Mag-log inTatum – Ich-Perspektive
Ich kam noch immer völlig unter Schock im Krankenhaus an – oder vielleicht war es auch einfach nur blinde, ungezügelte Wut. Liam war bereits in die Notaufnahme gebracht worden. Auf dem Weg hierher hatte ich Amelia geschrieben. Nun saß ich zusammengesunken auf einem Stuhl direkt vor dem Operationssaal. Das Einzige, was ich hören konnte, war mein rasendes Herz. Als Amelia endlich auftauchte, sprang sie sofort auf mich zu. „Tate, beruhige dich. Liam wird wieder gesund. Er ist stark“, sagte sie, obwohl ihre eigene Stimme zitterte. Ich brach in ihren Armen zusammen und schluchzte, während sie mir beruhigend über den Rücken strich. Mein ganzer Körper wollte einfach nicht aufhören zu zittern. Dann blickte ich auf mein Shirt. Liams Blut. Es klebte noch immer an dem Stoff. Mein Verstand setzte aus. Vor meinem inneren Auge tauchte wieder das Bild auf – sein regloser Körper, wie er dort gelegen hatte. Diese verrückte Schlampe. In diesem Moment schwor ich mir: Sollte Liam etwas passieren, würde ich jeden zur Rechenschaft ziehen, der dafür verantwortlich war. Niemand würde ungeschoren davonkommen. Amelia versuchte weiterhin, mich zu beruhigen, doch wie sollte ich ruhig bleiben? Liams Leben hing am seidenen Faden, und als seine ältere Schwester fühlte ich mich vollkommen machtlos. Nutzlos. Elend. Es fühlte sich beinahe wie ein Fluch an, mit mir verwandt zu sein. Plötzlich tauchte Arden auf, Brianna dicht hinter ihm. Ihr Kopf war bandagiert. „Arden“, rief Amelia. Ich hob den Kopf. Wenigstens schien er noch einen Funken Gewissen zu besitzen. Doch dann fiel mein Blick auf die Person hinter ihm. Brianna. Dieses Monster. Eine glühend heiße Welle der Wut durchfuhr mich. „Was machst du hier?“, verlangte ich zu wissen und stemmte mich hoch. Amelia erhob sich ebenfalls und legte eine Hand an meinen Arm, um mich zu stützen. „Ich bin gekommen, um nach—“, begann Arden. „Nicht du“, unterbrach ich ihn. Meine Stimme war kalt und leer. „Sie ist gekommen, weil sie sich wegen des Vorfalls schuldig fühlt“, erklärte Arden und stellte sich schützend vor sie. „Warum sprichst du für sie? Sag ihr, sie soll gehen. Sie ist hier nicht erwünscht.“ Meine Stimme war scharf und unnachgiebig. Ardens Blick wurde dunkler. „Du hast mich gehört“, fauchte ich. Meine Stimme wurde lauter. „Du verrückte Schlampe, verschwinde!“ „Sie zu vertreiben sollte gerade deine geringste Sorge sein!“, fuhr Arden mich an. „Es sollte meine einzige Sorge sein! Wenn ich sie sehe, wird mir schlecht. Sie ist der Grund, warum Liam dort drinnen liegt!“ „Es war ein Unfall, okay?“, beharrte Arden. Ich stieß ein bitteres, spöttisches Lachen aus. „Ein Unfall? Das ich nicht lache.“ „Genug, Arden!“, fuhr Amelia ihn an. Ihre Geduld war endgültig erschöpft. „Hör auf, so voreingenommen zu sein.“ Ardens Kiefer spannte sich an, doch er schwieg. Amelia führte mich zurück zu meinem Stuhl. Unter ihrer Berührung zitterte mein ganzer Körper. „Liam wird wieder gesund, Tate. Die Ärzte hier sind Experten. Er ist stark. Er würde nicht wollen, dass du dich so fertig machst.“ „Ich fühle mich so nutzlos, Amelia. Ich konnte ihn nicht beschützen.“ „Du bist nicht nutzlos. Du tust dein Bestes“, flüsterte sie. „Ich hoffe einfach, dass es ihm gut geht“, schluchzte ich. „Das wird es.“ --- Etwa drei Stunden später trat der Chirurg aus dem Operationsbereich. Ich war augenblicklich auf den Beinen. „Wie geht es ihm?“ Der Arzt sah mich ernst an. „Sind Sie sein gesetzlicher Vormund?“ „Ja.“ „Er ist stabil, aber er hat einen schweren Schlag gegen den Kopf erlitten. Er befindet sich zwar nicht mehr in unmittelbarer Lebensgefahr, aber er liegt im Koma. Ich kann Ihnen nicht sagen, wann – oder ob – er wieder aufwachen wird.“ Die Welt schien sich unter meinen Füßen zu drehen. Ein Koma. Mein Blick verschwamm. Meine Knie gaben nach und alles um mich herum wurde schwarz. --- Als ich endlich wieder die Augen öffnete, erfüllte der sterile Geruch von Desinfektionsmittel meine Lungen. Amelia saß neben meinem Bett. Sobald sie bemerkte, dass ich wieder bei Bewusstsein war, sprang sie auf und kam zu mir. „Tate, geht es dir gut?“ Ich nickte, doch heiße Tränen liefen mir sofort über die Wangen. „Komm schon, Tate. Bitte nicht“, sagte sie, während auch ihr die Tränen über das Gesicht liefen. „Es ist okay … weine nicht“, flüsterte ich und spürte, wie eine Welle von Schuldgefühlen über mich hinwegrollte. „Kannst du mich zu ihm bringen?“ „Du bist noch zu schwach“, protestierte sie. „Ich weiß. Aber ich muss ihn sehen.“ Schließlich gab sie nach und half mir, zu seinem Krankenzimmer zu gelangen. Ich starrte meinen Bruder an. Den Jungen, der immer voller Leben und Lachen gewesen war. Jetzt lag er reglos in diesem Bett. Sein Gesicht war blass, seine Lippen farblos. Er sah nicht aus wie der Liam, den ich kannte. Er lag dort – wegen dieses Monsters Brianna. In diesem Moment legte ich mir selbst ein stilles Versprechen ab. Ich würde sie zur Rechenschaft ziehen. Niemand würde mich davon abhalten. Nicht einmal Arden. --- Arden – Ich-Perspektive Seit heute Morgen war Brianna nicht mehr sie selbst. Sie wirkte blass, beinahe geisterhaft. Ich wusste, dass sie unberechenbar sein konnte, aber ich hätte niemals gedacht, dass sie zu so etwas fähig wäre. Ein Teil von mir wollte glauben, dass es wirklich ein Unfall gewesen war. Ein anderer Teil fürchtete, dass es Absicht gewesen sein könnte. Meine Gedanken wanderten immer wieder zu Tatum zurück. Zu ihren verzweifelten Schreien, als sie ihren Bruder gesehen hatte. Zu der unbändigen Wut in ihren Augen, als sie Brianna erblickte. Kein vernünftiger Mensch konnte ihr vorwerfen, so reagiert zu haben. Ein Klingeln meines Telefons riss mich aus meinen Gedanken. „Ja?“ „Miss Tatum ist wieder wach.“ „Verstanden.“ Ich legte auf und sah zu Brianna. Sie schlief, doch ihre Stirn war gerunzelt, als würde sie in einem Albtraum gefangen sein. Leise schloss ich die Tür und machte mich auf den Weg zu Tatums Krankenzimmer. Ich öffnete die Tür vorsichtig und fand sie aufrecht sitzend vor. Ihre Augen waren gerötet, als hätte sie stundenlang geweint. Ich räusperte mich, um auf mich aufmerksam zu machen. Langsam hob sie den Blick. „Was machst du hier?“, fragte sie mit einer Stimme, die so kalt wie Eis war. „Ich wollte sehen, wie es dir geht.“ „Wie du siehst, geht es mir gut. Du kannst jetzt gehen.“ Sie machte eine kurze Pause, dann wurde ihr Blick noch härter. „Und sag deiner Geliebten, dass ich ihr Gesicht nicht sehen will. Sie soll gar nicht erst versuchen, sich zu entschuldigen. Ich kann nicht garantieren, was ich tun werde, wenn sie auch nur einen Fuß hier hereinsetzt.“ Mein Blick wurde finster. Ich wollte den Mund öffnen, um Brianna zu verteidigen. Doch dann sah ich Tatums Augen. Ich hielt inne. Angesichts ihrer Verletzlichkeit konnte ich nichts erwidern. Also nickte ich lediglich. Ich wandte mich zum Gehen. Doch in diesem Moment trat eine vertraute Gestalt durch die Tür. Mein Blick verfinsterte sich.Ardens POVIch räusperte mich – ein scharfes, bewusst gesetztes Geräusch, das die dichte Spannung im Raum durchdringen und sie aus ihrer eigenen Fantasiewelt reißen sollte. Sofort fuhren sie auseinander. Amelias Gesicht war hochrot, und ihre Augen huschten nervös umher wie bei einem Kind, das mit der Hand im Keksglas erwischt worden war. Damien hingegen blieb, wie zu erwarten, völlig gelassen.„Was geht, Mann?“, sagte er mit ruhiger, viel zu lässiger Stimme.„Was machst du hier?“, platzte Amelia heraus.„Das sollte ich wohl eher dich fragen“, entgegnete ich und lehnte mich gegen den Türrahmen. Mein Blick verweilte bewusst auf dem Abstand zwischen den beiden. „Wenn ich nicht hereingekommen wäre – wie weit wäre das Ganze wohl noch gegangen?“„Sie ist kein Kind, Arden“, mischte Damien sich ein. Sein Ton klang beinahe defensiv.„Ich... ich muss gehen.“ Amelia wartete gar nicht erst auf eine Antwort. Sie drängte sich an mir vorbei, den Kopf gesenkt, und strahlte eine deutliche Verlegenheit
Amelias POVViel zu nah. Viel, viel zu nah.„Wirst du in meiner Nähe wirklich nervös?“, fragte er.„Wer hat dir das eingeredet?“, fragte ich.„Deine Ohren verraten dich. Weißt du das?“, fragte er.Verdammt!Meine Ohren verrieten mich bei jeder sich bietenden Gelegenheit.„Das ist ganz normal. Das bedeutet nicht, dass ich lüge“, sagte ich und wich von ihm zurück.„Das glaube ich dir nicht“, erwiderte er.„Ich gehe.“Ich schnappte mir meine Tasche und stand auf.„Warum? Habe ich dich etwa unwohl fühlen lassen?“, fragte er, wobei sein Blick mich auf eine Weise musterte, die viel zu anziehend war.„Nein, ich bin beschäftigt“, sagte ich und ging davon.Er lief mir hinterher und packte mein Handgelenk.„Ich bringe dich nach Hause“, sagte er.„Nein.“Ich schob seine Hand weg und ging, ohne mich zu verabschieden.Ich weiß nicht, warum ich das getan hatte, aber ich musste einfach gehen.Zu Hause angekommen, schleuderte ich meine High Heels quer durch den Raum, bevor ich mich auf das Sofa falle
Tatums POV „Mr. Smiths Assistent hat angerufen. Er sagte, er wird bald hier sein“, verkündete Chloe. „Oh, okay. Wenn er die benötigten Dokumente bringt, überprüfe sie bitte, bevor du sie zu Briannas Manager bringst. Falls dir irgendetwas verdächtig vorkommt, sag mir Bescheid“, wies ich sie an. „Natürlich, kein Problem“, sagte sie und verließ mein Büro. Mein Handy klingelte. Ich sah auf das Display, um zu sehen, wer anrief. Überraschenderweise war es mein Vater. „Warum ruft er an?“, fragte ich mich, bevor ich ranging. „Hallo?“ Er schwieg eine Weile. „Dad?“, rief ich. „Ich brauche deine Hilfe bei etwas Wichtigem“, sagte er. Seine Stimme klang so ernst wie noch nie. „Ich bin gerade ziemlich beschäftigt“, sagte ich. „Die Firma macht enorme Verluste, Tatum“, sagte er. „Was meinst du damit, dass die Firma Verluste macht?“, fragte ich und wurde langsam aufgebracht. „Wenn wir die Firma weiterführen wollen, brauchen wir Geld“, sagte er. Natürlich. Genau das hatte er schon imme
Tatums POVNach nur wenigen Tagen, in denen ich in die Familie Voss verwickelt war, war mein Leben bereits unerträglich geworden. Das war der einzige Gedanke, der mir durch den Kopf ging, als ich die Villa betrat.„Willkommen zurück, Madam“, begrüßte mich das Hausmädchen.„Danke“, erwiderte ich und schenkte ihr ein müdes Lächeln.Ich hörte das deutliche Klappern von Besteck und blickte in Richtung Esszimmer. Arden aß bereits zu Abend.Ich beschloss, höflich zu sein.„Guten Abend“, sagte ich, als ich an ihm vorbeiging.Er sah nicht einmal auf. Er warf mir lediglich einen kurzen Blick zu und aß dann weiter.Was hatte ich von diesem Arschloch auch erwartet?, dachte ich bitter.Ich ging direkt in mein Zimmer, um mich frisch zu machen und wieder an die Arbeit zu gehen.Der heutige Tag war so stressig gewesen, dass ich sogar vergessen hatte, bei meiner Wohnung vorbeizuschauen, um mein Auto abzuholen.Später, als ich meine Aufgaben endlich erledigt hatte, fiel ich erschöpft ins Bett und schl
Tatums POVAm nächsten Morgen wachte ich auf und machte mich für die Arbeit fertig. Ich entschied mich für ein marineblaues Maxikleid aus weichem Rippjersey, das elegant bis zu meinen Knöcheln fiel. Es war professionell und gleichzeitig bequem. Dazu trug ich einen schmalen Ledergürtel, der das Outfit perfekt abrundete. Nachdem ich mich dezent geschminkt hatte – gerade genug, um wach und frisch auszusehen –, ging ich zum Frühstück ins Esszimmer.Arden war bereits dort und saß über seinen Teller gebeugt. Er sah nicht einmal auf. Stattdessen ignorierte er meine Anwesenheit, als wäre ich ein Geist.„Guten Morgen“, sagte ich, wobei meine Stimme in dem großen Raum beinahe unterging.Das Hausmädchen servierte mir schweigend mein Frühstück. Die Stille im Esszimmer war ohrenbetäubend und wurde nur vom leisen Klirren meines Löffels an der Keramiktasse unterbrochen, während ich meinen Tee umrührte.Nachdem ich fertig gegessen hatte, kam das Hausmädchen zurück, um den Tisch abzuräumen.„Mach heut
Tatum’s Sicht„Fass mich nicht so an!“, fuhr ich ihn an, meine Stimme scharf wie eine Klinge.Er ignorierte mich, seine Finger krallten sich fest um mein Kinn. Ich stemmte mich gegen ihn und versuchte, mich loszureißen, aber sein Griff war eisern.„Wie konntest du mich schlagen?“, zischte er, sein Ton triefend vor eisigem Zorn.„Weil ich es kann!“, erwiderte ich trotzig.„So redest du nicht mit mir“, knurrte er, sein Griff um meinen Kiefer schmerzhaft fester werdend. „Ich habe mit dir noch nicht einmal die Rechnung für den Schlag gegen Brianna beglichen, und jetzt schlägst du mich? Was glaubst du, was für ein Recht du hast?“„Habe ich auch nicht. Lass mich los“, sagte ich durch zusammengebissene Zähne.„Nein, das werde ich nicht.“„Ich habe dich gewarnt“, sagte ich, meine Stimme auf ein gefährliches Niveau sinkend. „Ich habe dir gesagt, du sollst sie nicht vor mir auftauchen lassen. Ich habe mich ganz klar ausgedrückt: Ich würde für ihre Sicherheit nicht garantieren, wenn sie es tut.“







