LOGINKapitel 3
Cassian
Das Blut des Abtrünnigen war noch an meinen Händen, als ich zurück ins Rudelhaus ging. Ich hatte mich schon einmal unten am Bach gewaschen, aber der Geruch blieb hängen. Kupfer und nasses Fell und diese saure Kante, die sie immer mit sich trugen, wenn sie zu lange ohne Rudel gewandelt waren.
Fenric war still in meinem Kopf. Nicht ruhig. Er wartete nur. Er wollte noch einen Kampf. Ich sagte ihm: später.
Tristan kam mir im Flur entgegen. Derselbe stetige Blick wie immer. Als könne ihn nichts lange aus dem Gleichgewicht bringen. Er reichte mir ein Handtuch, ohne etwas zum Zustand meines Hemdes zu sagen.
„Noch drei an der Ostgrenze“, sagte ich. „Wie die anderen. Keine Duftspur, die Sinn ergab. Sie tauchten einfach auf und gingen auf die Streife los.“
Tristan nickte. „Ich habe das zweite Team näher an den See zurückgezogen. Amara ist noch in der Klinik bei dem Mädchen.“
Das Mädchen. So nannten wir sie. Die, die sie letzte Nacht in der Nähe von Mondwasser gefunden hatten. Halb verhungert. Zeichen am Arm, die laut Amara leuchteten. Und ein vernarbter Abtrünniger hatte sie hart genug gejagt, dass drei unserer ältesten Wölfe eingeschritten waren.
Ich rieb das Handtuch über die Hände, obwohl es nicht viel brachte. „Ist sie wach?“
„Ja. Redet ein bisschen. Amara sagt, sie hat Angst, ist aber nicht dumm. Hat das meiste von dem, was passiert ist, versteckt.“
Ich lehnte mich an die Wand. Das Rudelhaus fühlte sich heute Nacht zu still an. Die meisten Jüngeren waren auf zusätzlicher Wache draußen. Der Rest hielt Abstand, wenn ich so durchkam. Ein Alpha, der mit Abtrünnigenblut bedeckt war, leerte gern einen Raum.
„Wir können sie nicht lange hierbehalten“, sagte ich. „Regeln der Menschenwelt. Sie hat schon zu viel gesehen. Sobald sie stark genug ist, löschen wir die Erinnerungen und schicken sie über die Grenze zurück.“
Tristan antwortete nicht sofort. Er hetzte nie, wenn er anderer Meinung war. Stand nur da mit diesem ruhigen Gesicht.
„Du denkst, sie ist eine ganz normale Menschin?“, fragte er schließlich.
Ich sah ihn an. „Was sonst sollte sie sein?“
Er zuckte mit einer Schulter. „Amara ist sich nicht sicher. Die Zeichen an ihrem Arm sind keine Narben. Und die Wölfe, die sie bewacht haben… die tun das nicht für irgendwen. Fenric hat es auch gespürt, oder?“
Fenric rührte sich bei dem Namen. Ein tiefes Drücken gegen meine Gedanken. Er war unruhig, seit der Bericht gekommen war. Zeigte mir immer wieder Blitze goldener Augen und den Geruch von Regen auf altem Stein. Ich machte ihn still.
„Ist egal, was sie ist“, sagte ich. „Sie gehört nicht zum Rudel. Und wir haben schon genug Löcher in der Grenze. Das Letzte, was wir brauchen, ist irgendeine verlorene Menschin, die noch mehr von diesen vernarbten Bastarden anzieht.“
Tristan ließ es fallen. Er wusste, wann er nachhaken musste und wann er warten sollte. Deshalb war er Beta. Deshalb war er seit wir Kinder waren und über die alten Trainingsplätze gerannt sind mein engster Freund.
Wir gingen Richtung Küche. Jemand hatte Kaffee stehen lassen. Ich schenkte zwei Tassen ein und gab ihm eine. Die Hitze tat gut gegen die restliche Kälte vom Kampf.
„Wie geht’s Amara?“, fragte ich. Leichteres Thema.
Sein ganzes Gesicht veränderte sich. Wurde weicher. „Müde. Aber gut. Das Baby tritt mehr. Sie sagt, es ist schon ein Kämpfer.“
Ich schaffte dabei ein echtes Lächeln. Tristan und Amara hatten eine Weile versucht. Das ganze Rudel fühlte sich leichter an, als die Nachricht sich verbreitete. Ein neuer Welpe unterwegs bewirkte das immer.
„Du wirst ein guter Vater“, sagte ich ihm.
Er sah in seine Tasse. „Hoffe ich. Fühlt sich an manchen Tagen immer noch unwirklich an.“
Ich wusste, was er nicht sagte. Dass ich meine immer noch nicht gefunden hatte. Dass bei jedem Vollmond die Leere ein bisschen lauter wurde. Fenric spürte es am schlimmsten. Suchte das Gebiet ab, als liege der richtige Duft nur einen Kamm weiter. Ich hatte vor Jahren aufgehört zu hoffen. Oder mir das eingeredet.
Wir tranken eine Weile schweigend. Draußen am Fenster bewegten sich die Bäume im Wind. Irgendwo weit weg heulte eine Streife das Alles-klar.
Dann knisterte das Funkgerät auf der Theke. Einer der Späher. Stimme angespannt.
„Alpha. Wieder Ostgrenze. Mehr als zuvor. Und… sie sind nicht allein. Irgendetwas ist bei ihnen. Riecht falsch. Alt.“
Ich setzte die Tasse hart ab. „Bin unterwegs.“
Tristan war schon in Bewegung. „Ich nehme das Westteam und schneide ihnen den Weg zur Klinik ab. Amara ist noch dort bei dem Mädchen.“
Wieder das Mädchen. Ich spürte denselben Zug in der Brust, den ich nicht benennen wollte. Fenric drängte härter. Wollte, dass ich zuerst zur Klinik ging. Ich ignorierte ihn.
Wir trennten uns an der Tür. Ich wandelte mitten im Lauf. Knochen und Muskeln ordneten sich neu im Raum zwischen einem Schritt und dem nächsten. Fenric übernahm den Körper, als hätte er die ganze Nacht gewartet. Der Wald verwischte. Der Geruch schärfte sich. Abtrünniger. Blut. Und darunter etwas Dunkleres. Wie verbrannte Kräuter und Metall, das zu lange im Regen gelegen hatte.
Ich traf die erste Gruppe hart. Nahm einen an der Kehle, bevor die anderen sich überhaupt umdrehten. Fenric war effizient. Kein Spiel. Einfach beenden. Zwei weitere kamen von links. Ich spürte Tristans Gegenwart durch die Rudelverbindung weiter westlich. Er hielt sich.
Dann änderte sich die Luft.
Ein Mann trat zwischen den Bäumen hervor. Nicht gewandelt. Immer noch auf zwei Beinen. Groß. Ein Mantel, der aussah, als gehöre er in ein anderes Jahrhundert. Das Gesicht halb unter einer Kapuze verborgen. Aber die Narbe auf einer Seite war dieselbe, die die Berichte beschrieben. Die, die das Mädchen gejagt hatte.
Er griff nicht an. Sah mich nur an. Den Kopf geneigt, als sei er neugierig.
„Alpha von Silbermond“, sagte er. Stimme glatt. Fast höflich. „Du kommst zu spät zu deiner eigenen Party.“
Ich knurrte. Fenric wollte seine Kehle.
Der Mann lächelte, ohne Zähne zu zeigen. „Das Mädchen, das ihr aufgenommen habt. Es gehört euch nicht. Sagt eurer kleinen Ärztin, sie soll sie bequem halten, bis wir sie holen. Es dauert nicht lange.“
Ich stürzte vor. Er bewegte sich schneller, als er sollte. Ein Flackern von etwas Dunklem um seine Hände. Kein Wolf. Etwas anderes. Die Bäume zwischen uns bogen sich, als wollten sie aus dem Weg.
Dann war er weg. Nur leere Luft und der Geruch dieser falschen Magie, der verblasste.
Ich stand da und atmete schwer. Die übrigen Abtrünnigen zerstreuten sich. Meine Streifen erledigten die, die nicht schnell genug liefen.
Tristan fand mich ein paar Minuten später. Blut an der Schulter, aber nichts Tiefes.
„Was zum Teufel war das?“, fragte er.
Ich wandelte zurück. Die Kälte traf härter ohne das Fell. „Der Vernarbte. Er weiß von dem Mädchen. Hat gesagt, sie kommen sie holen.“
Tristans Gesicht wurde angespannt. „Amara—“
„Geh. Bring sie beide jetzt ins Rudelhaus. Ich beende die Absuche.“
Er widersprach nicht. Drehte sich nur um und rannte.
Ich blieb länger in den Bäumen, als ich musste. Versuchte, irgendeine restliche Spur zu fangen. Da war nichts. Als wäre der Mann von Anfang an nie fest gewesen.
Fenric lief in meinem Kopf auf und ab. Unruhig. Wütend. Und darunter etwas anderes. Wiedererkennen. Als hätte er einen Duft gefangen, den er noch nicht benennen wollte.
Als ich endlich zurückging, begann der Himmel hell zu werden. Die Lichter im Rudelhaus brannten. Extra Wachen an jeder Tür.
Tristan kam mir auf den Stufen entgegen. „Sie sind drinnen. Amara ist oben bei ihr. Die Zeichen des Mädchens leuchten wieder. Stärker.“
Ich wollte an ihm vorbei. Er legte eine Hand auf meinen Arm.
„Cassian. Da ist mehr. Nerissa war vorhin da. Sie hat gesagt, Evelina kommt. Hat gesagt, dass die Runen so schnell aufwachen bedeutet, die Blutlinie ist aktiv. Und…“ Er zögerte. „Sie hat das Mädchen Seraphine genannt.“
Der Name traf wie ein Stein in stilles Wasser. Alte Geschichten. Halb vergessene Warnungen der Ältesten. Eine Prinzessin, die mit ihrem Königreich verbrannt war. Mondschleier-Blut, das weg sein sollte.
Ich sah zu den Fenstern im zweiten Stock. An einem war der Vorhang zurückgezogen. Eine Silhouette stand dort. Klein. Beobachtete die Bäume.
Fenric schoss so hart hoch, dass ich die Knie feststellen musste, um stehen zu bleiben. Gefährtin, sagte er. So klar wie alles, was er mir je gesagt hatte.
Ich antwortete ihm nicht.
Denn wenn er recht hatte, war alles, was ich geplant hatte — ihre Erinnerung zu löschen und sie wegzuschicken — gerade unmöglich geworden.
Und irgendwo draußen im Dunkeln schien die Stimme des vernarbten Mannes zu bleiben, weich und sicher.
Es dauert nicht lange.
Kapitel 7ChanelNach der Stimme am Fenster habe ich nicht viel geschlafen. Als der Himmel hell wurde, waren die Läden still geworden, und das Gold unter meiner Haut hatte sich wieder auf blasse Linien gelegt. Jemand hatte die Schlösser in der Nacht zweimal geprüft. Ich hörte die Schritte, öffnete die Tür aber nie.Der Morgen kam mit einem Klopfen, das nicht leise war. Cassian. Er stand im Flur und sah aus, als hätte er weniger geschlafen als ich.„Runter“, sagte er. „Das Rudel muss dich sehen. Besser, sie hören es von mir als von Gerüchten.“Ich folgte. Der Hauptraum des Rudelhauses war schon voll. Leute jeden Alters. Manche in normaler Kleidung. Manche rochen noch nach Wald. Tristan stand vorn bei Amara. Evelina beobachtete aus einer Ecke, die Arme verschränkt.Cassian hob die Stimme nicht. Musste er nicht. Der Raum wurde still, sobald er in die offene Fläche trat.„Das ist Chanel“, sagte er. „Sie steht unter Rudelschutz, solange sie ihn braucht. Niemand hinterfragt sie. Niemand geh
ChanelIch erinnerte mich nicht daran, gefallen zu sein.Eine Sekunde lang brannte das Gold unter meiner Haut, als wolle es raus. Als Nächstes wusste ich, dass der Boden unter meiner Wange war und jemand meinen Namen schrie. Amara. Dann Cassians Stimme, die sich hindurchschnitt, scharf und nah.Hände rollten mich auf den Rücken. Evelinas Gesicht schwamm über mir. Ihr Mund bewegte sich, aber die Worte kamen in Stücken. Irgendwas damit, dass der Schild zurückkämpfte. Irgendwas damit, dass mein eigenes Blut den Zauber nach innen drehte.Schmerz traf eine Sekunde später. Nicht die warme Art von zuvor. Das hier war tief. Als hätte jemand in meinen Kopf gegriffen und an Fäden gezogen, die nicht lockerkommen wollten. Ich versuchte zu sprechen. Es kam nur ein Laut. Klein. Gebrochen.„Halt sie fest“, schnappte Evelina. „Wenn sich die Magie falsch setzt, reißt sie komplett durch die Erinnerungszentren.“Cassians Hände schlossen sich um meine Schultern. Stetig. Warm. Der Zug in meiner Brust flam
Kapitel 5ChanelDas Glas war bis zum Morgen weg. Jemand hatte das Fenster verbrettert und den Boden gereinigt, während ich schlief. Ich fragte nicht, wer. Wollte nicht wissen, wie nah dieser schwarze Wolf gekommen war, bevor sie ihn aufgehalten hatten.Amara kam früh mit frischer Kleidung und einem stillen Blick. „Cassian will, dass das Gelände abgelaufen wird. Nur die sicheren Teile. Bevor…“ Sie beendete es nicht. Wir wussten beide, was bevor bedeutete.Ich folgte ihr hinaus. Die Luft roch nach nassen Blättern und Holzrauch. Das Silbermond-Gebiet erstreckte sich weiter, als ich erwartet hatte. Das Rudelhaus saß auf einer flachen Anhöhe, groß und fest, Fenster, die die Bäume beobachteten. Menschen bewegten sich darum herum, als gehörten sie dorthin. Manche nickten Amara zu. Ein paar starrten mich eine Sekunde zu lang an und sahen dann weg.Wir gingen nicht hinein. Kreisten nur den Trainingsplatz und den Pfad, der am Rand des dichteren Waldes entlanglief. Amara zeigte Dinge auf diese
Kapitel 4ChanelIch war seit drei Tagen in der Klinik. Oder vielleicht vier. Die Zeit wurde weich, wenn man viel schlief und jemand einem Essen brachte, ohne Fragen zu stellen.Amara machte es leicht. Sie drängte nie. Tauchte einfach mit Tee oder einem Buch auf oder saß auf dem Stuhl und redete über nichts Wichtiges. Wetter. Wie die Bäume nach Regen aussahen. Wie ihr Gefährte Tristan schnarchte, wenn er wirklich müde war. Kleine Dinge, die das Zimmer weniger wie einen Ort fühlten, an dem ich festsaß, und mehr wie irgendwo, wo ich atmen konnte.Ich fing an, ein bisschen zu helfen. Decken falten. Die Theke abwischen, wenn sie mit anderen Patienten beschäftigt war. Nichts Großes. Aber es fühlte sich gut an, etwas mit den Händen zu tun, das nicht Rennen oder Verstecken war.„Du kommst an“, sagte sie eines Nachmittags, während wir saubere Handtücher stapelten. „Das ist erlaubt, weißt du.“Ich zuckte mit den Schultern. „Ich bin nie lange genug irgendwo geblieben, um anzukommen. Fühlt sich
Kapitel 3CassianDas Blut des Abtrünnigen war noch an meinen Händen, als ich zurück ins Rudelhaus ging. Ich hatte mich schon einmal unten am Bach gewaschen, aber der Geruch blieb hängen. Kupfer und nasses Fell und diese saure Kante, die sie immer mit sich trugen, wenn sie zu lange ohne Rudel gewandelt waren.Fenric war still in meinem Kopf. Nicht ruhig. Er wartete nur. Er wollte noch einen Kampf. Ich sagte ihm: später.Tristan kam mir im Flur entgegen. Derselbe stetige Blick wie immer. Als könne ihn nichts lange aus dem Gleichgewicht bringen. Er reichte mir ein Handtuch, ohne etwas zum Zustand meines Hemdes zu sagen.„Noch drei an der Ostgrenze“, sagte ich. „Wie die anderen. Keine Duftspur, die Sinn ergab. Sie tauchten einfach auf und gingen auf die Streife los.“Tristan nickte. „Ich habe das zweite Team näher an den See zurückgezogen. Amara ist noch in der Klinik bei dem Mädchen.“Das Mädchen. So nannten wir sie. Die, die sie letzte Nacht in der Nähe von Mondwasser gefunden hatten.
Kapitel 2ChanelIch wachte auf mit dem Geruch sauberer Bettlaken und etwas Scharfem wie Medizin. Mein Kopf fühlte sich schwer an. Die Decke über mir war weiß und schlicht. Kein Wald. Kein See. Ein Zimmer.Ich setzte mich zu schnell auf, und der Raum kippte. An meinem Arm waren immer noch diese Zeichen. Blasser jetzt, aber nicht weg. Jemand hatte den Schmutz von mir abgewaschen. Mich in weiche Kleidung gesteckt, die nicht meine war. Ein weites Hemd und eine Hose. Keine Schuhe.Neben dem Bett stand ein Stuhl und ein kleiner Tisch mit einem Glas Wasser. Ich trank alles in drei Schlucken. Meine Kehle fühlte sich wund an.Die Tür öffnete sich leise. Eine Frau trat ein. Dunkles Haar nach hinten gebunden. Freundliche Augen. Sie trug einen weißen Kittel über normaler Kleidung. Sie blieb stehen, als sie sah, dass ich wach war, und gab ein kleines Lächeln, das nicht drängte.„Hey. Langsam. Du bist hier in Sicherheit.“ Ihre Stimme war ruhig. Weich an den Rändern. „Ich bin Amara. Amara Quinn. Ic







