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Kapitel 5 : Die Regeln des Wildes

Author: Déesse
last update publish date: 2026-07-14 04:26:26

Blanche

Die nächste Stunde verbringe ich damit, mir ein Gesicht zu rekonstruieren.

Es ist eine Technik, die ich bei meiner ersten Infiltration gelernt habe, in diesem illegalen Kasino in Atlantic City. Wenn die Tarnung wankt, wenn die Angst die Maske zu zerbrechen droht, konzentriert man sich auf die physischen Details. Die Position der Hände. Der Rhythmus der Atmung. Die Neigung des Kopfes. Man rekonstruiert die Figur von außen, Schicht um Schicht, bis das Innere nachfolgt.

Eva. Ich heiße Eva. Ich bin Beraterin für zeitgenössische Kunst, spezialisiert auf Privatsammlungen. Ich komme aus New York, Upper East Side. Ich bin neugierig, aber nicht leicht zu beeindrucken. Ich habe von L'Œil durch einen Kunden gehört, einen Sammler, der in geschlossenen Kreisen verkehrt. Ich bin hier, um zu sehen, um zu verstehen, vielleicht um einen Meister zu finden, falls mich die Lust dazu überkommt. Ich habe es nicht eilig. Ich bin nicht verängstigt. Ich bin nicht Blanche Sterling, verdeckte Journalistin, die gerade dem Blick des Eigentümers begegnet ist und gespürt hat, wie ihre Seele zersprang.

Ich wiederhole diese Litanei in einer Schleife, während der Barkeeper mein Glas nachfüllt, ohne dass ich darum bitten muss, und meine Finger langsam, sehr langsam aufhören, am Kristall zu zittern.

Eine Frau setzt sich auf den Hocker neben mich. Blond, kultiviert, strahlende Vierzig. Ihr Bustenkleid aus marineblauem Samt umschmeichelt einen Körper, der durch Stunden von Pilates und Pflege erhalten wird. Ihr Schmuck ist dezent, aber echt, ihr Collier ein schlichter Goldreif an der Kehle, und ihr Lächeln hat diese unmittelbare Vertrautheit, die Stammgäste untereinander haben, wie Mitglieder einer Sekte, die einen der Ihren erkennen.

— Erstes Mal?

Ihre Stimme ist sanft, melodiös, mit einem Akzent, den ich nicht identifizieren kann. Europäisch, vielleicht skandinavisch.

— So offensichtlich?

— Man erkennt die Neuen immer. Sie sehen sich alles an, als wollten Sie es auswendig lernen. Die Ausgänge, die Gesichter, die Abstände. Es ist mehr als eine Entdeckung, es ist eine Kartografie.

Ich erzwinge ein Lachen. Sie ahnt nicht, wie recht sie hat. Wenn sie wüsste, wie sehr sie ins Schwarze getroffen hat.

— Es ist viel aufzunehmen, antworte ich und drehe mein Glas zwischen den Fingern, die Augen auf den Bernstein des Whiskys fixiert. Ich wusste nicht, was mich erwartet.

— Niemand weiß es. Das ist das Prinzip von L'Œil. Man glaubt, mit Erwartungen zu kommen, mit Grenzen, mit ordentlich sortierten Fantasien. Und dann tritt man durch die Tür, und alles explodiert.

Sie heißt Margot. Sie frequentiert L'Œil seit drei Jahren. Einen Tag pro Woche, immer donnerstags, immer mit demselben Mann. Sie weist mit einer Kinnbewegung auf einen Mittfünfziger in einem weinroten Samtjackett, der nahe den halbdurchlässigen Spiegeln steht. Er beobachtet die zentrale Szene, eine Frau, die an ein Andreaskreuz gefesselt ist, die Augen verbunden, den Rücken einem Meister dargeboten, der eine Feder ihre Wirbelsäule entlanggleiten lässt.

— Er, das ist mein Meister, sagt Margot mit stillem Stolz. Ich spreche mit niemandem ohne seine Erlaubnis. Sie haben Glück, er findet Sie faszinierend.

— Inwiefern faszinierend?

— Er fragt sich, warum eine Frau wie Sie hier ohne Halsband und ohne Schutz eintritt. Sie sind weder Herrin noch Sklavin. Sie sind weder begleitet noch chaperoniert. Sie sind eine Anomalie. Und Anomalien ziehen in dieser Welt entweder Schutz an oder Raubtiere.

Ich spüre, wie meine Schultern sich verspannen, dieser alte Verteidigungsreflex, den ich nicht kontrollieren kann. Margot lächelt immer noch, aber ihr Blick hat sich geschärft. Sie ist gefährlicher, als sie aussieht. Unter der Kultiviertheit der Dame von Welt steckt eine geborene Beobachterin.

— Hier ist jeder Körper ein Territorium, fährt sie fort und nimmt einen Schluck Champagner. Jede Geste ist eine Machtverhandlung. Ein gehaltener Blick, das ist eine Herausforderung. Ein gesenkter Blick, das ist eine Unterwerfung. Eine auf die Schulter gelegte Hand, das ist eine Bitte. Eine zurückgezogene Hand, das ist eine Ablehnung. Alles ist Sprache. Und Sie, Sie sprechen, ohne es zu wissen.

— Ich schaue nur zu.

— Man beobachtet hier nicht wie man ein Gemälde im Museum betrachtet, meine Schöne. Man ist in der Ausstellung. Man wird genauso gesehen, wie man sieht. Jede Person, die Sie ansieht, integriert Sie in ihr Szenario, in ihr Verlangen, in ihr Spiel. Und glauben Sie mir, Sie sind gesehen worden.

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