LOGINKAPITEL VIER
Die erste Notiz
Die Quartiere des Souvereign Luna waren geräumig, mit dunklen Marmorwänden und einem großen Steinkamin, der den Raum warm hielt. Doch drei Tage lang war Lyra kaum über den Balkon hinausgetreten.
Sie stand am Rande der Terrasse, in einen dicken Wollumhang gehüllt, mit Blick auf die Obsidian Mountains. Unten trainierten die Shadow Veil-Krieger zusammen, ihre Bewegungen präzise und gut koordiniert. Es gab keine Ohrfeigen oder grausamen Beleidigungen wie die, die sie in Sunridge ertragen hatte. Nur der Zusammenprall von Stahl und das Knurren der Wölfe, als sie mit ihren Mitkriegern trainierten.
Ein heftiges Klopfen ertönte an der Tür, bevor sie sich öffnete.
Cassian trat ein und trug ein silbernes Tablett mit heißer Brühe, frischem Brot und einem kleinen Glasfläschchen, das mit leuchtend bernsteinfarbener Flüssigkeit gefüllt war. Er trug nicht seine übliche Kampfrüstung, nur eine dunkle Tunika mit hochgekrempelten Ärmeln, die die dunklen Tätowierungen enthüllte, die seine Unterarme bedeckten.
"Du stehst immer noch in der Kälte", sagte Cassian und stellte das Tablett auf den niedrigen Tisch in der Nähe des Kamins.
Lyra drehte sich langsam um und zog ihren Umhang fester um sich. Ihre Stimme war immer noch schwach und heiser, aber die blauen Flecken auf ihrer Haut verblassten bereits dank Vanyas Pflege und Kräutersalben.
"Ich bin nicht an... Platz gewöhnt", murmelte sie und senkte ihre haselnussbraunen Augen. "In Sunridge war mein Zimmer eine fensterlose Nische hinter Kaelens Arbeitszimmer. Ich durfte nur raus, wenn er einen ruhigen Schatten neben sich brauchte."
Cassians Kiefer zog sich zusammen und seine grauen Augen verdunkelten sich kurz. Seine Stimme blieb jedoch ruhig.
"Du bist hier kein Schatten, Lyra. Und du wirst dich nie wieder verstecken."
Er zeigte auf das Glasfläschchen auf dem Tablett.
"Vanya hat ein Stärkungsmittel für deinen Hals vorbereitet. Die Frequenz, die Sie vor drei Tagen veröffentlicht haben, hat Stimmbänder beschädigt, die seit Jahren nicht mehr benutzt wurden. Trink es. Es wird das Brennen lindern."
Lyra ging zum Tisch hinüber und hob das Fläschchen auf. Die bernsteinfarbene Flüssigkeit roch nach Honig und zerkleinerten Kräutern. Sie trank es in einem Zug und spürte, wie sich ein kühles Gefühl durch ihren Hals und ihre Brust ausbreitete.
"Warum machst du das?" Fragte Lyra.
Ihre Stimme war bereits klarer und stärker. Sie sah Cassian direkt in die Augen und suchte nach dem versteckten Fang, dem Preis, den sie irgendwann zahlen sollte.
"Du bist ein großes Risiko eingegangen, mich aus der Zitadelle zu ziehen. Kaelen wird zum Alpha-Rat gehen. Er wird behaupten, Sie hätten seinen Partner gestohlen und gegen Territorialverträge verstoßen."
Cassian lachte leise, amüsiert und trat näher. Er hatte sich in seinem Leben unzähligen Feinden gestellt, und der Gedanke, dass Kaelen Hilfe vom Rat suchen würde, beunruhigte ihn kaum.
"Lass ihn zum Rat laufen", sagte Cassian mit tiefer und ruhiger Stimme. "Der Rat besteht aus alten, fetten Alphas, die sich hinter Verträgen verstecken, weil sie Angst vor echtem Krieg haben. Sie wissen es besser, als einen einzigen Boten in den Schattenschleier zu schicken."
Er streckte die Hand aus und strich mit dem Daumen über ihren Wangenknochen. Diesmal zuckte Lyra nicht zusammen.
"Außerdem", fuhr Cassian fort und hielt ihren Blick fest, "brach Kaelen den heiligen Partnerbund in dem Moment, als er vor Wut die Hände auf dich legte und versuchte, eine Ablehnung unter Zwang zu erzwingen. Nach altem Gesetz wurde deine Bindung zu ihm durch seine eigene Schande unterbrochen. Du bist frei."
Kostenlos.
Das Wort fühlte sich für Lyra seltsam an. Sie hatte so lange unter Kaelens Kontrolle gelebt, dass sie kaum wusste, was Freiheit bedeutete. Doch Cassian es sagen zu hören, hat etwas in ihr zu rühren.
"Jetzt", sagte Cassian, trat zurück und verschränkte seine Hände hinter sich, "es ist Zeit für deine erste Lektion."
Lyra blinzelte. "Lektion?"
"Eine Waffe, die du nicht kontrollieren kannst, ist für dich genauso gefährlich wie für deine Feinde", erklärte Cassian und wandte sich dem Balkon zu. "Deine Mutter hat dir beigebracht, deine Stimme aus Angst zu begraben. Ich werde dir beibringen, wie man es wie eine Klinge lenkt."
Lyra folgte ihm auf den breiten Steinbalkon. Der Wind blies ihr silbernes Haar über ihr Gesicht, aber die Wärme des bernsteinfarbenen Tonikums breitete sich durch ihre Brust aus, so dass sie sich wohler fühlte.
Cassian ging zum anderen Ende der Terrasse, wo ein schwerer Eisen-Trainings-Dummy am Steinboden befestigt stand. Die Vorhutwächter nutzten es, um ihre Stärke zu testen.
"Im Kampf wirkt das Kommando eines Alphas durch das schiere Gewicht. Es zwingt eine dominante Aura in den Geist eines Untergebenen", erklärte Cassian und drehte sich zu ihr um. "Die Stimme einer Sirene ist anders. Es zerquetscht den Verstand nicht. Es manipuliert die Schwingungsfrequenz von allem um sich herum. Luft, Stein, Blut, Knochen."
Er zeigte auf den eisernen Dummy.
"Ich möchte, dass du diesen Dummy ins Visier zielst. Schrei nicht. Konzentrieren Sie sich auf eine einzelne Note. Ein scharfes, fokussiertes Summen."
Lyra starrte auf den dicken Eisenposten.
"Ich... Ich weiß nicht, wie man das macht, Cassian. Vor drei Tagen gab es einen Unfall. Ich habe die Kontrolle verloren."
"Dann finde es", antwortete Cassian entschlossen und behielt sie im Auge. "Schließe deine Augen. Hör auf, an Kaelen zu denken. Hör auf, an Vespera zu denken. Denken Sie an den Klang Ihres eigenen Pulses."
Lyra schluckte und schloss ihre Augen. Der kalte Bergwind streifte ihre Haut, als sie versuchte, alles um sich herum abzusperren. Sie ignorierte die Geräusche von den Trainingsgeländen unten, die raschelnden Bäume und sogar Cassians stetiges Atmen neben ihr.
Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Wärme in ihrer Brust.
Darunter fand sie jahrelangen Schmerz, den sie nie ausdrücken durfte, Tränen, die sie verschluckt hatte, und die Kraft, die sie durch alles, was Kaelen ihr angetan hatte, am Leben gehalten hatte.
Sie ließ die Macht nicht wie zuvor ausbrechen. Stattdessen sammelte sie es und konzentrierte alles auf einen einzigen, scharfen Punkt.
Lyra öffnete ihre Augen. Ein schwaches violettes Licht flackerte in ihren haselnussbraunen Iris.
Sie öffnete ihre Lippen und stieß ein einzelnes, klares Summen aus.
KLOPFEN!
Es war nicht der zerstörerische Schrei, den sie in der Zitadelle entfesselt hatte. Diesmal wanderte der Klang in einem fokussierten Strahl. Die Luft zwischen Lyra und dem Dummy kräuselte sich, wodurch das Licht verzerrt erschien.
Das Geräusch traf die Mitte des Eisenpostens.
KLÄTSCHEN!
Eine tiefe, kreisförmige Delle erschien in dem zwei Zoll dicken Eisen. Die Kraft schickte eine Schockwelle über die Terrasse und klapperte das Balkongeländer, aber Lyra blieb auf den Beinen. Ihre Brust hob und senkte sich, als sie wieder zu Atem kam, und ihr Hals schmerzte überhaupt nicht.
Stille herrschte über der Terrasse.
Lyra starrte den beschädigten Dummy ungläubig an. Sie schaute auf ihre Hände hinunter, bevor sie ihre Kehle berührte und sich abmühte zu verstehen, wie sie es getan hatte.
Ein tiefes Lachen ertönte hinter ihr.
Cassian ging neben ihr herüber und untersuchte das verbeuchte Eisen mit offensichtlicher Genugtuung. Dann drehte er sich zu Lyra um und legte eine Hand hinter ihren Hals und zog sie näher, bis sich ihre Stirnen fast berührten.
"Siehst du das, kleiner Vogel?" Flüsterte Cassian, seine Augen waren voller Stolz. "Du bist keine kaputte Glocke. Du bist ein Kriegshorn."
Bevor Lyra antworten konnte, sprangen die Balkontüren auf.
Torin stand in der Tür, sein Gesicht war blass und ernst. Er hielt ein Pergament, das mit Silberwachs versiegelt war.
"High Alpha", sagte Torin dringend. "Ein Pfadfinderbote von der Grenze ist gerade angekommen. Kaelen ist nicht zum Rat gegangen."
Cassian drehte sich langsam um und hielt seine Hand auf Lyras Hals. Seine Berührung blieb warm und beschützend.
"Was hat er getan?"
"Er hat eine Blut-Eid-Versammlung aufgerufen", berichtete Torin und hielt das Pergament hoch. "Er hat deinen Kopf und Lyras Rückkehr den Schurkenrudeln des Südens angeboten, im Austausch für eine vollständige Belagerung des Schattenschleiers."
KAPITEL FÜNFDer BluteidDer Kriegsraum unter der Schattenzitadelle wurde von Eisenfeuern beleuchtet, die mit roten und bernsteinfarbenen Flammen brannten. In der Mitte stand ein großer Schiefertisch, der mit Karten der nördlichen und südlichen Gebiete eingraviert war.Cassian stand über der Karte, beide Hände ruhten auf der Tischkante. Neben ihm studierte Lyra das mit Silber versiegelte Pergament, das Torin vor sie gelegt hatte. Die Robbe trug den Kamm von Sunridge, eine goldene Sonne hinter einem knurrenden Wolf, der jetzt mit getrocknetem Blut befleckt ist."Eine Bluteidsammlung", spuckte Torin und verschränkte seine vernarbten Arme. "Kaelen ist verrückt. Die südlichen Schurken anzurufen bedeutet, Schwertkämpfer, Mörder und verbannte Alphas in zivilisiertes Gebiet einzuladen. Er öffnet die Schleusen, nur um eine Frau zurückzuziehen.""Er tut es nicht nur, um sie zurückzubekommen", antwortete Cassian mit ruhiger, aber kalter Stimme. "Er tut es, weil sein Rudel zusah, wie er von eine
KAPITEL VIERDie erste NotizDie Quartiere des Souvereign Luna waren geräumig, mit dunklen Marmorwänden und einem großen Steinkamin, der den Raum warm hielt. Doch drei Tage lang war Lyra kaum über den Balkon hinausgetreten.Sie stand am Rande der Terrasse, in einen dicken Wollumhang gehüllt, mit Blick auf die Obsidian Mountains. Unten trainierten die Shadow Veil-Krieger zusammen, ihre Bewegungen präzise und gut koordiniert. Es gab keine Ohrfeigen oder grausamen Beleidigungen wie die, die sie in Sunridge ertragen hatte. Nur der Zusammenprall von Stahl und das Knurren der Wölfe, als sie mit ihren Mitkriegern trainierten.Ein heftiges Klopfen ertönte an der Tür, bevor sie sich öffnete.Cassian trat ein und trug ein silbernes Tablett mit heißer Brühe, frischem Brot und einem kleinen Glasfläschchen, das mit leuchtend bernsteinfarbener Flüssigkeit gefüllt war. Er trug nicht seine übliche Kampfrüstung, nur eine dunkle Tunika mit hochgekrempelten Ärmeln, die die dunklen Tätowierungen enthüllt
KAPITEL DREIZufluchtsortDie schwarzen Stahltore öffneten sich und enthüllten den Eingang zum Shadow Veil Territory. Dies war Cassians Haus, erinnerte sich Lyra.Sie stützte ihre Stirn gegen das kühle Glas von Cassians gepanzertem Transportmittel und beobachtete, wie die Kiefernwälder einer riesigen Festung im Obsidiangebirge weichen. Im Gegensatz zur Sunridge-Titadelle, in der jede Marmorsäule dazu gedacht zu sein schien, Kaelens Reichtum zu zeigen, war die Schattenzitadelle dunkel, imposant und zur Verteidigung gebaut. Alles daran verlangte Respekt, und niemand würde es wagen, den Alpha herauszufordern, der es regierte.Torin, Cassians Beta, saß auf dem Beifahrersitz. Der vernarbte, ruhige Mann blickte durch den Rückspiegel zurück zu ihnen."Die Perimeterscouts berichten von keiner Bewegung von Sunridge, High Alpha. Kaelen erholt sich immer noch von... dem Vorfall.""Er wird sich nicht bewegen, bis er das Blut aus seinen Ohren wischt", antwortete Cassian beiläufig vom Sitz neben Ly
KAPITEL ZWEIDie kaputte GlockeStille erfüllte den Raum.Alpha Kaelen richtete seine Manschetten auf, obwohl das leichte Zittern in seiner Hand seine Nervosität verriet. High Alpha Cassian war kein Mann, dem jemand zu überqueren wagte. Er hatte ganze Gebiete in die Knie gezwungen, und Kaelen wusste, dass er in seiner Nähe vorsichtig sein musste. Dennoch zwang er sich ein arrogantes Lächeln ins Gesicht und versuchte, die Kontrolle über die Situation wiederzuerlangen."High Alpha Cassian", sagte Kaelen, seine Stimme etwas lauter als sonst. "Sie ehren uns mit Ihrer frühen Ankunft. Aber wie Sie sehen, ist dies eine private Angelegenheit zwischen mir, meiner Luna und meinem zukünftigen Partner. Ich muss Sie respektvoll bitten, in der Haupthalle zu warten."Cassian bewegte sich nicht. Seine Aufmerksamkeit blieb auf Lyra, und Kaelens Worte schienen sich kaum zu registrieren. Seine grauen Augen nahmen das Blut auf ihrer Unterlippe auf, die blauen Flecken, die sich über ihr Schlüsselbein unte
Kapitel EinsDas Glas LunaLyra konnte Blut in ihrem Mund schmecken. Sie behielt es dort und weigerte sich zu schlucken. Schlucken würde bedeuten, zu zucken, und zucken würde Kaelen nur dazu bringen, seinen Griff um ihre Kehle zu straffen."Schau mir in die Augen, während ich dir deinen Titel entziehe, Lyra", spuckte Kaelen. Seine Stimme war kalt und voller Ekel.Sie standen in der Haltekammer von Sunridge Citadel. Draußen trieb Gelächter und Jubel von der Sonnenwendefeier durch die Buntglasfenster. Der Lärm aus dem darunter liegenden Innenhof erfüllte die Zitadelle, als sich Tausende von Rudelmitgliedern zum zeremoniellen Toast versammelten.Sie glaubten, dass sie dort waren, um fünf Jahre Lyras Dienst als Luna zu feiern. Keiner von ihnen wusste, dass ihre Luna in der Kammer auf ihren Knien lag und unter dem Griff ihres Partners ums zu atmen kämpfte."Du bist stumm. Ein nutzloser Schatten", zischte Kaelen und drückte seine Finger um ihre Kehle. "Fünf Jahre lang habe ich das Rudel gla







