LOGINVor zwei Jahren verlor der Milliardär und CEO Adrian Sterling bei einem tragischen Unfall sein Gedächtnis und vergaß die einzige Frau, die er je wirklich geliebt hatte: seine Frau Evelyn Hart. Seitdem behandelt er sie wie eine Goldgräberin, während die Frau, die ihren Platz in seinen Erinnerungen eingenommen hat, geduldig darauf wartet, Mrs. Sterling zu werden. Als Evelyns jüngerer Bruder beschuldigt wird, Adrians Schwester getötet zu haben, gerät ihre ohnehin schon angeschlagene Ehe an den Rand des Abgrunds. Während Evelyn darum kämpft, ihren Bruder vor dem Gefängnis zu bewahren und die Wahrheit hinter einem tödlichen Lagerhausunfall aufzudecken, stößt sie auf Geheimnisse, die weit über Mord hinausgehen: Geheimnisse, die mit dem Tod ihrer Eltern, dem Unfall von Adrians Großvater und einer Verschwörung zusammenhängen, die mächtig genug ist, ganze Familien zu zerstören. Doch als Adrian erkennt, dass alles, was er über Evelyn glaubt, eine Lüge sein könnte, wird er sich an die Frau erinnern, die er einst liebte, bevor er sie für immer verliert? Oder kommt die Wahrheit zu spät, um die Frau zu retten, die er vergessen hat?
View MoreEVELYNS SICHT
„Daniel hat sie nicht getötet.“
Meine Stimme zittert, trotz meiner Bemühungen, sie zu beruhigen, und ich umklammere Daniels Handgelenk unter dem Tisch fester, denn er ist meine einzige verbliebene Familie, und der Gedanke, auch ihn zu verlieren, ist unerträglich.
Niemand glaubt mir. Nicht der Detective, nicht die Polizisten, nicht die Leute, die draußen tuscheln, und den Blicken nach zu urteilen, die sie meinem Bruder zuwerfen, haben sie ihn bereits für einen Mörder gehalten. Das Wort macht mich krank.
Ich drehe mich zu Daniel um, und mir schnürt es die Kehle zu, denn er sieht völlig anders aus als sonst. Seine Uniform ist staubbedeckt, getrocknetes Blut klebt an seiner Schläfe, seine Lippen sind blass und seine Augen so leer, als hätte das Geschehene in der Lagerhalle einen Teil von ihm mitgenommen.
„Daniel“, flüstere ich und zwinge mich zu einem Lächeln, das mir nicht über die Lippen kommt, denn wenn er sieht, wie verängstigt ich bin, wird er sich nur wieder Sorgen um mich machen. „Sieh mich an, okay? Sieh mich einfach an.“
Sekundenlang rührt er sich nicht, und Panik steigt mir in den Rücken, denn Daniel antwortet mir sonst immer.
Als er endlich aufblickt, bricht mir die Leere in seinen Augen fast das Herz, denn ich kenne meinen Bruder, ich habe ihn großgezogen, und das ist nicht das Gesicht eines Menschen, der einen anderen Menschen getötet hat.
Der Detective seufzt schwer und schließt die Akte vor sich, bevor er sagt: „Miss Hart, ständig dasselbe zu wiederholen, ändert nichts an den Beweisen gegen ihn.“
Sofort übermannt mich die Angst mit Wut, und ich richte mich auf, um mir nichts anmerken zu lassen. „Vielleicht liegt es daran, dass hier niemand daran interessiert zu sein scheint, herauszufinden, was wirklich passiert ist“, erwidere ich und starre ihn direkt an, obwohl mir der Magen umdreht. „Sie reden immer von Beweisen, aber seit wir hier sind, suchen Sie nur nach Gründen, ihm die Schuld zuzuschieben.“
Sein Gesichtsausdruck verhärtet sich.
Die Zukunft meines Bruders hängt am seidenen Faden, und Höflichkeit ist mir längst egal.
Bevor der Detective antworten kann, öffnet sich die Tür, und mein ganzer Körper verkrampft sich, denn ich weiß bereits, wer es ist.
Adrian.
Für einen kurzen Moment durchströmt mich Erleichterung, und ich hasse es, denn selbst nach zwei Jahren der Enttäuschung hofft ein Teil von mir immer noch, dass er mir helfen wird.
Die Hoffnung verfliegt, sobald ich aufsehe und sehe, dass sein Blick auf Daniel gerichtet ist, nicht auf die blauen Flecken in seinem Gesicht oder die Erschöpfung, die ihn niederdrückt, nur auf Daniel. Und der vertraute Schmerz in meiner Brust erinnert mich daran, wie töricht es ist, immer noch etwas anderes zu erwarten.
„Hat er gestanden?“, fragt Adrian mit ruhiger Stimme, und die Frage trifft mich wie ein Schlag, denn sie birgt nicht die geringste Spur von Unsicherheit in sich, nicht einmal die Möglichkeit, dass Daniel unschuldig sein könnte.
Der Detective schüttelt den Kopf. „Nein.“
Stille.
Adrian mustert meinen Bruder einige Sekunden lang, bevor er sagt: „Dann fahren Sie mit der Anklage fort.“
Einen Moment lang glaube ich, mich verhört zu haben, denn er spricht davon, einen Achtzehnjährigen, dessen Leben aus den Fugen gerät, anzuklagen, als ginge es um ein Geschäft.
Der Schock weicht schnell der Wut, und ich springe so schnell auf, dass der Stuhl beinahe hinter mir umkippt.
„Was hast du gerade gesagt?“, frage ich mit zitternder Stimme. Ich hasse es, weil ich nicht will, dass er meine Schwäche spürt, aber die Angst erstickt jedes Wort. „Du weißt noch nicht einmal, was passiert ist, und sprichst schon davon, ihn anzuklagen?“
Endlich treffen sich unsere Blicke.
Das tut auch weh.
Es gab eine Zeit, da sah dieser Mann mich an, als wäre ich sein Ein und Alles. Jetzt sieht er mich an, als wäre ich ein Problem, das er nicht lösen kann.
„Die Beweise deuten auf ihn“, sagt er.
Ich lache.
Das Lachen klingt gebrochen, fast verzweifelt.
„Beweise?“ Mein Hals brennt so sehr, dass ich die nächsten Worte mühsam herauspressen muss. „Deine Schwester ist tot und mein Bruder wäre beinahe gestorben, aber alles, was du tust, ist zu entscheiden, wem von beiden dein Mitleid gebührt.“
Ein Ausdruck huscht über sein Gesicht und ist verschwunden, bevor ich ihn begreifen kann.
„Chloe ist tot.“
„Und Daniel wäre beinahe gestorben!“, fahre ich ihn an, meine Stimme wird trotz meiner eigenen Absicht lauter, denn niemand scheint diesen Teil wahrhaben zu wollen. „Hat überhaupt jemand gefragt, warum er im Krankenhaus landete? Hat irgendjemand gefragt, wie er sich diese Verletzungen zugezogen hat? Oder war es einfacher, ihn zum Schuldigen zu machen?“
Der Raum verstummt, denn niemand hat eine Antwort. Sie sahen Chloes Leiche, sie sahen Daniel lebend, und das genügte.
Ich sehe Adrian an, und etwas in mir schmerzt, weil ich mich noch an den Mann erinnere, der er einmal war, den Mann, der mich liebte und mir versprach, dass wir alles gemeinsam durchstehen würden.
Manchmal fühlt sich sein Verlust grausamer an als der Tod, denn die Amnesie lässt den Menschen, der direkt vor einem steht, im selben Moment verschwinden.
„Warst du dabei?“, frage ich leise, meine Stimme zittert trotz aller Bemühungen, sie zu beruhigen. „Hast du gesehen, was passiert ist?“
„Nein.“
„Wie kannst du dir dann so sicher sein?“ Meine Augen brennen, und ich wende den Blick sofort ab, weil ich mich weigere, wieder vor ihm zu weinen. „Wie kannst du meinen Bruder ansehen und … und schon entscheiden, dass er schuldig ist, obwohl du gar nicht dabei warst?“
Für einen Moment geschieht etwas Seltsames.
Sein Gesichtsausdruck verändert sich leicht.
Eine leichte Falte erscheint zwischen seinen Brauen, fast so, als ob ihn etwas an meinen Worten verunsichert hätte, dann schließt er seine Mauer wieder. „Ich vertraue den Ermittlungen.“
Die Antwort schmerzt, denn was ich darunter höre, ist etwas viel Einfacheres.
Ich vertraue Ihnen nicht.
Bevor ich antworten kann, klingelt das Telefon des Detectives, und er nimmt sofort ab.
Zuerst ist sein Gesichtsausdruck normal, dann verwirrt, dann schockiert. Langsam weicht die Farbe aus seinem Gesicht, und jede Faser meines Körpers spannt sich an.
„Was ist los?“, fragt Adrian.
Der Detective legt auf.
Seine Stimme klingt seltsam. „Jemand hat anonym neue Beweise eingereicht.“
Der Raum verstummt augenblicklich. Ich weiß nicht warum, aber ein schweres Grauen breitet sich in mir aus.
Der Detective geht zum Computer. Ein paar Klicks und einige Sekunden vergehen, dann erstarrt sein ganzer Körper.
Angst durchfährt mich. „Welche Beweise?“, frage ich, mein Puls hämmert so laut, dass ich ihn hören kann.
Niemand antwortet.
Der Detective dreht den Monitor einfach um.
In dem Moment, als ich den Bildschirm sehe, scheint der Boden unter meinen Füßen zu verschwinden.
Es ist ein Foto von Chloe, die regungslos auf dem Lagerhallenboden liegt.
Überall Blut, und über ihr steht … Daniel.
Mein Bruder.
Seine Kleidung ist rot befleckt, eine Hand ist nach ihrem Körper ausgestreckt, als hätte er sie gerade berührt.
Als hätte er sie gerade getötet.
„Nein …“ Das Wort entfährt mir, bevor ich es verhindern kann, und meine Knie geben fast nach, weil das Bild so real, so überzeugend wirkt, genau die Art von Beweismaterial, die ein Leben zerstören kann. „Nein, das ist unmöglich.“
Neben mir atmet Daniel plötzlich scharf ein.
Das Geräusch ist so unerwartet, dass ich mich sofort zu ihm umdrehe.
Zum ersten Mal seit seiner Verhaftung bricht ein Gefühl über sein Gesicht. Sein ganzer Körper erstarrt, als er das Foto anstarrt.
Mein Puls setzt aus, denn das ist nicht die Reaktion von jemandem, der erwischt wurde.
Es ist die Reaktion von jemandem, der gerade etwas gesehen hat, womit er nie gerechnet hätte.
„Daniel?“ Ich packe seinen Arm, Panik steigt in mir auf. „Daniel, was ist los? Sprich mit mir.“
Seine Lippen öffnen sich, aber er bringt kein Wort heraus.
Der Raum wartet, die Detectives, die Polizisten, Adrian und alle anderen.
Daniel starrt auf den Bildschirm, dann weicht die Farbe vollständig aus seinem Gesicht.
„Nein …“, flüstert er.
Das Wort ist kaum hörbar.
Ich umklammere ihn fester. „Daniel, sag mir, was los ist.“
Sein Atem geht unregelmäßig, fast panisch, dann sieht er mich an, und die Angst in seinen Augen ist so überwältigend, dass mir das Herz in die Hose rutscht.
„Evelyn …“, seine Stimme bricht. „Das Mädchen auf dem Foto …“
Mir stellen sich die Haare zu Berge. „Was ist mit ihr?“
Daniel starrt ein letztes Mal auf den Bildschirm, bevor er Adrian direkt ansieht. „Du sagtest, Chloe sei im Lagerhaus gestorben?“
Stille breitet sich im Raum aus.
Ein schreckliches Gefühl läuft mir über den Rücken.
Adrians Gesichtsausdruck verfinstert sich. „Wovon redest du?“
Daniel schluckt schwer. „Das ist nicht das Mädchen, das ich habe fallen sehen.“
ADRIANS POVIn dem Moment, als Evelyn sagte, sie fahre nach Singapur, produzierte mein Gehirn ungefähr siebzehn Möglichkeiten, die Reise sicherer, schneller und erheblich kontrollierbarer zu gestalten – und leider involvierte alle siebzehn mich.Privatjet. Sicherheitsteam. Unternehmenskontakte. Eine lokale Anwaltskanzlei. Ein Privatdetektiv. Zwei Menschen, denen ich in Singapur vertraute. Eine Person, der ich nicht vertraute, die aber wusste, wie man andere einschüchtert.Ich starrte auf mein Telefon und öffnete bereits die Kontaktliste. Dann hielt ich inne. Ich schloss den Bildschirm. Öffnete ihn wieder. Schloss ihn.Lucas beobachtete mich von der anderen Seite des Büros. „Sie sehen aus, als würden Sie mit Ihrem Telefon kämpfen."„Das tue ich." „Wer gewinnt?"„Das Telefon." Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „So schlimm?"Ich ignorierte ihn und blickte zur Glaswand, die mein Büro vom Konferenzraum trennte, wo Evelyn gerade die Singapur-Dokumente mit Daniel und zwei Hart-Manufactu
EVELYNS POVDas Angebot lag vor mir wie eine einfache Antwort – genau deshalb vertraute ich ihm nicht. Eine einzige Unterschrift könnte den rechtlichen Druck beseitigen, die Konten von Hart Manufacturing wieder auffüllen und Michaels unvollendetes Projekt zu jemand anderem Problem machen. Doch jedes Mal, wenn ich auf die Zahl schaute, hörte ich die Stimme meines Vaters in meinem Kopf, die mir sagte, dass unvollendete Dinge nicht zwangsläufig Misserfolge seien.Ich schloss den Ordner. „Wir verkaufen es nicht."Im Sitzungssaal wurde es vollkommen still. Ein Direktor blinzelte mich an. „Sie lehnen das Angebot ab?"„Ja." Ein weiterer Direktor lehnte sich vor, sein Gesichtsausdruck verhärtete sich. „Evelyn, mit allem Respekt – das ist keine sentimentale Entscheidung, die wir uns leisten können, nur weil das Projekt Ihrem Vater gehörte."„Da stimme ich zu." Diese Antwort schien ihn zu überraschen. Ich schob den Vertrag zur Mitte des Tisches. „Deshalb treffe ich die Entscheidung auch nicht,
Evelyns POVDer Umschlag wartete auf meinem Schreibtisch, als ich bei Hart Manufacturing ankam, versiegelt in dickem weißem Papier mit dem Namen einer Anwaltskanzlei, der über die Vorderseite gedruckt war, und ich wusste noch vor dem Öffnen, dass mein Morgen gerade erheblich schlimmer geworden war.Ich öffnete ihn trotzdem, weil Erwachsensein anscheinend bedeutete, immer wieder Dinge zu öffnen, die einem den Tag ruinieren wollten, und der erste Satz reichte, um meinen Magen zusammenzuziehen: formelle Mitteilung über Vertragsbruch, Entschädigungsforderung und Beanspruchung geistiger Eigentumsrechte.Ich las die Seite zweimal, bevor ich aufblickte zu Maya, die gerade mit zwei Kaffees durch die Tür getreten war und sofort meinen Gesichtsausdruck bemerkte. „Bitte sag mir, das ist eine Frühstückskarte und keine weitere juristische Katastrophe", sagte sie und stellte den Kaffee neben mich, und ich wäre fast gelacht, weil Frühstück plötzlich wie das sicherste Problem der Welt klang.„Es ist
Adrians POVIch hatte über die Jahre etwas über Evelyn gelernt: Wenn sie auf einen Stapel Dokumente starrte, ohne zu blinzeln, würde bald jemand einen sehr schlechten Tag haben, und diesmal schien das Opfer ein ganzer Aktenschrank zu sein.Sie stand am Konferenztisch mit hochgekrempelten Ärmeln, drei offenen Ordnern um sich herum und einem Stift, der zwischen ihren Fingern gefangen war. „Hier muss etwas sein, Adrian. Mein Vater hat kein so kompliziertes Projekt aufgebaut, um es dann einfach… zu vergessen zu beenden."Ich zog einen weiteren Ordner zu mir, vorsichtig darauf bedacht, nichts zu bewegen, was sie bereits angeordnet hatte. „Er hat es nicht vergessen. Sieh dir diese Daten an."Sie beugte sich über meine Schulter, ihr Haar streifte meine Wange, während sie die Seiten studierte. „Sie stammen alle aus derselben Periode."„Nicht ganz." Ich zeigte auf die Etiketten. „Die technischen Dateien wurden im Abstand von Wochen erstellt, aber die Finanzdaten wurden fast täglich aktualisier











