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KAPITEL 9 – Der Abstieg

Author: L'encre
last update publish date: 2026-06-09 23:12:30

Heute war so ein Tag. Ein Tag, an dem sie die Wärme bedingungsloser Liebe spüren musste, einer Liebe, die nicht log, die nicht verriet, die nichts im Gegenzug verlangte. Der Pullover ihres Vaters würde sie nicht verurteilen. Er würde ihr nicht vorwerfen, schwach zu sein, unterwürfig, zu diesem Schatten geworden zu sein, den sie selbst nicht mehr erkannte. Er würde sie einfach, wie ihr Vater es getan hätte, mit einer stillen und zärtlichen Geste umhüllen.

Sie vergrub ihr Gesicht im rauen Kragen des Pullovers, schloss die Augen und atmete tief ein. Der Tabakgeruch war mit den Jahren verblasst, aber er war noch da, schwach. Sie erinnerte sich an ihren Vater, seine knorrigen Hände, sein seltenes Lächeln, seine tiefe Stimme, wenn er die Zeitung vorlas. Sie erinnerte sich an den Tag, als er ihr diesen Pullover geschenkt hatte, einen regnerischen Sonntag auf einem Flohmarkt, wo sie zufällig Unterschlupf gefunden hatten. „Hier, mein Kind“, sagte er, „er ist weich wie ein Lamm. Du wirst sehen, du wirst ihn nie wieder ausziehen wollen.“ Er hatte Recht. Sie tat es nie.

Sie öffnete wieder die Augen und starrte aus dem Fenster. Draußen war der Tag grau, der Himmel tief, die Bäume kahl. Der Winter nahte mit dem Versprechen noch kürzerer, noch kälterer Tage. Sie dachte an alles, was sie unten erwartete: die Kaffeemaschine, den Tisch, den leeren Stuhl, das Handy, das Lächeln für jemand anderen. Das Ritual. Die weißen Pillen.

Sie fröstelte und zog den Pullover enger um sich, als könnte die alte Wolle sie vor all dem schützen. Sie wollte nicht nach unten gehen. Das tat sie nie. Aber sie würde es tun, weil sie es immer tat, weil sie keinen anderen Weg kannte. Weil sie Anne war, Alexandres Frau, Alices Mutter, die unsichtbare Frau, die sich an die Wände ihres eigenen Hauses klammerte.

Sie stand auf, strich sich den Pullover über die Hüften und ging zum Fenster. Der Garten wirkte trostlos, der Rasen vergilbt, die Rosensträucher ungepflegt. Alexander missfiel ihre Gartenarbeit. Er fand sie schlampig, eine Frau ihres Standes solle sich nicht zu Handarbeit herablassen. So hatte sie die Rosen aufgegeben, genau wie so vieles andere – Malen, Lesen, Vorlesungen, Freunde. Alles, was sie zu mehr als nur einer Ehefrau gemacht hatte.

Sie drehte dem Fenster den Rücken zu, durchquerte den Raum und blieb vor der Tür stehen. Ihre Hand ruhte auf dem Türgriff, und sie zögerte. Ein letztes Mal dachte sie an ihren Vater. Er würde ihr Mut zusprechen. Er würde ihr sagen, sie solle sich nicht unterkriegen lassen. Er würde ihr sagen, dass sie Besseres verdiente.

Doch ihr Vater war tot, und sie war allein. Also drehte sie die Klinke, öffnete die Tür und ging die Treppe hinunter.

***

Sie verharrte einen Moment auf dem Treppenabsatz, die Hand am Treppengeländer, ihr Atem ging stoßweise. Unten herrschte Stille im Haus, doch es war nicht mehr die gedämpfte Stille des Schlafzimmers. Es war eine dünnere, brüchigere Stille, unterbrochen vom fernen Summen des Kühlschranks und dem Ticken der Wohnzimmeruhr. Und dann plötzlich ein vertrautes Geräusch: das Gluckern der Kaffeemaschine, gefolgt vom Zischen des Dampfes. Alexandre war in der Küche.

Sie hätte beruhigt sein sollen. Er war da, er war noch nicht gegangen, sie würde die morgendliche Leere nicht allein ertragen müssen. Doch Alexandres Anwesenheit war nie beruhigend. Es war ein Druck, eine Last, eine diffuse Erwartung, die auf ihren Schultern lastete und sie zwang, eine Rolle zu spielen. Das Aufwachen, die Stille, die Abwesenheit – all das war schwer zu ertragen, aber zumindest konnte sie, solange er nicht da war, sie selbst sein – oder das, was von ihr übrig war. Sobald er einen Raum betrat, musste sie wieder die Ehefrau sein. Die perfekte Ehefrau, lächelnd, verfügbar. Die Frau, der es gut ging.

Wie jeden Morgen sammelte sie ihre Kräfte und begann, die Treppe hinunterzusteigen. Ihre nackten Füße glitten über die kalten Holzstufen, und mechanisch zählte sie das Knarren – die dritte, die siebte, die zehnte Stufe –, diese vertrauten Markierungen, die ihr zeigten, wo sie ihren Fuß hinsetzen musste, um keinen Laut von sich zu geben. Über die Jahre hatte sie gelernt, sich in ihrem eigenen Zuhause lautlos zu bewegen. 

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