LOGINKapitel 4
Chanel
Ich war seit drei Tagen in der Klinik. Oder vielleicht vier. Die Zeit wurde weich, wenn man viel schlief und jemand einem Essen brachte, ohne Fragen zu stellen.
Amara machte es leicht. Sie drängte nie. Tauchte einfach mit Tee oder einem Buch auf oder saß auf dem Stuhl und redete über nichts Wichtiges. Wetter. Wie die Bäume nach Regen aussahen. Wie ihr Gefährte Tristan schnarchte, wenn er wirklich müde war. Kleine Dinge, die das Zimmer weniger wie einen Ort fühlten, an dem ich festsaß, und mehr wie irgendwo, wo ich atmen konnte.
Ich fing an, ein bisschen zu helfen. Decken falten. Die Theke abwischen, wenn sie mit anderen Patienten beschäftigt war. Nichts Großes. Aber es fühlte sich gut an, etwas mit den Händen zu tun, das nicht Rennen oder Verstecken war.
„Du kommst an“, sagte sie eines Nachmittags, während wir saubere Handtücher stapelten. „Das ist erlaubt, weißt du.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich bin nie lange genug irgendwo geblieben, um anzukommen. Fühlt sich komisch an.“
Sie lächelte auf diese weiche Art von ihr. „Komisch kann gut sein.“
Ich glaubte ihr fast.
Die Zeichen an meinem Arm blieben die meiste Zeit still. Wurden nur warm, wenn ich nachts dem Fenster zu nah kam oder wenn ich an die goldenen Wölfe dachte. Ich erwähnte sie nicht wieder. Amara fragte nicht. Wir hatten eine unausgesprochene Abmachung darüber.
Dann veränderte sich der Nachmittag.
Amara kam herein und sah anders aus. Nicht genau ängstlich. Nur ernst auf eine Weise, die ich vorher nicht an ihr gesehen hatte. Sie schloss die Tür ganz. Das war neu.
„Chanel. Wir müssen reden. Und ich brauche, dass du zuhörst, ohne abzuhauen, okay?“
Mein Magen fiel. „Was ist los?“
Sie setzte sich diesmal auf die Bettkante. Näher als sonst. „Dieser Ort… ist keine gewöhnliche Klinik. Die Leute, die hier arbeiten. Die, die dich gefunden haben. Wir sind keine Menschen.“
Ich lachte einmal. Kurz. Weil es ein Scherz sein musste. „Was seid ihr dann?“
„Werwölfe. Die meisten von uns. Manche auch Hexen. Das ist das Silbermond-Gebiet. Die Klinik liegt auf Rudelland.“
Ich starrte sie an. Wartete auf die Pointe. Sie kam nicht.
Die Tür öffnete sich hinter ihr. Der große Mann von zuvor kam herein. Dunkles Haar. Leise Schritte. Der, der mich angesehen hatte, als messe er etwas. Cassian. Amara hatte seinen Namen einmal nebenbei gesagt. Alpha. Ich hatte nicht verstanden, was das bedeutete, bis genau jetzt.
Er blieb an der Tür. Die Arme locker an den Seiten. Versperrte sie nicht genau. Aber ich spürte sein Gewicht trotzdem.
„Sie sagt die Wahrheit“, sagte er. Stimme tief. Stetig. „Alles, was du im Wald gesehen hast, war echt. Der vernarbte Mann. Die Wölfe, die dich beschützt haben. Alles.“
Mein Mund wurde trocken. „Du sagst, ich habe mir nicht den Kopf angeschlagen und das Ganze geträumt.“
„Nein.“
Amara griff aus, als wolle sie meine Hand berühren, hielt aber inne. „Wir haben dich hierhergebracht, weil du verletzt warst. Und weil diese Wölfe nicht für irgendwen einschreiten. Aber Menschen sollen nichts von uns wissen. Die Regel ist alt und streng.“
Cassian trat einen Schritt näher. Nicht bedrohlich. Einfach da. „Eine Hexe namens Evelina ist unterwegs. Sie kann die Erinnerungen nehmen. Sauber. Du wirst dich nicht an den Wald erinnern oder an die Wölfe oder an diesen Ort. Du wachst irgendwo sicher in der Menschenwelt auf, mit einer Geschichte, die Sinn ergibt. Keine Löcher.“
Ich sah zwischen ihnen hin und her. Die freundliche Frau, die mir Suppe gebracht hatte, und der Mann, der nach Regen und Kiefer roch und nach etwas, das die Zeichen an meinem Arm wieder warm werden ließ.
„Ihr wollt es löschen“, sagte ich. Keine Frage.
„Es ist die sicherste Option“, antwortete Cassian. „Für dich und für das Rudel.“
Ich stand auf. Das Zimmer fühlte sich kleiner an. „Und wenn ich das nicht will?“
Amaras Gesicht verzog sich. „Chanel—“
„Ich habe sie gesehen. Die Goldenen. Sie haben mir nicht wehgetan. Und dieser Mann… er hat mich irgendwie genannt. Seraphine. Als kenne er mich.“ Der Name schmeckte fremd in meinem Mund. „Wenn ihr es löscht, verliere ich das auch. Was auch immer es bedeutet.“
Cassians Blick huschte zu meinem Arm. Die Zeichen leuchteten jetzt schwach. Gold unter der Haut. Er wirkte nicht überrascht. Nur müde. Und irgendetwas anderes, das ich nicht benennen konnte.
„Genau deshalb muss es weg“, sagte er. „Leute suchen schon wegen denen nach dir. Je länger du dich erinnerst, desto mehr Gefahr folgt.“
Ich wich zurück, bis meine Beine den Stuhl trafen. „Also habe ich keine Wahl.“
Stille saß schwer zwischen uns dreien. Draußen am Fenster rief einmal ein Vogel und wurde still.
Amara stand auf. „Du hast eine Wahl, wie wir das machen. Aber nicht, ob. Es tut mir leid. Wirklich.“
Ich wollte wütend auf sie sein. Auf beide. Aber die Art, wie sie mich ansah, machte es schwer. Als hasse sie diesen Teil.
Cassian sprach wieder. Weicher. „Evelina wird bis zum Einbruch der Nacht hier sein. Bis dahin bleibst du in diesem Zimmer. Keine offenen Fenster. Keine Spaziergänge. Wir haben schon extra Streifen um das Gebäude gelegt.“
Er drehte sich zum Gehen. Blieb stehen, die Hand an der Tür.
„Die Wölfe, die dich bewacht haben“, sagte er, ohne zurückzuschauen. „Sie antworten nur auf eine Blutlinie. Mondschleier. Diese Linie sollte tot sein. Wenn sie es nicht ist… dann ist nichts hiervon mehr einfach.“
Dann war er weg.
Amara blieb. Sie versuchte nicht, die Stille zu füllen. Saß nur bei mir, während das Licht draußen wechselte.
Ich starrte weiter auf meinen Arm. Das Leuchten hatte sich in einen langsamen Puls gelegt. Als höre es zu.
„Ist er immer so?“, fragte ich nach einer Weile.
„Cassian? So ziemlich. Trägt zu viel. Weiß nicht, wie man es ablegt.“ Sie zögerte. „Er liegt mit der Gefahr nicht falsch. Aber ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg.“
Ich zog die Knie hoch. „Was, wenn die Erinnerungen das Einzige sind, was mich am Leben hält? Was, wenn Vergessen mich leichter zu finden macht?“
Amara hatte darauf keine Antwort.
Die Nacht kam früh. Wolken zogen auf, und die Kliniklichter flackerten so, wie sie in der ersten Nacht geflackert hatten. Ich hörte Stimmen im Flur. Tristans. Dann eine Frau, die ich nicht kannte. Älter. Ruhig, aber darunter scharf.
Evelina.
Amara drückte einmal meine Hand und ging ihnen entgegen.
Ich blieb auf dem Bett. Das Herz schlug zu schnell. Die Zeichen an meinem Arm brannten heißer, je näher die neue Stimme kam.
Als die Tür wieder aufging, waren es nicht nur Amara und Cassian.
Eine Frau mit silberdurchzogenem Haar und Augen, die aussahen, als hätten sie zu viele Jahre gesehen, trat ein. Sie trug eine kleine Holzkiste. Kein Lächeln.
„Also“, sagte sie und sah direkt auf das Leuchten unter meiner Haut. „Das Blut ist doch aufgewacht.“
Hinter ihr war Cassians Kiefer angespannt. Tristan stand in der Tür, als sei er bereit, sich zu bewegen, falls etwas schieflief.
Evelina stellte die Kiste auf den Tisch und öffnete sie. Drinnen waren Steine und ein dünnes silbernes Messer und etwas, das nach zerstoßenen Kräutern und Regen roch.
„Das dauert nur einen Moment“, sagte sie zu mir. „Du wirst dich warm fühlen. Dann nichts. Wenn du aufwachst, wird die Welt wieder Sinn ergeben.“
Ich sah Amara an. Sie hatte Tränen in den Augen, die sie zu verbergen versuchte.
Ich sah Cassian an. Er beobachtete mein Gesicht, als wolle er es sich merken, bevor es verschwand.
Die Zeichen an meinem Arm flammten hell genug auf, um den ganzen Raum zu erhellen.
Und irgendwo tief in meiner Brust flüsterte eine Stimme, die nicht meine war, klar wie nur irgendetwas.
Lass sie es nicht nehmen. Noch nicht.
Evelinas Hand erstarrte über der Kiste.
Cassian machte einen Schritt nach vorn.
Und das Fenster hinter mir explodierte nach innen in einem Sprühnebel aus Glas und schwarzem Fell.
Kapitel 7ChanelNach der Stimme am Fenster habe ich nicht viel geschlafen. Als der Himmel hell wurde, waren die Läden still geworden, und das Gold unter meiner Haut hatte sich wieder auf blasse Linien gelegt. Jemand hatte die Schlösser in der Nacht zweimal geprüft. Ich hörte die Schritte, öffnete die Tür aber nie.Der Morgen kam mit einem Klopfen, das nicht leise war. Cassian. Er stand im Flur und sah aus, als hätte er weniger geschlafen als ich.„Runter“, sagte er. „Das Rudel muss dich sehen. Besser, sie hören es von mir als von Gerüchten.“Ich folgte. Der Hauptraum des Rudelhauses war schon voll. Leute jeden Alters. Manche in normaler Kleidung. Manche rochen noch nach Wald. Tristan stand vorn bei Amara. Evelina beobachtete aus einer Ecke, die Arme verschränkt.Cassian hob die Stimme nicht. Musste er nicht. Der Raum wurde still, sobald er in die offene Fläche trat.„Das ist Chanel“, sagte er. „Sie steht unter Rudelschutz, solange sie ihn braucht. Niemand hinterfragt sie. Niemand geh
ChanelIch erinnerte mich nicht daran, gefallen zu sein.Eine Sekunde lang brannte das Gold unter meiner Haut, als wolle es raus. Als Nächstes wusste ich, dass der Boden unter meiner Wange war und jemand meinen Namen schrie. Amara. Dann Cassians Stimme, die sich hindurchschnitt, scharf und nah.Hände rollten mich auf den Rücken. Evelinas Gesicht schwamm über mir. Ihr Mund bewegte sich, aber die Worte kamen in Stücken. Irgendwas damit, dass der Schild zurückkämpfte. Irgendwas damit, dass mein eigenes Blut den Zauber nach innen drehte.Schmerz traf eine Sekunde später. Nicht die warme Art von zuvor. Das hier war tief. Als hätte jemand in meinen Kopf gegriffen und an Fäden gezogen, die nicht lockerkommen wollten. Ich versuchte zu sprechen. Es kam nur ein Laut. Klein. Gebrochen.„Halt sie fest“, schnappte Evelina. „Wenn sich die Magie falsch setzt, reißt sie komplett durch die Erinnerungszentren.“Cassians Hände schlossen sich um meine Schultern. Stetig. Warm. Der Zug in meiner Brust flam
Kapitel 5ChanelDas Glas war bis zum Morgen weg. Jemand hatte das Fenster verbrettert und den Boden gereinigt, während ich schlief. Ich fragte nicht, wer. Wollte nicht wissen, wie nah dieser schwarze Wolf gekommen war, bevor sie ihn aufgehalten hatten.Amara kam früh mit frischer Kleidung und einem stillen Blick. „Cassian will, dass das Gelände abgelaufen wird. Nur die sicheren Teile. Bevor…“ Sie beendete es nicht. Wir wussten beide, was bevor bedeutete.Ich folgte ihr hinaus. Die Luft roch nach nassen Blättern und Holzrauch. Das Silbermond-Gebiet erstreckte sich weiter, als ich erwartet hatte. Das Rudelhaus saß auf einer flachen Anhöhe, groß und fest, Fenster, die die Bäume beobachteten. Menschen bewegten sich darum herum, als gehörten sie dorthin. Manche nickten Amara zu. Ein paar starrten mich eine Sekunde zu lang an und sahen dann weg.Wir gingen nicht hinein. Kreisten nur den Trainingsplatz und den Pfad, der am Rand des dichteren Waldes entlanglief. Amara zeigte Dinge auf diese
Kapitel 4ChanelIch war seit drei Tagen in der Klinik. Oder vielleicht vier. Die Zeit wurde weich, wenn man viel schlief und jemand einem Essen brachte, ohne Fragen zu stellen.Amara machte es leicht. Sie drängte nie. Tauchte einfach mit Tee oder einem Buch auf oder saß auf dem Stuhl und redete über nichts Wichtiges. Wetter. Wie die Bäume nach Regen aussahen. Wie ihr Gefährte Tristan schnarchte, wenn er wirklich müde war. Kleine Dinge, die das Zimmer weniger wie einen Ort fühlten, an dem ich festsaß, und mehr wie irgendwo, wo ich atmen konnte.Ich fing an, ein bisschen zu helfen. Decken falten. Die Theke abwischen, wenn sie mit anderen Patienten beschäftigt war. Nichts Großes. Aber es fühlte sich gut an, etwas mit den Händen zu tun, das nicht Rennen oder Verstecken war.„Du kommst an“, sagte sie eines Nachmittags, während wir saubere Handtücher stapelten. „Das ist erlaubt, weißt du.“Ich zuckte mit den Schultern. „Ich bin nie lange genug irgendwo geblieben, um anzukommen. Fühlt sich
Kapitel 3CassianDas Blut des Abtrünnigen war noch an meinen Händen, als ich zurück ins Rudelhaus ging. Ich hatte mich schon einmal unten am Bach gewaschen, aber der Geruch blieb hängen. Kupfer und nasses Fell und diese saure Kante, die sie immer mit sich trugen, wenn sie zu lange ohne Rudel gewandelt waren.Fenric war still in meinem Kopf. Nicht ruhig. Er wartete nur. Er wollte noch einen Kampf. Ich sagte ihm: später.Tristan kam mir im Flur entgegen. Derselbe stetige Blick wie immer. Als könne ihn nichts lange aus dem Gleichgewicht bringen. Er reichte mir ein Handtuch, ohne etwas zum Zustand meines Hemdes zu sagen.„Noch drei an der Ostgrenze“, sagte ich. „Wie die anderen. Keine Duftspur, die Sinn ergab. Sie tauchten einfach auf und gingen auf die Streife los.“Tristan nickte. „Ich habe das zweite Team näher an den See zurückgezogen. Amara ist noch in der Klinik bei dem Mädchen.“Das Mädchen. So nannten wir sie. Die, die sie letzte Nacht in der Nähe von Mondwasser gefunden hatten.
Kapitel 2ChanelIch wachte auf mit dem Geruch sauberer Bettlaken und etwas Scharfem wie Medizin. Mein Kopf fühlte sich schwer an. Die Decke über mir war weiß und schlicht. Kein Wald. Kein See. Ein Zimmer.Ich setzte mich zu schnell auf, und der Raum kippte. An meinem Arm waren immer noch diese Zeichen. Blasser jetzt, aber nicht weg. Jemand hatte den Schmutz von mir abgewaschen. Mich in weiche Kleidung gesteckt, die nicht meine war. Ein weites Hemd und eine Hose. Keine Schuhe.Neben dem Bett stand ein Stuhl und ein kleiner Tisch mit einem Glas Wasser. Ich trank alles in drei Schlucken. Meine Kehle fühlte sich wund an.Die Tür öffnete sich leise. Eine Frau trat ein. Dunkles Haar nach hinten gebunden. Freundliche Augen. Sie trug einen weißen Kittel über normaler Kleidung. Sie blieb stehen, als sie sah, dass ich wach war, und gab ein kleines Lächeln, das nicht drängte.„Hey. Langsam. Du bist hier in Sicherheit.“ Ihre Stimme war ruhig. Weich an den Rändern. „Ich bin Amara. Amara Quinn. Ic







