LOGINNachdem sie gegangen war, nahm ich ein Taxi zurück auf die andere Seite der Stadt. Ich wohnte in einer zweistöckigen Villa hinter einem Hochsicherheitszaun, komplett mit einem weitläufigen Garten und kombinierter Innen- und Außenpoolanlage. Das Ackerland auf der gegenüberliegenden Straßenseite gehörte mir ebenfalls – so stellte ich sicher, dass sich niemand dort verstecken oder mich ausspionieren konnte. Hinter dem hinteren Zaun erstreckte sich ein dichter, undurchdringlicher Wald. Dichte, aufragende Thujas säumten das Grundstück und verdeckten den Sicherheitszaun. Von innen sah ich lediglich eine Wand aus sattem Grün; die Hightech-Barriere war unsichtbar, aber ihr Schutz war absolut.
Das Taxi hielt am Tor, und der Pförtner trat aus Häuschen.
„Ich habe einen Termin bei Mr. McAllister“, sagte ich. Mein Sicherheitsmann ließ mich sofort passieren; mein Personal kannte das Spielchen, wenn ich im Taxi vorfuhr. Die schmiedeeisernen Tore schwangen auf, und wir fuhren an den aufragenden Hecken vorbei. Ich ließ den Fahrer am Brunnen halten – einer Skulptur in Form eines blühenden Blumenstraußes –, an dem die Einfahrt eine Schleife machte. Taxis ließen wir grundsätzlich nicht weiter als bis zum Brunnen fahren.
Ich bezahlte den Fahrpreis, der Fahrer wendete, und ich machte mich auf den Weg zum Haus.
„Boss“, rief Theo und eilte auf mich zu, als das Taxi verschwand.
Theo war ein paar Jahre älter als ich – dünn, Brillenträger und fast so groß wie ich. Sein Haar war elegant geschnitten, sein Dreitagebart perfekt gestutzt und seine Anzüge saßen stets wie angegossen, obwohl er im Moment nur einen schwarzen Trainingsanzug trug.
„Hoffe, du hattest eine angenehme Reise“, murmelte ich. Er lachte nur.
„Du bist schließlich derjenige, der unbedingt verdeckt arbeiten will“, sagte er, während wir hineingingen.
„Wenn ich mich recht entsinne, fange ich morgen an“, sagte ich. Theo nickte.
„Du bist als Spielzeugdesigner eingestellt worden“, erwiderte er. „Carol Monroe aus der Personalabteilung bereitet seit einem Jahr das Feld dafür vor.“ Ich nickte.
„Und morgen wird die Fusion verkündet“, fuhr Theo fort. „In ein paar Tagen werde ich mich dann als interimistischer CEO vorstellen.“
Wir traten in das geräumige Wohnzimmer, wo Simon gerade Tee trank. Theo und Simon wohnten mit mir in der Villa; bei zehn Schlafzimmern war reichlich Platz, und mir war Gesellschaft ohnehin lieber.
„Sag dem Verwalter der Wohnanlage, er soll Benji rausschmeißen“, sagte ich und setzte mich, während Tante Sydney, meine Haushälterin, eine Schüssel Suppe vor mir abstellte. Tante Sydney war eine zierliche, silberhaarige Frau mit Brille. Sie hatte ihr ganzes Leben im Waisenhaus verbracht, erst als Kind und später als Angestellte, bis man sie bei Erreichen des Rentenalters entließ. Ich hatte sie danach bei mir aufgenommen; sie kümmerte sich ums Kochen und war uns allen seit vielen Jahren eine Mutterfigur. Sie wohnte im Gästeflügel im Erdgeschoss – Treppen waren noch nie ihr Ding gewesen.
„Was ist passiert?“, fragte Simon. „Der hat doch Heimweh vor dir, seit du ihm die Nase gebrochen hast.“
„Du ziehst in seine Bude“, eröffnete ich ihm. „Erinnerst du dich an die Frau aus dem Flugzeug?“ Simon grinste.
„Schwer zu vergessen, diese Kurven und diese Augen“, lachte er. „Was ist mit ihr?“
„Sie hat vor meiner Wohnung gewartet“, sagte ich. „Sie hat Chris Stewarts Portemonnaie zurückgebracht. Es ist mir beim Landen aus der Tasche gefallen.“
„Woher wusste sie die Adresse?“, fragte Theo.
„Der Boss hat sie vor Monaten aufgeschrieben, damit er sie nicht vergisst“, lachte Simon. „Wenn man jedes Jahr die Bude wechselt, verliert man schon mal den Überblick. Also, wo kommt Benji ins Spiel?“
„Er hat wieder gesoffen und sie eingeschüchtert“, sagte ich. „Ich habe das Gebäude nicht für das Gesindel gekauft, sondern für Leute, die in Not sind. Sag dem Verwalter, er soll ihn vor die Tür setzen und die Bude auf Vordermann bringen, sonst suche ich mir einen neuen Verwalter. Simon, du ziehst in die Einheit und behältst die Lage im Auge. Die gesamten Mieteinnahmen fließen direkt wieder in die Instandhaltung des Gebäudes.“ Simon nickte.
„Deshalb bist du also so spät dran“, grinste Theo. „Ich nehme an, du bist auf deine Kosten gekommen?“
„Sie hat meine Toilette benutzt und ist über einen Stuhl gestolpert – aber noch nicht“, sagte ich mit einem Grinsen. „Wird aber noch passieren. Sie ist unglaublich sexy, wenn sie lacht.“
„Wir wissen nicht mal ihren Namen, und sie will nicht mal mit dir essen gehen“, lachte Simon.
„Abendessen ist selten eine Voraussetzung“, schmunzelte ich. „Finde ihren Namen über die Passagierliste heraus. Ich bin es zwar nicht gewohnt nachzufragen, aber ihrer interessiert mich. Sie ist bei meinem ‚Junge-mit-Hund‘-Foto nicht mal mit der Wimper gezuckt.“
„Ich kümmere mich darum“, sagte Simon.
„Was für ein Beruhigungsmittel hat sie mir eigentlich gegeben?“, fragte ich. „Der Flug hat mir überhaupt nichts ausgemacht.“
„Multivitamine“, lachte Simon. „Du hast geglaubt, es wäre ein Beruhigungsmittel, und der Placebo-Effekt hat den Rest erledigt.“ Ich brach in Lachen aus.
„Eine bemerkenswerte Frau“, bemerkte Theo lächelnd, während ich mir die Schuhe wieder zustand, um zu Sonny und Jade hinüberzufahren.
Sonny hatte mich aufgenommen, als ich noch ein Kind war; er war mein Mentor, und ich verdankte ihm alles. Er und seine Frau waren mir seit meinem zwölften Lebensjahr wie Eltern gewesen. Meine Villa lag nur ein paar Minuten von ihrem Anwesen entfernt – wir waren Nachbarn. Ich hatte das Grundstück damals bewusst so gekauft.
Theo war mein anderer Nachbar. Sein Haus würde wesentlich näher liegen, sobald es fertig war, aber im Moment stand auf seinem Grundstück nur ein kleiner Rohbau mit einem Keller und einem Tunnel, der zu meinem Untergeschoss führte. Der Tunnel war von den Vorbesitzern gebaut worden; wir hatten zwar beide ursprünglichen Häuser abreißem lassen, aber die Fundamente und den Tunnel intakt gelassen.
Ich schwang mich auf meine Sportmaschine und brauste den Privatweg zwischen den Grundstücken hinunter.
Den ganzen Sommer über verbrachten die Mädchen ihre Tage bei Jade. Am Abend war das Paar von dem ständigen Geplapper der zwei kleinen Mädchen sichtlich erschöpft, aber sie verloren nie auch nur ein Wort der Klage. Wenn Evelyn beschäftigt war, brachte Jack Ava stattdessen immer zu mir nach Hause. Allegra und ich brachten oder holten die Mädchen mehrmals die Woche persönlich ab, nur um die Gelegenheit für einen Plausch mit Sonny und Jade zu nutzen. Jade war begeistert; sie merkte an, dass es ewig her sei, seit ich sie so häufig besucht hatte.„Bist du sicher, dass die zwei Mädchen nicht jeden Tag zu viel für euch sind?“, fragte Allegra Jade behutsam im Garten. Die Mädchen waren noch im Pool.„Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass wir uns nicht erst etwas Au
Ich hatte erwartet, dass Chris und Ava später als ich nach Hause kommen würden, also ging ich zu Sandra rüber. Evelyn sah sich bereits etwas im Fernsehen an, und Mama Camila strickte in einem der Sesseln.„Wie war dein Tag mit Lucas?“, fragte ich. Evelyn entfuhr nur ein frustriertes Schnauben.„Was ist passiert?“, fragte ich Sandra.„Lucas’ neue Freundin hat zwei Söhne“, lachte Sandra. „Einer ist drei Jahre älter als die Mädchen und hing die ganze Zeit nur an seinem Handy. Der andere ist neun. Lucas hat erwartet, dass Evelyn sich um den jüngeren Junge kümmert, während er den Tag damit verbrachte, die neue Frau im Park anzubaggern.“„Und?“
„Arbeitet jedes Kind aus dem Waisenhaus für dich?“, fragte sie.„Du wirst langsam richtig gut darin, Leute zu lesen“, lachte ich anerkennend. „Ja. Jeder, der mein Waisenhaus verlässt, kann sofort einen Job bei einer der Firmen der Hastings Group bekommen, wenn er möchte. Offiziell tut Herr Hastings das für die Zukunft der Kinder. Ich habe auch ein Stipendienprogramm für Waisen, auf das sich jeder bewerben kann, der in einem Waisenhaus aufgewachsen ist.“„Kämpfst du jetzt immer noch?“, fragte sie. „Ich habe den kleinen Boxsack im Wohnzimmer und am Eingang gesehen. Tante Sylvie hat gesagt, dass du auch einen Fitnessraum im Keller hast.“„Der Boxsack hängt da, weil ich manchmal plötzlich wütend werde und dann
Theo und Simon warteten auf mich, bis ich fertig war, und dann machten wir uns auf den Weg zum Büro.„Bist du sicher, dass es eine gute Idee war, Ava hierher zu bringen?“, fragte Theo im Auto, während Simon fuhr.„Ja. Wenn es jemals Ärger gibt, muss sie wissen, wo ich wohne“, sagte ich. Theo nickte einfach.Heute konzentrierten wir uns auf Sonnys Firmen. Ich lehnte ein weiteres Angebot von Frau Cromwell ab, aber zur Mittagszeit ging ich wie gewohnt hinaus, um mich mit Allegra zu treffen.„Hast du Ava heute Morgen abgesetzt?“, fragte sie. Ich nickte.„Ich glaube, sie wird heute kochen, mit der Begründung, dass du es nicht kannst“, neckte ich sie. Sie verdrehte
„Warum wolltest du eigentlich, dass ich dich heute fahre?“, fragte ich, nachdem wir im Auto saßen, Allegra zur Arbeit gegangen war und wir uns in meine alte Klapperkiste gesetzt hatten.Wir waren früh aufgestanden; Allegra ging ins Fitnessstudio und Ava hatte nicht lange geschlafen.„Ich möchte dich bitten, mir zu zeigen, wo du eigentlich wohnst“, sagte Ava. „Tante Jade hat gesagt, dass du ihr Nachbar bist.“ Ich schmunzelte und nickte.„Ich bringe dich hin“, sagte ich. „Aber ich habe keine Tiere; dafür habe ich keine Zeit.“Die Route wich leicht von dem ab, was Ava gewohnt war, aber da es Sommer war, gab es wenig Verkehr und wir erreichten mein Anwesen schnell. Der Pförtner am Tor kannt
Als die Mädchen älter wurden, wurde der Sommer mit jedem Jahr zu einer größeren Herausforderung, aber Avas und Evelyns neue Besessenheit fürs Reiten und Rollschuhlaufen erwies sich als Lebensretter. Frau Black bot an, dass die Mädchen ihre Tage auf ihrem Anwesen verbringen konnten, wann immer sie wollten, und zur absoluten Freude der Mädchen willigte Sandra ein. Jeden Morgen kam Jack für die beiden; eine von uns Erwachsenen brachte sie hinunter zum Auto, und nachmittags schrieb mir Frau Black immer eine Nachricht, um mir mitzuteilen, wann ich sie zu Hause erwarten konnte. Tante Sylvie kam alle zwei Tage zum Kochen vorbei, aber ich fand immer nur einen Zettel auf der Küchentheke und Behälter im Kühlschrank. Sie ließ nicht einmal ein einziges Geschirrstück zum Abwaschen für mich zurück.„Glaubst du, wir überfordern Herrn







