LOGINSelenes PerspektiveDer kalte Herbstregen peitschte gegen die dicken Glas-Mosaike der Festung und hinterließ nasse Spuren, die wie eisige Tränen über die Scheiben liefen.Ich stand am Rand des weiten Trainingsplatzes im Innenhof der Felsenfestung. Der Geruch von nassem Leder, feuchtem Schlamm und erhitztem Eisen hing schwer in der kühlen Luft. Überall um mich herum trainierten Calebs Krieger – kräftige, vernarbte Gestalten, deren Schwerter und Äxte mit metallischem Klirren aufeinandertrafen. Hier gab es keine pompösen Seidenbanner oder vergoldeten Bogen wie im Silvermoon-Rudel. Alles hier war auf reine, kompromisslose Funktion und Tödlichkeit ausgelegt.Ein schwerer, dunkler Wollmantel lag um meine Schultern, den Martha mir gegeben hatte. Der Stoff war zwar rau, beruhigte jedoch meine zitternde Haut vor dem schneidenden Wind.Schwere Schritte näherten sich von hinten auf dem nassen Pflaster. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, wer es war. Die mächtige, beruhigende Welle sein
Selenes PerspektiveDer süßlich-bittere Geruch von brennendem Fichtenholz und scharfem Thymian war das Erste, was meine Sinne durchdrang.Ich schlug die Augen auf, aber meine Sicht war noch schwer und verschwommen. Mein Kopf pochte in einem hämmernden Rhythmus – eine grausame Erinnerung an den Feuer-Whiskey, den ich auf Jakes Krönungsbühne hinuntergeschlungen hatte. Doch als meine Finger über den Stoff unter mir strich, spürte ich nicht den gefrorenen Schlamm des neutralen Landes, sondern die raue, wohltuende Wärme dicker Bärenpelze.Ich lag in einem gewaltigen Bett aus dunklem Eichenholz. Die hohen, ungeglätteten Steinwände des Raumes strahlten eine kühle, uralte Schwerfälligkeit aus. Durch die schmalen Schießscharten-Fenster drang das fahle, graue Licht des morgendlichen Nebels und tanzte in den aufsteigenden Rauchfäden des Kaminfeuers.Die Erinnerungen der letzten Nacht stürzten wie eine Flutwelle auf mich ein.Jakes grausam kaltes Lachen. Die blutroten Bänder des Shadowwood-Rudels
Jakes Perspektive Ich saß hoch oben auf dem geschnitzten hölzernen Alpha-Thron im großen Saal, meine Knöchel wurden weiß, während sich meine Finger in die polierten Armlehnen krallten. Ich lauschte den Nachrichten, die überbracht wurden, und spürte, wie das Blut vollständig aus meinem Gesicht wich. „Der Kampf muss wiederholt werden“, verkündete der Oberste Älteste, seine Stimme hallte mit tiefer, unerschütterlicher Autorität von den Steinwänden wider. „Ich war während des zeremoniellen Kampfes vor drei Tagen nicht anwesend, und wir haben nun stichhaltige Gründe zu der Annahme, dass Darius durch Einmischung von außen schwer geschwächt war.“ Ich spürte, wie mein Magen in ein Loch aus Eis stürzte. Meine Handflächen wurden feucht, und ich hatte Mühe, meine Brust vor den zusehenden Kriegern ruhig steigen und fallen zu lassen. „Ein... ein Rückkampf?“, wiederholte ich. Meine Stimme klang dünn, kaum über einem verzweifelten Flüstern. „Ja“, sagte der Oberste Älteste bestimmt und ve
Calebs PerspektiveSchmerz. Das war das Erste, was ich spürte, als ich die Augen öffnete.Es war ein dumpfes Pochen im Hinterkopf, begleitet vom anhaltenden metallischen Geschmack von Kupfer auf meiner Zunge. Doch als ich tief Durchatmete, wurde mir klar, dass etwas völlig anders war. Die brennende Qual in meiner Brust und meinem Bein – sie schmerzte nicht mehr.Ich bewegte mein Bein leicht unter den schweren Wolldecken und wartete auf den scharfen, reißenden Schmerz der Klauen der Bestie, die mich letzte Nacht beinahe ausgeweidet hätte. Da war keiner.Ich runzelte die Stirn und richtete mich auf, bis ich auf der Kante des großen Holzbettes saß. Das Letzte, woran ich mich klar erinnern konnte, war, wie ich nahe der Grenze an einem Baum zusammengebrochen war, während mein Blut unter mir im Schlamm sickerte. Ich hatte eine gewaltige Menge Blut verloren, und als die Kälte in meine Knochen kroch, war ich sicher gewesen, dass ich nicht überleben würde, bis meine Späher mich fanden.Aber da
Selenes PerspektiveDie Nacht war bitterkalt, aber es war mir vollkommen egal.Meine Füße schleiften durch den feuchten Dreck, während ich tiefer in die erstickende Dunkelheit des Waldes stolperte. Ich hatte keine Ahnung, wohin ich ging. Meine Seidenschuhe waren an dem rauen Gelände zerrissen, doch ich spürte die scharfen Steine und die nassen Tannennadeln kaum, die meine Haut schnitten. Ich wollte einfach nur weg. Weg von dem Festplatz. Weg von seinem Lachen. Weg von dem unerträglichen, erstickenden Schmerz, der meine Brust zerriss.Tränen verschwammen meine Sicht in dicken, heiß brennenden Wellen, aber ich machte mir nicht einmal die Mühe, sie wegzuwischen. Was brachte das schon? Mein Herz fühlte sich an, als wäre es gewaltsam aus meinen Rippen gerissen und im Dreck zertreten worden.„Manche Gefährten sind einfach nicht füreinander bestimmt.“Seine Stimme wiederholte sich in meinem Kopf wie in einer endlosen, grausamen Schleife. Jede Silbe fühlte sich an wie eine scharfe Klinge, die
Selenes PerspektiveHeute sollte der Tag sein, an dem meine Opfer endlich einen Sinn ergaben.Ich stand vor dem sprunghaften Ganzkörperspiegel in der kleinen gemieteten Hütte nahe der Grenze und strich den Stoff eines tiefkönigsblauen Kleides glatt. Es war das einzige teure Stück, das Jake mir je gekauft hatte. Die Seide war butterweich, schmiegte sich an meine Taille und floss bis zu meinen Knöcheln hinab – exakt im Farbton meiner Augen. Mein langes, dunkles Haar fiel in losen Wellen über meine bloßen Schultern.Ich sah aus wie eine Luna.„Du siehst aus wie eine Königin“, hallte Jakes Stimme in meinem Kopf wider – eine Erinnerung an vor drei Nächten, als er mein Schlüsselbein geküsst und geschworen hatte, mir die Welt zu Füßen zu legen, sobald er den Titel trug.Ich lächelte meinem Spiegelbild zu, obwohl meine Finger leicht zitterten, als ich einen silbernen Anhänger um meinen Hals hakte. Alles, wovon ich mich losgesagt hatte – die vergoldeten Bögen des Silvermoon-Rudels, mein Status







