LOGINObwohl es wie eine Frage klingt, lässt Julien Aurora keine Möglichkeit, abzulehnen.
Sie nickt. Offenbar möchte er mit ihr sprechen. Und auch sie möchte mit ihm reden. Gautier wirft Aurora einen warnenden Blick zu. — Sei vorsichtig. Er hat Angst, dass Aurora Julien beleidigen könnte, bevor sie ihn heiratet. Julien wirkt distanziert, wahrscheinlich weil er mit Aurora unzufrieden ist. Doch für die Familie Dupont ist es immer von Vorteil, die Familie Beaumont auf ihrer Seite zu haben. Diese Verbindung würde auch dem Familienunternehmen nützen. Er will nicht, dass Aurora die Ehe ruiniert. Aurora ignoriert ihn und folgt Paul nach draußen. Sie weiß genau, was Gautier denkt. Warum glaubt er, dass sie ihm helfen wird, sobald sie in die Familie Beaumont eingeheiratet hat? Nur weil er ihr Vater ist? Aber hat er sie jemals wie eine Tochter behandelt? Weiß er überhaupt, wie sie die letzten acht Jahre gelebt hat? In Gedanken versunken läuft sie plötzlich gegen eine breite Brust. Erschrocken hebt sie den Kopf. Da sieht sie ein makelloses Gesicht ganz nah vor sich. Er mustert sie von oben bis unten. Er kann also tatsächlich stehen. Das bedeutet, dass sie recht hatte. Sein Blick jagt Aurora einen Schauer über den Rücken, doch sie sieht mit erzwungener Ruhe zu ihm auf. — Sie tun nur so, als wären Sie behindert, nicht wahr? Julien verengt die Augen. Unzufrieden darüber, durchschaut worden zu sein, antwortet er mit ruhiger, aber einschüchternder Stimme: — Warum wollen Sie mich trotz meiner „Behinderung“ heiraten? Was wollen Sie von mir? Geld? Die Ehefrau eines reichen Mannes werden? Unter seinem Blick läuft Aurora ein kalter Schauer über den Rücken. Ihr Herz zieht sich zusammen, und ihr Atem stockt, doch sie zwingt sich, ruhig zu bleiben. — Ich war zwei Jahre alt, als ich mit Ihnen verlobt wurde. Glauben Sie, ich wusste damals schon, welche Vorteile Geld und Reichtum bringen? Habe ich unsere Mütter gezwungen, Sie für mich auszusuchen? Sie macht eine kurze Pause, bevor sie ihren Tonfall mildert. — Als ich zwei war, waren Sie schon zehn Jahre alt — acht Jahre älter als ich. Habe ich mich jemals darüber beschwert, dass Sie alt sind? Julien lacht spöttisch auf. Diese Frau ist wirklich schlagfertig! Sie kann hervorragend reden! Er? Alt? Die Spannung zwischen ihnen wird immer stärker. Ihre Blicke treffen sich. Beide sind wütend und keiner von ihnen will nachgeben. Aurora ballt die Hände zu Fäusten. Der einzige Grund für ihre Hochzeit mit der Familie Beaumont ist, die Mitgift zurückzubekommen, die Gautier ihrer Mutter versprochen hat. Um Julien nicht zum Feind zu machen, verändert sie ihren Tonfall und wird sanfter. — Herr Beaumont, ich weiß, dass Sie mich nicht heiraten wollen. Warum also nicht … Sie macht eine Pause und beobachtet Juliens Gesichtsausdruck. Obwohl seine Veränderung nur minimal ist, bemerkt sie sie trotzdem. — Herr Beaumont, lassen Sie uns einen Deal machen. Sie spricht ruhig weiter. Eigentlich will sie gar nicht wirklich Teil dieser Familie werden. Sie hat der Ehe nur zugestimmt, um aus dem Ausland zurückzukehren und das zurückzuholen, was ihrer Mutter und ihr gehört. — Ha. Julien lacht leise und findet sie lächerlich. Wie absurd. Sie will tatsächlich mit ihm verhandeln? Aurora schluckt nervös. Kalter Schweiß läuft ihr über den Rücken. Julien ist so groß, dass sie zu ihm aufsehen muss. — Ich weiß, dass Sie nur deshalb den Behinderten spielen, damit die Familie Dupont die Verlobung löst. Ich habe zugestimmt, weil ich ebenfalls meine Gründe habe. Das weckt Juliens Interesse. — Und was wollen Sie? Wenn es ein Deal sein soll, dann braucht es Bedingungen. — Einen Monat. Nach einem Monat Ehe werde ich mich von Ihnen scheiden lassen. Ein Monat reicht völlig aus. Sobald sie die Mitgift ihrer Mutter zurückbekommen hat, wird sie sich scheiden lassen. Julien runzelt die Stirn. — Darüber wollen Sie mit mir verhandeln? — Ja. Wir müssen heiraten, weil es eine Vereinbarung zwischen unseren Müttern war. Keiner von uns kann sie brechen, aus Respekt vor ihnen. Aber nach der Hochzeit können wir uns problemlos scheiden lassen und behaupten, dass wir nicht miteinander auskommen. So wird die Verlobung nicht gebrochen. Und gleichzeitig müssen Sie nicht den Rest Ihres Lebens mit einer Frau verbringen, die Sie nicht lieben. Danach wird ihre Stimme noch sanfter. — Ich nehme an, Sie lieben bereits jemand anderen. Deshalb tun Sie alles, damit die Familie Dupont die Verlobung auflöst, oder? Sofort verdunkelt sich Juliens Blick. Schon im nächsten Moment wirkt er wütend. — Ich wusste gar nicht, dass Sie eigentlich ziemlich intelligent sind. Tatsächlich will er Leila einen Platz an seiner Seite geben, weil ihn ihre Reinheit und ihr Opfer tief berührt haben. Julien richtet den Blick auf Auroras Gesicht, das äußerlich ruhig wirkt. — Und was bringt Ihnen diese einmonatige Ehe? Julien glaubt nicht, dass sie das nur für ihn tut. Aurora wird nervös. Sie kann ihm unmöglich sagen, dass es um die Mitgift ihrer Mutter geht. Aber wenn sie ihm keinen Grund nennt, wird er ihr nicht glauben. — Meine Mutter nimmt die Verlobung sehr ernst. Es geht ihr nicht gut, deshalb möchte ich sie nicht enttäuschen. Während sie spricht, vermeidet sie seinen Blick, denn sie lügt. Ihre Mutter will überhaupt nicht, dass sie Herrn Beaumont heiratet. Als könnte er ihre Gedanken lesen, sagt Julien mit seltsam bedrohlicher Stimme: — Wirklich? Aurora läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Sein Blick ist so scharf, als könne er direkt in ihr Herz sehen. Gerade als sie nicht mehr weiß, was sie tun soll, klingelt Juliens Telefon in seiner Tasche. Er wirft einen Blick darauf und zieht sein Handy heraus. Als er den Namen auf dem Display sieht, wird sein Gesichtsausdruck sofort sanft. Er dreht sich um, um den Anruf anzunehmen, erinnert sich dann aber an etwas und wendet sich noch einmal zu ihr um. — Da diese Ehe sowieso nur einen Monat dauern wird, brauchen wir keine Zeremonie. Aurora bleibt nichts anderes übrig, als zuzustimmen. — Einverstanden. Am 12. August kommt Paul, um Aurora abzuholen. Keine Zeremonie, keine Feier — sie erhält lediglich eine Heiratsurkunde. Sie empfindet dabei kaum etwas, denn sie weiß genau, dass diese Ehe nur ein gegenseitiger Vorteil für beide Seiten ist. Wären sie nicht schon seit ihrer Kindheit verlobt gewesen, hätten sich ihre Wege niemals gekreuzt. Kurz darauf hält das Auto vor einer Villa. Das Sonnenlicht fällt auf das riesige, prachtvolle Steingebäude. — Bitte treten Sie ein. Paul macht eine einladende Handbewegung. Er behandelt sie weder herzlich noch besonders respektvoll — lediglich höflich. Wahrscheinlich weiß auch er, dass diese Ehe nur geschlossen wurde, um ein Versprechen einzuhalten. Deshalb ist sie nicht wirklich die Ehefrau des jungen Herrn der Familie Beaumont. Das Haus ist groß, doch Aurora sieht kaum Menschen. Nur eine einzige Dienerin ist dort. Ohne sie weiter vorzustellen, führt Paul sie hinein und geht wieder. Aurora fühlt sich etwas unwohl. — Das ist das Haus von Herrn Beaumont. Ich heiße Chloé und kümmere mich um ihn. Sie können mich ebenfalls einfach Chloé nennen. Chloé führt sie zu ihrem Zimmer. — Falls Sie etwas brauchen, können Sie es mir sagen. Ein Monat ist keine lange Zeit. Außerdem hat Aurora ihre eigenen Sachen mitgebracht. Wahrscheinlich wird sie Chloé ohnehin nicht stören, dennoch antwortet sie höflich: — In Ordnung. Chloé öffnet die Tür und dreht sich noch einmal zu ihr um. Sie scheint etwas sagen zu wollen, seufzt dann aber leise. — Herr Beaumont kommt heute Abend vielleicht nicht zurück. Heute ist der Geburtstag von Fräulein Laurens. Auch wenn es keine Hochzeitszeremonie gab, ist Aurora immerhin seine rechtmäßige Ehefrau. Und trotzdem verbringt er bereits am ersten Tag ihrer Ehe Zeit mit einer anderen Frau. Chloé empfindet Mitleid mit Aurora. Sie ist gerade erst seine Frau geworden und wird bereits so schlecht von Julien behandelt. Wie viel schlimmer wird es wohl in Zukunft noch werden?Er nahm den Löffel und benutzte ihn als Mikrofon. Dann lächelte er und sah Sylvia an. — Fräulein Dumont, richtig? Darf ich Sie ansehen? Sylvia sah auf den Suppentopf auf seinem Kopf. Die gefaltete Spitze um den Rand der Schüssel sah aus wie die lockigen Haare eines Clowns. Im Vergleich zu Juliens Härte war Norbert sanft. Er hatte einen hellen Teint und wohlgeformte Gesichtszüge, aber sie waren nicht kantig. Seine Augen unter den geschwungenen Brauen strahlten immer ein sanftes Licht aus. Es schien, als läge ihm ständig ein Lächeln auf den Lippen. Seine Augen waren hell wie der Halbmond, der nachts am Himmel leuchtete. Jetzt sah er sie an wie ein Kind, das sich absichtlich zum Narren machte, nur um sie zum Lachen zu bringen. Sie drehte den Kopf weg und sagte kühl: — Warum sehen Sie mich an? — Fräulein Dumont ist die einzige Person hier, die mich dieses Lied singen hören kann. Ich kann doch kein Liebeslied für Kinder und Männer singen, oder? Ich glaube nicht, dass Fräulein Dumon
— Das ist es. Ariel schob den Suppentopf vor Norbert. Norberts Augen weiteten sich. — Was machst du da? — Du stellst dich auf diesen Suppentopf und singst das ganze Lied vom Schwein, und ich sage dir, wo Tante Sylvia ist, sagte Ariel seelenruhig. — … Norbert war sprachlos. — Selbst ich könnte diesen Suppentopf zerquetschen, mischte Ariana sich ein. — Siehst du? Sogar deine Schwester weiß, wie stark du bist. Der Suppentopf war aus Porzellan und wirkte ziemlich zerbrechlich. Norbert könnte ihn mit einem Fuß sicherlich zerbrechen! Norbert sah Ariana dankbar an. Zum Glück war wenigstens jemand auf seiner Seite. Er war nicht allein. — Bruder, ich finde, du solltest Onkel Norbert den Suppentopf auf den Kopf setzen lassen. Dann soll er sich in die Eingangshalle stellen und „Das göttliche Lied“ singen. Wenn er fertig ist und niemand über ihn lacht, kannst du ihm sagen, wo Tante Sylvia ist. Norberts Gesicht wurde immer dunkler, während Ariana sprach. Wenn er wirklich
Als bei der Ausstellung an diesem Tag der Taffet erwähnt wurde, konnte Norbert nur an Aurora denken, aber es gab keinen Beweis. Nun schien es, als stünde der Taffet tatsächlich in direktem Zusammenhang mit Aurora und als hätte sie wahrscheinlich die Ausstellung organisiert, wäre jedoch einfach nicht selbst erschienen. Damit stellte sich die Frage: Wer war diese Frau? Renée Dumont und Sylvia Dumont trugen beide denselben Nachnamen Dumont? War das ein Zufall oder …? Es schien jedoch nicht sehr wahrscheinlich. Warum sollte Sylvia sonst einen anderen Namen tragen? Renée und Aurora kannten sich, und sie kannte auch die beiden Kinder. Es war also eindeutig Sylvia. Ariel war ein kluger Junge und konnte die aktuelle Situation verstehen: Jeder hier wusste, dass Renée Sylvia war, nur Norbert hatte es noch nicht begriffen. Da er sich daran erinnerte, dass er Sylvia verletzt und sie sogar dazu gebracht hatte, ihr Aussehen und ihre Stimme zu verändern, wollte er ihm die Wahrheit nicht sagen
Sylvia hatte recht, denn sie waren die Einzigen, die das Passwort kannten. Yvon wirkte zwar überhaupt nicht ernst, aber er war dennoch sehr aufmerksam und rücksichtsvoll. Er wäre nicht einfach hereingekommen, ohne sie zu begrüßen, da er wusste, dass hier Frauen und Kinder lebten. Außerdem hätte er niemals in ihrem Bett geschlafen. — Gut, was möchtest du essen? Ich bringe es dir mit. Ruh dich ein wenig aus. — Ich möchte Radieschen essen. Sie wusste selbst nicht warum, aber plots loch hatte sie Lust darauf. Zu Beginn ihrer Schwangerschaft hatte sie keinen Appetit gehabt und auch keine besonderen Gelüste. Doch plötzlich wollte sie unbedingt Radieschen essen. — Die grünen und knackigen, sagte Aurora. — … Sylvia war sprachlos. — Willst du zum Abendessen etwa nur Radieschen essen? Sylvia hielt sich die Stirn. Aurora konnte doch nicht so vergesslich sein, oder? — Es gibt nichts Bestimmtes, das ich essen möchte. Ich habe einfach plötzlich Lust darauf bekommen, aber ich weiß nicht, o
Sylvia hingegen war definitiv niemand, der einfach untätig bleiben konnte. Er rechnete immer weiter und stellte alle möglichen Überlegungen an. Julien wollte nicht länger mit ihm reden, weil er so dumm war. Auch Norbert war genervt und kratzte sich am Kopf. — Wo soll ich sie finden? Weißt du es? Norbert drehte plötzlich den Kopf und starrte ihn an. Schließlich war Julien derjenige gewesen, der ihre Krankenhausbehandlung organisiert hatte, und er wusste, dass Sylvia entlassen worden war. Dann musste er doch wissen, wohin sie gegangen war, oder? Norbert wurde noch aufgeregter, und seine Augen leuchteten. — Du weißt es doch, oder? Juliens Gesicht veränderte sich auffällig. Schließlich waren sie alle gute Freunde, und Julien konnte es nicht ertragen, Norbert so offensichtlich anzulügen. — Sag es mir. Norbert war nun noch neugieriger, doch Julien zögerte, weil er wusste, was wirklich hinter der ganzen Geschichte steckte. — Sag es mir schnell, damit ich sie suchen kann. Ich we
Als Norbert gerade aus dem Flugzeug gestiegen war, wusste er nicht, wohin er gehen sollte. Er kannte sich in Cité C nicht besonders gut aus, da er nicht oft hier gewesen war. Als Julien sagte, dass er sich in Cité C befand, sagte Norbert sofort: — Hol mich am Flughafen ab. Er hatte hier weder Freunde noch Verwandte, auf die er zurückgreifen konnte, also konnte er nur auf Julien zählen. Julien hob die Hand, um auf die Uhr zu sehen, und sagte: — Ich bin in zehn Minuten da. Nachdem er das gesagt hatte, legte er auf. Er rief Norbert am Flughafen an und sagte ihm, er solle herauskommen. Er hatte keine Zeit, aus dem Auto auszusteigen und Norbert zu suchen. Norbert kam aus dem Flughafen, öffnete die Autotür und setzte sich hinein. Er kam sofort zum Punkt: — Hast du Aurora gefunden? Was sonst hätte ihn dazu bringen können, den ganzen Weg hierherzukommen? Nur Aurora konnte ihn hierherlocken. Julien blieb ernst und sagte ruhig: — Was ist los? Bist du etwa nur gekommen, um mir abs
Aurora scheint verstanden zu haben, warum Chloé gerade geseufzt hat. Sie erklärt nichts weiter, sondern lächelt nur leicht.Ihre Ehe mit Julien ist nichts weiter als ein gegenseitiger Austausch. Sie hat kein Recht, Fragen über sein Privatleben zu stellen.In seiner Abwesenheit fühlt sie sich endlic
Nachdem sie sich umgezogen hat, tritt Aurora aus der Umkleidekabine und blickt erneut zur linken Kabine hinüber, deren Tür fest verschlossen ist.— Das steht Ihnen sehr gut.Die Verkäuferin hat wirklich Geschmack. Tatsächlich kann sie allein durch einen Blick auf eine Kundin das passende Kleid ausw
— Aurora, eine Ehe ist eine wichtige Entscheidung. Ich werde nicht zulassen, dass du so etwas tust.Jeannine versteht ungefähr, was Aurora vorhat.Aurora stellt die Tupperdose auf den Nachttisch. Während sie das Essen herausholt, sagt sie:— Ich werde keinen Fremden heiraten. Er ist doch der Sohn d
Eine Wärme breitet sich von hinten über ihren Körper aus, während eine Stimme ihr ins Ohr flüstert.— Hast du Angst?Ein fremder Duft liegt ganz nah bei ihr und lässt sie erschauern, doch sie wagt nicht, einen Laut von sich zu geben.Aurora Dumont spürt, wie der Mann einen Moment innehält, bevor er







