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Chapter 4

Author: Mia
last update publish date: 2026-10-21 18:35:06

KAPITEL VIER: DIE REGELN DIESES HAUSES

**Isabellas Perspektive**

Der Morgen kam ohne Gnade.

Ich hatte nicht geschlafen. Ich hatte an dieser Wand gesessen, bis das Feuer zu Glut heruntergebrannt war, und mich dann ins Bett geschleppt, weil ein sturer Teil von mir nicht zulassen wollte, dass ein Dienstmädchen mich zusammengekrümmt auf dem Boden fand wie etwas Zerbrochenes.

Als die Sonne durch die Vorhänge brach, fühlten sich meine Augen wie rau geschmirgelt an, und mein ganzer Körper schmerzte vor der besonderen Erschöpfung einer Nacht, die ich damit verbracht hatte, mit mir selbst zu streiten und zu verlieren.

Am Fußende des Bettes lag ein Kleid. Nicht meines. Nie meines, anscheinend, nicht mehr. Tiefgrüne Seide, schlicht, auf diese leise Art teuer, die bedeutete, dass jemand es ganz gezielt für mich ausgesucht hatte.

Obenauf lag ein gefalteter Zettel: *Zieh das an. Komm um neun Uhr ins Arbeitszimmer. Teste mich diesmal nicht.*

Ich zog es an. Ich redete mir ein, es sei praktisch, ich besaß ja nichts anderes, und versuchte, nicht zu bemerken, wie gut es passte, als hätte er meine Maße gekannt, bevor ich je durch das Tor getreten war.

Das Arbeitszimmer lag am Ende des Ostflügels, und ich fand es Punkt neun, nachdem ich etwa zehnmal im Kreis gelaufen war. Denn was gestern Nacht am Kamin geschehen war, hatte mich etwas gelehrt, das ich nicht zugeben wollte: Ein Teil von mir wollte nicht herausfinden, was passierte, wenn ich ihn an zwei Tagen hintereinander herausforderte.

Lorenzo saß bereits hinter einem schweren Eichenschreibtisch, eine einzelne Mappe aufgeschlagen vor sich, die Ärmel wieder hochgekrempelt, als wäre das Jackett eine Formalität, die er nur um anderer willen duldete. Er sah nicht auf, als ich eintrat.

„Setz dich."

Ich setzte mich. Ich hasste mich ein wenig dafür, wie leicht dieses Wort meinen Körper inzwischen bewegte.

Schließlich hob er den Blick zu mir, und nichts darin erinnerte an den Mann von letzter Nacht – keine Hitze, keine Geduld, kein leises Versprechen. Das war die Version von ihm, die ohne mit der Wimper zu zucken eine Waffe über einen Tisch geschoben hatte. Kalt. Absolut.

„In diesem Haus gelten Regeln", sagte er. „Du lernst sie einmal, und ich wiederhole mich nicht."

„Wie großzügig", sagte ich.

„Sarkasmus ist erlaubt." Ein schwaches, humorloses Zucken berührte seinen Mund. „Ungehorsam nicht. Lerne schnell, den Unterschied zu erkennen."

Er schob mir die Mappe zu. Darin lagen getippte Seiten, nummeriert, präzise – als hätte er sich von einem Anwalt seine Ehe genauso aufsetzen lassen wie meine Gefangenschaft.

„Regel eins", sagte er, bevor ich selbst lesen konnte. „Du verlässt dieses Anwesen nicht ohne mich oder ohne Marco. Nicht ins Dorf, nicht an die Küste, nicht für frische Luft. Wenn du allein hinter dieser Mauer erwischt wirst, fallen die Konsequenzen nicht auf dich."

Etwas Kaltes lief mir den Rücken hinab. „Was soll das heißen?"

„Das heißt, dass die Schulden deines Bruders nicht verschwunden sind, Isabella. Sie wurden übertragen." Seine Stimme war flach, sachlich, als spräche er über das Wetter, statt das Leben meines Bruders erneut über meinem Kopf schweben zu lassen. „Luca schuldet mir noch Dinge, die man mit Geld nicht begleichen kann. Seine Sicherheit hängt an deinem Verhalten. Denk daran, bevor du entscheidest, ob ein Spaziergang am Strand die Kosten wert ist."

Mir drehte sich der Magen um. „Du hast gesagt, seine Schuld sei beglichen."

„Ich habe gesagt, ich verschone sein Leben. Ich habe nie gesagt, dass die Schuld verschwindet." Sein Blick wich nicht. „Alles hat einen Preis. Deiner ist Gehorsam. Seiner ist, mir nützlich zu bleiben. Nichts davon ändert sich, nur weil es dir nicht gefällt, es laut zu hören."

Ich wollte ihn anschreien. Ich wollte die Mappe quer durch den Raum werfen. Stattdessen saß ich da, die Hände fest im Schoß gefaltet, und lernte in Echtzeit, wie wenig ich von dem verstanden hatte, was ich unterschrieben hatte.

„Regel zwei", fuhr er fort, unbeeindruckt von der Wut, die mir, wie ich wusste, ins Gesicht geschrieben stand. „Keine Telefonate, die ich nicht genehmigt habe. Keine Briefe, die nicht zuerst über Marco laufen. Wenn du etwas brauchst, fragst du. Du organisierst es nicht selbst."

„Du wirst meine Post lesen."

„Ich werde alles lesen." Er sagte es so schlicht, dass es fast schlimmer war, als hätte er es geschrien. „Du wirst nicht bestraft, Isabella. Du wirst beschützt. Das ist ein Unterschied, auch wenn es sich noch nicht so anfühlt."

„Es fühlt sich genau gleich an."

„Das ist es nicht." Etwas flackerte hinter seinen Augen – nicht ganz Weichheit, aber nah genug, um mich sofort misstrauisch zu machen.

„Die Männer, die dich benutzen würden, um an mich heranzukommen, interessiert nicht, ob du ihnen eine Gelegenheit geben wolltest. Es interessiert sie nur, dass du es getan hast."

Darauf hatte ich keine Antwort. Ich hasste, dass ich keine hatte.

„Regel drei." Er schloss die Mappe, mit den Formalitäten fertig, und faltete stattdessen die Hände auf dem Schreibtisch, während er mich mit einer Konzentration beobachtete, die meine Haut prickeln ließ. „Keine verschlossenen Türen. Nirgendwo in diesem Haus. "Nicht dein Bad, nicht dein Schlafzimmer, nicht einmal deine eigenen Gedanken, wenn ich beschließe, sie haben zu wollen."

„Das ist keine Regel. "Das ist eine Drohung."

„Es ist beides." Er erhob sich langsam hinter dem Schreibtisch und umrundete ihn, bis er vor mir stand, so nah, dass ich den Kopf wieder in den Nacken legen musste – eine Haltung, von der ich allmählich begriff, dass er sie mit Absicht herbeigeführte, immer wieder, bis mein Körper sie auch ohne Nachdenken wiedererkennen würde. „Du wirst schnell lernen, dass in diesem Haus Privatsphäre etwas ist, das ich gewähre. Nicht etwas, das dir zusteht."

„Und wenn ich mich weigere, das zu akzeptieren?"

„Du hast es bereits akzeptiert." Seine Stimme sank, leiser jetzt, beinahe vertraulich. „Im Moment, als du unterschrieben hast. "Alles seitdem war nur, dass du entdeckt hast, was die Tinte tatsächlich bedeutete."

Ich stand auf, bevor ich mich bremsen konnte, ich brauchte Abstand, ich brauchte Luft, ich brauchte irgendetwas, das nicht seine Nähe war und die Wahrheit dessen, was er sagte, die irgendwo landete, wo ich sie nicht ignorieren konnte.

„Es muss etwas geben, das mir gehört", sagte ich. „Etwas, das du nicht anfassen, nicht lesen, nicht kontrollieren darfst."

Etwas veränderte sich in seinem Ausdruck – der kleinste Riss, so schnell da und wieder fort, dass ich mir fast einreden, ich hätte ihn mir eingebildet.

„Eine Sache gibt es", sagte er schließlich.

„Was?"

„Was du fühlst." Er trat näher, und ich wich nicht zurück, obwohl jeder Instinkt es mir sagte. „Ich kann kontrollieren, wohin du gehst. Ich kann kontrollieren, mit wem du sprichst. "Ich kann jede Tür in diesem Haus kontrollieren."

Seine Hand hob sich, ohne mich zu berühren, nur nah genug, dass ich ihre Hitze eine Handbreit von meinem Kiefer spürte. „Aber ich kann dich nicht dazu bringen, mich zu wollen, Isabella. Das gehört dir noch. "Vorerst."

„Vorerst?"

„Ich habe vor, das zu ändern." Er ließ die Hand sinken, ohne je Kontakt herzustellen, und irgendwie war die Abwesenheit seiner Berührung schlimmer, als hätte er die Geste vollendet. „Aber es wird verdient sein. "Nicht genommen."

Er wandte sich zum Schreibtisch zurück, als wäre das Gespräch beendet, und griff bereits nach etwas anderem – einem Telefon, einem Schlüsselbund –, und entließ mich mit der Leichtigkeit eines Mannes, der aus dem Raum schon alles bekommen hatte, was er brauchte.

Ich hätte gehen sollen. Ich wollte gehen.

Stattdessen hörte ich mich die Frage stellen, die seit Marias Bemerkung im Hof unter meinen Rippen gesessen hatte.

„Was ist mit der letzten Frau passiert, die in diesem Zimmer gelebt hat?"

Er erstarrte völlig.

Nicht die vorsichtige Reglosigkeit eines Mannes, der seine Worte wählt. Die andere Art. Die Art, die kurz vor dem Zerbrechen kommt.

Als er sich mir wieder zuwandte, war jede Weichheit, die kurz zuvor in seinen Augen gelebt hatte, verschwunden, ersetzt durch etwas Dunkleres, Älteres und weit Gefährlicheres als alles, was ich bisher von ihm gesehen hatte.

„Wer hat dir gesagt, dass es eine letzte Frau gab?"

„Niemand hat mir etwas gesagt." Mein Herz hämmerte wieder, aber aus einem völlig anderen Grund. „Ich frage dich."

Er durchquerte den Raum in drei Schritten, schneller, als ich ihn seit dem Lagerhaus hatte gehen sehen, und zum ersten Mal, seit ich ihm begegnet war, sah ich in Lorenzo Moretti etwas, das fast wie Angst aussah, getarnt als Wut.

„Du wirst mir diese Frage", sagte er leise und tödlich, „nie wieder stellen."

„Warum nicht?"

Er antwortete nicht. Er drehte sich stattdessen um, ging zur Tür des Arbeitszimmers und riss sie so heftig auf, dass die Angeln achten.

„Raus, Isabella."

Ich rührte mich nicht. Noch nicht. Denn in der halben Sekunde, bevor er seine Mauern wieder hochgezogen hatte, habe ich es deutlich gesehen – Trauer, roh und unvollendet, von der Art, die nicht verblasst, nur weil Jahre darüber gegangen sind.

„Lorenzo …"

„Jetzt."

Mir blieb keine Wahl, als zu gehen.

Doch als ich den langen Marmor Flur zurückging, vorbei an den Porträts der Männer, die alle aussahen, als wüssten sie schon, wie diese Geschichte endete, begriff ich eines mit absoluter Gewissheit.

Wer auch immer sie war, was auch immer ihr geschehen war – sie war nicht fort.

Nicht wirklich.

Und irgendwo in diesem Haus, hinter einer seiner vielen unverschlossenen Türen, wartete die Antwort darauf, dass ich sie fand.

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