LOGINDer Helikopter flog tief über das ewige Eis. Eleanor saß auf der Bank, die Schutzweste eng geschnallt, die Hände um die Waffe gelegt, die sie nicht benutzen wollte. Durch das kleine Fenster sah sie nichts als weiße Weite und einen bleigrauen Himmel, der sich mit dem Schnee vermischte.Neben ihr saß Damien. Er war still, beobachtete die anderen Männer und Frauen im Team, prüfte seine Ausrüstung. Ab und zu traf sein Blick den ihren, und er nickte kaum merklich. Sie wusste, was das bedeutete. Er war bereit.„Zehn Minuten“, rief der Pilot über die Gegensprechanlage.Eleanor schloss die Augen. Sie dachte an ihre Mutter, an das alte Foto, an die Koordinaten, die sie seit Tagen nicht losließen. Das hier war nicht nur ein Einsatz. Es war eine Reise an den Ort, an dem alles begonnen hatte.Sie öffnete die Augen und sah auf das Tablet in ihrer Hand. Auf dem Bildschirm leuchtete ein Plan der Anlage, den Juna aus Satellitenaufnahmen und den alten Ba
Marcus Hayes verließ das Schleier Gebäude, ohne sich umzusehen. Die Sonne war hinter grauen Wolken verschwunden, und die Straße lag in einem matten Licht. Er schlug den Kragen seines Mantels hoch, obwohl es nicht kalt war, und ging langsam die leere Straße entlang.Er trug noch immer die zerknitterte Kleidung von vorhin. Die Tasse Kaffee, die Eleanor ihm angeboten hatte, stand unberührt auf ihrem Schreibtisch. Er hatte nicht einen Schluck getrunken.Ihre Worte nagten an ihm. Nicht einmal Hass. Nicht einmal Interesse. Sie hatte ihn angesehen, als wäre er ein Fähnchen im Wind, das keine Beachtung verdiente. Und das Schlimmste war, sie hatte recht. Er hatte nichts mehr, womit er sie beeindrucken konnte.Sein Telefon summte in der Manteltasche. Er zog es heraus und las die Nachricht. Sie war von einem Anwalt, den er seit Jahren nicht kontaktiert hatte.„Sehr geehrter Mr. Hayes, die letzte Holdingsgesellschaft, an der Sie noch beteiligt waren
Der Nachmittag war grau und still. Eleanor saß in ihrem Büro im obersten Stockwerk der Schleier-Zentrale und starrte auf den Bildschirm, auf dem die Koordinaten leuchteten. Sie hatte die Zahlen mit dem alten Foto ihrer Mutter abgeglichen, mit den Notizen aus dem Kästchen und mit den Daten, die Cassandra unwissentlich an den Architekten weitergegeben hatte. Es gab keinen Zweifel mehr. Das Labor, in dem ihre Mutter gearbeitet hatte, war der Ort, an dem der Architekt seine letzte Festung errichtet hatte.Sie spürte Damien hinter sich, bevor sie ihn hörte. Er legte eine Hand auf ihre Schulter, leicht, fragend.„Willst du reden?“„Ich muss nachdenken.“ Sie drehte sich nicht um.„Du hast nachgedacht, seit du die Koordinaten gesehen hast. Vielleicht solltest du eine Pause machen.“„Es gibt keine Pause mehr.“ Sie stand auf und ging zum Fenster. „Meine Mutter hat dort gearbeitet. Der Architekt hat daraus eine Waffe gemacht. Und jetzt füh
Das Motel lag am Rande der Stadt, ein heruntergekommener Bau mit neonbeleuchtetem Schild und dünnen Wänden. Cassandra Steele saß auf dem Bett, das Laptop auf den Knien, die Vorhänge zugezogen. Sie hatte den Raum unter falschem Namen gebucht und mit bar bezahlt. Niemand sollte wissen, dass sie hier war.Sie hatte die Informationen aus Marcus' alten Notizen. Er hatte ihr einmal, in einer schwachen Stunde, die Zugangsdaten zu einem geheimen Lazarus-Konto gezeigt. Er hatte es als Notfallreserve bezeichnet, für den Fall, dass das Imperium zusammenbrach. Cassandra hatte die Zahlen fotografiert, ohne dass er es bemerkte.Jetzt war die Zeit gekommen, sie zu benutzen.Sie öffnete die verschlüsselte Zugangsseite, gab die Codes ein und wartete. Der Bildschirm lud. Dann erschien die Kontobersicht.Kontostand: 1,37 Dollar.Cassandra blinzelte. Sie aktualisierte die Seite. Immer noch 1,37.„Das kann nicht sein“, flüsterte sie.
Das Hotelzimmer war eng, abgenutzt, der Teppichboden fleckig. Marcus Hayes stand vor dem schmalen Fenster und sah hinaus auf die Lichter der Stadt. Er trug einen Mantel, der ihm zu groß war, und darunter ein Hemd, das er seit drei Tagen nicht gewechselt hatte. Der Geruch von Schweiß und abgestandenem Kaffee hing in der Luft. Auf dem Tisch lag sein Telefon. Die Nachrichten an Cassandra blieben ungelesen. Er hatte ihr zwölf geschrieben und elf Anrufe hinterlassen. Keine Antwort. Er wusste, dass sie in ihrer Wohnung war. Die Überwachungsdienste, die er früher genutzt hatte, waren zwar nicht mehr verfügbar, aber er kannte Cassandra gut genug, um zu wissen, dass sie im Moment nicht abreisen würde. Sie war nicht der Typ, der weglief. Sie würde kämpfen, oder sie würde untergehen. Und er brauchte sie. Er verließ das Hotelzimmer, ohne sich umzudrehen. Die U-Bahn war voller Menschen, die ihn nicht erkannten. Der Mann mit d
Die Datei trug den Namen „Cassandra Steele Privataufnahme“. Eleanor hatte sie vor Monaten erhalten, von einer Quelle, die lieber anonym bleiben wollte. Damals hatte sie die Aufnahme nur einmal gehört und danach tief in ihrem System vergraben. Es war ein Werkzeug, das sie nicht hatte einsetzen wollen. Aber Zeiten änderten sich. Sie saß vor dem Rechner, die Kopfhörer über den Ohren, und spielte die Audiodatei noch einmal ab. Die Stimme von Cassandra war klar, deutlich und voller Hohn. „Die arme, geschiedene Ehefrau. Sie hat nie verstanden, wie man spielt. Sie hat geglaubt, Liebe würde reichen, um Marcus zu halten. Liebe. So ein Witz.“ Dann ein Lachen. Hell, gepflegt, ohne Reue. Es folgte die Stimme einer unbekannten Freundin. „Du hast ihr das alles genommen.“ „Ich habe ihr nichts genommen, was sie besaß. Marcus hat sie nie geliebt, und ich habe ihm nur gezeigt, was er haben wollte. Sie war nur eine Hülle. Eine
Eleanor richtete die schwarze Seidenmaske, die die obere Hälfte ihres Gesichts bedeckte, während die feine Spitze leicht über ihre Haut kratzte. Das gedämpfte Licht des unterirdischen Auktionshauses warf lange Schatten über den Marmorboden, und die Luft roch nach teurem Parfüm und Geheimnissen.Die
Das laute Klopfen an Eleanors Penthouse-Tür wurde stärker und riss sie aus ihren Gedanken. Zögernd zog sie ihren Bademantel enger um sich.Wer könnte um diese Uhrzeit hier sein?Dann erklang eine vertraute Stimme durch die Tür – tief, warm und voller Besorgnis.„Eleanor? Mach auf. Ich bin’s.“Ihr V
Die kalte Nachtluft traf Eleanor ins Gesicht wie eine Ohrfeige, als sie aus dem Anwesen der Blackwoods taumelte. Ihr smaragdgrünes Kleid flatterte hinter ihr her, der zarte Stoff verfing sich in den Rosenbüschen, während sie hastig den gepflegten Weg hinuntereilte. Das ferne Summen der Gala verklan
Eleanor stand im funkelnden Ballsaal, die Samtschachtel schwer in ihrer Hand. Der letzte Schlag von Mitternacht hing noch in der Luft. Die Feier wirbelte um sie herum, doch sie fühlte sich, als wäre sie unter Wasser, bewegte sich in Zeitlupe. Ihr Blick war auf die großen Türen gerichtet, wartend da







