LOGINKAPITEL DREI
Zufluchtsort
Die schwarzen Stahltore öffneten sich und enthüllten den Eingang zum Shadow Veil Territory. Dies war Cassians Haus, erinnerte sich Lyra.
Sie stützte ihre Stirn gegen das kühle Glas von Cassians gepanzertem Transportmittel und beobachtete, wie die Kiefernwälder einer riesigen Festung im Obsidiangebirge weichen. Im Gegensatz zur Sunridge-Titadelle, in der jede Marmorsäule dazu gedacht zu sein schien, Kaelens Reichtum zu zeigen, war die Schattenzitadelle dunkel, imposant und zur Verteidigung gebaut. Alles daran verlangte Respekt, und niemand würde es wagen, den Alpha herauszufordern, der es regierte.
Torin, Cassians Beta, saß auf dem Beifahrersitz. Der vernarbte, ruhige Mann blickte durch den Rückspiegel zurück zu ihnen.
"Die Perimeterscouts berichten von keiner Bewegung von Sunridge, High Alpha. Kaelen erholt sich immer noch von... dem Vorfall."
"Er wird sich nicht bewegen, bis er das Blut aus seinen Ohren wischt", antwortete Cassian beiläufig vom Sitz neben Lyra aus.
Er hatte nicht nach seinem Schwert gegriffen oder irgendwelche Anzeichen von Besorgnis gezeigt, seit sie Sunridge verlassen hatten. Tatsächlich sah er so entspannt aus, dass jeder denken würde, dass es ein gewöhnlicher Arbeitstag war, eine Luna aus einem rivalisierenden Rudel zu nehmen.
Vielleicht macht er das oft, dachte Lyra.
Sie hielt ihre Hände fest in ihrem Schoß gefaltet und zog Cassians schweren schwarzen Mantel näher um ihre Schultern. Ihre Kehle schmerzte immer noch von dem Geräusch, das sie vor Stunden gemacht hatte, und sie hatte Mühe, alles, was passiert war, zu verstehen.
Ein Meerjungfrauenwolf.
Die Worte wiederholten sich immer wieder in ihrem Kopf. Sie war erwachsen geworden, als sie Geschichten über Sirens hörte, vor den Kreaturen, vor denen die Eltern ihre Welpen warnten, wenn sie zu nahe an tiefe Gewässer wanderten. Den Legenden zufolge könnten ihre Stimmen Alphas dazu zwingen, sich gegen ihre eigenen Rudel zu wenden, ihre Blutlinien zu zerstören oder ihren Verstand zu verlieren.
Jede Geschichte endete auf die gleiche Weise. Die Sirene wurde gejagt und zu Asche verbrannt, um die natürliche Ordnung zu schützen.
War sie wirklich ein Monster, das niedergeschlagen werden musste? War das der Grund, warum alle sie so behandelt hatten, als wäre sie wertlos?
Der Transport kam im zentralen Innenhof zum Halt. Krieger standen in Reihen um das Gebiet, ihre goldenen Augen folgten dem Fahrzeug, als es ankam.
Als Cassian seine Tür öffnete und hinausging, verbeugte sich jeder Krieger im Hof auf einmal.
Er wartete nicht darauf, dass sie sich aufrichteten, bevor er sich wieder Lyra zuwandte und ihr seine Hand anbot.
Ihr entspanntes Aussehen hatte sie zunächst getäuscht, aber sie konnte sehen, wie wach sie waren. Jeder Krieger schien sich seiner Umgebung bewusst zu sein, und keiner schien bereit zu sein, seinen Alpha von irgendetwas bedrohen zu lassen.
"Aus, kleiner Vogel", sagte Cassian leise.
Lyra zögerte und starrte auf seine ausgestreckte Hand. Sie konnte nicht verstehen, was er von ihr wollte. In Sunridge könnte es ihr eine Ohrfeige einbren, wenn sie ohne Erlaubnis nach jemandem greift. Sie hatte gelernt, auf Anweisungen zu warten, anstatt zu riskieren, den falschen Schritt zu machen.
Aber Cassian sah nicht ungeduldig aus. Er wartete einfach, seine grauen Augen auf sie gerichtet, bis sie schließlich ihre kleinere, gequetschte Hand in seine legte.
Sein Griff war fest, aber sanft, als er ihr aus dem Fahrzeug in die kühle Bergluft half.
Das Flüstern verbreitete sich unter den Kriegern, als sie ihr zerrissenes Kleid, ihre blutigen Lippen und ihr silberweißes Haar über Cassians schwarzen Mantel fallen sahen.
"Hohepriesterin Vanya wartet im inneren Heiligtum", murmelte Torin und verbeugte sich leicht, als er sich ihnen anschloss. "Sie spürte die Resonanz den ganzen Weg von der Grenze aus."
Cassian führte Lyra durch breite Bögen, die in dunklen Granit geschnitzt wurden, und entlang von Korridoren, die von blauen Flammen beleuchtet werden, die in an der Wand befestigten Kohlenbecken brannten. Jeder Wachmann, an dem sie vorbeiging, war aufmerksam, aber Lyra bemerkte etwas, an das sie nicht gewöhnt war.
Niemand sah sie angewidert an.
Stattdessen waren ihre Gesichtsausdrücke neugierig, und einige schienen sie sogar mit einer Art Ehrfurcht anzusehen.
Cassian blieb vor einem Paar riesiger Türen stehen, die aus antikem Eisenholz gefertigt und mit silbernen Markierungen verstärkt wurden.
"Hier drin", sagte er und drückte sie auf.
Hinter den Türen lag eine riesige unterirdische Kammer, die um eine natürliche heiße Quelle herum gebaut wurde. Die Luft roch nach Salbei, Kiefer, Schwefel und Kräutern, die Lyra nicht identifizieren konnte.
Eine ältere Frau stand neben dem dampfenden Wasser, gekleidet in dunkle Samtroben. Ihre Augen waren völlig silbern, vom Alter getrübt, aber in dem Moment, als Lyra eintrat, drehte sich die Frau zu ihr um, als ob sie sie perfekt sehen könnte.
"Also", rauschte die Priesterin, ihre Stimme rau vor Alter. "Die kaputte Glocke hat endlich geläutet."
Lyra näherte sich instinktiv Cassian.
Die Priesterin näherte sich langsam und neigte ihren Kopf, als würde sie etwas hören, was Lyra nicht hören konnte.
"Bring sie ins Wasser, Cassian", wies Vanya an. "Lassen Sie uns sehen, ob das Siegel wirklich geknackt ist."
Cassian legte eine beruhigende Hand auf Lyras Rücken und führte sie zum Steinpool.
"Sie hat nicht gesprochen, Vanya. Kein Wort. Sie hat Angst vor ihrer eigenen Stimme."
"So wie sie sein sollte", antwortete Vanya deutlich, obwohl sie nicht unfreundlich klang.
Sie griff in ihre Roben und holte einen kleinen Obsidianspiegel heraus. Sie hielt es in einer Hand und wandte sich an Lyra.
"Schau ins Wasser, Kind. Sag mir, was du siehst."
Lyra schaute auf den klaren Pool hinunter, wo ihr Spiegelbild unter den blauen Flammen erschien. Ihr gequetschter Kiefer, ihre hohlen Wangen und ihr blass, silberweißes Haar starrten sie an. Das gleiche Haar, für das Kaelen sie von Anfang an gehasst hatte.
"Sie haben dir gesagt, dass weißes Haar ein Fluch ist, nicht wahr?" Fragte Vanya, als hätte sie Lyras Gedanken gehört. "Sie sagten dir, es sei ein Zeichen für eine schwache, fehlerhafte Blutlinie."
Lyra nickte langsam.
Vanya lachte leise, traurig.
"Idioten, die mit dem Feuer spielen. Ihnen fehlt die Abstammung, um sie zu verstehen. Silbernes Haar ist kein Defekt, Lyra. Es ist das Zeichen des Ersten Chors, der königlichen Sirenen-Wölfe, die die nördlichen Gebiete regierten, lange bevor die Alphas jemals ihre kleinen Rudel herausgeschnitten haben."
Lyras Atem stockte. Sie blickte vom Wasser auf und starrte Vanya an, ihre Lippen öffneten sich, als sie versuchte, die Worte zu finden, um zu antworten.
Nichts kam heraus.
"Vor fünfhundert Jahren", fuhr Vanya fort und trat näher, "fürchtete der Alpha-Rat die Sirenen-Wölfe, weil ein einziges Lied von einer Sirenen-Luna den Befehl eines Alphas brechen, eine Armee zwingen konnte, ihre Waffen niederzulegen oder die Bindung eines ganzen Rudels zerstören konnte. Also jagten sie sie. Sie schlachteten die Blutlinien ab und zwangen die Überlebenden zum Schweigen, wobei sie ihre Stimmen mit dunklen Eiden banden."
Vanya streckte die Hand aus und berührte sanft die Mitte von Lyras Kehle, direkt über ihrem Puls.
"Deine Mutter hat dir nicht gesagt, dass du schweigen sollst, um dich davor zu schützen, ein Monster zu werden, Lyra", flüsterte sie. "Sie sagte dir, du sollst schweigen, weil sie wusste, dass in dem Moment, in dem ein Alpha deine wahre Stimme hört, er entweder versuchen würde, dich zu ketten... oder auf die Knie gezwungen werden würde."
Lyras Herz pochte, als sie die Worte der Priesterin aufnahm.
Jahrelang hatte sie geglaubt, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie hatte sich gefragt, ob sie verflucht war, ob ihre Existenz ein Fehler war oder ob Kaelen die ganze Zeit Recht mit ihr gehabt hatte.
Aber wenn Vanya die Wahrheit sagte, hatte ihre Mutter keinen Fluch weitergegeben. Sie hatte die Macht einer vergessenen königlichen Blutlinie weitergegeben, eine Macht, die die Alphas jahrhundertelang zu zerstören versucht hatten.
Lyra schluckte und spürte den vertrauten Schmerz in ihrem Hals.
Sie hatte fünf Jahre lang ihre Stimme versteckt. Fünf Jahre lang gehorchte sie der Warnung ihrer Mutter, aus Angst vor dem, was passieren könnte, wenn sie das Geräusch entweichen lässt.
Nicht mehr.
Sie hatte gespürt, was ihre Stimme tun konnte. Sie verstand seine volle Macht noch nicht, aber sie wusste, dass sie sich nie wieder bereitwillig zum Schweigen bringen würde. Was auch immer als nächstes geschah, sie würde es nutzen, um sich selbst und die Menschen, die ihr wichtig waren, zu schützen.
"Und jetzt?" Lyra schaffte es schließlich zu fragen.
Ihre Stimme kam als eine leise, raue Rasche heraus, die durch die Kammer hallte. Sie erkannte es kaum, aber etwas daran fühlte sich bekannt an.
"Was... bin ich für dich?"
Sie drehte sich zu Cassian um und suchte in seinem Gesicht nach einer Antwort.
Hat er sie hierher gebracht, weil er sie gegen seine Feinde einsetzen wollte? Hatte er sie nur gerettet, weil er eine Waffe gesehen hatte, die er kontrollieren konnte?
Hat sie einfach einen Käfig gegen einen anderen eingetauscht?
Cassian trat näher und blieb nur wenige Zentimeter von ihr entfernt stehen. Er hob seine Hand und strich mit seinen Fingern über ihre Wange, wobei er eine Träne wegwischte, von der sie nicht einmal wusste, dass sie gefallen war.
"Für den Rest der Welt bist du eine Bedrohung, die sie versuchen werden zu töten", sagte Cassian, seine sturmgrauen Augen auf ihre gerichtet. "Zu Sunridge bist du die Abrechnung, die sie auf sich selbst gebracht haben. Aber für mich..."
Er hob sanft ihr Kinn und vergewisserte sich, dass sie seinem Blick begegnete.
"...Du bist die Souveräne Luna des Schattenschleiers. Und ich werde mein Leben leben und dir helfen, jede Hand niederzubrennen, die es jemals gewagt hat, dich zu berühren."
KAPITEL FÜNFDer BluteidDer Kriegsraum unter der Schattenzitadelle wurde von Eisenfeuern beleuchtet, die mit roten und bernsteinfarbenen Flammen brannten. In der Mitte stand ein großer Schiefertisch, der mit Karten der nördlichen und südlichen Gebiete eingraviert war.Cassian stand über der Karte, beide Hände ruhten auf der Tischkante. Neben ihm studierte Lyra das mit Silber versiegelte Pergament, das Torin vor sie gelegt hatte. Die Robbe trug den Kamm von Sunridge, eine goldene Sonne hinter einem knurrenden Wolf, der jetzt mit getrocknetem Blut befleckt ist."Eine Bluteidsammlung", spuckte Torin und verschränkte seine vernarbten Arme. "Kaelen ist verrückt. Die südlichen Schurken anzurufen bedeutet, Schwertkämpfer, Mörder und verbannte Alphas in zivilisiertes Gebiet einzuladen. Er öffnet die Schleusen, nur um eine Frau zurückzuziehen.""Er tut es nicht nur, um sie zurückzubekommen", antwortete Cassian mit ruhiger, aber kalter Stimme. "Er tut es, weil sein Rudel zusah, wie er von eine
KAPITEL VIERDie erste NotizDie Quartiere des Souvereign Luna waren geräumig, mit dunklen Marmorwänden und einem großen Steinkamin, der den Raum warm hielt. Doch drei Tage lang war Lyra kaum über den Balkon hinausgetreten.Sie stand am Rande der Terrasse, in einen dicken Wollumhang gehüllt, mit Blick auf die Obsidian Mountains. Unten trainierten die Shadow Veil-Krieger zusammen, ihre Bewegungen präzise und gut koordiniert. Es gab keine Ohrfeigen oder grausamen Beleidigungen wie die, die sie in Sunridge ertragen hatte. Nur der Zusammenprall von Stahl und das Knurren der Wölfe, als sie mit ihren Mitkriegern trainierten.Ein heftiges Klopfen ertönte an der Tür, bevor sie sich öffnete.Cassian trat ein und trug ein silbernes Tablett mit heißer Brühe, frischem Brot und einem kleinen Glasfläschchen, das mit leuchtend bernsteinfarbener Flüssigkeit gefüllt war. Er trug nicht seine übliche Kampfrüstung, nur eine dunkle Tunika mit hochgekrempelten Ärmeln, die die dunklen Tätowierungen enthüllt
KAPITEL DREIZufluchtsortDie schwarzen Stahltore öffneten sich und enthüllten den Eingang zum Shadow Veil Territory. Dies war Cassians Haus, erinnerte sich Lyra.Sie stützte ihre Stirn gegen das kühle Glas von Cassians gepanzertem Transportmittel und beobachtete, wie die Kiefernwälder einer riesigen Festung im Obsidiangebirge weichen. Im Gegensatz zur Sunridge-Titadelle, in der jede Marmorsäule dazu gedacht zu sein schien, Kaelens Reichtum zu zeigen, war die Schattenzitadelle dunkel, imposant und zur Verteidigung gebaut. Alles daran verlangte Respekt, und niemand würde es wagen, den Alpha herauszufordern, der es regierte.Torin, Cassians Beta, saß auf dem Beifahrersitz. Der vernarbte, ruhige Mann blickte durch den Rückspiegel zurück zu ihnen."Die Perimeterscouts berichten von keiner Bewegung von Sunridge, High Alpha. Kaelen erholt sich immer noch von... dem Vorfall.""Er wird sich nicht bewegen, bis er das Blut aus seinen Ohren wischt", antwortete Cassian beiläufig vom Sitz neben Ly
KAPITEL ZWEIDie kaputte GlockeStille erfüllte den Raum.Alpha Kaelen richtete seine Manschetten auf, obwohl das leichte Zittern in seiner Hand seine Nervosität verriet. High Alpha Cassian war kein Mann, dem jemand zu überqueren wagte. Er hatte ganze Gebiete in die Knie gezwungen, und Kaelen wusste, dass er in seiner Nähe vorsichtig sein musste. Dennoch zwang er sich ein arrogantes Lächeln ins Gesicht und versuchte, die Kontrolle über die Situation wiederzuerlangen."High Alpha Cassian", sagte Kaelen, seine Stimme etwas lauter als sonst. "Sie ehren uns mit Ihrer frühen Ankunft. Aber wie Sie sehen, ist dies eine private Angelegenheit zwischen mir, meiner Luna und meinem zukünftigen Partner. Ich muss Sie respektvoll bitten, in der Haupthalle zu warten."Cassian bewegte sich nicht. Seine Aufmerksamkeit blieb auf Lyra, und Kaelens Worte schienen sich kaum zu registrieren. Seine grauen Augen nahmen das Blut auf ihrer Unterlippe auf, die blauen Flecken, die sich über ihr Schlüsselbein unte
Kapitel EinsDas Glas LunaLyra konnte Blut in ihrem Mund schmecken. Sie behielt es dort und weigerte sich zu schlucken. Schlucken würde bedeuten, zu zucken, und zucken würde Kaelen nur dazu bringen, seinen Griff um ihre Kehle zu straffen."Schau mir in die Augen, während ich dir deinen Titel entziehe, Lyra", spuckte Kaelen. Seine Stimme war kalt und voller Ekel.Sie standen in der Haltekammer von Sunridge Citadel. Draußen trieb Gelächter und Jubel von der Sonnenwendefeier durch die Buntglasfenster. Der Lärm aus dem darunter liegenden Innenhof erfüllte die Zitadelle, als sich Tausende von Rudelmitgliedern zum zeremoniellen Toast versammelten.Sie glaubten, dass sie dort waren, um fünf Jahre Lyras Dienst als Luna zu feiern. Keiner von ihnen wusste, dass ihre Luna in der Kammer auf ihren Knien lag und unter dem Griff ihres Partners ums zu atmen kämpfte."Du bist stumm. Ein nutzloser Schatten", zischte Kaelen und drückte seine Finger um ihre Kehle. "Fünf Jahre lang habe ich das Rudel gla







