LOGINBriannas POV
Am nächsten Tag fuhr ein Wagen vor dem Anwesen der Stewarts vor. Ein weißer Escalade. Ich spähte aus dem Fenster meines Zimmers im Dachgeschoss und beobachtete, wie er vorfuhr. Ich hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Meine Lider brannten vor Trockenheit, aber es kümmerte mich nicht einmal. „Sie sind wegen mir hier“, flüsterte ich mir selbst zu. Okay. Das passierte wirklich. Emily war nicht hier. Es passierte wirklich. Ich würde ihn tatsächlich heiraten. Vielleicht hätte ich wirklich schlafen sollen. Vielleicht hätte ich dann aufwachen können und feststellen, dass das alles nur ein böser Traum gewesen war. Ich hätte eines meiner Geschwister bitten können, mich zu kneifen, damit ich aufwachte, aber wir standen uns nicht nahe genug für so etwas. Keine Minute später ertönte ein Klopfen an meiner Tür. Unaufhörlich und laut. „Brianna, es ist Zeit zu gehen.“ Das war Ezra. „Dad hat gesagt, ich soll dich nach unten bringen. Sind deine Taschen gepackt?“ Das war mein Zeichen. Es war kein Traum. Das war meine Realität, und es war an der Zeit, mich ihr zu stellen. Ich antwortete nicht. Es gab keinen Grund dazu. Ich ging auf meine kleine Tür zu und riss sie auf. „Ich bin soweit. Ich brauche nur noch ein wenig Hilfe …“ Doch er war bereits gegangen. Ezra war schon immer etwas eigenartig gewesen. Er war inzwischen sechsundzwanzig und lebte immer noch hier bei uns. Nicht, dass er wirklich eine Wahl gehabt hätte. Die ganze Familie lebte hier. Dieses Haus ließ seinen Bewohnern nicht gerade viel Raum für Unabhängigkeit. Er war praktisch eine jüngere Version unseres Vaters. Dieselben kalten grauen Augen, schmale Lippen und dieser abweisende Blick. Wenn unserem Vater etwas zustoßen sollte, wäre Ezra der perfekte Ersatz. Er arbeitete bereits eng mit ihm zusammen, als COO des Unternehmens. Mit einem leisen Seufzer begann ich, meinen Koffer nach draußen zu ziehen. Einen nach dem anderen. Ich besaß nicht viel, aber wenn ich mein ganzes Leben mitnahm, brauchte ich wohl mindestens drei Koffer. Nun, tatsächlich hatte ich vier Kisten und eine Reisetasche. Sie enthielten mein gesamtes Leben. Meine ganze Existenz. Nachdem ich die letzte Tasche aus dem Zimmer gezogen hatte, hielt ich inne und warf einen letzten Blick auf den Ort, den ich mein Zuhause genannt hatte. Er war weder großartig noch perfekt gewesen. Aber er war meiner gewesen. Ich hatte gelernt, mein kleines Zimmer im Keller zu lieben. Ich schloss die Tür und damit das letzte Kapitel meines Lebens im Hause Stewart ab, bevor ich mich auf den Weg nach unten machte. Mit einer Kiste und meiner Reisetasche kämpfend, schleppte ich mich die Treppe hinunter. Am Fuß der Treppe entdeckte ich ein unbekanntes Gesicht. Ein Mann in einem maßgeschneiderten, komplett schwarzen Anzug. Er sah aus, als wäre er direkt aus einer Spionagefilm-Szene gestiegen. „Miss, haben Sie noch mehr Gepäck, das ich nach unten bringen soll?“, fragte der Mann. Ich starrte ihn verwirrt an und war mir nicht sicher, ob er überhaupt mit mir sprach. „Ich? Sprechen Sie mit mir?“ Er lächelte leicht, wodurch seine ohnehin schon schmalen Augen noch kleiner wirkten. „Ja, Miss. Natürlich. Haben Sie noch weiteres Gepäck?“ „Oh, ähm … ja. Habe ich“, stammelte ich. Die plötzliche Höflichkeit ließ mir die Hitze in den Nacken steigen. „Oben stehen noch ein paar Kisten.“ Ich deutete die Treppe hinauf. Er nickte und machte sich sofort an die Arbeit. Er trug jeweils zwei Kisten auf einmal nach unten und holte auch den Rest meines Gepäcks. Alles, was ich tun konnte, war, ihn dabei etwas unbeholfen zu beobachten. Er brachte schließlich alles zum Wagen, während ich allein im Wohnzimmer des Hauses zurückblieb, das ich mein Zuhause genannt hatte. Niemand war da, um sich von mir zu verabschieden. Nicht Vater. Nicht Mutter. Nicht einmal eines meiner Geschwister. Ich wusste, dass es ihnen nicht besonders wichtig war, aber jetzt wurde es auf schmerzhafte Weise offensichtlich. Ich holte tief Luft und füllte meine Lungen mit dem vertrauten Geruch dieses Hauses. Es roch weder warm noch heimelig. Es roch wie ein sauberer, arktischer Iglu. Ein Geruch, der keinerlei Erinnerungen hinterließ. Als ich mich ein letztes Mal auf den Weg nach draußen machen wollte und mich fragte, ob ich jemals die Gelegenheit bekommen würde, zurückzukehren, kam Vater herein. „Verhalte dich so gut wie möglich, Kind.“ Seine Stimme hallte durch das Haus, während er oben an der Treppe stehen blieb. „Du wirst unseren guten Namen nicht beschmutzen. Verstanden?“ Mein Herz machte einen Satz. Er war gekommen. Nicht für einen tränenreichen Abschied, aber er war gekommen. Ich schätzte, das musste genügen. „Ja, Vater.“ Mit einem letzten kalten Blick wandte er sich ab und ging davon. Und ich verabschiedete mich von dem einzigen Zuhause, das ich je gekannt hatte. Etwa eine Stunde später erreichten wir das Anwesen der Maseratis. Es war atemberaubend. Und riesig. Wir fuhren durch ein automatisches Tor, das den Weg zu dem schönsten Haus freigab, das ich je gesehen hatte. Ich blinzelte immer wieder, während ich aus dem Fenster starrte. Vielleicht war das wirklich ein Traum. Denn es war nichts, absolut nichts, wie ich es erwartet hatte. Ich hatte ein steinernes Gebäude mit dicken Mauern erwartet, einen düsteren Kerker, ähnlich dem Zuhause, in dem Mutter Gothel gelebt hatte. Aber nicht das hier. Als wir am Eingang des Hauptgebäudes hielten, bekam ich den Mund nicht mehr zu. Aus der Nähe war das Haus noch beeindruckender. Das Gebäude thronte inmitten eines gewaltigen Grundstücks, das sich über mindestens fünf Hektar erstrecken musste. Kaum war ich ausgestiegen, wurde ich am Eingang empfangen, als wäre ich eine Königin. Meine Kisten und Taschen waren bereits ins Haus gebracht worden. „Willkommen, junge Dame.“Adrians SichtIch lächelte, das leichte Hochziehen meiner Lippen konnte kaum weiter entfernt sein von dem, was ich angesichts der Schwere ihrer Frage empfand.Aber ich schob es beiseite. Es war jetzt oder nie. Ich musste so überzeugend wie möglich klingen, sonst war das Spiel vorbei.In meiner Hose, in der Tasche, in der meine Hände steckten, war es glatt von kaltem Schweiß, demselben, der auch meinen Nacken bedeckte.„Es ist nur eine alte Schachtel, die ich gefunden habe, Brianna.“ Ich traf ihren Blick. „Bedeutet wirklich nichts. Was meinst du damit, es fühlt sich vertraut an?“ Ich runzelte die Stirn. Die Lüge glitt mir ohne einen zweiten Gedanken über die Lippen.Sie runzelte die Stirn, während sie hinunterblickte, der Daumen streichelte den rostigen Rand. „Ich weiß es nicht. Es fühlt sich einfach … komisch an. Als hätte ich sie schon einmal gesehen.“„Vielleicht im Vorbeigehen?“ bot ich an, aufrichtig, als wüsste ich die Wahrheit nicht. „Du bist im Haus herumgekommen. Könnte ein Bl
Adrians Perspektive„Dir vertrauen?“ Sie spottete, dann ließ sie ein dunkles Lachen hören. „‚Vertrauen‘ und ‚du‘ gehören nicht in denselben Satz, Adrian.“Okay. Das war zu erwarten, aber ich musste trotzdem erklären.Ich rückte ein Stück näher. „Bria… bitte. Mi amor, bitte, kannst du mich erklären lassen?“Sie verschränkte die Arme. „Bitte, ich will nichts mehr, als dass du erklärst! Erklär, warum ich hier meine Kindheitsfotos sehe, aufbewahrt und weggeschlossen wie in irgendeinem Stalker-Schrank.“„Bri… bitte.“ Ich versuchte es erneut. „Meine Liebe? Das ist nicht…“„Nenn mich nicht so“, zischte sie, noch leiser, aber nicht weniger wütend. „Nenn mich nicht so. Nenn mich gar nichts.“Sie fuhr fort, die Augen gerötet, die Nase gebläht, als würde sie gleich vor Wut explodieren. „Du hast mich gestalkt? Du kanntest mich, schon vor all dem, und hast so getan, als würdest du mich zum ersten Mal treffen?“Ich schüttelte den Kopf, den Arm ausgestreckt, um den ihren zu berühren. Sie trat zurück
Adrians SichtVerdammt noch mal!Das waren meine ersten Gedanken, als ich Brianna entdeckte, die schlaff auf dem Sofa in der Ecke des begehbaren Kleiderschranks saß.Mein Lächeln verschwand augenblicklich und wich so schnell einem finsteren Stirnrunzeln, als hätte mich ein Blitz getroffen.Ich hatte das ganze Haus nach ihr abgesucht und sie gerade erst hier gefunden, doch ein einziger Blick auf die Szene verriet mir, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.Mein Blick fiel auf eine verstaubte, bläuliche Schachtel. Eine, die mir vertraut war. Viel zu vertraut. Ich erinnerte mich daran, was sich darin befand, und mein Atem beschleunigte sich.Sie sah nicht einmal zu mir auf, als ich mich bemerkbar machte. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt der offenen Schachtel und ihrem Inhalt.Ich näherte mich ihr schweigend und mit bedachten Schritten, umrundete den Tisch, als könnte schon die kleinste Bewegung sie verschrecken und vertreiben.Wahrscheinlich würde sie das tatsächlich.„Bri?“Behutsam stell
Briannas POVIch musste die Sache interessant gestalten. Körperlich war ich vorbereitet, die Dessous passten perfekt.Auch mental war ich bereit. Ich wollte nichts mehr, als seinen warmen Blick auf meiner Haut zu spüren.Aber ich musste noch etwas mehr tun, um ihm den Atem zu rauben. Ich wollte mir ein bisschen mehr Mühe geben. Es wäre wirklich schade, wenn er mich sah und nicht beeindruckt wäre.Eine leise Stimme meldete sich im Hinterkopf.Was, wenn er heute Abend gar nicht kommt?Dann wäre das alles völlig umsonst gewesen. Aber das wäre auch sein Verlust.Ich warf mir noch einen prüfenden Blick im Spiegel zu. Ich sah … gut aus. Ich fühlte mich gut. Nervös, steif vor Vorfreude, aber trotzdem gut.Die Spitze schmiegte sich eng an meine Haut und streifte dabei all die Stellen, die mich gefährlich nahe an den Rand brachten. Unruhig wanderte ich hin und her und spürte bereits, wie sich die Wärme unter meiner Haut ausbreitete.Ich brauchte Adrian. Und zwar dringend. Ich konnte es kaum er
Briannas POVNach drei Tagen war ich schon kurz davor, ihn anzurufen und ihm zu sagen, er solle nach Hause kommen. Nach Hause.Ja, denn dieser Ort war inzwischen mein Zuhause, er wurde langsam zu meinem Zuhause, und er war nicht hier. Ich vermisste ihn schrecklich.Die restlichen Tage verliefen nach derselben Routine. Es war langweilig, aber ich füllte meine Tage irgendwie aus und wartete wie die Frau eines Soldaten im Krieg.Ich las unzählige Bücher in der Bibliothek, aß so viel, dass ich mich beinahe übergeben musste.Untätigkeit war noch nie eine gute Sache.Der Countdown hatte begonnen.Noch zwei Tage, bis er zurückkam, und ich konnte es verdammt noch mal kaum erwarten.Eines Abends hatte ich schließlich genug. Ich war zu gelangweilt und schrecklich untätig. Ich nahm mein Handy und gerade als ich auf den Anrufen-Button drücken wollte, kam sein Anruf.Ich nahm sofort ab, und meine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.„Wow, hast du etwa auf meinen Anruf gewartet?“ Er lachte leise.
Briannas POVAdrian war gerade einmal seit knapp einem Tag auf seiner Reise, und ich bekam bereits Entzugserscheinungen.Das Haus fühlte sich ohne ihn kalt an. Es war still, abgesehen von den Angestellten, die sich lautlos durch das Haus bewegten, aufräumten und kochten.Plötzlich hatte alles seinen Reiz verloren. Ich konnte nichts finden, was ich im Fernsehen schauen wollte. Niemand, mit dem ich reden konnte, niemand, der mich neckte oder mir überallhin folgte.Ich hatte schon einmal ein sehr ruhiges Leben geführt. Ich hatte nie Freunde gehabt, aber ich hatte meine Tage ausgefüllt, mich mit mir selbst und meinen Gedanken beschäftigt.Das war das Leben, das ich mir anfangs vorgestellt hatte, als ich hierhergekommen war. Aber das war nicht das Leben, das Adrian mir gezeigt hatte, und deshalb störte mich diese ganze Eintönigkeit.Nachdem ich Adrians Welt kennengelernt hatte, vermisste ich plötzlich unsere Streitereien, den Lärm, die Art, wie er mir mit seinen bedürftigen Blicken ständig







