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Der Schuldeneintreiber
Elena Brooks wischte den Beschlag vom rissigen Badezimmerspiegel und starrte die Fremde an, die sie dort anblickte. Dunkle Ringe unter den Augen. Verfilzte Zöpfe, für deren Neuflechten sie keine Zeit gehabt hatte. Dreiundzwanzig Jahre alt und schon erschöpft von einem Leben, das ihr keine Atempause gönnte. „Ellie?“, erklang Claires leise Stimme aus dem Schlafzimmer. „Es tut wieder weh.“ Elena schloss für eine halbe Sekunde die Augen, nahm all ihren Mut zusammen und zwang sich dann zu einem Lächeln, als sie das beengte Wohnzimmer betrat. Die Wohnung war ein Witz. Ein Schlafzimmer, abblätternde Farbe, eine Kochnische, die ständig nach Schimmel roch. Der Regen prasselte gegen das einzige Fenster, als wolle er auch hereinkommen. „Ich bin da, Kleines.“ Sie kniete sich neben die Ausziehcouch, auf der ihre zwölfjährige Schwester zusammengerollt lag und sich die Seite umklammerte. Eine weitere Krise. Die Krankenhausrechnungen vom letzten Mal lagen noch immer in einer Schublade wie eine Bombe, die darauf wartete, zu explodieren. „Atme mit mir, okay? Genau so, wie wir es geübt haben.“ Claire nickte schwach, ihre kleine Hand umklammerte Elenas. Ein paar Minuten lang waren die einzigen Geräusche ihr synchroner Atem und der unerbittliche Regen. Elena streichelte die Stirn ihrer Schwester und summte das alte Schlaflied, das ihre Mutter immer gesungen hatte, bevor sie verschwunden war. Ein lautes Klopfen an der Tür zerriss die zerbrechliche Ruhe. Elena erstarrte. Es war nach Mitternacht. Zu dieser Stunde klopfte in dieser Gegend niemand Gutes an die Tür. Ein weiteres Klopfen, diesmal heftiger. Das billige Holz klapperte im Rahmen. „Elena Brooks!“, brüllte eine tiefe, bedrohliche Stimme. „Mach die verdammte Tür auf, oder wir reißen sie dir auf.“ Claire wimmerte. Elena presste einen Finger auf ihre Lippen, das Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Sie griff nach dem alten Baseballschläger, den sie hinter dem Sofa aufbewahrte, und schlich zur Tür, das Telefon bereits in der anderen Hand, den Finger über dem Notrufknopf. Durch den Türspion sah sie drei Männer. Breite Schultern, dunkle Kleidung, Gesichter, als hätten sie das schon einmal gemacht. Der Vordere hatte eine Narbe, die über seine Augenbraue verlief. „Wir wissen, dass du da drin bist“, rief er, fast gelangweilt. „Dein Vater hat ganz schön Chaos hinterlassen. Mr. Rossi wartet nicht gern.“ Mr. Rossi. Der Name ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. Sie hatte ihn schon einmal flüstern hören. Die Art von Namen, die man, wenn überhaupt, nur leise aussprach. „Wir gehen nicht, bevor wir die Nachricht überbracht haben“, fuhr der Mann mit der Narbe fort. „Mach auf, oder wir kommen wieder, wenn die Kleine allein ist.“ Elenas Magen zog sich zusammen. Sie warf einen Blick zurück auf Claire, die sich inzwischen aufgerichtet hatte und vor Angst große Augen machte. Keine Wahl. Sie schob die Kette beiseite, den Schläger noch immer erhoben, und öffnete die Tür gerade so weit, dass ein Spalt entstand. Der Mann mit der Narbe lächelte ohne jede Wärme. „Kluges Mädchen.“ Er hielt einen dicken Umschlag mit Papieren hoch. „Dein alter Herr hatte eine Menge Schulden. Die Zinsen laufen schon seit Jahren. Zeit zu zahlen.“ „Ich habe nichts“, sagte Elena, ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte. „Mein Vater ist schon seit Jahren tot. Ich kann kaum die Stromrechnung bezahlen.“ „Das ist nicht unser Problem.“ Er drückte ihr den Umschlag in die Hand. „Herr Rossi will Sie sehen. Morgen. Punkt 10 Uhr.“ Er schnippte eine glatte schwarze Visitenkarte auf den Boden vor ihre Füße. Goldene Schrift. Alessandro Rossi. Rossi Tower. Einer der anderen Männer lachte düster. „Zieh dich schick an. Und denk nicht einmal daran, wegzulaufen. Wir wissen, wo deine Schwester zur Schule geht. Wir wissen alles.“ Sie drehten sich um und verschwanden in dem schwach beleuchteten Flur, ihre Stiefel hallten wie Schüsse. Elena schlug die Tür zu, verriegelte alle Schlösser und ließ sich auf den Boden gleiten, den Rücken gegen das Holz gelehnt. Ihre Hände zitterten, als sie den Umschlag öffnete. Spalten voller Zahlen. Zinsen auf Zinsen. Eine unvorstellbare Summe. Claires Stimme war kaum zu hören. „Ellie … werden sie uns wehtun?“ „Nein“, flüsterte Elena, kroch zu ihrer Schwester zurück und zog sie in ihre Arme. „Das werde ich nicht zulassen. Ich verspreche es.“ Später, nachdem Claire endlich in einen unruhigen Schlaf gefallen war, saß Elena auf dem Boden, den Rücken gegen die Couch gelehnt, den Laptop auf den Knien balancierend. Das WLAN war wieder langsam, aber sie tippte den Namen trotzdem ein. Alessandro Rossi. Ein Bild nach dem anderen wurde geladen. Markante Kinnlinie. Teure Anzüge. Kalte, durchdringende Augen, die direkt durch den Bildschirm zu blicken schienen. Milliardär. CEO von Rossi Global. Schifffahrt, Luxushotels, Casinos, Tech-Investitionen. Philanthrop, laut den glattgeschliffenen Artikeln. New Yorks begehrtester und unnahbarster Junggeselle. Aber irgendetwas fühlte sich falsch an. Es gab Lücken. Jahre, die in seiner öffentlichen Geschichte fehlten. Fotos, auf denen seine Hand auf der Schulter eines anderen Mannes ruhte. Ein Mann mit denselben leeren Augen wie die Schuldeneintreiber. Schlagzeilen über „angebliche Verbindungen“, die fast so schnell verschwanden, wie sie erschienen waren. Elena starrte auf sein Bild, bis ihre Augen brannten. Das war nicht nur ein reicher Mann, der alte Schulden eintrieb. Das war etwas weitaus Gefährlicheres. Sie blickte auf Claires schlafendes Gesicht, das zum ersten Mal in dieser Nacht friedlich wirkte, und spürte, wie das Gewicht der schwarzen Karte ein Loch in ihre Handfläche brannte. Morgen würde sie sich in die Höhle des Löwen begeben. Und sie hatte keine Ahnung, ob sie wieder herauskommen würde.AbschusslisteDer Sicherheitsbruch versetzte das Penthouse in ein kontrolliertes, aber spürbares Chaos. Techniker arbeiteten verzweifelt an ihren Stationen, ihre Finger flogen über die Tastaturen, während sie versuchten, die gelöschten Übertragungen wiederherzustellen und die ausgenutzten Schwachstellen zu schließen. Sandro bewegte sich wie ein Sturm, gefangen in menschlicher Gestalt, durch den Raum. Seine Stimme war scharf und autoritär, während er unaufhörlich Befehle erteilte.Elena stand etwas abseits, die Arme fest um sich geschlungen, und beobachtete den Mann, den sie liebte, wie er darum kämpfte, das zerbrechliche Imperium zusammenzuhalten, das er aufgebaut hatte. Sein Vertrauen in Luca blieb ein hartnäckiger Schutzschild, doch sie konnte die ersten feinen Risse in seiner normalerweise undurchdringlichen Gewissheit erkennen. Die teilweise Aufdeckung dieser Treffen war wie ein langsames Gift, das in jedes Gespräch und jede Entscheidung sickerte.Als das Team teilweise wieder Zug
Alte GardeDas Penthouse hatte sich in den Tagen nach dem jüngsten Hinterhalt und den belastenden Beweisen über Elenas Vater in einen unbehaglichen Rhythmus eingependelt. Die Morgen waren von Strategiebesprechungen erfüllt, die Nachmittage damit, nach Claires Genesung zu sehen, und die Nächte mit jener verzweifelten Nähe, die Elena an die Realität band.Doch die Schatten wurden länger. Lucas Name tauchte in gedämpften Gesprächen innerhalb von Sandros innerem Kreis immer wieder auf, und die teilweise Aufdeckung seiner Treffen mit Vittorio wurde immer schwerer zu ignorieren.Elena hatte den Morgen damit verbracht, vertrauliche Berichte zu überprüfen, die Marco widerwillig mit ihr geteilt hatte. Körnige Aufnahmen von einem sekundären Überwachungssystem, das nicht vollständig von Sandro kontrolliert wurde, zeigten Luca bei einem diskreten Treffen in einem alten Rossi-Lagerhaus am Stadtrand. Vittorios Vollstrecker war deutlich zu sehen. Das Gespräch war nicht zu hören, aber die Körpersprac
Blut und LustDer Salon war erfüllt von unausgesprochenen Vorwürfen, als Luca wartend dastand. Elenas Haut kribbelte noch immer von Sandros sanften Berührungen, doch die zerbrechliche Ruhe ihrer emotionalen Nähe begann bereits zu zerbrechen. Lucas Blick glitt berechnend zwischen ihnen hin und her, bevor er sich auf sie richtete.„Elena“, sagte er mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme. „Ich weiß, was du in dieser Datei gesehen hast. Aber das ist nicht das ganze Bild. Sandro hat diesen Befehl unter Druck gegeben – unter Vittorios Druck. Der alte Mann zog schon damals im Hintergrund die Fäden. Ich kann dir helfen, die Wahrheit zu erkennen, wenn du mich lässt.“Sandros Hand legte sich fester um ihre Taille.„Fünf Minuten. Sag, was du zu sagen hast.“„Diese Aufnahme …“, fuhr Luca fort. „Ja, Sandro hat den Befehl gegeben. Aber nicht, weil er deinen Vater tot sehen wollte.“Elena atmete flacher.„Er hat Vittorios Anweisung befolgt.“Sandro blieb regungslos neben ihr stehen, doch sie spürte
Nachwirkungen des TraumasDer Beweis brannte sich wie ein Brandmal in Elenas Gedanken ein.Sie saß auf der Kante ihres riesigen Bettes zurück im Penthouse, das Tablet immer noch fest in den Händen, obwohl Sandro versucht hatte, es ihr abzunehmen. Die Tonaufnahme spielte sich in Endlosschleife in ihrem Kopf ab – Sandros Stimme, kalt und entschlossen, wie sie den Befehl gab, der das Leben ihres Vaters beendet hatte. Die Überweisungen. Die verschlüsselten Bestätigungen. Keine Schatten mehr. Keine Halbwahrheiten mehr. Das war das Monster, das sie geheiratet hatte, unverhüllt in digitaler Tinte festgehalten.Zuerst begannen ihre Hände zu zittern. Dann ihr Atem. Der Raum fühlte sich zu klein an, zu hell, die Lichter der Stadt hinter den Fenstern stachen wie Vorwürfe auf sie ein. Elena sprang abrupt auf, das Tablet krachte zu Boden, als die Erinnerungen mit voller Wucht über sie hereinbrachen.Der Hinterhalt. Kugeln, die nur wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt das Glas zerschmettert
Anschlag auf ihr LebenDas Penthouse fühlte sich nach Valentinas Video noch bedrückender an. Elena konnte das giftige Lächeln der Frau nicht abschütteln oder die Art, wie ihre Worte den zerbrechlichen Frieden zerschnitten hatten, den sie sich mühsam zurückerkämpft hatten. Der wahre Grund, warum sie endete … der letzte Deal ihres Vaters … ein Kind, das er bereit war einzutauschen. Welche neue Hölle bereitete Valentina als Nächstes vor?Sandro war nach dem Video verstummt. Sein Kiefer war fest angespannt, während er seine Männer losschickte, um die Nachricht zurückzuverfolgen. Doch der Krieg wartete nicht darauf, dass sie sich erholten. Immer neue Berichte trafen ein – weitere Bewegungen der Contis, Gerüchte über Lucas fortgesetztes „Aufräumen“ und der allgegenwärtige Schatten von Vittorios Einfluss. Elena blieb dicht bei ihm und spendete ihm Trost, wo sie konnte, doch die Spannung in der Luft war kaum auszuhalten.„Wir müssen für eine Weile hier raus“, sagte Sandro plötzlich an diesem
BeschützerDas Penthouse hatte sich noch nie so sehr wie eine belagerte Festung angefühlt. Elena stand an den verstärkten Fenstern mit Blick über Manhattan, die Arme fest um sich geschlungen, während die ersten Strahlen der Morgensonne sich mühsam durch die schweren Wolken kämpften. Jede Sirene in der Ferne ließ sie zusammenzucken. Jeder Schatten im Raum schien eine weitere Bedrohung zu verbergen.Der Hinterhalt auf Sizilien, das Video von Lucas Verrat, der Anschlag auf Claires Krankenhausstation – alles kam zu schnell, zu brutal näher.Sandro bewegte sich wie eine Naturgewalt durch den Raum. Er hatte kaum geschlafen, doch seine Energie war unaufhaltsam. Nach der Warnung über das Mount Sinai war er sofort in den Schutzmodus übergegangen und koordinierte die gesamte Reaktion persönlich, anstatt sie zu delegieren. Elena beobachtete ihn während mehrerer Videokonferenzen. Seine Stimme blieb ruhig und befehlend, während er Claires sofortige Verlegung in einen sichereren Privatflügel unter







