LOGINVeronica schlief nicht. Sie konnte es einfach nicht.
Sie verbrachte die gesamte Nacht zusammengerollt auf der Kante des plüschigen Samtsofas in der Ecke der Suite. Ihr schweres Brautkleid war um ihre Knöchel gewickelt wie ein Anker. Jedes subtile Knarren der Dielen ließ ihre Schultern zusammenzucken. Jeder Schatten, den das Mondlicht von draußen hereinwarf, fühlte sich an wie Damien Steel, der zurückkam, um zu beenden, was er begonnen hatte.
Als das blasse rosa Licht der Morgendämmerung schließlich durch die bodentiefen Fenster sickerte, richtete sich Veronica auf. Ihre Muskeln brannten vor einem dumpfen, pochenden Schmerz. Ihre Kehle war rau.
Sie brauchte ihr Telefon. Sie musste den Anwalt ihres Vaters anrufen, oder ihre Schwester, oder irgendjemanden, der ihr sagen konnte, dass dieser Albtraum ein gewaltiger Irrtum war.
Leise und mit angehaltenem Atem tippelte sie zu dem polierten Mahagoni-Nachttisch, auf dem sie am Vorabend ihre kleine Satin-Handtasche gelassen hatte. Mit zitternden Fingern öffnete sie den Reißverschluss und griff hinein.
Leer.
Ihr Telefon war weg. Ihr Ausweis, ihre Kreditkarten, ihr Notfallbargeld – alles war verschwunden.
„Suchst du das hier?“
Veronica zuckte zusammen. Ein scharfer Keuchlaut entwich ihrer Kehle, als sie sich herumwirbelte.
Damien stand in der offenen Tür des begehbaren Kleiderschranks, vollkommen eingekleidet in einen scharfen, holzkohlegrauen Anzug. Sein dunkles Haar war nach hinten gekämmt, sein Gesicht glatt und frisch rasiert. Er wirkte ruhig, unmöglich entspannt – als hätte er die vorherige Nacht nicht damit verbracht, ihre gesamte Welt in Stücke zu schlagen.
In seiner rechten Hand hielt er ihr schlankes weißes Smartphone.
„Gib mir das zurück“, forderte Veronica. Ihre Stimme brach leicht, während sie versuchte, standhaft zu bleiben.
Damien antwortete nicht. Er drehte das Telefon lediglich in seiner Hand um, tippte auf den Bildschirm und ließ es in seiner inneren Anzugtasche verschwinden.
„Du brauchst kein Telefon, Veronica“, sagte er und ging langsam auf sie zu. Seine dunklen Augen musterten ihr zerknittertes Kleid und die dunklen Schatten unter ihren Augen mit kalter Gleichgültigkeit. „Du hast niemanden anzurufen. Dein Vater liegt immer noch im künstlichen Koma, und das Schulgeld deiner Schwester für den Rest des Jahres wurde vor einer Stunde vollständig bezahlt – von meinen Buchhaltern.“
Veronica spürte, wie der Boden unter ihren Füßen schwankte. „Was hast du getan?“
„Ich habe meine Investition gesichert“, sagte Damien reibungslos und blieb zwei Schritte vor ihr stehen. „Die Schulden deiner Familie liegen nicht mehr bei Banken oder anonymen Investmentfirmen. Sie gehören einzig und allein Steel Holdings. Jedes Gut, jedes Haus, jedes medizinische Gerät, das deinen Vater am Leben hält, wird durch meine Unterschrift finanziert.“
„Du Monster“, spuckte sie aus. Ihre Hände ballten sich an ihren Seiten zu festen Fäusten. Tränen heißer, wütender Empörung brannten hinter ihren Augen, aber sie weigerte sich, sie vor ihm fallen zu lassen. „Du hast mich gefangen.“
„Ich habe dir genau das gegeben, worum du gebeten hast“, erwiderte Damien, und sein Tonfall troff vor leiser Bosheit. „Du wolltest deine Familie vor der Insolvenz retten. Sie sind gerettet. Aber der Preis für diese Rettung bist du.“
Er streckte die Hand aus und packte ihr Handgelenk, bevor sie sich entziehen konnte. Sein Griff war fest, kühl und unnachgiebig. Er zog sie nach vorne, bis sie gezwungen war, direkt in seine dunklen, rücksichtslosen Augen zu sehen.
„Von diesem Moment an verlässt du dieses Anwesen nicht mehr ohne meine Erlaubnis“, flüsterte Damien, während sein Daumen auf den Pulspunkt an der Innenseite ihres Handgelenks drückte. „Du sprichst nicht mit der Presse. Du machst keinen einzigen Schritt ohne mein Wissen. Du bist jetzt Mrs. Steel, Veronica. Und du wirst die Rolle meiner hingebungsvollen Ehefrau perfekt spielen, wann immer die Welt zusieht.“
„Und wenn ich mich weigere?“, forderte Veronica heraus, während ihre Stimme in einer Mischung aus Angst und Trotz zitterte. „Wenn ich genau jetzt durch diese Haustür spaziere und zur Polizei gehe?“
Damien lächelte – ein langsames, territoriales Lächeln, das einen eiskalten Schockwelle der Angst direkt durch ihre Wirbelsäule jagte.
„Dann höre ich auf, die Krankenhausrechnungen deines Vaters zu bezahlen“, sagte er sanft. „Und deine Familie sitzt bis heute Mittag auf der Straße.“
Veronica erstarrte. Der Atem stockte ihr in der Lunge, die Luft war erstickend und dick. Er hatte ihr jedes einzelne Druckmittel genommen. Er hatte sie eingesperrt, bis es keinen Ausweg mehr gab.
„Mach dich sauber und zieh dir etwas Anständiges an“, sagte Damien und ließ ihr Handgelenk so abrupt los, dass sie beinahe das Gleichgewicht verlor. „Mein Sicherheitschef wartet unten, um deinen Zeitplan durchzugehen. Wir müssen heute Abend an einer Wohltätigkeitsgala teilnehmen, und ich erwarte von meiner neuen Braut, dass sie umwerfend aussieht.“
Er drehte sich auf dem Absatz um und ging auf die Schlafzimmertür zu, während seine schweren, polierten Anzugschuhe auf dem Hartholzboden klackten.
„Damien!“, rief Veronica ihm nach. Ihre Brust hob und senkte sich schwer, während sie darum kämpfte, die Fassung zu wahren.
Er hielt an der Schwelle inne und blickte über seine breite Schulter zurück. „Was?“
Veronica hob den Kopf und schluckte ihre Angst hinunter, während ihre Augen von einer plötzlichen, gefährlichen Entschlossenheit brannten.
„Du denkst, du kannst mich brechen“, sagte sie, und ihre Stimme sank zu einem leisen, stetigen Versprechen herab. „Du denkst, du kannst mich für etwas bezahlen lassen, das mein Vater vor zehn Jahren getan hat. Aber ich werde nicht hier sitzen und mir von dir mein Leben zerstören lassen.“
Damien starrte sie einen langen, stummen Moment lang an. Ein kalter, dunkler Funke von Neugier tanzte durch seine dunklen Augen, bevor sein Gesichtsausdruck wieder zu Stein erstarrte.
„Das werden wir ja sehen, Mrs. Steel“, murmelte er.
Er trat auf den Flur hinaus und zog die schwere Eichentür hinter sich zu.
Ein scharfes, metallisches Klacken hallte durch den Raum.
Veronica rannte zur Tür und ergriff den goldenen Türgriff. Sie riss ihn mit aller Kraft nach unten.
Er bewegte sich keinen Millimeter.
Er hatte sie eingesperrt.
Die digitale Uhr auf Veronicas Handy flackerte in der nebligen Dunkelheit: 6:00 Uhr.Die Türen des Gerichtsgebäudes öffneten sich. In weniger als zehn Minuten würden Arthur Vances teure Anwälte das Büro des Rechtspflegers betreten, um die lebenserhaltenden Maschinen ihres Vaters abzuschalten und das aufzufressen, was vom Erbe ihrer Familie noch übrig war.Eine blendende Säule aus Halogenlicht durchschnitt den morgendlichen Seenebel und nagelte ihr Abfangboot in einem unausweichlichen Scheinwerferstrahl fest. Voraus drehte sich das schwere montierte Maschinengewehr von Vances Söldner-Kanonenboot mit einem übelkeiterregenden metallischen Klacken auf sie zu.„Festhalten!“, brüllte Dr. Evans und riss den Biturbo-Schubhebel in ein gewaltsames, hochprozentiges Ausweichmanöver.Das Boot neigte sich scharf nach links und wirbelte eine türmhohe Wand aus Gischt auf, die die Zielsensoren des Feindes blendete. Eine Bruchteil einer Sekunde später fraß sich schweres Gewehrfeuer Zentimeter von ihrem
Die Nachtluft riss in einem blendenen Blitz aus Feuer und verdrehtem Eisen zu Staub. Schwere taktische Fahrzeuge pflügten durch die zertrümmerten Überreste der äußeren Tore des Anwesens, ihre Reifen quietschten auf der nassen Steinauffahrt. Halogenscheinwerfer durchschnitten den dunklen Küstennebel und tauchten die große Steintreppe in ein unheimliches, blendend weißes Licht.„Zurück!“, bellte der zweite Wächter, packte Veronica am Arm und zog sie hinter die massiven Marmorsäulen, während automatisches Gewehrfeuer über den Eingang prasselte.Kugeln schlugen in die Steinfassade ein und überschütteten sie mit messerscharfen Trümmern. Fest an Veronicas Brust gepresst lagen die frisch unterzeichneten Eilantragsdokumente und der kalte, verschlüsselte USB-Stick, der die Wahrheit über Arthur Vance enthielt. Wenn diese Dokumente heute Nacht zerstört würden, würden die lebenserhaltenden Maschinen ihres Vaters bei Sonnenaufgang abgeschaltet werden.Der Wächter schlug seine Hand auf das Notfall-
Veronica stand wie erstarrt in dem sterilen, schwach beleuchteten Flur, ihre Finger zitterten an der kühlen Hülle ihres zweiten Handys. 3:15 Uhr. Die leuchtenden Ziffern starrten sie an wie ein Countdown-Timer zu einer Hinrichtung. Sie hatte weniger als drei Stunden, bevor das zentrale Gerichtsgebäude bei Sonnenaufgang öffnete, und Arthur Vance zog das Netz um die lebenserhaltenden Maschinen ihres Vaters bereits eng zusammen.„Wenn Damien Steel nicht am Leben ist, um die Gegendarstellung bis Sonnenaufgang mitzuunterzeichnen“, hallte die panische Stimme ihres Anwalts in ihrem Kopf wider, „übernimmt Vance die Kontrolle über alles.“Im Operationssaal durchbrach plötzlich ein Choral aus schrillen elektronischen Pieptönen die Stille. Rote Warnlichter flackerten über den Milchglastüren auf, während das medizinische Personal mit Blutbeuteln und Notfallwagen hin und her eilte. Der Dauerton des Herzmonitors stimmte sein furchterregendes, ununterbrochenes Summen an.Panik schoss durch Veronicas
Veronica hatte noch nie zuvor einen sterbenden Mann gehalten, schon gar nicht den skrupellosen Milliardär, der sie noch vor wenigen Stunden in einer Suite eingesperrt hatte. Nun pulsierte Damiens Leben buchstäblich zwischen ihren nackten Handflächen. Jedes Mal, wenn der schwere SUV auf den regennassen Kurven der Klippenstraße gewaltsam ausbrach, rollte sein Kopf kraftlos gegen ihren Oberschenkel, sein Gesicht unter den vorbeiziehenden Straßenlaternen so blass wie Marmor.Hinter ihnen hallte das Brüllen getunter Motoren und das Feuer automatischer Gewehre durch den Sturm. Arthur Vances Leute ließen nicht locker.Veronica kieferte wütend und verengte ihren blutverschmierten Griff um den verschlüsselten Stick in ihrer Tasche. Er hat eine Kugel für mich abgefangen, dachte sie, während ihr Herz wild gegen ihre Rippen hämmerte. Ich werde nicht zulassen, dass sie uns auf dieser Straße den Rest geben.„Halten Sie den Druck auf die Brustwunde aufrecht, Mrs. Steel!“, schrie der Wächter auf dem
Damiens schwerer Körper drückte Veronica flach gegen die kalte Betonwand, sein Gewicht zerquetschte sie beinahe. Der metallische Geruch von Blut erfüllte das enge Treppenhaus, heiß und erstickend.„Damien!“, keuchte Veronica, während ihre Hände zu seiner Brust schnellten.Ihre Finger versanken in einer nassen, warmen Flüssigkeit. Die Vorderseite seines makellosen weißen Hemdes verfärbte sich direkt über seinem Herzen tiefrot. Sein Kopf sackte auf ihre Schulter, sein unregelmäßiger Atem brannte auf ihrem Hals.Über ihnen hohnlächelte Arthur Vance. Er trat langsam eine Stufe auf dem Betonpodest nach unten, seine schallgedämpfte Pistole direkt auf Veronicas Kopf gerichtet.„Eine rührende Vorstellung, Mrs. Steel“, schnurrte Vance, während sich sein Finger um den Abzug spannte. „Lassen Sie uns dieses Erbe nun ein für alle Mal beenden.“Bevor Vance abdrücken konnte, flog die schwere Paniktür aus Stahl oben im Treppenhaus mit einem ohrenbetäubenden Krachen nach innen auf.„Sicherheitsdienst!
Veronicas Atem entwich in einem harten Keuchlaut.Ihre Augen waren auf das leuchtende Handydisplay in Damiens Hand geheftet. Das verschwommene Sicherheitsvideo zeigte einen Mann in grüner OP-Kleidung, der sich über ihren schlafenden Vater beugte. Die behaandshuhte Hand hielt eine transparente Spritze, deren Spitze direkt in den Infusionsschlauch aus Plastik drückte.„Dad“, stieß sie hervor. Ihre Beine zitterten so stark, dass sie sich an der Sofalehne festhalten musste, um aufrecht zu bleiben. Kalte Angst fror ihr Blut ein.Damien verschwendete keine Sekunde. Er tippte schnell auf eine Taste seines Handys, führte es ans Ohr und bellte einen Befehl in die Leitung, bevor irgendjemand sprechen konnte.„Code Schwarz in Zimmer 412. Einbruch im Gange. Kappt den Feed und lasst sofort die Sicherheitsrollos runter.“Er steckte das Handy in die Tasche, schnappte sich seine Smokingjacke vom Stuhl und warf sie sich über die Schultern. Er griff nach unten, packte Veronicas Handgelenk und riss sie







