohnung sicher leben lassen, vollständig finanziert, für den Rest ihres natürlichen Lebens.“
„Im Austausch wofür?“ hauchte ich, erschrocken vor der Antwort.
Seine goldumringten Augen bohrten sich in meine und streiften jede letzte Verteidigung ab.
„Im Austausch, Tarni“, sagte Kael, seine Finger schlossen sich fest um den silbernen Käfig über meinem Herzen, „gehörst du mir. Du wirst in diesem Haus leben. Du wirst diesen Anhänger nie abnehmen. Und du wirst mir helfen, den Rest deinesgleichen zu jagen.“
Der Privatjet-Flug von Sydney nach Perth war ein vierstündiger Schleier aus weißem Rauschen, Ledersitzen und erdrückendem Grauen. Kael war nicht mitgekommen. Er hatte mir einfach einen Boardingpass, einen schwarzen Stadtlimousinenwagen und die Warnung gegeben, dass, falls ich versuchen sollte zu fliehen, die Maschinen, die meine Mutter am Leben hielten, abgeschaltet würden, bevor mein Flugzeug überhaupt den Boden berührte.Jetzt, stehend im sterilen, grellhellen Korridor der Intensivstation des Royal Perth Hospital, starrte mir die Realität dessen, wofür ich mein Leben eingetauscht hatte, direkt ins Gesicht.Ich drückte die Hände gegen das dicke, verstärkte Glas von Zimmer 4B. Das Glas war eiskalt, aber es konnte das Brennen in meiner Brust nicht betäuben.Evelyn Thorne lag in der Mitte des Zimmers, angeschlossen an ein erschreckendes Arrangement aus Schläuchen und Monitoren. Sie sah nichts aus wie die lebendige, unberechenbare Frau, die vor zwei Jahren einen einzigen Koffer gepackt u
Die Pflastersteine bissen sich durch meine durchnässte Jeans in meine Kniescheiben, kalt und unnachgiebig. Ich blieb dort auf dem nassen Gehweg knien, der Sydney-Regen klebte mir die Haare ans Gesicht, und starrte blind in die gähnende Dunkelheit von Kaels Anwesen.Der Anhänger ist eine Lüge, Tarni. Lass ihn den Käfig nicht schließen.Mamas letzte Worte hallten in meinem Schädel wider, ein hektisches, verzweifeltes Gespenst, das den Lärm des Sturms überschrieb. Ich schloss die Augen, ein gezackter Schluchzer riss meine Kehle hinauf. Sie war fort. Zwei Jahre Groll, zwei Jahre, in denen ich die schrecklichen Dinge geübt hatte, die ich ihr sagen würde, falls sie jemals wieder in mein Leben treten sollte – und jetzt war sie nur noch ein Körper in einer Krankenhaus-Leichenhalle dreitausend Meilen entfernt.Dann brach ein scharfer, chaotischer Burst von Rauschen aus dem Telefon, das immer noch an mein Ohr gepresst war.„Holt den Notfallwagen! Frei!“Der gedämpfte, gewaltsame Schlag eines De
Der silberne Anhänger lag auf dem billigen Linoleumtisch, und weder Raf noch ich hatten es gewagt, ihn über eine Stunde lang anzufassen.Zehntausend Dollar in knackigen Scheinen lagen daneben verstreut, aber ich bemerkte das Geld kaum. Ich konnte den Blick nicht von dem matten, schweren Schmuckstück lösen.Die seltsamen Symbole, die in das Metall geschnitten waren, schienen sich zu verschieben, sobald ich wegsah, und fingen das schwache grüne Leuchten der Mikrowellenuhr ein.4:42 Uhr.Ich hatte achtundsiebzig Minuten, um in die östlichen Vororte zu kommen, sonst würde der Mann mit den eisblauen Augen meinen zehnjährigen Bruder in einen Schiffscontainer werfen.„Fass ihn nicht an, Tarn“, flüsterte Rafferty. Er saß immer noch zusammengesunken auf dem Esszimmerstuhl, stützte sich schwer auf seinen Stock, sein Gesicht die Farbe von nasser Asche. „Mama hat gesagt, man soll nie in die Nähe von Leitern gehen. Sie hat gesagt, sie seien Tracker. Sie hat gesagt—“„Mama hat auch gesagt, sie gehe
Der dreckige Barlappen lag auf den Dielen, wo ich ihn hatte fallen lassen, aber er hätte genauso gut eine Million Meilen entfernt sein können.„Jetzt“, wiederholte der Mann, seine Stimme glatt und völlig frei von Dringlichkeit. „Schließ die Türen ab, Tarni.“Jeder biologische Instinkt, den ich besaß, schrie mich an zu rennen, ihm eine Flasche über den Kopf zu schlagen, irgendetwas zu tun. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Meine Augen klebten an dem kleinen blauen Inhalator auf dem Tisch. Das weiße Tape. Das schwarze L.Ich zwang meine Beine, sich zu bewegen. Jeder Schritt zu den gläsernen Vordertüren fühlte sich an, als würde ich durch nassen Zement waten. Meine Hände zitterten so heftig, dass der schwere Messing-Riegel zweimal aus meinen glitschigen Fingern rutschte, bevor ich ihn endlich zuschlug. Ich griff nach oben und zog die Kette am neonfarbenen OPEN-Schild. Es flackerte und erlosch. Die Kneipe versank in einer schweren, erdrückenden Dunkelheit, erhellt nur vom kränklichen or
TarniDer Lappen in meiner Hand war einmal weiß gewesen.Jetzt war er grau, steif und durchtränkt vom Gestank abgestandenen Bieres, billigen Bourbons und Schweiß.Ich schrubbte die ramponierte Theke, bis meine Knöchel brannten, und biss mir in die Innenseite der Wange, sobald der Schmerz schärfer wurde. Meine Schultern schmerzten. Meine Füße fühlten sich in den Schuhen taub an.Ich verlagerte mein Gewicht und schluckte schwer.Einfach weiterbewegen.Denn wenn ich auch nur für eine Sekunde innehielt, wusste ich, dass meine Beine nachgeben würden.„Oi, Schätzchen. Noch eine Runde.“Ich schaute nicht auf. Ich wischte einfach weiter.„Hast du mich gehört, Süße?“Der Mann knallte sein schweres Glas auf die Theke, das plötzliche Geräusch ließ mich zusammenzucken. Schließlich hob ich den Kopf und zwang meinen Gesichtsausdruck zu einer leeren Maske. Er war einer von Micks Stammgästen, ein Mann, dessen Gesicht ich drei Abende die Woche sah, dessen Namen ich mir aber nie die Mühe gemacht hatte







