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Kapitel 2

Author: Ellie💕
last update publish date: 2026-09-14 22:04:59

Der Glasturm

Elena stand auf dem Bürgersteig gegenüber dem Rossi Tower und umklammerte die schwarze Visitenkarte so fest, dass sich die Kanten in ihre Handfläche schnitten. Der Wolkenkratzer stach wie eine Klinge aus Glas und Arroganz in den grauen Himmel von New York. Menschen in teuren Mänteln eilten an ihr vorbei, die Köpfe gesenkt, ihre Stimmen kurz und von Wichtigkeit durchzogen. Sie blickte an sich hinunter. Verwaschene schwarze Jeans, eine Bluse, die sie heute Morgen zweimal gebügelt hatte, und ihr einziger halbwegs ordentlicher Mantel, dessen Ärmel noch immer diesen schwachen Kaffeefleck trug. Sie hätte genauso gut ein leuchtendes Schild tragen können, auf dem stand: Ich gehöre nicht hierher.

Ihre Brust fühlte sich eng an. Claire war still und blass gewesen, als Elena die Wohnung verlassen hatte, noch immer erschöpft von der Krise der letzten Nacht. Juliette hatte versprochen, nach dem Unterricht nach ihr zu sehen. Geh einfach, Ellie. Bring es hinter dich. Doch jeder Schritt auf die Drehtüren zu fühlte sich an, als würde sie tiefer in etwas einsinken, dem sie nicht mehr entkommen konnte.

In dem Moment, als sie die Lobby betrat, veränderte sich die Luft. Kühl. Still. Prunkvoll. Marmorböden, so glatt poliert, dass sie den gewaltigen Kronleuchter darüber wie einen Wasserfall aus Diamanten widerspiegelten. Ein schwacher Duft von Leder und Zitrus lag in der Luft. Zwei Sicherheitsmänner in dunklen Anzügen fixierten sie sofort.

„Name?“, fragte einer ohne jede Wärme in der Stimme.

„Elena Brooks. Zehn Uhr bei Mr. Rossi.“

Sie überprüften keine Liste. Der größere der beiden nickte nur. „Hier entlang.“

Sie führten sie einen Seitengang entlang statt zu den Hauptaufzügen. Ein dritter Wachmann schloss sich ihnen lautlos an. Elenas Herzschlag beschleunigte sich, als sie an einer Sicherheitsstation stehen blieben.

„Arme ausstrecken.“

Sie zögerte. „Ist das wirklich notwendig?“

„Standardprozedur für Mr. Rossis Gäste“, erwiderte der Wachmann flach.

Sie durchsuchten ihre Tasche gründlich und tasteten sie dann mit effizienten, unpersönlichen Händen ab — Arme, Taille, Beine. Einer führte einen Scanner über ihren Körper. Ihr Gesicht brannte vor Demütigung. Als sie ihr schließlich ihre Sachen zurückgaben, fühlte sie sich kleiner. Billiger. Als hätten sie bereits entschieden, dass sie Eigentum war.

Die Fahrt im privaten Aufzug verlief schweigend. Elena starrte auf ihr müdes Spiegelbild in den verspiegelten Wänden, während der Aufzug sanft in das oberste Stockwerk glitt.

Die Türen öffneten sich zu einer weiten, minimalistischen Lobby. Bodentiefe Fenster boten einen schwindelerregenden Blick auf Manhattan. Teure abstrakte Kunst hing an den Wänden. Der Teppich war so dick, dass ihre abgetragenen Sneakers darin versanken. Alles wirkte kalt. Absichtlich. Kontrolliert.

Ein Mann wartete bereits auf sie.

Groß, Anfang dreißig, ein marineblauer Anzug, perfekt maßgeschneidert. Dunkles Haar, markante Züge und ruhige Augen, die sie mit einem einzigen Blick zu durchleuchten schienen.

„Elena Brooks“, sagte er mit ruhiger, tiefer Stimme. „Luca Vitale. Mr. Rossis Associate.“

Sein Händedruck war fest, fast zu fest. Elena zog ihre Hand schnell zurück.

„Hier entlang.“

Er führte sie einen langen Flur hinunter. Mitarbeiter, an denen sie vorbeigingen, senkten entweder den Blick oder richteten sich auf, sobald Luca vorbeiging. Mit jedem Schritt wurde die Luft schwerer.

„Sie sollten etwas verstehen“, sagte Luca leise, ohne sie anzusehen. „Mr. Rossi wiederholt sich nicht. Niemals. Hören Sie genau zu. Antworten Sie direkt. Verschwenden Sie nicht seine Zeit.“

Elena warf ihm einen Blick zu. „Oder was?“

Luca blieb vor einer schweren Doppeltür stehen und sah ihr in die Augen. „Tun Sie es einfach nicht.“

Er öffnete die Tür und bedeutete ihr hineinzugehen. Die Tür fiel hinter ihr mit erschreckender Endgültigkeit ins Schloss.

Das Büro war riesig. Eine ganze Wand bestand aus Glas und bot einen Blick über die Stadt, wie ein König, der sein Reich überblickt. Ein massiver schwarzer Schreibtisch stand in der Mitte, fast leer, bis auf einen Laptop und einen Kristall-Dekanter. Zwei Ledersessel standen davor wie Plätze für ein Urteil. Elena ließ sich in einen sinken. Das Leder war kalt und butterweich unter ihren Händen.

Stille drückte auf sie herab.

Nach einigen Minuten stand sie auf und ging zu einem Beistelltisch. Ein Tablet lag dort, der Bildschirm noch eingeschaltet. Die Schlagzeile sprang ihr ins Auge, bevor sie sich aufhalten konnte.

„Rossi Global steht vor einer bedeutenden Fusion mit einem europäischen Konsortium“

Sie überflog ein paar Zeilen. Milliarden von Dollar. Schifffahrtsrouten. Luxusprojekte. Wörter wie „traditionelle Werte“, „Stabilität“ und „langfristiges Familienimage“ stachen hervor. Ihr Magen zog sich zusammen. Es ging hier nicht nur darum, eine alte Schuld einzutreiben. Das war etwas viel Größeres.

Sie legte das Tablet exakt so zurück, wie sie es vorgefunden hatte.

Erinnerungen an ihren Vater drängten sich auf — ungefragt und bitter.

Marcus Brooks war immer wie ein Geist gewesen. Lautes Lachen und große Versprechen, wenn er auftauchte, gefolgt von langen Abwesenheiten voller Geheimnisse. Sie erinnerte sich an nächtliche Telefonate, die das Gesicht ihrer Mutter erbleichen ließen. Fremde Männer, die zu seltsamen Zeiten auftauchten, ihre Stimmen leise und bedrohlich. Einmal, mit vierzehn, hatte sie in seinem Schrank eine schwere Sporttasche gefunden: dicke Bündel Bargeld und eine Handfeuerwaffe, in dunkles Tuch gewickelt. Sie hatte den Reißverschluss hastig geschlossen und nie darüber gesprochen. Mit niemandem.

Hatte er sie schon vor Jahren in diese Welt hineingezogen? War das hier die Rechnung, die nun fällig wurde?

Die Zeit zog sich schmerzhaft hin. Zehn Minuten. Zwanzig. Dreißig. Elenas Bein wippte nervös. Sie dachte daran, einfach zu fliehen. Dachte daran, für Claire zu bleiben. Dachte daran zu schreien.

Dann veränderte sich die Luft.

Es war subtil. Die Temperatur schien zu sinken. Stimmen draußen vor der Tür wurden leiser und verstummten schließlich ganz. Schritte näherten sich — gemessen und ruhig. Das gesamte Stockwerk schien den Atem anzuhalten.

Elena richtete sich instinktiv auf. Ihr Mund wurde trocken.

Die Doppeltüren öffneten sich.

Und Alessandro Rossi trat ein.

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