ANMELDENKapitel 2
Chanel
Ich wachte auf mit dem Geruch sauberer Bettlaken und etwas Scharfem wie Medizin. Mein Kopf fühlte sich schwer an. Die Decke über mir war weiß und schlicht. Kein Wald. Kein See. Ein Zimmer.
Ich setzte mich zu schnell auf, und der Raum kippte. An meinem Arm waren immer noch diese Zeichen. Blasser jetzt, aber nicht weg. Jemand hatte den Schmutz von mir abgewaschen. Mich in weiche Kleidung gesteckt, die nicht meine war. Ein weites Hemd und eine Hose. Keine Schuhe.
Neben dem Bett stand ein Stuhl und ein kleiner Tisch mit einem Glas Wasser. Ich trank alles in drei Schlucken. Meine Kehle fühlte sich wund an.
Die Tür öffnete sich leise. Eine Frau trat ein. Dunkles Haar nach hinten gebunden. Freundliche Augen. Sie trug einen weißen Kittel über normaler Kleidung. Sie blieb stehen, als sie sah, dass ich wach war, und gab ein kleines Lächeln, das nicht drängte.
„Hey. Langsam. Du bist hier in Sicherheit.“ Ihre Stimme war ruhig. Weich an den Rändern. „Ich bin Amara. Amara Quinn. Ich arbeite in der Klinik.“
Klinik. Das Wort saß seltsam in meinem Kopf. Ich sah mich noch einmal um. Ein Fenster mit halb zugezogenen Vorhängen. Bäume draußen. Nicht derselbe Wald wie letzte Nacht, aber nah genug, dass sich mein Magen zusammenzog.
„Wie bin ich hierhergekommen?“ Meine Stimme kam rau heraus.
Amara kam näher, blieb aber am Fußende des Bettes. „Einige unserer Leute haben dich in der Nähe des Mondwasser-Sees gefunden. Du warst bewusstlos. Ausgetrocknet. Zerkratzt. Wir haben dich hereingebracht.“
Unsere Leute. Die Art, wie sie das sagte, ließ mich an die goldenen Wölfe denken. Ich fragte nicht. Noch nicht.
Sie prüfte eine Tafel an der Wand, als hätte sie das schon hundertmal getan. „Keine gebrochenen Knochen. Kein Fieber. Du hast Glück. Darf ich kurz auf deinen Arm sehen?“
Ich zog ihn fast unter die Decke. Die Zeichen waren jetzt still. Nur dünne Linien, die wie alte Narben aussahen, wenn man es nicht besser wusste. Ich ließ sie mein Handgelenk nehmen. Ihre Hände waren warm. Vorsichtig.
„Die sind interessant“, sagte sie, meist zu sich selbst. Sie klang nicht ängstlich. Nur neugierig. „Tun sie weh?“
„Gerade nicht.“
Sie nickte und ließ los. „Okay. Du musst über nichts reden, worüber du nicht reden willst. Aber du kannst bleiben, bis du stärker bist. Es gibt Essen und eine Dusche den Flur runter, wenn du soweit bist.“
Ich starrte auf die Decke. Ein Teil von mir wollte aufstehen und gehen, bevor jemand schwerere Fragen stellte. Ein anderer Teil war so müde vom Rennen, dass der Gedanke an ein echtes Bett meine Augen brennen ließ.
„Da war ein Mann“, sagte ich nach einer Minute. „Vernarbtes Gesicht. Er… ist mir in den Wald gefolgt. Ich glaube, er hat nach mir gesucht.“
Amaras Ausdruck veränderte sich ein wenig. Keine Panik. Nur Aufmerksamkeit. „Hat er dir wehgetan?“
„Nein. Ich bin weggekommen. Dann muss ich umgekippt sein.“ Ich ließ den Teil weg, in dem er sich in einen Wolf verwandelte. Ließ die drei Goldenen weg. Ließ die Stimme in meinem Kopf weg und den Namen Seraphine. Irgendetwas davon laut zu sagen fühlte sich an, als gäbe man jemandem einen Grund, mich einzusperren.
Sie hakte nicht nach. Schrieb nur etwas auf ihre Tafel. „Wir behalten die Augen offen. Das Silbermond-Gebiet wird ziemlich genau bewacht. Du bist jetzt innerhalb der Grenzen. Das hilft.“
Silbermond. Noch ein Name, der halb vertraut und halb fremd wirkte.
Amara schenkte mehr Wasser aus einem Krug ein und stellte es neben mich. „Du musst heute nichts entscheiden. Ruh dich aus. Iss, wenn du kannst. Ich schau später nach dir.“
Sie ließ die Tür einen Spalt offen. Ich hörte leise Stimmen im Flur. Jemand lachte gedämpft. Irgendwo spielte ein Radio leise Musik. Normale Geräusche. Ich hatte tagelang nichts Normales gehört.
Ich schwang die Beine über die Bettkante. Der Boden war kühl unter meinen Füßen. Ich stand langsam auf. Das Zimmer blieb größtenteils ruhig. Es gab ein kleines Bad daneben. Ich benutzte es, wusch mir das Gesicht, starrte mich im Spiegel an. Dunkle Ringe. Verwirrtes Haar. Die Zeichen an meinem Arm wirkten, als warteten sie auf etwas.
Als ich wieder rauskam, stand ein Tablett auf dem Tisch. Suppe. Brot. Ein Apfel. Ich setzte mich und aß, als hätte ich eine Woche kein Essen gesehen. Vielleicht hatte ich das auch nicht. Die Suppe war einfach und heiß und legte sich in meinen Magen, ohne mich krank zu machen.
Ich war mitten im Brot, als die Tür wieder aufging. Diesmal nicht Amara. Ein Mann. Groß. Dunkles Haar. Er kam nicht ganz herein. Sah mich nur eine Sekunde an, als prüfe er etwas, nickte dann einmal zu jemandem im Flur und ging. Ich bekam seinen Namen nie. Aber die Art, wie sich die Luft verschob, wenn er in der Nähe war, ließ die Zeichen an meinem Arm kribbeln.
Amara kam kurz danach zurück. Sie sah die leere Schüssel und lächelte diesmal ein echtes Lächeln.
„Gut. Das sehe ich gern.“ Sie setzte sich auf den Stuhl. Nicht zu nah. „Hör zu. Ich merke, dass du einiges durchgemacht hast. Und ich habe das Gefühl, du hast gerade nirgendwo Festes, wo du hin kannst. Das ist in Ordnung. Wir werfen Leute nicht raus, nur weil ihre Geschichte kompliziert ist.“
Ich zupfte am Rand der Decke. „Warum bist du nett?“
Sie zuckte mit einer Schulter. „Weil es jemand sein sollte. Und weil dieser Ort auf seine eigenen achtet… und manchmal auf die, die hereinirren.“
Ich hätte ihr dann fast von den Wölfen erzählt. Fast. Die Worte saßen auf meiner Zunge, und ich schluckte sie hinunter. Stattdessen sagte ich: „Der vernarbte Mann. Er kannte meinen Namen. Oder… einen Namen. Am Ende hat er mich anders genannt.“
Amaras Kopf neigte sich. „Wie hat er dich genannt?“
Ich schüttelte den Kopf. „Ist egal. Wollte mich wahrscheinlich nur erschrecken.“
Sie akzeptierte das. Vorerst. „Ruh dich noch ein bisschen aus. Ich bin in der Nähe, wenn du etwas brauchst. Mein Gefährte ist heute Nacht auf Streife, deshalb ist es hier ruhiger als sonst. Du bist sicher.“
Gefährte. Das Wort landete seltsam. Ich legte es beiseite.
Nachdem sie gegangen war, legte ich mich wieder hin. Das Fenster zeigte dunkle Bäume und einen schmalen Mondstreifen. Meine Augen fielen immer wieder zu, obwohl mein Kopf noch kreiste.
Ich muss geschlafen haben. Denn als Nächstes war das Zimmer dunkler, und jemand stand am Fußende des Bettes.
Nicht Amara.
Ein Mädchen. Jung. Vielleicht Ende der Teenagerjahre. Blasses Haar. Sie hielt ein kleines Stoffsäckchen und wirkte nervös.
„Du bist wach“, flüsterte sie. „Ich sollte noch nicht reinkommen. Aber die Runen… sie reagieren.“
Ich setzte mich schnell auf. „Wer bist du?“
„Nerissa. Ich helfe manchmal. Bei… den ungewöhnlichen Fällen.“ Sie warf einen Blick auf meinen Arm. Die Zeichen leuchteten wieder. Sanftes Gold. „Evelina hat gesagt, ich soll sie beobachten. Sie hat gesagt, wenn sie so früh aufwachen, heißt das, er ist näher, als wir dachten.“
Evelina. Noch ein Name, den ich nicht kannte. Aber die Art, wie Nerissa ihn sagte, ließ meine Haut kribbeln.
„Wer ist näher?“, fragte ich.
Nerissas Augen huschten zum Fenster. Draußen, irgendwo hinter den Bäumen, stieg ein Heulen auf. Lang und tief. Nicht die goldenen Wölfe. Die Stimme des Vernarbten. Und darunter etwas Älteres. Etwas, das das Glas im Fenster ein wenig vibrieren ließ.
Nerissa trat zurück. „Ich muss Evelina holen. Verlass dieses Zimmer nicht.“
Sie war weg, bevor ich noch etwas fragen konnte.
Ich starrte auf meinen Arm. Die Runen waren jetzt heller. Bewegten sich langsam unter der Haut, als hätten sie einen eigenen Puls.
Und vom Flur hörte ich Amaras Stimme, scharf vor Sorge, nach jemandem namens Tristan rufen.
Dann flackerten die Lichter in der Klinik einmal.
Und blieben aus.
Kapitel 7ChanelNach der Stimme am Fenster habe ich nicht viel geschlafen. Als der Himmel hell wurde, waren die Läden still geworden, und das Gold unter meiner Haut hatte sich wieder auf blasse Linien gelegt. Jemand hatte die Schlösser in der Nacht zweimal geprüft. Ich hörte die Schritte, öffnete die Tür aber nie.Der Morgen kam mit einem Klopfen, das nicht leise war. Cassian. Er stand im Flur und sah aus, als hätte er weniger geschlafen als ich.„Runter“, sagte er. „Das Rudel muss dich sehen. Besser, sie hören es von mir als von Gerüchten.“Ich folgte. Der Hauptraum des Rudelhauses war schon voll. Leute jeden Alters. Manche in normaler Kleidung. Manche rochen noch nach Wald. Tristan stand vorn bei Amara. Evelina beobachtete aus einer Ecke, die Arme verschränkt.Cassian hob die Stimme nicht. Musste er nicht. Der Raum wurde still, sobald er in die offene Fläche trat.„Das ist Chanel“, sagte er. „Sie steht unter Rudelschutz, solange sie ihn braucht. Niemand hinterfragt sie. Niemand geh
ChanelIch erinnerte mich nicht daran, gefallen zu sein.Eine Sekunde lang brannte das Gold unter meiner Haut, als wolle es raus. Als Nächstes wusste ich, dass der Boden unter meiner Wange war und jemand meinen Namen schrie. Amara. Dann Cassians Stimme, die sich hindurchschnitt, scharf und nah.Hände rollten mich auf den Rücken. Evelinas Gesicht schwamm über mir. Ihr Mund bewegte sich, aber die Worte kamen in Stücken. Irgendwas damit, dass der Schild zurückkämpfte. Irgendwas damit, dass mein eigenes Blut den Zauber nach innen drehte.Schmerz traf eine Sekunde später. Nicht die warme Art von zuvor. Das hier war tief. Als hätte jemand in meinen Kopf gegriffen und an Fäden gezogen, die nicht lockerkommen wollten. Ich versuchte zu sprechen. Es kam nur ein Laut. Klein. Gebrochen.„Halt sie fest“, schnappte Evelina. „Wenn sich die Magie falsch setzt, reißt sie komplett durch die Erinnerungszentren.“Cassians Hände schlossen sich um meine Schultern. Stetig. Warm. Der Zug in meiner Brust flam
Kapitel 5ChanelDas Glas war bis zum Morgen weg. Jemand hatte das Fenster verbrettert und den Boden gereinigt, während ich schlief. Ich fragte nicht, wer. Wollte nicht wissen, wie nah dieser schwarze Wolf gekommen war, bevor sie ihn aufgehalten hatten.Amara kam früh mit frischer Kleidung und einem stillen Blick. „Cassian will, dass das Gelände abgelaufen wird. Nur die sicheren Teile. Bevor…“ Sie beendete es nicht. Wir wussten beide, was bevor bedeutete.Ich folgte ihr hinaus. Die Luft roch nach nassen Blättern und Holzrauch. Das Silbermond-Gebiet erstreckte sich weiter, als ich erwartet hatte. Das Rudelhaus saß auf einer flachen Anhöhe, groß und fest, Fenster, die die Bäume beobachteten. Menschen bewegten sich darum herum, als gehörten sie dorthin. Manche nickten Amara zu. Ein paar starrten mich eine Sekunde zu lang an und sahen dann weg.Wir gingen nicht hinein. Kreisten nur den Trainingsplatz und den Pfad, der am Rand des dichteren Waldes entlanglief. Amara zeigte Dinge auf diese
Kapitel 4ChanelIch war seit drei Tagen in der Klinik. Oder vielleicht vier. Die Zeit wurde weich, wenn man viel schlief und jemand einem Essen brachte, ohne Fragen zu stellen.Amara machte es leicht. Sie drängte nie. Tauchte einfach mit Tee oder einem Buch auf oder saß auf dem Stuhl und redete über nichts Wichtiges. Wetter. Wie die Bäume nach Regen aussahen. Wie ihr Gefährte Tristan schnarchte, wenn er wirklich müde war. Kleine Dinge, die das Zimmer weniger wie einen Ort fühlten, an dem ich festsaß, und mehr wie irgendwo, wo ich atmen konnte.Ich fing an, ein bisschen zu helfen. Decken falten. Die Theke abwischen, wenn sie mit anderen Patienten beschäftigt war. Nichts Großes. Aber es fühlte sich gut an, etwas mit den Händen zu tun, das nicht Rennen oder Verstecken war.„Du kommst an“, sagte sie eines Nachmittags, während wir saubere Handtücher stapelten. „Das ist erlaubt, weißt du.“Ich zuckte mit den Schultern. „Ich bin nie lange genug irgendwo geblieben, um anzukommen. Fühlt sich
Kapitel 3CassianDas Blut des Abtrünnigen war noch an meinen Händen, als ich zurück ins Rudelhaus ging. Ich hatte mich schon einmal unten am Bach gewaschen, aber der Geruch blieb hängen. Kupfer und nasses Fell und diese saure Kante, die sie immer mit sich trugen, wenn sie zu lange ohne Rudel gewandelt waren.Fenric war still in meinem Kopf. Nicht ruhig. Er wartete nur. Er wollte noch einen Kampf. Ich sagte ihm: später.Tristan kam mir im Flur entgegen. Derselbe stetige Blick wie immer. Als könne ihn nichts lange aus dem Gleichgewicht bringen. Er reichte mir ein Handtuch, ohne etwas zum Zustand meines Hemdes zu sagen.„Noch drei an der Ostgrenze“, sagte ich. „Wie die anderen. Keine Duftspur, die Sinn ergab. Sie tauchten einfach auf und gingen auf die Streife los.“Tristan nickte. „Ich habe das zweite Team näher an den See zurückgezogen. Amara ist noch in der Klinik bei dem Mädchen.“Das Mädchen. So nannten wir sie. Die, die sie letzte Nacht in der Nähe von Mondwasser gefunden hatten.
Kapitel 2ChanelIch wachte auf mit dem Geruch sauberer Bettlaken und etwas Scharfem wie Medizin. Mein Kopf fühlte sich schwer an. Die Decke über mir war weiß und schlicht. Kein Wald. Kein See. Ein Zimmer.Ich setzte mich zu schnell auf, und der Raum kippte. An meinem Arm waren immer noch diese Zeichen. Blasser jetzt, aber nicht weg. Jemand hatte den Schmutz von mir abgewaschen. Mich in weiche Kleidung gesteckt, die nicht meine war. Ein weites Hemd und eine Hose. Keine Schuhe.Neben dem Bett stand ein Stuhl und ein kleiner Tisch mit einem Glas Wasser. Ich trank alles in drei Schlucken. Meine Kehle fühlte sich wund an.Die Tür öffnete sich leise. Eine Frau trat ein. Dunkles Haar nach hinten gebunden. Freundliche Augen. Sie trug einen weißen Kittel über normaler Kleidung. Sie blieb stehen, als sie sah, dass ich wach war, und gab ein kleines Lächeln, das nicht drängte.„Hey. Langsam. Du bist hier in Sicherheit.“ Ihre Stimme war ruhig. Weich an den Rändern. „Ich bin Amara. Amara Quinn. Ic







