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Kapitel Drei: In die Dunkelheit

Author: C.O. Chris
last update publish date: 2026-09-19 22:31:35

Selenes Perspektive

Die Nacht war bitterkalt, aber es war mir vollkommen egal.

Meine Füße schleiften durch den feuchten Dreck, während ich tiefer in die erstickende Dunkelheit des Waldes stolperte. Ich hatte keine Ahnung, wohin ich ging. Meine Seidenschuhe waren an dem rauen Gelände zerrissen, doch ich spürte die scharfen Steine und die nassen Tannennadeln kaum, die meine Haut schnitten. Ich wollte einfach nur weg. Weg von dem Festplatz. Weg von seinem Lachen. Weg von dem unerträglichen, erstickenden Schmerz, der meine Brust zerriss.

Tränen verschwammen meine Sicht in dicken, heiß brennenden Wellen, aber ich machte mir nicht einmal die Mühe, sie wegzuwischen. Was brachte das schon? Mein Herz fühlte sich an, als wäre es gewaltsam aus meinen Rippen gerissen und im Dreck zertreten worden.

„Manche Gefährten sind einfach nicht füreinander bestimmt.“

Seine Stimme wiederholte sich in meinem Kopf wie in einer endlosen, grausamen Schleife. Jede Silbe fühlte sich an wie eine scharfe Klinge, die durch meine Seele schnitt.

Ein gebrochenes, rauhes Schluchzen entkam meinen Lippen. Meine Beine gaben nach, und ich fiel auf die Knie. Ich klammerte mich durch den ruinierten Stoff meines blauen Kleides an meine Brust. Es tat weh. Göttin, es tat so verdammt weh. In meinem Inneren winselte meine Wölfin vor Qual, aber ihre Stimme war leise und schwach – genauso gebrochen und geschlagen wie ich selbst.

Ich hatte alles für ihn getan. Ich hatte meinen Titel, meinen Vater und mein Zuhause aufgegeben. Ich hatte schlaflose Nächte damit verbracht, ihn über seine Grenzen zu treiben, ihn zu brechen und wieder aufzubauen. Ich dachte, wir würden zusammen sein. Ich dachte, heute würde ich meinem Vater und der ganzen Welt endlich beweisen, dass Jake meiner würdig war – dass wir füreinander bestimmt waren.

Aber er hat sich für eine andere entschieden.

Das Rudel hatte ihm zujubelt, während ich wie eine pathetische Närrin auf dieser Bühne gestanden hatte. Er hatte mich nicht einmal mit einem Funken von Wärme angesehen. Er hatte direkt durch mich hindurchgesehen, als wäre ich nichts weiter als eine lästige Fremde.

Ich presste die Augen fest zusammen und versuchte verzweifelt, die Erinnerung auszulöschen, aber es war zwecklos. Die Demütigung brannte hinter meinen Augenlidern. Der Verrat schmeckte wie Asche. Die kalte, rücksichtslose Art, wie er den Wachen befohlen hatte, mich wie Müll hinauszuschleifen...

Ich hatte ihn geliebt. Ich hatte wahrhaftig und tief an ihn geglaubt.

Und jetzt hatte ich nichts mehr.

Der Herbstwind heulte durch die hohen Kronen und ließ die Bäume wie bedrohliche Schatten schwanken. Der Boden unter meinen zitternden Händen war kalt und nass, aber ich bemerkte die Kälte kaum. Ich zwang mich aufzustehen und schwankte unsicher, während ich einen weiteren erzitternden Schritt vorwärts in die Dunkelheit machte.

Ich wusste nicht, wohin ich ging. Es war mir egal. Ich musste einfach nur Abstand zwischen mich und den Mann bringen, der mich zerstört hatte.

Ich war seit gefühlten Stunden unterwegs. Mein Körper war vollkommen erschöpft, meine Knie zitterten und mein Kopf drehte sich von dem schweren Feuer-Whiskey, den ich auf der Bühne hinuntergeschlungen hatte. Aber ich zwang meine Füße dazu, sich weiterzubewegen.

Dann, durch das Rauschen des Windes, hörte ich es.

Ein leises, schmerzerfülltes Stöhnen.

Ich riss den Kopf in Richtung des Geräusches und spähte durch die dunklen Bäume. An den Stamm einer uralten Kiefer gelehnt saß ein Mann. Seine Kleidung war zerfetzt und mit Schlamm getränkt, und dunkles Blut befleckte seine Brust und seine Arme. Sein Gesicht war im Mondlicht gefährlich blass, sein Atem flach und schwach.

Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Wer war er? Was war ihm hier draußen im neutralen Land zugestoßen?

Obwohl ich erschöpft und gebrochen war, setzten meine Instinkte als Tochter eines Alphas automatisch ein. Ich stolperte auf ihn zu, meine Knie gaben nach und ich brach auf dem nassen Boden neben seiner massiven Gestalt zusammen.

„Du bist verletzt...“, flüsterte ich. Meine lallende Stimme verriet nur zu gut, wie angetrunken ich von dem Alkohol war.

Er antwortete nicht. Seine Augen waren halb geöffnet, von Schmerz getrübt, kaum bei Bewusstsein, während sich seine Brust in flachen Atemzügen hob.

Ich blickte mich verzweifelt um, meine verschwommenen Augen suchten den dunklen Waldboden ab. Dort, nahe den freiliegenden Wurzeln der Kiefer, wuchs eine Pflanze mit breiten grünen Blättern. Ich erkannte sie sofort – ein wildes Heilkraut, das dafür bekannt war, Blutungen zu stoppen. Es konnte die Blutung stillen, bevor er vollkommen ausblutete.

Ich griff danach, meine zitternden Hände rissen die Blätter aus dem Dreck. Ich zerdrückte sie zwischen meinen Handflächen, wodurch ein scharfer, bitterer Duft freigesetzt wurde, und presste den dicken grünen Brei fest gegen die tiefste Wunde auf seiner Brust.

Tränen liefen mir über das Gesicht, während ich gegen den Schwindel in meinem Kopf kämpfte. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich es richtig machte – ich war zu betrunken, zu erschöpft und meine Gedanken waren ein einziges Chaos –, aber ich musste es versuchen.

„Ich habe alles für ihn aufgegeben“, keuchte ich, meine Worte brachen in rauen Schluckauf aus, während ich die Blätter auf seiner blutenden Haut hielt. „Und er hat mich verstoßen...“

Der Mann stöhnte leise unter meinen Händen, aber ich war mir nicht sicher, ob er mich durch den Schleier seiner Qual überhaupt wahrnahm.

„Ich habe mein Rudel verlassen...“ Mein Atem stockte in der Kehle, als frische Tränen über meine Wimpern liefen. „Ich habe ihn trainiert... Ich habe ihn mächtig gemacht...“

Ich rang nach Luft, der Schmerz über Jakes Verrat überwältigte mich, während ich mich um diesen sterbenden Fremden kümmerte. „Und er hat mich wie Abfall weggeworfen.“

Meine Hände zitterten heftig, als ich fester auf seine Wunde drückte, um zu verhindern, dass sich das dunkle Blut weiter durch sein zerrissenes Hemd sammelte. Der Geruch von Kupfer war überwältigend, aber ich kämpfte gegen die Übelkeit an und blieb.

Plötzlich wurde der stille Wald vom schweren Geräusch herannahender Schritte erfüllt.

Ich hob den Kopf und blinzelte hart gegen den Regen und meine verschwommene Sicht. Eine Gruppe breitschultriger Männer trat aus den Schatten. Ihre Augen leuchteten grün und bedrohlich in der Nacht – Wölfe. Hochrangige Krieger.

Sie eilten zu dem verwundeten Mann, ihre Gesichter verfinsterten sich vor Sorge. Einer von ihnen kniete sich sofort neben ihn und legte zwei Finger an seinen Hals, um den Puls zu prüfen.

„Sie hat ihn gerettet“, murmelte einer der Männer, seine Stimme voller Schock, als er auf die zerquetschen Blätter in meinen Händen blickte.

„Sie ist betrunken“, warnte ein anderer und runzelte die Stirn, als er den Geruch von billigem Whiskey an meinem Atem wahrnahm.

Die schweren Augenlider des verletzten Mannes flackerten auf. Er blickte zu mir hoch, sein Blick war dunkel und unlesbar, bevor er seine Augen zu seinen Kameraden drehte. Seine angespannten Lippen entspannten sich leicht, und er sprach mit schwacher, rauher Stimme.

„Nehmt sie... mit uns.“

Die Krieger zögerten und sahen mich mit tiefem Misstrauen an. „Mein Lord, sie ist nicht beieinander—“

„Bringt sie auch mit“, keuchte der verletzte Mann, und sein Tonfall ließ selbst in seinem geschwächten Zustand keinen Raum für Widerrede.

Ich blinzelte zu ihren verschwommenen Gestalten auf, ihre Gesichter verschwammen vor meinen Augen. Ich wusste nicht, wer sie waren. Ich wusste nicht, wohin sie mich brachten. Es war mir egal.

Ich schloss einfach die Augen und ließ zu, dass sie meinen schlaffen Körper vom gefrierenden Boden hoben und mich fort in die Dunkelheit trugen.

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