LOGINNicole stand ein letztes Mal vor dem Spiegel und betrachtete ihr Spiegelbild lange und eindringlich. Sie wollte sich vergewissern, dass sie für den bevorstehenden Tag bereit war. Ihre schwarze High-Waist-Hose saß perfekt auf ihren Hüften, der Stoff fühlte sich glatt unter ihren Fingerspitzen an. Sie rückte ihre graue Rollkragenbluse zurecht und achtete darauf, dass sie faltenfrei ihre Figur betonte. Ihre schwarze Handtasche, ordentlich auf dem Bett platziert, passte perfekt zu ihrem Outfit – ein kleines, aber feines Detail, das sie sehr schätzte. Sie schlüpfte in ihre schwarzen Stilettos und klapperte ein-, zweimal über den Schlafzimmerboden, um ihr Gleichgewicht und ihre Eleganz zu testen. Mit einem tiefen Atemzug griff sie nach ihrer Handtasche und ging zur Tür. Ein Gefühl der Aufregung durchströmte sie.
Als Nicole ihr Apartmentgebäude verließ, atmete sie die frische, pulsierende Luft New Yorks ein. Die Stadt schien immer vor Leben zu vibrieren, aber heute fühlte sie sich besonders lebendig, fast elektrisierend an. Sie war seit fast zwei Wochen nicht mehr einkaufen gewesen, ihre Zeit war von Rechnungen und Verpflichtungen vollauf ausgefüllt, doch heute sollte sie nichts davon abhalten. Gestern Abend hatte ihr eine zufriedene Kundin tausend Dollar Trinkgeld gegeben, und allein der Gedanke daran ließ ihr Herz höher schlagen. Sie wünschte, sie bekäme jeden Tag solche Trinkgelder; wie fantastisch wäre das denn? So viel Glück hat man nicht jeden Tag, erinnerte sie sich mit einem kleinen Lächeln. Aber sie war fest entschlossen, diesen unerwarteten Geldsegen sinnvoll zu nutzen: eine neue Frisur, neue Kleidung, Schuhe für ihre bescheidene Sammlung zu Hause – heute würde sie sich etwas gönnen.
Sie winkte ein Taxi heran, stieg entschlossen ein und lotste den Fahrer zu ihrem Lieblingssalon. Die Fahrt war voller Vorfreude; die Geräusche der Stadt verschwammen zu einem leisen Summen im Hintergrund, während ihre Gedanken über mögliche neue Frisuren und Farben schweiften. Als sie ankam, spürte Nicole, wie die Aufregung in ihrer Brust wie ein sanftes Flattern aufstieg.
Stunden später verließ sie den Salon wie verwandelt. Ihr Haar glänzte im Tageslicht, perfekt gestylt; ihre Finger und Zehen strahlten nach frischer Maniküre und Pediküre; ihr Make-up, etwas aufgefrischt, verlieh ihr eine mühelose Eleganz. Draußen blieb sie stehen und betrachtete ihr Spiegelbild im Schaufenster des Salons. Sie sah aus und fühlte sich wie neugeboren. Heute war sie unaufhaltsam.
Als Nächstes kam die Boutique. Nicole liebte Shopping, aber nicht so beiläufig wie die meisten. Sie bestand darauf, ihre Kleidung selbst auszusuchen, ihr persönlicher Stil bestimmte jede Entscheidung. Sie war wählerisch, ja, aber sie hatte einen exquisiten Geschmack und gab sich mit nichts weniger als Perfektion zufrieden. Die einzige Grenze war ihr Budget, aber heute, dank des großzügigen Trinkgelds, war selbst das kein Problem. Stunden vergingen wie im Flug, ein Genuss aus Stoffstrukturen, Farbkombinationen und Stilen, die ihr ins Auge fielen. Jedes Kleidungsstück, das sie auswählte, fühlte sich wie ein kleiner Sieg an, eine Feier ihrer Unabhängigkeit und ihres guten Geschmacks.
Als sie sich endlich für ein Outfit entschieden hatte, probierte sie es sofort an: ein schwarzes, hochgeschlossenes Crop-Top mit einem schwarz-weiß gestreiften Rock und schwarzen Spitzenpumps. Sie drehte sich vor dem Spiegel und betrachtete es aus jedem Winkel. Sie war begeistert, wirklich begeistert. Sie wünschte, sie könnte sich jeden Tag so kleiden und mühelos Selbstbewusstsein, Eleganz und Charme ausstrahlen. Mit einem zufriedenen Nicken bezahlte sie die Kleidung und verließ die Boutique. Noch immer voller Begeisterung machte sie sich auf den Heimweg.
Nicole Robinson, 27 Jahre alt, lebte in einer Wohnung in New York City, die ihr ihre beste Freundin vor Jahren geschenkt hatte. Ihre Freundin hatte ein besseres Jobangebot in Kalifornien angenommen und Nicole so ein gemütliches Zuhause hinterlassen. Die Wohnung war zwar bescheiden, aber sie gehörte ganz ihr – eine kleine Oase inmitten der riesigen Stadt.
Sie arbeitete in einer VIP-Lounge-Bar in einem Pub. Ihr Gehalt war ordentlich, reichte, um die Rechnungen zu bezahlen und gut zu leben, aber es war nicht das Leben, von dem sie geträumt hatte. Nicole sehnte sich nach dem luxuriösen, abenteuerlichen Leben, das sie sich immer vorgestellt hatte: unbegrenzt shoppen, die Welt bereisen, neue Orte entdecken, faszinierende Menschen kennenlernen und sich nie Sorgen um Geld machen. Ihr jetziges Leben war sicher und vorhersehbar, aber es fühlte sich unvollständig an. Obwohl sie ihren Job als Kellnerin nicht mochte, nahm sie ihn an, weil er ihr Unabhängigkeit ermöglichte. Doch tief in ihrem Herzen wünschte sie sich, eines Tages, und sei es nur für einen kurzen Moment, das Leben leben zu können, das sie sich wirklich wünschte.
Zurück zu Hause begann Nicole, ihre neu gekauften Kleider in den Schrank zu hängen und strich dabei mit einem kleinen Lächeln über den Stoff. Ihr Handy klingelte und unterbrach die Ruhe ihres Tages. Vorsichtig ließ sie die Kleider fallen und ging zum Bettrand, um den Anruf anzunehmen.
„Hallo, Vanessa“, sagte sie.
Vanessa, ihre Freundin und Kollegin, antwortete sofort: „Hey, Freundin!“
Nicole konnte sich ein Augenrollen und ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Vanessa nannte sie immer „Freundin“, wenn sie etwas von ihr brauchte. Es war schon vorhersehbar, fast schon komisch, aber Nicole hatte sich daran gewöhnt. „Okay. Was ist denn diesmal?“, fragte sie, die Bitte schon ahnend.
„Was lässt dich denn denken, dass ich etwas von dir brauche?“, erwiderte Vanessa, obwohl Nicole den leichten Schmollmund in ihrer Stimme heraushören konnte.
„Na los, Vanessa, spuck’s schon aus“, sagte Nicole mit wissendem Unterton.
„Okay. Nicole, ich brauche bitte deine Hilfe“, sagte Vanessa schnell.
„Als ob ich es nicht wüsste“, neckte Nicole.
„Könntest du bitte heute Abend meine Schicht übernehmen? Mir geht es nicht so gut. Ich verspreche, dass ich morgen Abend deine übernehme… Bitte, bitte?“, flehte Vanessa, die Dringlichkeit in ihrer Stimme deutlich zu hören.
„Mensch! Vanessa, du musst mir immer meine Pläne ruinieren!“, rief Nicole aus, obwohl sich in ihrer Frustration ein Lachen verbarg.
„Es tut mir leid, Schatz“, sagte Vanessa leise. „Ich verspreche dir, es ist das letzte Mal. Bitte sag ja.“
Nicole seufzte, denn sie wusste, dass sie nicht ablehnen konnte. „Okay, ich kann wohl nicht Nein sagen.“
„Vielen, vielen Dank, Nicole! Du bist die Beste!“, rief Vanessa erleichtert.
„Ja, ja… Aber lass es das letzte Mal sein, okay?“, erinnerte Nicole sie eindringlich.
„Okay, versprochen. Ich hab dich so lieb, meine Beste. Tschüss!“, zwitscherte Vanessa und beendete das Gespräch.
Nicole hielt den Hörer noch einen Moment länger fest und murmelte in die leere Leitung: „Tschüss?“, wobei ihr ein leises Lachen entfuhr.
Ihr Tag war nicht wie geplant verlaufen. Sie hatte sich vorgestellt, ihn mit einem Abendessen in einem schicken Restaurant ausklingen zu lassen – nicht extravagant, einfach elegant –, um ihren neuen Look und ihre kleinen Erfolge zu feiern. Nun musste sie ihre Pläne ändern. Vanessa hatte ihren Tagesablauf durcheinandergebracht, und Nicole wusste, dass sie das akzeptieren musste. Vanessa würde sich revanchieren, das musste sie einfach, denn sie hatte Nicoles Pläne, ihren neuen Look zu präsentieren, zunichtegemacht. Vielleicht würde sie Pizza bestellen und zur Arbeit gehen und den Restaurantbesuch auf einen anderen Tag verschieben, an dem sie sich wirklich etwas gönnen konnte. Obwohl sie enttäuscht war, erinnerte sich Nicole daran, dass Freundschaften manchmal kleine Opfer erforderten, und das war in Ordnung.
KAPITEL 7Gabriel führte Nicole in die Villa, ging neben ihr her, seine Hand ruhte sanft auf ihrem unteren Rücken, als wolle er sie durch unbekanntes Terrain leiten, während er sie seinen Angestellten vorstellte. Zuvor hatte er sie angewiesen, sich im Wohnzimmer zu versammeln, und nun, da der Moment gekommen war, lastete die Ernsthaftigkeit dessen, was er gleich tun würde, schwer auf ihm.Er konnte es nicht fassen, dass er das tatsächlich durchzog.Nach so vielen Jahren der Einsamkeit, in denen er sein Privatleben streng gehütet und geheim gehalten hatte, stand er plötzlich neben einer Frau, die er kaum kannte, und war bereit, sie ihm als seine Verlobte vorzustellen. Doch die Einsamkeit war nicht das, was ihn in diesem Moment am meisten quälte.Was ihn wirklich beunruhigte, war sein Gewissen.Das Ganze war gefälscht.Die Verlobung. Die Geschichte. Das Bild, das er seinen langjährigen Mitarbeitern verkaufen wollte. Gabriel war nicht der Typ f
KAPITEL 6Nicole hatte darauf geachtet, ihre beste Unterwäsche einzupacken. Nicht, dass Gabriel sie in Unterwäsche sehen würde – zumindest hatte sie das nicht geplant –, aber ein Mädchen musste sich innerlich wohlfühlen, bevor sie sich äußerlich schön fühlen konnte. Davon war sie fest überzeugt. Als sie ihren Koffer halb zuzog, dankte sie im Stillen ihrem Glück, dass sie am Vortag einkaufen gewesen war. Die zusätzlichen Kleider, Unterwäsche und Schuhe, die sie ihrer ohnehin schon bescheidenen Sammlung hinzugefügt hatte, fühlten sich plötzlich wie ein Segen an, von dem sie nicht gewusst hatte, dass sie ihn so bald brauchen würde. Wenigstens würde sie jetzt nicht mehr so aussehen, als hätte sie nichts.Nachdem sie ihre Sachen gepackt hatte, ging Nicole ins Badezimmer und nahm eine lange Dusche, um ihre Nervosität abzuwaschen. Als sie, nur in ihr Handtuch gehüllt, aus der Dusche trat, stand sie vor ihrem Schminktisch und betrachtete ihr Spiegelbild. Einen Moment lang erka
Gabriel trat aus dem Wohnhaus und stieß einen langen, tiefen Seufzer aus, den er unbewusst zurückgehalten hatte. Es fühlte sich an, als ob die Last der Nacht endlich auf seinen Schultern ruhte, als die kühle Luft sein Gesicht streifte. Ohne sich umzudrehen, stieg er in seinen Wagen und wies seinen Chauffeur an, ihn nach Hause zu bringen.Als er an seiner Villa ankam, blieb er einen Moment stehen und starrte auf das gewaltige Gebäude vor ihm. Der Ort wirkte wie immer prachtvoll und beeindruckend, doch heute Abend fühlte er sich seltsam leer an. Nicoles Worte hallten in seinem Kopf wider, und zum ersten Mal seit Langem musste er sich eingestehen, dass sie recht hatte. Unter normalen Umständen wäre er längst verheiratet. Aber nichts in seinem Leben fühlte sich mehr normal an. Der Druck seiner Mutter, die Erwartungen, die ständigen Erinnerungen daran, wie sein Leben auszusehen hatte – all das trieb ihn zu etwas, das er sich nie hätte vorstellen können. Wenn es nötig war, sie endlich loszu
„Guten Abend“, sagte Gabriel schließlich, nachdem sie sich gefühlt stundenlang angestarrt hatten.„Ähm … wie kann ich Ihnen helfen?“, brachte Nicole hervor. Heimlich war sie dankbar, dass er das Schweigen brach, denn ehrlich gesagt war ihr Kopf wie leergefegt. Sie hatte absolut keine Ahnung, was sie dem fast zwei Meter großen Mann sagen sollte, der selbstbewusst vor ihrer Tür stand und den kleinen Türrahmen mit seiner Präsenz ausfüllte.„Darf ich mit Ihnen sprechen?“, fragte er ruhig.Nicole runzelte leicht die Stirn, Verwirrung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie konnte nicht verstehen, warum ein Mann wie er, jemand, der offensichtlich Reichtum, Macht und Bedeutung ausstrahlte, mit ihr sprechen wollte.„Ich… ähm… Entschuldigung, ich glaube, Sie haben die falsche Adresse“, sagte sie mit einem nervösen Kichern und hoffte, damit die Begegnung beenden zu können.„Tatsächlich bin ich an der richtigen Adresse. Darf ich hereinkommen?“, erwiderte er gelassen.Nicole konnte die Überraschun
Nach einem stressigen Arbeitstag beschloss Gabriel, endlich Feierabend zu machen. Er nahm sich einen Moment Zeit, um seinen Schreibtisch aufzuräumen, ordnete Dokumente und vergewisserte sich, dass alles an seinem Platz war – eine Gewohnheit, die er sich über die Jahre angeeignet hatte. Zufrieden schnappte er sich seine Jacke und verließ sein Büro.Am Eingang des Firmengebäudes wartete bereits sein Chauffeur neben einem eleganten schwarzen Rolls-Royce, der wie immer kerzengerade stand.„Guten Abend, mein Herr“, begrüßte ihn der Chauffeur höflich und öffnete ihm die Tür.Gabriel nickte kurz als Antwort, als er ins Auto stieg. Kaum hatte er sich auf dem Ledersitz niedergelassen, lockerte er seine Krawatte ein wenig und atmete aus, als wollte er die Last des Tages abwerfen. Fast im selben Moment klingelte sein Handy. Er warf einen Blick auf die Anrufer-ID und seufzte, als er sah, dass es seine Mutter war.Er war nicht bereit für ihre aufmunternden Worte, nicht heute Abend.Er ignorierte d
Nicole stand ein letztes Mal vor dem Spiegel und betrachtete ihr Spiegelbild lange und eindringlich. Sie wollte sich vergewissern, dass sie für den bevorstehenden Tag bereit war. Ihre schwarze High-Waist-Hose saß perfekt auf ihren Hüften, der Stoff fühlte sich glatt unter ihren Fingerspitzen an. Sie rückte ihre graue Rollkragenbluse zurecht und achtete darauf, dass sie faltenfrei ihre Figur betonte. Ihre schwarze Handtasche, ordentlich auf dem Bett platziert, passte perfekt zu ihrem Outfit – ein kleines, aber feines Detail, das sie sehr schätzte. Sie schlüpfte in ihre schwarzen Stilettos und klapperte ein-, zweimal über den Schlafzimmerboden, um ihr Gleichgewicht und ihre Eleganz zu testen. Mit einem tiefen Atemzug griff sie nach ihrer Handtasche und ging zur Tür. Ein Gefühl der Aufregung durchströmte sie.Als Nicole ihr Apartmentgebäude verließ, atmete sie die frische, pulsierende Luft New Yorks ein. Die Stadt schien immer vor Leben zu vibrieren, aber heute fühlte sie sich besonders







