LOGINAlexandre mochte keinen Lärm. „Es ist wie eine Elefantenherde“, sagte er dann, wenn sie zu schnell ging, zu laut lachte oder einfach zu viel Lärm machte. Also war sie still geworden. Sie war zu einem Schatten geworden, diskret, unauffällig, transparent.
Auf halber Treppe blieb sie stehen. Das Treppengeländer fühlte sich kalt unter ihrer Handfläche an, und sie umklammerte es einen Moment lang, wie ein Seemann, der sich vor einem Sturm am Geländer festhält. Sie schloss die Augen, zählte bis fünf und rückte ihre Maske zurecht.
Die Maske.
Sie hatte diese Maske der ausgeglichenen Frau über die Jahre perfektioniert. Nichts Spektakuläres: ein leichtes Hochziehen der Mundwinkel, ein dezentes Fältchen um die Augen, eine Neigung des Kopfes, die Gelassenheit vortäuschte. Anfangs hatte sie es vor dem Spiegel geübt, als sie noch glaubte, ein Lächeln genüge, um das Glück zurückzubringen. Jetzt übte sie es nicht mehr. Es war ihr in Fleisch und Blut übergegangen, ein Reflex so instinktiv wie das Atmen. Sie trug sie, ohne darüber nachzudenken, wie abgetragene Kleidung, deren ursprüngliche Farbe man vergessen hat.
Sie öffnete wieder die Augen und setzte ihren Abstieg fort. Das Geräusch der Kaffeemaschine wurde lauter, je näher sie dem Erdgeschoss kam. Nun hörte sie andere Geräusche: das Rascheln einer umgeblätterten Zeitung, das Klirren eines Löffels an einer Tasse, Alexandres gedämpften Seufzer, als er seine Nachrichten las. Die Küche war ganz in der Nähe, gleich gegenüber im Flur, die Tür offen. Sie konnte das grelle Licht der Deckenleuchte erkennen, die Silhouette ihres Mannes, der sich über den Tisch beugte, und das helle Rechteck seines Handys.
Sie hielt ein letztes Mal inne, kurz bevor sie die Schwelle überschritt. Ihr Herz klopfte etwas zu schnell, wie jeden Morgen, wie jedes Mal, wenn sie im Begriff war, mit ihm im selben Raum zu sein. Sie wusste, dass es nicht normal war, diese dumpfe Angst, die sie beim Gedanken daran, mit ihrem eigenen Mann zu frühstücken, ergriff. Sie wusste, dass glückliche Paare nicht das Knarren der Treppe zählten, nicht den Atem anhielten, wenn sie eine Tür aufstießen, und sich nicht zu einem Lächeln zwangen, wenn ihnen nicht danach war. Aber sie hatte schon lange aufgehört zu glauben, dass sie in einer glücklichen Ehe lebte. Sie lebte in einem Gefängnis, und die Küche war ihr Besucherraum.
Mechanisch strich sie sich den Pullover ihres Vaters über die Hüften und suchte in der rauen Wolle ein wenig Trost. Dann straffte sie die Schultern, setzte ihr neutralstes, glattestes, undurchdringlichstes Lächeln auf und ging hinein.
Alexandre saß mit dem Rücken zur Tür am Tisch, das Handy in der Hand. Er drehte sich nicht um, als er sie hörte. Er sagte nicht „Hallo“. Er rührte sich nicht. Er blieb über sein Handy gebeugt, vertieft in ein Gespräch, das nichts mit ihr zu tun hatte, ein Gespräch, das ihn zum Lächeln brachte – jenes Lächeln, das sie zu fürchten gelernt hatte, jenes Lächeln, das nie für sie bestimmt war.
Sie ging zur Kaffeemaschine, schenkte sich eine Tasse ein und setzte sich ihm gegenüber. Das Ritual konnte beginnen. Sie wusste, was folgen würde. Die Frage, in neutralem Tonfall, ohne Blickkontakt. Der Befehl, getarnt als Ratschlag. Die weißen Tabletten, aufgereiht in ihrer Schachtel, die sie gehorsam mit einem Glas Wasser schlucken würde, wie jeden Morgen.
Sie nahm einen Schluck Kaffee, bitter und brennend heiß, und wartete.
Die Maske saß. Sie war bereit.
Alexandre mochte keinen Lärm. „Es ist wie eine Elefantenherde“, sagte er dann, wenn sie zu schnell ging, zu laut lachte oder einfach zu viel Lärm machte. Also war sie still geworden. Sie war zu einem Schatten geworden, diskret, unauffällig, transparent.Auf halber Treppe blieb sie stehen. Das Treppengeländer fühlte sich kalt unter ihrer Handfläche an, und sie umklammerte es einen Moment lang, wie ein Seemann, der sich vor einem Sturm am Geländer festhält. Sie schloss die Augen, zählte bis fünf und rückte ihre Maske zurecht.Die Maske.Sie hatte diese Maske der ausgeglichenen Frau über die Jahre perfektioniert. Nichts Spektakuläres: ein leichtes Hochziehen der Mundwinkel, ein dezentes Fältchen um die Augen, eine Neigung des Kopfes, die Gelassenheit vortäuschte. Anfangs hatte sie es vor dem Spiegel geübt, als sie noch glaubte, ein Lächeln genüge, um das Glück zurückzubringen. Jetzt übte sie es nicht mehr. Es war ihr in Fleisch und Blut übergegangen, ein Reflex so instinktiv wie das Atme
Heute war so ein Tag. Ein Tag, an dem sie die Wärme bedingungsloser Liebe spüren musste, einer Liebe, die nicht log, die nicht verriet, die nichts im Gegenzug verlangte. Der Pullover ihres Vaters würde sie nicht verurteilen. Er würde ihr nicht vorwerfen, schwach zu sein, unterwürfig, zu diesem Schatten geworden zu sein, den sie selbst nicht mehr erkannte. Er würde sie einfach, wie ihr Vater es getan hätte, mit einer stillen und zärtlichen Geste umhüllen.Sie vergrub ihr Gesicht im rauen Kragen des Pullovers, schloss die Augen und atmete tief ein. Der Tabakgeruch war mit den Jahren verblasst, aber er war noch da, schwach. Sie erinnerte sich an ihren Vater, seine knorrigen Hände, sein seltenes Lächeln, seine tiefe Stimme, wenn er die Zeitung vorlas. Sie erinnerte sich an den Tag, als er ihr diesen Pullover geschenkt hatte, einen regnerischen Sonntag auf einem Flohmarkt, wo sie zufällig Unterschlupf gefunden hatten. „Hier, mein Kind“, sagte er, „er ist weich wie ein Lamm. Du wirst sehen,
Sie war brillant gewesen. An diesem Abend hatte sie den Blick eines Mannes in der ersten Reihe getroffen, eines Fremden mit einem strahlenden Lächeln, der ihr lauter applaudiert hatte als alle anderen. Alexandre. An diesem Abend hatte sie gedacht, ihr Leben beginne erst. Sie ahnte nicht, dass es gerade zu Ende gegangen war.Sie stand auf und verbannte diese Gedanken. In der Vergangenheit zu schwelgen war sinnlos. Die Vergangenheit war tot, und sie mit ihr. Nur die Gegenwart blieb: dieses Haus, diese Stille, diese Tabletten, die sie bald schlucken würde. Sie strich sich den Pullover über die Hüften, atmete tief durch und ging die Treppe hinunter.Die Küche erwartete sie, sauber und still wie ein Grab. Alexandre war schon da, saß am Tisch, das Handy in der Hand. Er blickte nicht auf, als sie hereinkam.Das Ritual konnte beginnen.***Sie saß lange auf der Bettkante, die Hände auf den Knien, den Blick in den Falten der Tagesdecke verloren. Die Jeans, die sie angezogen hatte, waren an den
Er erzählte ihr von einer Konferenz, einem Symposium über Unternehmensstrategie, genau die Art von Veranstaltung, die sie früher mit Begeisterung angestrebt und für die sie Nächte mit der Vorbereitung einer Präsentation verbracht hätte. „Wir könnten dich wirklich gut gebrauchen. Niemand hat dein Fachwissen. Und es wäre eine Gelegenheit, uns wiederzusehen und in Erinnerungen an die guten alten Zeiten zu schwelgen.“Die gute alte Zeit. Diese Worte hallten in ihrem Kopf wider wie eine vergessene Melodie. Es gab eine Zeit, da war sie die Beste. Da war sie auf Konferenzen heiß begehrt, da lockte ihr Name auf einem Programm die Massen an. Da war eine Zeit, da wachte sie morgens voller Tatendrang auf, den Kopf voller Projekte und dem Wunsch, Berge zu versetzen.Diese Zeit war vorbei. Sie hatte sie sterben lassen, ein Opfer der langsamen Erosion, die Alexandre mit der Geduld eines Bildhauers herbeigeführt hatte. Und nun hatte dieser Anruf das Grab wieder geöffnet, seine Überreste exhumiert un
Und dann gab es noch die "Vitamine".Sie schüttelte den Kopf und verdrängte die Erinnerung. Zu früh. Sie war noch nicht bereit, dieser Wahrheit ins Auge zu sehen. Sie wandte ihren Blick wieder dem Spiegel zu, der Frau, die sie starr anstarrte, ohne zu blinzeln – dieser Fremden mit dem müden Gesicht und den leeren Augen. Zögernd hob sie die Hand und berührte sanft die kalte Oberfläche mit den Fingerspitzen, als könnte sie diese Fremde berühren, sie erwecken, ihr das Leben zurückgeben.„Wer bist du?“, flüsterte sie. „Was ist aus dir geworden?“Der Spiegel antwortete nicht. Er konnte nur reflektieren, und was er reflektierte, war eine Frau, die kaum noch existierte. Ein Schatten. Ein Geist. Eine leere Hülle.Sie verharrte einen langen Moment regungslos, die Hand auf dem Spiegel. Dann senkte sie den Blick, öffnete die Kommodenschublade und holte ein Schminktäschchen heraus, das sie seit Monaten nicht benutzt hatte. Sie öffnete es und betrachtete die Puder, die Lidschatten, die Pinsel. Sie
Sie beugte sich mit dem Gesicht so nah an den Spiegel, dass ihr Atem einen leichten Nebel auf der kalten Oberfläche bildete. Sie blickte in ihre eigenen Augen, jene Augen, die einst so strahlend, so funkelnd gewesen waren, fähig, einen ganzen Raum zu erhellen. Heute waren sie leblos. Leer. Zwei graue Wasserpfützen, in denen sich nichts mehr spiegelte.Sie wich einen Schritt zurück, als wäre sie von dem, was sie eben gesehen hatte, erschrocken. Und plötzlich, ohne dass sie es wollte, tauchte eine Erinnerung auf. So klar, so präzise, so schmerzhaft, dass sie ihr den Atem raubte.Sie war sechsundzwanzig Jahre alt. Sie trug ein rotes Kleid, ein tiefes, fast scharlachrotes Rot, das ihr hervorragend stand. Sie stand auf einem Podium vor einem vollbesetzten Saal. Hunderte von Menschen – Kollegen, Investoren, Journalisten – hingen an ihren Lippen. Sie sprach mit einer Leidenschaft, die ihre Stimme erzittern ließ, über ihr Projekt, für das sie sich monatelang eingesetzt hatte. Sie war brillant







