Se connecterAuroras Sicht
Einen Monat später.
Die Ehe, so stellte sich heraus, war eine seltsame Sache, wenn nur einer von beiden daran interessiert schien.
Jeden Morgen wachte ich allein auf, weil Damien immer vor Sonnenaufgang verschwunden war, und jeden Abend ging ich ins Bett und fragte mich, warum ich mich so sehr bemühte, wenn er es kaum zu bemerken schien.
Trotzdem versuchte ich es.
Ich lernte, wie er seinen Kaffee am liebsten trank, merkte mir die Abendessen, die er nie verpasste, ertrug Familienessen, bei denen seine Großmutter mich wie eine vorübergehende Besucherin behandelte, und lächelte bei jedem Besuch von Vivienne, weil ein sturer Teil von mir immer noch glaubte, dass sich etwas ändern würde, wenn ich ihn nur genug liebte.
Es änderte sich nichts.
Das Einzige, was sich änderte, war ich.
In der vierten Woche war ich ständig erschöpft, und selbst die einfachsten Dinge fielen mir schwerer als sonst. Der Geruch von Frühstück ließ mir den Magen umdrehen, mein Kopf pochte unaufhörlich, und meistens wollte ich nach der Hälfte des Tages nur noch schlafen.
„Du solltest zum Arzt gehen“, sagte Clara eines Morgens, als sie das unberührte Frühstück vor mir abräumte. Die Besorgnis in ihren Augen zwang mich zu einem Lächeln, obwohl sich der Raum seit meinem Aufwachen immer wieder drehte.
„Mir geht es gut.“
Sie zog eine Augenbraue hoch. „Frau Moretti, gestern wären Sie beinahe im Flur ohnmächtig geworden.“
„Ich war müde.“
„Sie sind gegen eine Wand gelaufen.“
Ich stöhnte, denn sie hatte recht, aber bevor ich mir eine weitere Ausrede einfallen lassen konnte, überkam mich eine Schwindelwelle so plötzlich, dass ich mich am Tisch festklammerte.
Clara trat sofort vor. „Frau Moretti?“
„Mir geht es gut“, begann ich, aber die Worte kamen mir nicht über die Lippen, denn der Raum kippte heftig und Dunkelheit verschlang alles.
Im nächsten Moment starrte ich an eine weiße Decke.
Der Geruch schlug mir als Erstes entgegen: Krankenhausgeruch.
Ich schloss die Augen wieder, in der Hoffnung, es mir nur eingebildet zu haben, doch die vertraute Stimme zerstörte diese Hoffnung.
„Sie sind wach.“
Ich riss die Augen auf.
Damien saß neben dem Bett.
Einen Moment lang pochte mein Herz, bevor mein Verstand sich daran erinnern konnte, dass dieser Mann mich den letzten Monat wie eine höfliche Fremde behandelt hatte.
„Wie lange bin ich schon hier?“, fragte ich mit rauer Stimme.
„Ein paar Stunden.“
Ich runzelte die Stirn. „Und Sie sind schon hier?“
Ein kurzer Ausdruck huschte über sein Gesicht, bevor er wieder verschwand. „Natürlich.“
Die Antwort hätte mich eigentlich nicht freuen sollen, tat sie aber.
Bevor ich etwas erwidern konnte, kam der Arzt mit einer Patientenakte herein.
„Gut, Sie sind wach.“
Ich sah zwischen ihm und Damien hin und her, denn die seltsame Spannung im Raum machte mich nervös.
„Was ist passiert?“
Der Arzt lächelte. „Nichts Ernstes. Herzlichen Glückwunsch, Frau Moretti.“
Mir wurde ganz flau im Magen, und der Arzt blickte auf die Akte.
„Sie sind schwanger.“
Einen Moment lang starrte ich ihn nur an, dann lachte ich, weil sich die Worte einfach nicht real anfühlten. Meine Hand wanderte unbewusst zu meinem Bauch.
Ein Baby.
Mein Baby.
Unser Baby.
Das Glück überkam mich so plötzlich, dass es fast weh tat, und als ich mich zu Damien umdrehte, in der Hoffnung, dieselbe Freude in seinem Gesicht zu sehen, blieb mir die Sprache verschlagen.
Denn er lächelte nicht.
Er war nicht geschockt.
Er war nicht einmal überrascht.
Die Anspannung war einfach von seinen Schultern gewichen, und je länger ich ihn ansah, desto unangenehmer wurde es in meiner Brust, weil er nicht glücklich aussah.
Er sah erleichtert aus.
Das Gefühl verschwand so schnell, dass ich mir fast einbildete, ich hätte es mir nur eingebildet.
Der Arzt redete unaufhörlich von Terminen, Vitaminen und Nachuntersuchungen, doch meine Aufmerksamkeit galt weiterhin Damien.
Je länger ich ihn beobachtete, desto schwerer fiel es mir, das seltsame Gefühl in mir zu ignorieren.
Als wir zur Villa zurückkehrten, hatte Damien bereits mehrere Telefonate geführt, und innerhalb weniger Stunden hatte sich alles verändert.
Zusätzliche Wachleute tauchten auf.
Neue Überwachungskameras wurden installiert.
Plötzlich standen mir völlig fremde Menschen an den Eingängen und in den Fluren gegenüber.
Zuerst redete ich mir ein, das sei normal, denn Damien war reich, mächtig und bekannt dafür, sein Eigentum zu beschützen. Doch dann begannen die Einschränkungen.
Am nächsten Morgen schnappte ich mir meine Handtasche und ging zur Haustür, weil ich dringend ein paar Stunden Abstand von der Villa brauchte. Doch ein Wachmann stellte sich mir in den Weg.
Ich blinzelte. „Entschuldigen Sie.“
Der Mann rührte sich nicht.
„Ich gehe hinaus.“
„Es tut mir leid, Mrs. Moretti.“
Die Verwirrung schlug schnell in Verärgerung um. „Was hat das denn damit zu tun?“
Sein Gesichtsausdruck blieb entschuldigend. „Befehl von Mr. Moretti.“
Ich lachte, denn das musste doch ein Missverständnis sein. Niemand lachte mit, und mein Lächeln verschwand langsam.
Dann betrat Damien die Eingangshalle.
„Was soll das?“, fragte ich und deutete auf den Wachmann.
Sein Blick wanderte kurz zu mir. „Sie gehen nicht.“
Einen Moment lang dachte ich wirklich, ich hätte mich verhört. „Wie bitte?“
„Sie bleiben auf dem Anwesen.“
Mir zog sich der Magen zusammen. „Auf dem Anwesen bleiben?“
„Ja.“
Ich starrte ihn an und wartete auf eine Erklärung, die nie kam. Als die Stille sich ausdehnte, platzte mir schließlich der Kragen.
„Ich bin schwanger, Damien, nicht unter Hausarrest.“
Sein Kiefer verkrampfte sich leicht. „Deine Sicherheit hat Priorität.“
Ich musste fast lachen. „Meine Sicherheit?“, wiederholte ich. „Du meinst die Sicherheit des Babys.“
Die darauf folgende Stille sagte mir alles, und ein schmerzhafter Knoten bildete sich in meiner Brust, als mir die Wahrheit immer tiefer ins Bewusstsein drang.
„Danke“, sagte ich mit einem hohlen Lachen.
Seine Augen verengten sich. „Wofür?“
„Dafür, dass du es endlich klar gemacht hast.“
Wir sagten nichts, denn wir wussten beide genau, was ich meinte.
In dieser Nacht wollte der Schlaf nicht kommen.
Ich verbrachte Stunden damit, an die Decke zu starren und den Krankenhausbesuch immer wieder vor meinem inneren Auge ablaufen zu lassen, bis mich die Frustration schließlich aus dem Bett trieb.
Das Herrenhaus war still, alle schliefen. Ich war schon fast in der Küche, als mich Stimmen aufhielten.
Das eine Glas gehörte Damien, das andere einem Mann, den ich nicht kannte. Ich hätte einfach weitergehen sollen, doch ich erstarrte.
„Die zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen sind bereits getroffen.“
Einige Sekunden vergingen, dann sprach Damien.
„Der Erbe ist endlich gesichert.“
Das Glas glitt mir leicht aus der Hand, als diese Worte durch den Flur hallten.
Im Bauernhaus kehrte endlich Ruhe ein. Nicht völlige Stille. Nur diese sanfte Ruhe, die auf einen Tag voller Lachen und Liebe folgt.Papierdekorationen tanzten noch leise in der Abendbrise. Halbvolle Becher standen vergessen auf den Tischen, und ein einsamer Luftballon schwebte träge über dem Hof, als wäre er noch nicht bereit, das Fest zu beenden.Unser Sohn watschelte über das Gras und trug ein hölzernes Spielzeugpferd verkehrt herum. Alle paar Schritte blieb er stehen, um sich selbst Beifall zu spenden.Damien lachte neben mir. „… Er feiert das Laufen.“„Er feiert das Atmen.“„Das Selbstvertrauen hat er definitiv von deinem Großvater.“„Ich wollte eigentlich dir die Schuld geben.“„Ich übernehme eine Teilschuld.“Wir saßen zusammen auf der alten Verandaschaukel. Keine Handys. Keine Termine. Keine Besucher. Nur wir.Plötzlich stolperte unser kleiner Junge über absolut nichts. Ich schnappte erschrocken nach Luft. Noch bevor ich aufstehen konnte, drückte er sich wieder hoch, sah sich
AURORAS SICHTIch wachte auf, weil winzige Füße durch den Flur flitzten. Nicht gingen. Flitzten. Was meistens eines bedeutete.„Mama!“Eine winzige Stimme drang ins Schlafzimmer, noch bevor der winzige Mensch, der dazugehörte, auftauchte.Unser Sohn stolperte zur Tür herein – mit nur einer Socke an, die Arme nach mir ausgestreckt und einem Grinsen im Gesicht, so breit wie nie zuvor. Ich lachte und nahm ihn auf den Arm.„Guten Morgen, Geburtstagskind.“Er tätschelte stolz meine Wangen. „Kuchen.“Ich blinzelte. „… Du bist gerade erst aufgewacht.“„Kuchen.“Ich sah zu Damien hinüber. „Er weiß, was wichtig ist.“Damien zog lachend ein Hemd über. „Das hat er definitiv von Antonio.“Fast wie auf Kommando rief Küchenchef Antonio von unten herauf: „Niemand geht an den Kuchen!“Opa rief sofort zurück: „Hab ich doch gar nicht!“Antonio ließ sich nicht beirren: „Du hast aber daran gedacht.“„Das habe ich allerdings.“Damien trug unseren Sohn auf den Schultern nach unten. Der kleine Verräter jubel
DAMIENS SICHTIch war nicht nervös, als ich Verträge in Milliardenhöhe unterzeichnete. Doch als ich im Schlafzimmer des Bauernhauses stand und versuchte, mein Hemd zuzuknöpfen, schienen meine Hände plötzlich vergessen zu haben, wie Finger funktionieren.Marco beobachtete mich still. „… Brauchst du Hilfe?“„Ich habe mich schon früher selbst angezogen.“„Du kämpfst jetzt schon seit drei Minuten mit diesem Knopf.“„Irgendwann werde ich gewinnen.“Marco seufzte, trat einen Schritt vor und schloss ihn in zwei Sekunden. „So.“Ich sah an mir herab. „… Ich tue einfach so, als hätte ich das auch geschafft.“„Ich weiß.“Julian platzte ohne anzuklopfen ins Zimmer. „Oh, gut. Du bist noch da.“Ich runzelte die Stirn. „… Wo sollte ich sonst sein?“„Ich weiß nicht. Kalte Füße?“„Ich habe keine kalten Füße.“Julian blickte theatralisch nach unten. „Du trägst Socken.“„Ich meinte emotional.“„Ich weiß, was du meintest.“ Er grinste. „Wollte nur sichergehen.“Unten herrschte scheinbar das totale Chaos. J
AURORAS SICHTSchon vor dem Frühstück lag etwas in der Luft. Nichts Gefährliches. Nur … irgendwie verdächtig; alle vermieden meinen Blick.Ich sah zu Oma hinüber. „Was hat Opa kaputt gemacht?“Oma blinzelte unschuldig. „… Nichts.“Opa nickte viel zu hastig. „Absolut gar nichts.“Julian ging mit Blumen in der Hand an mir vorbei. Ich runzelte die Stirn. „… Warum hast du Rosen in der Hand?“Er erstarrte. „Oh. Die hier? Das sind … Gemüse.“Ich starrte ihn an. „Rotes Gemüse?“Er blickte auf den Strauß hinab. „… Sehr gesundes.“Sophia verpasste ihm einen Klaps auf den Hinterkopf. „Du hattest nur eine einzige Aufgabe.“„Ich bin in Panik geraten.“„Du bist wegen Blumen in Panik geraten?“„Sie wirken so urteilend.“Marco nahm Julian den Strauß leise ab. „Ich kümmere mich darum.“Julian seufzte erleichtert. „Danke. Du hast die Landwirtschaft gerettet.“Ich kniff die Augen zusammen. „Was ist hier los?“Niemand antwortete. Das machte es nur noch schlimmer.Nach dem Mittagessen tauchte Damien plöt
DAMIENS SICHTNiemand hatte mich gewarnt, dass ein einziges Familienessen lauter sein könnte als eine Aktionärsversammlung. Schon um fünf Uhr war das Bauernhaus erfüllt von Stimmen, Schritten, Gelächter und dem Geschrei von jemandem, weil Opa anscheinend schon wieder Essen stibitzt hatte.„Ich habe es nicht gestohlen.“Oma verschränkte die Arme. „Warum fehlt dann mein Hähnchen?“Opa sah aufrichtig nachdenklich aus. „… Gute Frage.“Julian zeigte mit einer dramatischen Geste auf ihn. „Ich habe ihn gesehen.“„Er lügt.“„Ich bin begabt.“„Du hast Hunger.“Küchenchef Antonio marschierte mit drei riesigen Tabletts in die Küche. „Niemand geht an das Dessert.“Opa versteckte langsam einen Löffel hinter seinem Rücken. „Das hatte ich auch gar nicht vor.“Antonio kniff die Augen zusammen. „Du hast Schokolade auf dem Hemd.“Opa sah an sich herab. „… Beweise werden völlig überbewertet.“Alle brachen in Gelächter aus. Aurora lehnte sich an meine Schulter; sie hielt das Baby im Arm. „Ich glaube, die
AURORAS SICHTDer Esstisch wirkte an diesem Morgen seltsam ernst. Statt Babyfläschchen und Omas Pfannkuchen war er übersät mit Laptops, dicken Aktenordnern und so viel Papierkram, dass mir schon beim Anblick der Kopf wehtat.Ich blinzelte Damien zu. „… Gründen wir noch eine Firma?“Er lachte. „Nein. Ich schließe ein Kapitel ab.“Marco rückte einen der Ordner zurecht. „Die Vorstandssitzung beginnt in zehn Minuten.“Julian spähte über Damiens Schulter. „So viele Unterlagen. Da würde ich lieber gegen einen Bären kämpfen.“Opa nickte. „Der Bär wirkt wenigstens ehrlich.“Sophia kam mit Kaffee herein. „Ich habe Koffein mitgebracht.“ Sie sah Damien an. „Das wirst du brauchen.“Damien lächelte dankbar. „Das tue ich jetzt schon.“Unser Baby gab ein winziges, schläfriges Geräusch von sich; es lag in der Wiege neben mir. Oma beugte sich sofort darüber. „Na, na. Wir besprechen hier langweilige Dinge für Erwachsene. Da musst du nicht zuhören.“Julian flüsterte dem Baby theatralisch zu: „Glaub mir.







