LOGINKapitel Fünf – Eine Wendung des Schicksals
Selenes POV
Ich hielt mich ganz hinten in der großen Halle auf. Meine Brust fühlte sich eng an, und mein Herz hämmerte so heftig, als könnte es jeden Moment durch meine Rippen brechen. Jeder Atemzug fühlte sich scharf an, jeder Ausatemzug war flach.
Die Gefährtenzeremonie lag vor mir – eine Bühne voller Erwartungen, nach denen ich nie gefragt hatte und denen ich dennoch nicht entkommen konnte.
Ich warf einen Seitenblick auf die einflussreichen Alpha-Familien, die sich in der Halle versammelt hatten. Alpha Marcus stand mit seiner üblichen strengen Haltung da, flankiert von einem weiteren Alpha und dessen Tochter.
Ihre Blicke, schwer vor Urteil, schienen mich zu durchbohren und mit unsichtbaren Ketten zu belasten. Jede geflüsterte Erwartung, jeder prüfende Blick fühlte sich an, als würde er gegen meine Lunge drücken und mir langsam die Luft zum Atmen nehmen.
Alden stand oben auf der Bühne. Groß, unnachgiebig, jeder Zentimeter von ihm strahlte den Alpha aus, der er war.
Seine Anwesenheit beherrschte den gesamten Raum. Er räusperte sich, und seine Stimme durchschnitt die angespannte Stille.
„Das Nightfall-Rudel und Tameline haben sich immer gegenseitig den Rücken freigehalten“, begann er mit fester, befehlender Stimme. „Und nun ist es an der Zeit, dieses Bündnis offiziell zu besiegeln.“
Er hielt die Menge mit seinem Blick gefangen, ließ seine Augen über die Versammelten wandern und seine Worte wie Steine in Wasser sinken.
„Wir werden heute Abend den gegenseitigen Schutzvertrag unterzeichnen“, fuhr er fort, ohne den Blick abzuwenden.
Ich bemerkte, wie der Alpha von Tameline sich versteifte. Sein Gefolge wechselte schockierte Blicke.
Alden schien von ihrer Überraschung unbeeindruckt. Sein Blick blieb auf der Menge gerichtet, seine Aura war unerschütterlich.
„Und nun“, sagte er und hob leicht die Stimme, sodass sie mühelos über das Gemurmel der Menge hinwegtrug, „ist es mir eine Ehre, euch die Gefährtin vorzustellen, die an meiner Seite stehen, unsere Rudel stärken und dieses Bündnis besiegeln wird.“
Mein Magen sackte zusammen.
Der vertraute Schmerz der Zurückweisung überrollte mich, noch bevor seine nächsten Worte kamen.
Ich hatte mich unzählige Male auf diesen Moment vorbereitet. Ich hatte meine Ruhe wie eine Rüstung einstudiert und mich darauf eingestellt, dass er eine andere wählen würde – jemand anderen –, so wie Alex mich einst für jemanden verlassen hatte, der als „passender“ angesehen wurde.
Ich biss mir auf die Lippe, schluckte schwer und flüsterte mir selbst zu:
Es ist okay. Du schaffst das. Atme einfach. Nur … atme.
Dann durchbrach seine Stimme die Spannung wie ein Blitz, der durch dunkle Gewitterwolken zuckt.
„Selene.“
Die Zeit blieb stehen.
Mein Name hallte durch die riesige Halle und prallte wie ein Donnerschlag von den Wänden zurück.
Ich erstarrte mitten in der Bewegung. Jeder Nerv in meinem Körper schrie ungläubig auf.
Mein Herz setzte beinahe aus, bevor es heftig gegen meine Brust schlug.
Hatte ich mich verhört?
War das nur ein grausamer Streich meiner Fantasie?
Langsam hob ich den Blick.
Und da war er.
Alden stand aufrecht da und streckte mir eine Hand entgegen.
Sein Blick hielt meinen fest. Eine Intensität lag darin, die sich in meine Seele einzubrennen schien. Er wartete.
Nein – er verlangte, dass ich nach vorne trat.
Das andere Mädchen – diejenige, von der ich erwartet hatte, dass er sie wählen würde – stand bleich da. Enttäuschung war deutlich in ihrem Gesicht zu erkennen.
Doch ich konnte mich nicht auf sie konzentrieren.
Die Menge war verstummt.
Alle hielten den Atem an, als würde die ganze Welt auf meine Reaktion warten.
Gemurmel, leise Aufschreie und verwirrte Stimmen gingen durch die Versammlung.
Der Alpha von Tameline war wie erstarrt. Seine Haltung war steif, während eine höfliche Maske den Schock und das Unbehagen verbarg, die kurz über sein Gesicht huschten.
Damit hatte er nicht gerechnet.
Offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet, dass Alden jemand anderen als die gesellschaftlich akzeptierte Wahl nehmen würde.
Doch das Nightfall-Rudel war zu mächtig und der Vertrag zu wichtig. Widerstand war keine Option.
Er zwang sich zu einem steifen Lächeln und nickte höflich, doch das nervöse Zucken seiner Finger verriet ihn.
Mein Blick wanderte zu Alpha Marcus.
Für einen flüchtigen Moment spiegelte sich Schock auf seinem Gesicht wider, dann verschwand er ebenso schnell wieder.
Er richtete die Schultern auf und verbarg seine Überraschung meisterhaft, bevor er in einem bewusst gesetzten, gleichmäßigen Rhythmus zu klatschen begann – langsam und kontrolliert, als wäre alles genau so geplant gewesen.
Der Applaus schwoll um mich herum an.
Zunächst zögerlich, dann immer lauter, als andere einstimmten und die Halle mit einem donnernden Echo erfüllten.
Jeder Applaus, jeder Jubel schien durch meine Knochen zu hallen und mich von innen heraus zu erschüttern.
Ich stand einen Moment länger als nötig wie erstarrt da, gelähmt von der Bedeutung dieses Augenblicks.
Es fühlte sich an, als hätte sich der Boden unter meinen Füßen verschoben – unsicher und fremd.
Ich machte einen zitternden Schritt nach vorne.
Dann noch einen.
Jede Bewegung war ein Kampf zwischen Angst und Entschlossenheit, zwischen Unglauben und Akzeptanz.
Mit jedem Schritt auf die Bühne zu wurde der Druck der unzähligen Blicke stärker.
Ich spürte Aldens intensiven Blick auf mir. Unnachgiebig.
Und dennoch hatte ich keine Ahnung, was in seinem Kopf vorging.
War dies wirklich seine Entscheidung?
Oder war es nur ein kalkulierter Schritt für den Schein?
Fragen wirbelten durch meinen Kopf, unbeantwortbar und chaotisch wie ein Sturm, der sich einfach nicht legen wollte.
Und trotzdem …
Ich musste weitergehen.
Jedes Augenpaar, jedes Flüstern, jeder Herzschlag in diesem Raum verlangte es.
Ich schluckte schwer und schöpfte aus jedem bisschen Mut, das ich besaß.
Mein Puls dröhnte in meinen Ohren. Meine Hände zitterten leicht, doch ich hob mein Kinn mit so viel Würde, wie ich aufbringen konnte.
Schritt für Schritt verringerte ich die Entfernung zwischen uns.
Die Menge wich schweigend zur Seite. Das Gemurmel verblasste im Hintergrund.
Nur Aldens Augen blieben.
Sie waren fest auf meine gerichtet, scharf und unnachgiebig, und schienen mir zu befehlen, diesen Moment anzunehmen, ihn anzuerkennen und ihn für mich zu beanspruchen.
Als ich die Bühne erreichte, wurde mir bewusst, dass die Welt auf einen einzigen Punkt zusammengeschrumpft war – den Raum zwischen uns.
Seine Hand war noch immer ausgestreckt, geduldig und unbeirrbar.
Das Gewicht der Blicke aller Anwesenden lag auf mir.
Doch das Einzige, was wirklich zählte, war er.
Ich betrat die Bühne vollständig, und jeder Nerv in meinem Körper war von Emotionen erfüllt.
Jede Angst, jeder Zweifel und jeder Schmerz aus meiner Vergangenheit prallten auf die Realität dieses Augenblicks.
Die Fragen in meinem Kopf – die Gründe, die Berechnungen, die Unsicherheiten – konnten warten.
Jetzt gab es nur eine Wahrheit:
Der Name, den er ausgesprochen hatte.
Die Hand, die er mir entgegenstreckte.
Und das unbestreitbare Band, das mich gegen alle Erwartungen hierhergeführt hatte.
Die Halle schien den Atem anzuhalten.
Und als ich den letzten Abstand zwischen uns überbrückte, wusste ich mit einer Klarheit, die ich noch nie zuvor empfunden hatte, dass das Schicksal sich in dieser Nacht zu meinen Gunsten gewendet hatte.
Und die Welt, die Rudel, die Erwartungen – sie alle konnten warten.
Alles, was zählte, war, dass ich gewählt worden war.
Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich den Boden unter meinen Füßen wieder fest, sicher und wahr an.
Kapitel Sechs – Das GefährtenbandAldens POVMein Vater hatte nach mir rufen lassen, also folgte ich ihm durch den stillen Korridor bis in seine privaten Gemächer.In dem Moment, in dem sich die Tür hinter uns schloss, drehte er sich zu mir um.Ich sah die Peitsche in seiner Hand.Ich wusste, was nun kommen würde, also bewegte ich mich nicht.Der erste Schlag traf hart meinen Rücken.Ich biss die Zähne zusammen und nahm ihn schweigend hin. Ein weiterer Schlag folgte.Mein Vater sagte kein Wort, bis er zufrieden damit war, dass ich seinen Zorn über mich hatte ergehen lassen.„Du hast das getan, ohne mir etwas zu sagen.“Seine Stimme war leise, doch die Wut dahinter war deutlich zu spüren.Ich richtete mich auf.„Du hast mich nicht gefragt“, fuhr er fort. „Du hast meine Zustimmung nicht eingeholt. Du bist vor das gesamte Rudel getreten und hast die Tochter von Edwin Black zu deiner Gefährtin erklärt. Warum?“Als er die Peitsche schließlich senkte, deutete er mir an, mich richtig hinzust
Kapitel Fünf – Eine Wendung des SchicksalsSelenes POVIch hielt mich ganz hinten in der großen Halle auf. Meine Brust fühlte sich eng an, und mein Herz hämmerte so heftig, als könnte es jeden Moment durch meine Rippen brechen. Jeder Atemzug fühlte sich scharf an, jeder Ausatemzug war flach.Die Gefährtenzeremonie lag vor mir – eine Bühne voller Erwartungen, nach denen ich nie gefragt hatte und denen ich dennoch nicht entkommen konnte.Ich warf einen Seitenblick auf die einflussreichen Alpha-Familien, die sich in der Halle versammelt hatten. Alpha Marcus stand mit seiner üblichen strengen Haltung da, flankiert von einem weiteren Alpha und dessen Tochter.Ihre Blicke, schwer vor Urteil, schienen mich zu durchbohren und mit unsichtbaren Ketten zu belasten. Jede geflüsterte Erwartung, jeder prüfende Blick fühlte sich an, als würde er gegen meine Lunge drücken und mir langsam die Luft zum Atmen nehmen.Alden stand oben auf der Bühne. Groß, unnachgiebig, jeder Zentimeter von ihm strahlte d
Kapitel Vier – Sie gehört mirSelenes POVAls ich zu Hause ankam, war der Schmerz in meinem Körper bereits abgeklungen, doch die Blutergüsse zeichneten noch immer wütende violette und blaue Flecken auf meiner Haut. Ich hatte meine Heilung absichtlich verlangsamt – es war die einzige Möglichkeit, mein Geheimnis zu bewahren.Mein Onkel stand an der Tür, als ich hereinkam. Sein Blick glitt einmal langsam und schwer über mich, bevor sich seine Augen verengten.„Was ist diesmal passiert?“ Seine Stimme war leise, doch sie trug das Gewicht einer Frage, die er schon viel zu oft gestellt hatte.„Training“, antwortete ich und ging an ihm vorbei in Richtung Küche. „Es ist nichts. Ich werde bald wieder geheilt sein.“Sein scharfes Ausatmen folgte mir.„Selene …“Ich wandte ihm den Rücken zu und tat so, als würde ich mich auf den Wasserkocher konzentrieren. Das metallische Klirren, als ich ihn auf den Herd stellte, war lauter als nötig und übertönte die Enttäuschung in seiner Stimme.Wir hatten di
Kapitel DreiAldens POVSie riss ihren Arm aus meinem Griff und wich zurück, als könnte sie der Anziehungskraft zwischen uns entkommen.Für einen Herzschlag brannte die Erinnerung an unsere Berührung in meinen Adern. Der Funke, der Schock, der von Haut zu Haut gegangen war, war noch immer da und kroch wie ein Lauffeuer unter meiner Haut.Selenes Augen waren scharf und wachsam. Sie huschten zu meinen, als würde sie jedes Wort abwägen, bevor es ihre Lippen verließ.„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, sagte sie leise. Ihre Stimme war ruhig und kontrolliert.Lügnerin.Ich musterte sie aufmerksam. Jede Anspannung in ihrer Haltung, jedes noch so kleine Gefühl, das ihr Gesicht verriet. In mir streifte Mole, mein Wolf, unruhig umher.„Sie ist unsere Gefährtin“, zischte Mole und lief wie ein Raubtier in einem Käfig hin und her. „Wir dürfen keine Zeit verschwenden. Handle jetzt!“„Noch nicht“, knurrte ich und presste den Kiefer zusammen. „Geduld, Mole. Wir bewegen uns erst, wenn ich es entsche
Kapitel Zwei – Wofür?Selenes POVIch dachte, das Chaos wäre vorbei. Vielleicht konnte das Leben endlich wieder zu einem zerbrechlichen Anschein von Normalität zurückkehren.Ich lag falsch.Ein großer, schlanker Mann betrat das Café. Er bewegte sich mit der stillen Präzision eines Mannes, der es gewohnt war, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich erstarrte, während mein Herz heftig in meiner Brust schlug.„Alden bedauert den Vorfall neulich“, sagte er mit tiefer, bedachter, beinahe ausdrucksloser Stimme. „Er hat Ersatz geschickt. Vorräte für das Café deines Onkels.“Die Worte hingen wie eine Warnung in der Luft.Jarek versteifte sich neben mir. Seine Finger umklammerten den Rand der Theke so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. Ich konnte seine Anspannung spüren wie statische Elektrizität.„Er besteht darauf … dass du persönlich zum Rudelhaus kommst“, fügte der Mann hinzu. Sein Ton ließ keinen Raum für Widerspruch.Eine scharfe Anspannung ergriff den Raum und zog sich enger zusammen
Kapitel Eins – Im Café meines OnkelsSelenes POV„Beweg dich!“, fauchte Kaelen und stieß mich hart gegen die Theke. Ein stechender Schmerz schoss durch meinen Rücken, doch ich weigerte mich, auch nur zusammenzuzucken. Seine Augen waren vor Wut wild, seine Lippen zu einem grausamen höhnischen Lächeln verzogen.„Du bist eine Katastrophe! Wenn du nicht hier gewesen wärst, wäre das alles nicht passiert. Wir hätten das selbst regeln können!“Ich biss die Zähne zusammen und schwieg. Ich hatte das schon oft erlebt. Monate voller Beleidigungen, Schuldzuweisungen und der ständigen Erinnerung daran, dass ich angeblich nicht hierhergehörte. Aber heute … heute fühlte es sich schwerer an. Schmerzhafter. Schärfer.„Sag etwas!“, knurrte Kaelen und verstärkte seinen schmerzhaften Griff um meinen Arm. „Oder willst du einfach wie eine Feiglingin dastehen?“Ich öffnete den Mund, um zu antworten, doch ein plötzliches Krachen draußen ließ mich erstarren.Die Tür schlug auf, Staub wirbelte auf, und mein On







