LOGINDer Glasturm
Elena stand auf dem Bürgersteig gegenüber dem Rossi Tower und umklammerte die schwarze Visitenkarte so fest, dass sich die Kanten in ihre Handfläche schnitten. Der Wolkenkratzer stach wie eine Klinge aus Glas und Arroganz in den grauen Himmel von New York. Menschen in teuren Mänteln eilten an ihr vorbei, die Köpfe gesenkt, ihre Stimmen kurz und von Wichtigkeit durchzogen. Sie blickte an sich hinunter. Verwaschene schwarze Jeans, eine Bluse, die sie heute Morgen zweimal gebügelt hatte, und ihr einziger halbwegs ordentlicher Mantel, dessen Ärmel noch immer diesen schwachen Kaffeefleck trug. Sie hätte genauso gut ein leuchtendes Schild tragen können, auf dem stand: Ich gehöre nicht hierher. Ihre Brust fühlte sich eng an. Claire war still und blass gewesen, als Elena die Wohnung verlassen hatte, noch immer erschöpft von der Krise der letzten Nacht. Juliette hatte versprochen, nach dem Unterricht nach ihr zu sehen. Geh einfach, Ellie. Bring es hinter dich. Doch jeder Schritt auf die Drehtüren zu fühlte sich an, als würde sie tiefer in etwas einsinken, dem sie nicht mehr entkommen konnte. In dem Moment, als sie die Lobby betrat, veränderte sich die Luft. Kühl. Still. Prunkvoll. Marmorböden, so glatt poliert, dass sie den gewaltigen Kronleuchter darüber wie einen Wasserfall aus Diamanten widerspiegelten. Ein schwacher Duft von Leder und Zitrus lag in der Luft. Zwei Sicherheitsmänner in dunklen Anzügen fixierten sie sofort. „Name?“, fragte einer ohne jede Wärme in der Stimme. „Elena Brooks. Zehn Uhr bei Mr. Rossi.“ Sie überprüften keine Liste. Der größere der beiden nickte nur. „Hier entlang.“ Sie führten sie einen Seitengang entlang statt zu den Hauptaufzügen. Ein dritter Wachmann schloss sich ihnen lautlos an. Elenas Herzschlag beschleunigte sich, als sie an einer Sicherheitsstation stehen blieben. „Arme ausstrecken.“ Sie zögerte. „Ist das wirklich notwendig?“ „Standardprozedur für Mr. Rossis Gäste“, erwiderte der Wachmann flach. Sie durchsuchten ihre Tasche gründlich und tasteten sie dann mit effizienten, unpersönlichen Händen ab — Arme, Taille, Beine. Einer führte einen Scanner über ihren Körper. Ihr Gesicht brannte vor Demütigung. Als sie ihr schließlich ihre Sachen zurückgaben, fühlte sie sich kleiner. Billiger. Als hätten sie bereits entschieden, dass sie Eigentum war. Die Fahrt im privaten Aufzug verlief schweigend. Elena starrte auf ihr müdes Spiegelbild in den verspiegelten Wänden, während der Aufzug sanft in das oberste Stockwerk glitt. Die Türen öffneten sich zu einer weiten, minimalistischen Lobby. Bodentiefe Fenster boten einen schwindelerregenden Blick auf Manhattan. Teure abstrakte Kunst hing an den Wänden. Der Teppich war so dick, dass ihre abgetragenen Sneakers darin versanken. Alles wirkte kalt. Absichtlich. Kontrolliert. Ein Mann wartete bereits auf sie. Groß, Anfang dreißig, ein marineblauer Anzug, perfekt maßgeschneidert. Dunkles Haar, markante Züge und ruhige Augen, die sie mit einem einzigen Blick zu durchleuchten schienen. „Elena Brooks“, sagte er mit ruhiger, tiefer Stimme. „Luca Vitale. Mr. Rossis Associate.“ Sein Händedruck war fest, fast zu fest. Elena zog ihre Hand schnell zurück. „Hier entlang.“ Er führte sie einen langen Flur hinunter. Mitarbeiter, an denen sie vorbeigingen, senkten entweder den Blick oder richteten sich auf, sobald Luca vorbeiging. Mit jedem Schritt wurde die Luft schwerer. „Sie sollten etwas verstehen“, sagte Luca leise, ohne sie anzusehen. „Mr. Rossi wiederholt sich nicht. Niemals. Hören Sie genau zu. Antworten Sie direkt. Verschwenden Sie nicht seine Zeit.“ Elena warf ihm einen Blick zu. „Oder was?“ Luca blieb vor einer schweren Doppeltür stehen und sah ihr in die Augen. „Tun Sie es einfach nicht.“ Er öffnete die Tür und bedeutete ihr hineinzugehen. Die Tür fiel hinter ihr mit erschreckender Endgültigkeit ins Schloss. Das Büro war riesig. Eine ganze Wand bestand aus Glas und bot einen Blick über die Stadt, wie ein König, der sein Reich überblickt. Ein massiver schwarzer Schreibtisch stand in der Mitte, fast leer, bis auf einen Laptop und einen Kristall-Dekanter. Zwei Ledersessel standen davor wie Plätze für ein Urteil. Elena ließ sich in einen sinken. Das Leder war kalt und butterweich unter ihren Händen. Stille drückte auf sie herab. Nach einigen Minuten stand sie auf und ging zu einem Beistelltisch. Ein Tablet lag dort, der Bildschirm noch eingeschaltet. Die Schlagzeile sprang ihr ins Auge, bevor sie sich aufhalten konnte. „Rossi Global steht vor einer bedeutenden Fusion mit einem europäischen Konsortium“ Sie überflog ein paar Zeilen. Milliarden von Dollar. Schifffahrtsrouten. Luxusprojekte. Wörter wie „traditionelle Werte“, „Stabilität“ und „langfristiges Familienimage“ stachen hervor. Ihr Magen zog sich zusammen. Es ging hier nicht nur darum, eine alte Schuld einzutreiben. Das war etwas viel Größeres. Sie legte das Tablet exakt so zurück, wie sie es vorgefunden hatte. Erinnerungen an ihren Vater drängten sich auf — ungefragt und bitter. Marcus Brooks war immer wie ein Geist gewesen. Lautes Lachen und große Versprechen, wenn er auftauchte, gefolgt von langen Abwesenheiten voller Geheimnisse. Sie erinnerte sich an nächtliche Telefonate, die das Gesicht ihrer Mutter erbleichen ließen. Fremde Männer, die zu seltsamen Zeiten auftauchten, ihre Stimmen leise und bedrohlich. Einmal, mit vierzehn, hatte sie in seinem Schrank eine schwere Sporttasche gefunden: dicke Bündel Bargeld und eine Handfeuerwaffe, in dunkles Tuch gewickelt. Sie hatte den Reißverschluss hastig geschlossen und nie darüber gesprochen. Mit niemandem. Hatte er sie schon vor Jahren in diese Welt hineingezogen? War das hier die Rechnung, die nun fällig wurde? Die Zeit zog sich schmerzhaft hin. Zehn Minuten. Zwanzig. Dreißig. Elenas Bein wippte nervös. Sie dachte daran, einfach zu fliehen. Dachte daran, für Claire zu bleiben. Dachte daran zu schreien. Dann veränderte sich die Luft. Es war subtil. Die Temperatur schien zu sinken. Stimmen draußen vor der Tür wurden leiser und verstummten schließlich ganz. Schritte näherten sich — gemessen und ruhig. Das gesamte Stockwerk schien den Atem anzuhalten. Elena richtete sich instinktiv auf. Ihr Mund wurde trocken. Die Doppeltüren öffneten sich. Und Alessandro Rossi trat ein.Die RegelnMorgenlicht strömte durch die bodentiefen Fenster und tauchte das Penthouse in weiches Gold. Elena erwachte mit einem Ruck, ihr Körper in feuchte Seidenlaken verwickelt von unruhigen Träumen. Das Pochen zwischen ihren Schenkeln war nicht verblasst. Im Gegenteil, es hatte sich noch verstärkt. Langsam setzte sie sich auf, presste die Schenkel zusammen und fluchte leise. Die Erinnerung an Sandros tätowierte Unterarme und das Streifen seiner Finger auf ihrem Rücken wollte sie einfach nicht loslassen.Ein leises Klopfen ertönte an ihrer Tür.„Frühstück in zwanzig Minuten“, rief eine weibliche Stimme. Wahrscheinlich eine der diskreten Angestellten, die sich wie Geister durch das Penthouse bewegten. „Mr. Rossi wartet.“Elena duschte schnell, das heiße Wasser beruhigte ihre Nerven kaum. Sie wählte ein schlichtes cremefarbenes Kleid aus dem Kleiderschrank, bescheiden, aber elegant, mit engem Oberteil und einem Rock, der knapp über den Knien endete. Es waren keine Unterwäsche bereitg
Die erste NachtDas Penthouse lag in tiefer Stille gehüllt. Elena wartete, bis sie das entfernte Klicken von Sandros Schlafzimmertür hörte, bevor sie aus dem Bett schlüpfte. Sie trug das schwarze Seidennegligé, das sie im Schrank gefunden hatte – kurz, gefährlich dünn und viel zu intim. Der Saum streifte ihre Oberschenkel, während sie barfuß über den kühlen Marmorboden ging.Die Lichter der Stadt glitzerten weit unten hinter den bodentiefen Fenstern und verwandelten den Wohnbereich in einen eleganten, teuren Käfig. Alles fühlte sich zu perfekt an, zu kontrolliert. Sie versuchte die erste Tür, die sie erreichte. Verschlossen. Eine zweite im Ostflügel ebenfalls verschlossen. Frustration brannte in ihrer Brust. Was verbarg er dahinter?Sie ging weiter den Flur entlang und schlüpfte in einen Raum, der wie ein privates Fitnessstudio aussah. Mondlicht beleuchtete Gewichte, einen schweren Boxsack und teure Geräte. Am anderen Ende befand sich eine beinahe unsichtbare Tür, die mit der dunklen
Willkommen zu HauseDie Maybach glitt wie ein Schatten durch die Stadt, sanft und lautlos. Elena saß starr in dem weichen Ledersitz, der massive Diamant an ihrem Finger fühlte sich mit jeder vorbeiziehenden Straßenlaterne schwerer an. Sandros Oberschenkel streifte ihren in der geräumigen Rückbank, eine ständige, absichtliche Erinnerung an seine Anwesenheit. Er hatte seit ihrem Verlassen des Rossi Towers kein Wort gesprochen, doch sie spürte seinen Blick auf sich – dunkel, prüfend, besitzergreifend.Der Wagen verlangsamte schließlich und bog in eine Tiefgarage unter einem der exklusivsten Wohntürme Manhattans ein. Privat. Sicher. Undurchdringlich.Sandro stieg zuerst aus, dann reichte er ihr die Hand. Elena zögerte eine halbe Sekunde, bevor sie ihre Handfläche in seine legte. Sein Griff war fest, warm und viel zu beherrschend, als er ihr beim Aussteigen half. Sobald sie stand, ließ er ihre Hand nicht los. Stattdessen behielt er sie in seiner, während sie zum privaten Aufzug gingen.Die
Der Punkt ohne RückkehrElena konnte sich kaum daran erinnern, wie sie nach Hause gekommen war. Die Lichter der Stadt verschwammen am Taxifenster, während ihr Verstand jede einzelne Sekunde in Sandros Büro erneut durchspielte. Seine dunklen Augen, die ihren Körper nachzeichneten, die Hitze seiner Finger an ihrem Hals, die Art, wie ihr verräterischer Körper mit feuchter Wärme zwischen ihren Schenkeln reagiert hatte. Sie hasste sich dafür. Hasste, dass selbst jetzt, Stunden später, ihr Innerstes noch immer vor unerwünschter Erregung pochte.Ihre Wohnung fühlte sich kleiner an als je zuvor, als sie endlich eintrat. Claire lag noch immer auf dem ausziehbaren Sofa, ihr Gesicht selbst im Schlaf vor Schmerz angespannt. Die Krise von vorhin war noch nicht vollständig vorbei. Elena blieb einen langen Moment in der Tür stehen und sah einfach nur zu, wie ihre kleine Schwester atmete. Das Gewicht der Entscheidung drückte wie ein Betonblock auf ihre Brust.Sie rief Juliette an.„Ellie? Was zur Höl
Die Regeln der HölleElena presste ihre Finger fester um die dicke Mappe, bis sich die Kanten in ihre Handflächen bohrten, während sie aus dem Aufzug stürmte und in die kalte Abendluft vor dem Rossi Tower trat. Der Lärm der Stadt traf sie wie ein Schlag. Hupende Autos, hastige Fußgänger, das entfernte Heulen einer Sirene — doch nichts davon konnte das Dröhnen in ihrem Kopf übertönen.Sie ging nicht weit. Sie konnte nicht. Ihre Beine fühlten sich zu schwach an.Sie ließ sich auf eine kalte Metallbank einen Block weiter sinken, ihr Herz raste noch immer, ihr Körper brannte noch von dieser aufgeladenen Begegnung in seinem Büro. Die Mappe lag offen auf ihrem Schoß wie eine giftige Schlange, bereit zuzuschlagen. Mit zitternden Händen zwang sie sich, diesmal jede brutale Klausel richtig zu lesen.Ausgangssperre: 22 Uhr, es sei denn, sie wird vom Ehemann begleitet.Keine nicht genehmigten männlichen Freunde. Alle sozialen Interaktionen unterliegen vorheriger Genehmigung.Muss dauerhaft im Pe
Der Teufel höchstpersönlichDie Doppeltüren öffneten sich und die Luft im Büro schien dichter zu werden.Alessandro Rossi trat ein, als würde ihm selbst der Sauerstoff gehören. Er war größer, als sie erwartet hatte. Locker über eins achtzig, mit breiten Schultern, die seinen perfekt maßgeschneiderten schwarzen Anzug ausfüllten. Der Stoff sah weich aus, aber teuer — die Art, die mehr kostete als ein ganzes Jahr ihrer Miete. Sein Haar war dunkel, ordentlich gestylt, mit einer leichten Welle, die darauf hindeutete, dass es sich locken würde, wenn er es zuließe. Sein Gesicht bestand aus scharfen Konturen: hohe Wangenknochen, ein markanter Kiefer und ein Mund, der aussah, als hätte er in seinem Leben noch nie sanft gelächelt.Aber es waren seine Augen, die sie festhielten. Dunkel. Fast schwarz. Kalt wie der Marmor unten, und doch flackerte etwas dahinter — etwas Wachendes und Hungriges.Elena stand auf, ohne nachzudenken, ihre Beine zitterten. Ihr Herz hämmerte so heftig gegen ihre Rippen,







