LOGINIm vierten Monat hatte Daisys Körper aufgehört, ein Geheimnis zu sein.Es war langsam geschehen und dann auf einmal. Der Bund ihres Uniformrocks schloss sich nicht mehr ohne eine Sicherheitsnadel. Ihre Knöchel schmerzten bis zum Mittag. Und jeden Morgen, wenn sie vor dem gesprungenen Badezimmerspiegel stand und sich seitlich drehte, war es da: eine kleine, runde Wölbung unter ihrer Schürze, so hartnäckig und unbestreitbar wie der Herzschlag, den sie auf dem Bildschirm der Ärztin gehört hatte.Sie hatte es von dem ersten Moment an geliebt. Sie hatte nur nicht erwartet, es so sehr zu lieben, während sie so müde war. Manche Nächte lag sie wach und rechnete auf Servietten, und manche Nächte lag sie einfach nur wach. Beides half nicht.„Setz dich, Daisy“, rief Marta über das Geklapper des Mittagsrushes, während sie sich die Hände an einem Geschirrtuch abwischte. „Ich meine es ernst. Fünf Minuten.“„Es warten sechs Tische.“„Dann können sechs Tische warten.“„Sie geben bessere Trinkgelder,
Der Konferenzraum im vierzigsten Stock war gebaut worden, um zu beeindrucken – und er tat es. Eine Glaswand blickte über Athen, weißer Stein und goldenes Licht, die Akropolis glühte auf ihrem Hügel, die Straßen darunter wimmelten vom Abendverkehr. Lucas hatte nichts davon angeschaut. Er blickte auf sein Telefon, das mit dem Display nach unten neben seinen unberührten Notizen lag, und zählte seine Stillen. Neunzehn Tage seit dem Umschlag seines Großvaters. Neunzehn Tage voller Sackgassen.„Wenn wir im dritten Quartal einen Anstieg von vierzehn Prozent im Mittelmeerkorridor prognostizieren“, sagte sein Verkaufsleiter ein wenig zu hell, „dann allein der Schifffahrtszweig…“Das Telefon vibrierte.Lucas hatte es am Ohr, bevor die zweite Vibration kam. „Holloway.“„Sir.“ Die Stimme des Ermittlers war grau und vorsichtig. „Ich wollte Sie persönlich auf den neuesten Stand bringen. Wir haben es auf San Jose eingegrenzt. Mehrere Restaurants, zwei Kliniken, eine Reihe gemieteter Zimmer. Aber ich
Die Vorladung kam um sieben Uhr morgens, und das bedeutete, dass es keine Bitte war.Lucas Desalvo hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass sein Großvater nie vor neun anrief, es sei denn, etwas war bereits schiefgelaufen. Also sagte er sein erstes Meeting ab, fuhr den Hügel hinauf zum alten Familienhaus und ging mit einer kalten, stetigen Furcht in der Brust durch die marmorne Halle.Sir Desalvo wartete im Arbeitszimmer.Er saß hinter dem großen Eichenschreibtisch, so wie er seit fünfzig Jahren dahinter saß, silberhaarig, aufrecht, ein Mann, der ein Imperium aus Geduld und Furcht erbaut hatte. Eine einzige Lampe brannte neben ihm. Vor ihm lag ein dicker Umschlag.„Setz dich“, sagte er.„Ich stehe lieber.“„Dann steh.“ Der Alte kippte den Umschlag, und der Inhalt glitt über das polierte Holz und kam zu Lucas’ Füßen zum Liegen.Fotografien. Ein halbes Dutzend. Lucas bückte sich, und sein Herz tat etwas Seltsames und Schweres.Eine Frau. Dunkles Haar. Ein abgetragener Mantel bis zum Ha
Der Erste platzte an einem Montag.Eine Nachtputzkolonne in einer Zahnarztpraxis in der Innenstadt. Der Manager hatte ihr die Hand geschüttelt, gelächelt und gesagt: „Mittwoch geht’s los.“ Daisy war so erleichtert hinausgegangen, dass sie beinahe den Bus verpasst hätte.Am Dienstagnachmittag eine E-Mail: Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Stelle inzwischen besetzt ist.Der Zweite war eine Bäckerei, Frühschichten, Bargeld. Der Besitzer mochte sie. Sie sollte am Freitag anfangen. Am Donnerstag ging er nicht mehr ans Telefon.Der Dritte war ein Telefonsupport-Job, und die Recruiterin war so warmherzig, dass Daisy sich erlaubte, zu hoffen. Zwei Tage später: Nach erneuter Prüfung haben wir uns für eine andere Richtung entschieden.Jedes Mal. Jedes einzelne Mal, in dem Moment, in dem sie die Tür in der Hand hielt, schlug sie wieder zu.„Das ist kein Pech“, sagte sie ihrem Spiegelbild im gesprungenen Spiegel des Personalbads, drei Wochen später. „Das ist etwas anderes.“Sie dr
Daisy übergab sich zum dritten Morgen in Folge im begehbaren Kühlraum.Sie stützte eine Hand gegen die vereisten Regale, die andere vor den Mund gepresst, und atmete durch die Nase, bis der Raum aufhörte sich zu drehen. Sechs Wochen… Sechs Wochen, seit sie Queen’s City mit einem Nachtbus verlassen hatte, mit einem Koffer und vierundsiebzig Dollar. Sechs Wochen, in denen sie bei Marta’s Kitchen in San Jose Tische bediente, sich ein Bad mit drei Fremden teilte und sehr hart versuchte, nicht an einen Mann in einem gläsernen Turm zu denken, der selbst im Schlaf eine Stirnfalte trug.„Daisy?“ Ein Klopfen an der Kühlraumtür. „Schatz, du bist schon zehn Minuten drin.“„Komme!“ Sie wischte sich den Mund ab, reinigte schnell die Stelle, glättete die Schürze und ging mit hoch erhobenem Kinn hinaus.Marta, der das Restaurant gehörte und die ein Gesicht wie warmes Brot hatte, warf einen Blick auf sie und schnalzte mit der Zunge.„Setz dich.“„Ich kann nicht, der Mittagsrush—“„Setz dich.“Daisy s
Er brachte sie nicht zu ihrem Auto.Stattdessen führte er sie durch die Küche, vorbei an überraschten Köchen und klappernden Pfannen, und durch eine Stahltür hinaus in eine regennasse Gasse, in der ein schwarzes Auto wartete. Er öffnete selbst die Beifahrertür für sie. Daisy zögerte, eine Hand am Rahmen, und blickte zurück auf den leuchtenden Hintereingang des Clubs.„Der Mann deines Onkels ist immer noch drin“, sagte er. Es war keine Frage.Sie starrte ihn an. „Woher weißt du—“„Dein Gesicht, als du zur Empore geschaut hast.“ Er streifte seinen Mantel ab und hielt ihn ihr hin. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, Leute zu beobachten, die mich anlügen, Miss Niemand. Ich erkenne gut, wenn jemand belogen wurde.“Sie nahm den Mantel. Er war warm und roch nach Zeder, und genau das brachte sie zum Zusammenbrechen. Als das Auto aus der Gasse fuhr, liefen ihr still Tränen über das Gesicht, und sie hasste es, hasste es, dass ein Fremder sie so sah.Er sagte kein Wort. Er fuhr einfach,







