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Kapitel 5

last update publish date: 2026-09-30 09:19:04

Kapitel 5

Chanel

Das Glas war bis zum Morgen weg. Jemand hatte das Fenster verbrettert und den Boden gereinigt, während ich schlief. Ich fragte nicht, wer. Wollte nicht wissen, wie nah dieser schwarze Wolf gekommen war, bevor sie ihn aufgehalten hatten.

Amara kam früh mit frischer Kleidung und einem stillen Blick. „Cassian will, dass das Gelände abgelaufen wird. Nur die sicheren Teile. Bevor…“ Sie beendete es nicht. Wir wussten beide, was bevor bedeutete.

Ich folgte ihr hinaus. Die Luft roch nach nassen Blättern und Holzrauch. Das Silbermond-Gebiet erstreckte sich weiter, als ich erwartet hatte. Das Rudelhaus saß auf einer flachen Anhöhe, groß und fest, Fenster, die die Bäume beobachteten. Menschen bewegten sich darum herum, als gehörten sie dorthin. Manche nickten Amara zu. Ein paar starrten mich eine Sekunde zu lang an und sahen dann weg.

Wir gingen nicht hinein. Kreisten nur den Trainingsplatz und den Pfad, der am Rand des dichteren Waldes entlanglief. Amara zeigte Dinge auf diese leichte Art von ihr. Wo die Welpen spielten, als sie klein waren. Die Stelle, an der Tristan um ihre Hand angehalten hatte. Die alte Eiche, die vor zwei Wintern vom Blitz getroffen worden war und immer noch stand.

„Du bist still“, sagte sie nach einer Weile.

„Ich versuche, es mir zu merken.“ Die Worte kamen raus, bevor ich sie aufhalten konnte. „Obwohl ich nichts davon behalten werde.“

Sie blieb stehen. Sah mich sehr genau an. „Ich hasse diesen Teil. Nur damit du es weißt.“

Ich nickte. Meine Kehle fühlte sich eng an. „Du warst die erste Person seit langer Zeit, die nichts von mir wollte. Das zählt. Auch wenn ich den Grund vergesse.“

Amara zog mich ohne zu fragen in eine Umarmung. Ich ließ sie. Sie roch nach der Klinikseife und etwas Wärmerem darunter. Als sie zurücktrat, waren ihre Augen nass, aber sie wischte sie nicht ab.

„Wenn der Zauber so wirkt, wie er soll, wirst du das nicht einmal vermissen“, sagte sie. „Das ist der Punkt. Keine Löcher. Kein Schmerz nach etwas, das du nicht benennen kannst.“

„Und wenn nicht?“

Sie antwortete nicht. Hakte nur ihren Arm in meinen und ging weiter.

Wir landeten wieder hinter der Klinik. Cassian war schon da. Die Arme verschränkt. Wartete. Evelina stand neben ihm mit derselben Holzkiste von der Nacht zuvor. Tristan hielt sich ein paar Schritte zurück, als sei er unsicher, ob er bleiben oder uns Raum geben sollte.

Cassians Blick fand meinen und hielt. Etwas in meiner Brust zog sich eng. Die Zeichen an meinem Arm wurden als Antwort warm. Ich ignorierte beides.

„Es ist Zeit“, sagte er.

Amara drückte noch einmal meine Hand und ließ dann los. Der Abschied saß schwer und unvollendet zwischen uns. Ich wollte mehr sagen. Danke. Ich werde dich vermissen. Lasst nicht zu, dass sie mich zu jemandem machen, der diesen Ort nie gekannt hat. Aber die Worte blieben stecken.

Evelina öffnete die Kiste. Die Steine darin wirkten gewöhnlich, bis sie sie berührte. Dann fingen sie das Licht falsch. Sie ordnete sie in einem kleinen Kreis auf dem Boden und winkte mich in die Mitte.

„Knie dich, wenn du kannst“, sagte sie. „Es hilft der Magie, sich zu setzen.“

Ich tat es. Die Erde war kalt durch die Hose. Cassian blieb nah genug, dass ich ihn spüren konnte, ohne hinzusehen. Amara stand bei Tristan. Keiner von ihnen sprach.

Evelina begann leise vor sich hin. Worte, die ich nicht kannte. Die Luft um die Steine verdickte sich. Meine Zeichen flammten hellgold als Antwort auf. Hitze stieg meinen Arm hinauf und setzte sich hinter meinen Rippen fest.

Ich wartete auf das warme Nichts, das sie versprochen hatte.

Es kam nicht.

Stattdessen wurde die Hitze scharf. Die Runen auf meiner Haut bewegten sich, als schrieben sie etwas Neues. Eine Stimme stieg in meinem Kopf auf — meine und nicht meine.

Selka.

Der Name landete klar. Meine Wölfin. Die, der ich nie begegnet war und die ich irgendwie immer mitgetragen hatte.

Evelinas Stimme stockte. Die Steine ratterten. Einer sprang mitten durch.

„Unmöglich“, flüsterte sie. Dann lauter, starrte auf meinen Arm. „Unmöglich!“

Der Kreis brach. Licht schnellte nach außen und stieß sie einen Schritt zurück. Cassian bewegte sich schnell und fing ihren Ellbogen, bevor sie fiel.

Ich blieb auf den Knien und atmete schwer. Das Leuchten unter meiner Haut verblasste nicht. Es breitete sich aus. Dünne goldene Linien kletterten über meinen Ellbogen zur Schulter, als hätten sie irgendwohin zu gehen.

Evelina starrte mich an, als hätte sie noch nie einen Menschen gesehen. „Das Blut ist nicht nur wach. Es ist abgeschirmt. Etwas Älteres als meine Magie hält diese Erinnerungen fest. Ich kann sie nicht anfassen, ohne sie zu zerreißen.“

Cassians Gesicht wurde still. „Was heißt das?“

„Es heißt, das Löschen scheitert.“ Evelina schloss die Kiste mit Händen, die nicht ganz ruhig waren. „Und es heißt, wer auch immer diesen Schild dort angebracht hat, wusste genau, was er tat.“

Amara trat näher. „Kannst du es noch einmal versuchen? Auf eine andere Weise?“

„Nein.“ Evelinas Antwort war flach. „Härter drücken, und wir verlieren sie. Oder schlimmer — wir wecken, was unter dem Schild schläft.“

Ich sah auf meinen Arm hinunter. Die goldenen Linien hatten aufgehört sich auszubreiten, pulsierten aber im Takt meines Herzschlags. Selka war jetzt still. Wartete.

Cassian hockte sich vor mich. Nah genug, dass der Zug in meiner Brust stärker wurde. „Chanel. Sieh mich an.“

Ich tat es. Seine Augen waren dunkel und ernst und irgendetwas anderes, wofür ich noch keinen Namen hatte.

„Du bleibst“, sagte er. Keine Frage. „Bis wir verstehen, was das ist. Keine Diskussion.“

Ich hätte mich gefangen fühlen sollen. Stattdessen legte sich eine seltsame Ruhe über die Angst. Als hätte ein Teil von mir dasselbe schon entschieden.

Evelina beobachtete immer noch die Runen. Ihre Stimme kam tief. „Da ist noch etwas. Der Schild trägt eine Signatur. Altes Mondschleier-Handwerk. Aber hindurchgezogen ist etwas Dunkleres. Etwas, das sich wie Veyron Dacres Arbeit anfühlt.“

Der Name bedeutete mir nichts. Aber die Art, wie jeder im Lichtungsraum steif wurde, sagte mir, dass er ihnen alles bedeutete.

Cassian stand langsam auf. „Bist du sicher?“

„Sicher genug, um Angst zu haben“, sagte Evelina.

Ein Heulen stieg aus den Bäumen hinter der Klinik auf. Keines vom Rudel. Länger. Hungriger. Und darunter ein zweites Geräusch — wie Lachen, das der Wind trug.

Tristan hatte schon sein Handy raus. „Oststreife ist gerade dunkel gegangen.“

Cassians Kiefer spannte sich. Er sah mich ein letztes Mal an. „Bleib bei Amara. Verlass ihre Seite nicht.“

Dann waren er und Tristan weg, wandelten, während sie rannten.

Evelina schloss ihre Kiste und traf meinen Blick. „Was auch immer nach dir kommt, Kind… es weiß schon, dass das Löschen gescheitert ist. Und es wird nicht lange warten, um etwas Schlimmeres zu versuchen.“

Das Gold unter meiner Haut brannte heißer.

Und irgendwo in meinem Kopf sprach Selka endlich, klar und gewiss.

Er ist schon innerhalb der Grenze.

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