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KAPITEL 8 – Vaters Pullover

作者: L'encre
last update publish date: 2026-06-09 23:10:20

Sie war brillant gewesen. An diesem Abend hatte sie den Blick eines Mannes in der ersten Reihe getroffen, eines Fremden mit einem strahlenden Lächeln, der ihr lauter applaudiert hatte als alle anderen. Alexandre. An diesem Abend hatte sie gedacht, ihr Leben beginne erst. Sie ahnte nicht, dass es gerade zu Ende gegangen war.

Sie stand auf und verbannte diese Gedanken. In der Vergangenheit zu schwelgen war sinnlos. Die Vergangenheit war tot, und sie mit ihr. Nur die Gegenwart blieb: dieses Haus, diese Stille, diese Tabletten, die sie bald schlucken würde. Sie strich sich den Pullover über die Hüften, atmete tief durch und ging die Treppe hinunter.

Die Küche erwartete sie, sauber und still wie ein Grab. Alexandre war schon da, saß am Tisch, das Handy in der Hand. Er blickte nicht auf, als sie hereinkam.

Das Ritual konnte beginnen.

***

Sie saß lange auf der Bettkante, die Hände auf den Knien, den Blick in den Falten der Tagesdecke verloren. Die Jeans, die sie angezogen hatte, waren an den Oberschenkeln abgenutzt, vom vielen Waschen ausgeblichen, aber sie wollte sie nicht wechseln. Sie wechselte sie nie. Sie gehörte zu jenen Kleidungsstücken, die man anzieht, ohne darüber nachzudenken, die sich mit der Zeit dem Körper anpassen, die zur zweiten Haut werden.

Aber letztendlich kam es auf den Pullover an.

Sie blickte auf die graue Wolle, die ihre Arme, Handgelenke und Hände bedeckte. Der Pullover ihres Vaters. Sie hatte ihn einige Wochen nach der Beerdigung in einem Karton gefunden, als sie ihr Elternhaus ausräumen musste. Ihre Mutter war schon lange tot, ihr Vater war erst kürzlich zu ihr gekommen, und sie war allein, umgeben von Möbeln und Erinnerungen, und musste entscheiden, was sie behalten, was sie verschenken und was sie wegwerfen sollte. Der Pullover lag zusammengefaltet hinten im Kleiderschrank, in Seidenpapier gewickelt, wie ein Relikt. Sie hatte ihn sofort wiedererkannt.

Ein alter, formloser Wollpullover, dessen Grau einst leuchtender gewesen sein musste, verblasst mit den Jahren. Löcher an den Ellbogen, ausgefranste Bündchen, roch er noch immer nach Pfeifentabak und Mottenkugeln. Ihr Vater trug ihn sonntags, wenn er am Wohnzimmerfenster Zeitung las, die Füße auf einem Hocker, ein Glas Wein in Reichweite. Sie erinnerte sich an diese stillen Nachmittage, unterbrochen vom Rascheln der Seiten und dem Ticken der Uhr, an denen sie neben ihm saß und ihre Hausaufgaben machte, beruhigt von seiner ruhigen Anwesenheit.

Ihr Vater war nicht der Typ für große Reden. Er gehörte einer Generation an, die wenig sprach und Zuneigung eher durch Gesten als durch Worte ausdrückte. Eine Schüssel heiße Schokolade, die er ihr morgens vor der Schule zubereitete. Eine Hand auf ihrer Schulter, wenn sie traurig nach Hause kam. Ein stolzer Blick an ihrem Abschlusstag, der Bände sprach. Er hatte nie „Ich liebe dich“ gesagt – es lag nicht in seiner Natur –, aber sie hatte es immer gewusst. Die Liebe ihres Vaters war selbstverständlich, ein Fundament, eine Gewissheit, die niemals wankte.

Als er starb, dahingerafft von einem plötzlichen Krebsleiden, das ihn innerhalb weniger Monate dahingerafft hatte, fühlte sie, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Alexandre hatte es nicht verstanden. „Er war ein alter Mann“, hatte er gesagt, fast genervt von ihren Tränen. „Es war nur eine Frage der Zeit.“ Sie hatte nicht geantwortet. Sie hatte die Zähne zusammengebissen, ihren Kummer hinuntergeschluckt und so weitergemacht, wie man es ihr beigebracht hatte: schweigend.

Der Pullover war alles, was ihr von ihm geblieben war. Fast beschämt, wie eine Diebin, hatte sie ihn an sich genommen und in einer Schublade in ihrem Zimmer versteckt. Alexandre mochte ihn nicht. „Das ist doch nur ein Fetzen“, sagte er verächtlich. „Den wirst du doch nicht tragen.“ Doch an den Tagen, an denen er nicht da war, holte sie ihn hervor, zog ihn an und fühlte sich geborgen. Geborgen durch die abgetragene Wolle, die ihren Vater umhüllt hatte, durch den anhaltenden Duft, durch die beruhigende, geisterhafte Präsenz.

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